| Geplatzter Traum vom „Berlin-Roman”: Anett Gröschners Walpurgistag |
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| Geschrieben von: Johannes Schüller |
| Freitag, den 17. Februar 2012 um 05:18 Uhr |
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Angesichts etablierter Werke zum Thema wurde Messlatte zu hoch gelegt „In Berlin sind dagegen eher die echten Berliner die Provinzler”, stellte Richard Kämmerling in seinem 2011 erschienen Buch Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit '89 fest. Sven Regeners Roman Herr Lehmann über die bundesdeutsche Provinz West-Berlin in den 1980er Jahren gehört zu den bekanntesten Beispielen des wiederbelebten Hauptstadt-Motivs. Thomas Hettches Nox von 1995 und Martin Klugers Abwesenheit der Tiere von 2002 erzählten mit historischer Tiefe. Und der Urvater des Berlin-Romans, eben Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz (1929) verknüpfte das Motiv sich einer ins Anonyme verflüchtigenden Großstadt mit neusachlicher Montagetechnik und dem Scheitern des Ex-Häftlings und Möbelpackers Franz Biberkopf. Die Autorin Gröschner legte die Latte selbst hoch, versprach ein „Oben-und-unten-Berlin”, das vor allem dem Osten der Stadt und den Armen, von Gentrifizierung und Yuppiesierung an den Rand Gedrängten eine Stimme geben sollte. Das Feuilleton feierte auf Abruf. Doch bereits fünf Monate nach dem Erscheinungstermin im September 2011 ist der Glanz ermattet, verschwunden. Weder in die Auslagen der Hauptstadt-Buchhandlungen noch in den Kanon schaffte es der Roman. 78 Kapitel, 25 Figuren, 24 Stunden In verschachtelter Rollenprosa erzählt Gröschner den 31. April 2002, einen Tag vor den Maikrawallen, aus der Perspektive von 25 (!) Personen nach. Die chronologische Abfolge, im Minutenrhythmus auf 78 Kapitel verteilt, entwickelt entgegen klassischer Erzählstrategien einen gewissen Reiz. Und tatsächlich gelingt es schnell, einigen Figuren Sympathie abzugewinnen: Etwa der Protagonistin Annja Kobe, die ihren verstorbenen Vater seit über zehn Jahren in einer Kühltruhe aufbewahrt, der kistenpackenden Seniorin Gerda Schweickert oder den von mütterlichen Alkohol- und Sexexzessen gebeutelten Schüler Paul Bülow. Kontur haben auch die Männerfreunde Andreas Hosch und Micha Trepte, die in einer Schwulenbar Hotelerlebnisse mit Damen austauschen und anschließend von einem fetten Ledermann hinausbefördert werden oder das türkische Mädeltrio Sugar, Cakes und Candy, die ihre tollpatschigen Brüder den Überfall auf eine Kneipe vermiesen. Freilich hat das meiste davon wenig mit Berlin zu schaffen und greift eher ganz allgemein in die gar nicht so langweilige Alltagskiste. Wahl- und Urberliner können sich an topographischen Spielereien erfreuen, etwa dem Honecker-Luftschutzbunker auf dem Gelände einer ehemaligen Großbäckerei im Prenzlauer Berg. Es handelt sich, mutmaßlich, um die Backfabrik auf der Saarbrücker Straße. Die Berliner Gegenwart schneidet Gröschner an, indem sie lapidar verweist: „Hier entsteht eine Denkfabrik in der Mitte Berlins.” Und dort versteckt Annja Kobe auch ihren Vater. Sie überlebt als Illegale, in dem sie regelmäßig Personalausweise stiehlt, ihre Frisur öfters wechselt und keine Daten preisgibt. Gefesselt an den vorwurfsvoll schweigenden Vater im Eisschrank muss sie schließlich nach Berlin-Lichtenberg umziehen und entkommt der Polizei dank des Obdachlosen Alex. Dieser Alex beweist sich auch an anderer Stelle als „deus ex machina”, als Retter in der Not. Im letzten Kapitel lässt Gröschner ihn den auktorialen Erzähler zum Schweigen bringen, die Romanfiguren hat Alex in seinem Rucksack verstaut, auf Puppenformat geschrumpft. Zuvor greift er immer wieder in die narratologisch isolierten Kapitel ein. Solche verflochtenen Geschichtchen machen den Reiz des Romans aus. Ob sie aussagekräftig für Berlin sind, darf bezweifelt werden. Mühsam zum Roman verklebte, aber reizvolle Reportagen Vieles wirkt holzschnittartig und typisiert: Etwa wenn die Schauspielerin Viola Karstädt von 7.40 bis 8.17 Uhr für ein Theaterprojekt probt und eine Nacht bei einer türkischen Hartz-IV-Familie übernachtet und dem Ehemann eine Entschuldigung für das Fernbleiben von der ersten Deutschstunde schreibt. Die zwei Söhne, behütet von der älteren Schwester, verspeisen Cola und Popcorn, begleitet von Gute Zeiten Schlechte Zeiten: „Als sie (Viola Karstädt, J. S.) wieder zurückkommt, sitzt der angeheiratete türkische Cousin in Unterhose auf dem Schlafsofa und schaut ebenfalls Gute Zeiten Schlechte Zeiten. Vivian erklärt ihm gerade die Konstellation der handelnden Personen, aber der Türke versteht kein Wort. Er hat einen riesigen Knutschfleck am Hals.” Das erinnert an eine szenisch aufgebaute Hartz-IV-Reportage des Spiegels. Die Radio- und Printjournalistin Gröschner hat sich für eine Mischung aus Prosa und Reportage entschieden und damit einen schwierigen Spagat gewagt. Einerseits um gut erzählte Prosa bemüht, übt sie sich zugleich in typisierten Dialogen, die zu schnell ermüden. Dieses Buch liest sich am besten im Wochenabstand: Gelegentlich herausgegriffen, bietet es schelmische Alltagsszenen, die sich aber nur mühsam zusammenfügen lassen. Warum dem so ist, wird bereits in der Genese deutlich: Gröschner konstruierte den Roman aus Zuschriften von Berlinern. Die Tagesabläufe, politischen und gesellschaftlichen Erinnerungen, Wetterberichte und emotionalen Berichte sammelte sie durch eine Umfrage über Radio, Zeitung, Internet, Flugblätter und Plakate. Zweifelsohne, das bietet guten Stoff für eine Reportagen-Sammlung oder ein umfangreiches Feature. Für den großen Berlin-Roman reicht es nicht. Annett Gröschner. Walpurgistag. Roman. DVA: 2011. Gebunden. 448 Seiten. 21,99 Euro. |