Startseite Rezension Helmut Krausser: Aussortiert. Ein Krimi
Helmut Krausser: Aussortiert. Ein Krimi PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Felix Menzel   
Mittwoch, den 08. Februar 2012 um 07:19 Uhr

Helmut Krausser will nicht langweilig sein, er will nicht in schriftstellerische Routine verfallen. Deshalb ist jedes neue Buch von ihm eine Wundertüte. Weder die Qualität, das Genre noch der Inhalt sind zu erahnen. Nun hat Krausser seine Berufsvorstellung vor einigen Jahren auf die Spitze getrieben. Im Februar 2007 erschien bei Eichborn unter dem Pseudonym Titus Keller der Krimi Aussortiert, der nun vor einigen Monaten auch als neues Werk unter seinem Klarnamen bei DuMont angepriesen wurde.

Im Nachwort dieses Buches schreibt Krausser, er hätte sich damit zwei Wünsche erfüllt: zum einen einmal unter Pseudonym zu schreiben und zum anderen, einen unkonventionellen Krimi vorzulegen. Wenn Krausser nun also glücklich ist, sei ihm das gegönnt. Wenn er zur Ablenkung vom beruflichen Alltag, etwas Anderes schreiben wollte, so hatte er auch dazu das Recht. Schließlich legte er mit Thanatos, der Schmerznovelle, Fette Welt, Einsamkeit und Sex und Mitleid in den letzten 20 Jahren herausragende Bücher vor.

Kann ein Schriftsteller nicht auch mal seine Klappe halten?

Warum aber um alles in der Welt muß er sein Herz jetzt auf der Zunge tragen? Warum hat er vier Jahre, nachdem Titus Keller mit Aussortiert nur wenig Erfolg hatte, das Pseudonym aufgelöst? War es der DuMont-Verlag, der ihn dazu drängte? Oder wollte Krausser selbst noch ein bißchen an diesem Werk verdienen?

Letztendlich weiß die Antworten darauf nur der Autor, der sich allerdings mit der Veröffentlichung unter seinem Namen einen Bärendienst erwiesen haben dürfte. Der Grund dafür liegt in der Qualität des Krimis: Krausser kann erzählen. Ja, keine Frage! Krausser wagt sich in Milieus vor, die schmutzig sind und nicht von jedem Autor betreten werden. Ja, auch dafür können wir ihm dankbar sein, obwohl mittlerweile fast jeder Krimi das Drogenmilieu und die organisierte Kriminalität einbezieht. Auch ist es kein Tabubruch mehr, Verflechtungen zwischen Presse, High Society, Ordnungshütern und eben diesen zwielichtigen Milieus zu illustrieren. Krausser stochert mit seinem Krimi im Dunkeln. Er sucht nach unkonventionellen Themen und Stilmitteln, findet sie aber nicht.

Der Roman macht deshalb einen bemühten Eindruck, womit man aber eben nur die eigene Großmutter begeistern kann. Der Krimi ist nett. Jeder weiß aber beispielsweise sofort, welches Boulevardblatt die „Schweinezeitung“ sein soll. Und daß der ermittelnde Kommissar keine Lichtgestalt, sondern ein Mängelwesen ist, hat Krausser als Stilmittel auch nicht erfunden.

Avantgardistisches im Tatort

Daß Krimis wirklich unkonventionell funktionieren können, zeigen derweil andere: Der Ösi-Tatort vom 5. Februar über eine serbische Miliz in Wien, die einen Deserteur jagt und dabei die Polizei mehr als einmal mit unvorstellbarer Brutalität niedermäht, war wirklich avantgardistisch. Regisseur Fabian Eder schaffte es in „Kein Entkommen“ zudem die wichtige Frage aufzuwerfen, ob die heutigen weichgespülten Ordnungskräfte vollkommen rücksichtslosen Verbrechern, die quasi als Terroreinheiten agieren, überhaupt noch gewachsen sind. Der Krimi endet bemerkenswerterweise nicht mit der Aufklärung des Verbrechens, sondern mit einem offenen Ende, das den Eindruck erweckt, die Kriminalität habe gesiegt.

„Vielen literarischen Autoren wird nachgesagt, sie könnten keine Krimis schreiben, das empfand ich als Herausforderung“, schreibt Krausser. Er hat diese Herausforderung nur mittelmäßig gemeistert und mittelmäßig bedeutet für einen Autor wie Krausser schlecht. Sein Problem ist die Vielschreiberei. Zuletzt erschien von ihm jedes Jahr mindestens ein Buch. Das tut keinem bedeutenden Autor gut, aber anscheinend kann Krausser nicht anders. Das, was er zu Papier bringt, soll auch in jedem Fall das Licht der Welt erblicken. Für solche Autoren bietet es sich tatsächlich an, die guten Sachen unter Klarnamen zu veröffentlichen und die Nebenprodukte unter Pseudonym zu bringen. Vielleicht hat ja Titus Keller noch eine Zukunft als Hobbyschriftsteller. Das zumindest wäre gut für Helmut Krausser und alle seine Leser, die von ihm beste Literatur erwarten.

Helmut Krausser: Aussortiert. Kriminalroman, DuMont 2012. 256 Seiten, 9,99 Euro.

 
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