| Haftbefehl: „Kanackis“ – Die Stimme des Schwarzkopf-Prekariats |
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| Geschrieben von: Carlo Clemens |
| Montag, den 20. Februar 2012 um 12:17 Uhr |
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Er kann nicht mehr durch die Innenstadt laufen, ohne dass er alle zwei Minuten von seinen Bewunderern um ein Foto gebeten wird. Derzeit ist Aykut Anhan alias Haftbefehl der Star im deutschen Hiphop. Auf allen Szene-Kanälen wie 16bars.de, rap.de oder Aggro TV steht der kurdischstämmige Offenbacher im Mittelpunkt. Seine Videos auf Youtube zählen Millionen Klicks, er ist das Idol unzähliger Jugendlicher, dessen Lieder über Drogen, Geld und den „Ghetto“-Lebensstil aus den Handylautsprechern tönen. Mitte Februar erschien sein lang ersehntes zweites Album „Kanackis“. Inwiefern bietet das Werk einen Einblick in die junge Unterschicht der Hochhausschluchten von München, Köln, Frankfurt bis Hamburg und Berlin?
Ich sag’: ‚Hey, lass das Haze brennen’, zu meiner blonden Beifahrerin. Sie wollte mir grad’ etwas erzählen, daraufhin sage ich: ‚Ich hab gehört du bläst gern.’ Sie legt los, hält ihr Face hin, hat Silikonlippen wie Price Katie. Nachdem ich spritze auf ihre Brille von Ray Ban, wischt sie ihr Gesicht mit einem Tuch von Klein Calvin.“ Auf Haftbefehl lasteten nach dem Hype um sein erstes Album „Azzlack Stereotyp“ große Erwartungen. Seit seiner Entdeckung 2010 hat er den Personenkult um sich stetig angeheizt. Seine Plattform ist das Internet, wo er regelmäßig Videos und Botschaften veröffentlicht, sowie Kleidung vermarktet. Dabei sieht sich der Rapper, der nun auch ein eigenes Label hat, als authentischer Vertreter einer ganzen Jugendgeneration. In seinen Videos rotten sich Rudel von türkisch-arabischen Männern zusammen, die Haare kurz geschoren, mit dicken Jacken und grimmigen Mienen, vor Hochhauskulisse oder ähnlich tristem Ambiente, was durch Schwarzweiß-Aufnahmen oft noch unterstrichen wird. Den Kontrast bildet die Eitelkeit fein rasierter Gesichter, das Blingbling der Goldketten, der Rolex-Uhren und der Felgen der Mercedes-Mietwagen. „Wir übernehmen den Markt“, erklärt Haftbefehl immer wieder in seinen von impulsiven Ausbrüchen geprägten Interviews. Der Trend zog über das Land. Das betrifft nicht nur den Kleidungsstil der „Azzlacks“ (eine Mischform von „Assi“ und „Kanake“): Reebok-Classics, Jogginghose, schwarze Lederjacke, Goldkette. Eigene Ausdrücke wie „Chaya“, „Habibi“, „Cho“, „Sippi“, „lan“ oder „Para“ zogen über das Land und machten bekannt, was sich schon seit Jahren auf den Straßen der Städte abspielt. Haftbefehl spricht die Sprache der Jugend im sozialen Brennpunkt: „Die Leute haben angefangen, Parodien zu machen. Sie haben mir vorgeworfen, dass ich kein Deutsch kann. Aber was ich mache ist kein Deutsch, das ist Kanackis. Das ist meine eigene Sprache und wenn ihr die nicht versteht, braucht ihr mein Album erst gar nicht kaufen.“ „An alle Frankfurter, wir machen neues Geld, Freimaurerwelt, wir machen Euros schnell, an alle Hamburger, digger, die den Hafen nutzen, Schnupfkontakte haben und weiße Ware schmuggeln, an alle Münchener, die die Eier haben, die A3 runterfahren mit heißer Ware, an ganz Berlin, egal ob Kreuzberg ob Neukölln, Kanaks kommen im neuen Benz, obwohl sie nicht mal Deutsch können.“ Fraglich, ob die Inhalte der Liedtexte angemessenen Einblick in die Köpfe der jungen Migrationshintergründler bieten. Ernüchternd, wenn es so wäre. In den Texten geht es hauptsächlich um Geld und teure Marken, Statussymbole und vermeintliches Neureichentum, das protzig gefeiert wird: „Ich fahr durch die Blocks und zähle mein Geld, denn nur um Cash dreht sich meine Welt.“ Haftbefehl hat, im direkten Vergleich zu seinem Debüt, seinen Jargon weiter kultiviert, so dass Außenstehenden die meisten Texte komplett verschlossen bleiben. Kenner sehen dagegen eine stilistische Annäherung an die ermordete amerikanische Rap-Legende Notorious B.I.G. Anklang bei vielen Jugendlichen hat sein geradezu penetranter Lokalpatriotismus – kaum ein Lied, in dem Haftbefehl kein stolzes „Frankfurt am Main“ oder „Offenbach, yo“ ins Mikro röhrt. Repräsentant der Region in einer Szene, die lange Zeit von Berlin dominiert wurde. Ein Offenbacher Jung’, der die schmucklose Stadt in aller Munde gebracht hat. So sehr die Drogengeschichten einer herkömmlichen kleinkriminellen Existenz in jedem zweiten Lied unglaubwürdig aufgebauscht werden, fällt auf, dass die islamische Religion keinen Platz im Kosmos des Azzlacks findet, der übrigens weder Kurdisch, noch Türkisch sprechen kann. Haftbefehl isst zwar – wie es sich gehört – kein Schweinefleisch, betont seine kurdische Herkunft und grüßt mit einem stark betonten „Salam“, trinkt aber ausgiebig den eigentlich verbotenen Alkohol oder berichtet vom vorehelichen Sex im Sauna-Club. Politische Ausflüge zu Palästina-Konflikt, Antizionismus und Anti-Amerikanismus zählen, entgegen früheren Liedern, auch nicht mehr zum Programm. Im Gegenteil, in seiner ersten Single-Auskopplung „Rockafella mäßig“ werden die Konsummöglichkeiten in „Gods own country“, inklusive Luxusvideoclip in Miami, geradezu glorifiziert. „Guck dass du dein Geld machst, so schaffst du dein’ Abgang aus der Parallelgesellschaft. Stell’ was auf die Beine und die Welt lacht für dich, nur das Materielle zählt, hast du nichts bist du nichts.“ Hinter Beats und Slang verbirgt sich zwischen den Zeilen, jenseits von übertriebenen Drogen-, Ghetto- und Zuhälter-Geschichten, die wahre Authentizität in Haftbefehls Texten: Das Bild eines entwurzelten, materialistischen und abgestumpften Schwarzkopf-Prekariats. „Kanackis“ hat gar nicht mehr vor, die „feine Gesellschaft“ zu provozieren und ist daher anders als der typische Gangsta-Rap. Es liefert den Soundtrack dieser Jugend. Haftbefehl füllt zur rechten Zeit eine Marktlücke und besticht mit Stimmigkeit, was sein fehlendes Reimtalent, seinen Mangel an Wortwitz und Kreativität zumindest für eine temporäre Mode ausgleicht. Zurzeit hören viele Bürgerkinder aus Reihenhaus-Vororten die Musik wegen ihrer kompromisslosen Attitüde und ihres Unterhaltungspotenzials. Haftbefehl wird wieder gehen. Die Jungen in den Problemgegenden bleiben jedoch. |