| Von German Angst bis Fachwerkhaus: Thea Dorn und Richard Wagner wagen eine Enzyklopädie der deutschen Seele |
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| Geschrieben von: Julian Islinger |
| Dienstag, den 21. Februar 2012 um 05:47 Uhr |
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„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust …“ Bisher waren es diese Zeilen aus Goethes Faust, die für mich die Essenz der deutschen Seele am treffendsten beschrieben. Auf der einen Seite das typisch Rationale, das Praktische, das produktive Streben, das uns Deutschen seit jeher nachgesagt wird. Auf der anderen Seite der Hang zur Mystik, zur Romantik, das Träumen und Schwärmen ins Jenseitige, ins Vergangene, das Metaphysische: Kurzum, Goethe legte seinem Dr. Faust bewusst oder unbewusst die ganze Ambivalenz des deutschen Seins in den Mund. Dass man Die deutsche Seele auch umfangreicher sezieren kann, beweisen Thea Dorn und Richard Wagner in ihrem gleichnamigen Buch. Wir wollen einen Blick in dieses 560 Seiten starke Werk werfen und schauen, ob sich der Arbeitsaufwand gelohnt hat. Ein mutiges Unterfangen im Deutschland des Jahres 2012 Vorangestellt sei, es erfordert heute einiges an Mut oder Verwegenheit, sich als arriviertes Mitglied des deutschen Kulturbetriebes überhaupt ernsthaft mit einer solch heiklen und gebrandmarkten Thematik zu beschäftigen – besonders dann, wenn das Werk ein verliebt anmutendes Lobeslied auf die Vielzahl der deutschen Eigenheiten, Macken und Spleens ist. Dies ist insofern verwunderlich, neu und aufregend, als dass sich in den letzten Jahrzehnten der Bedeutungsschwerpunkt des Adjektivs deutsch einzig und allein in Richtung Sprache und Staatsangehörigkeit verschoben hat. Das Deutsche mit anderen, positiven Zuschreibungen zu assoziieren, gilt gemeinhin als Tabu und die Auswüchse jener krankhaften Neigung zur Selbstverleugnung können Tag um Tag in deutschen Zeitungen, Nachrichten- und Talksendungen verfolgt werden. So gilt gemeinhin der Konsens, geschmiedet aus ewig wiedergekäuten Phrasen und Gemeinplätzen, dass es das typisch Deutsche gar nicht gäbe, dass das deutsche Volk ein Konstrukt aus dem 19. Jahrhunderts sei und eine Beschäftigung mit solcherlei Dingen sowieso schon immer zu Tod und Schrecken geführt habe. Logisch! Es sind diese plumpen Glückskeksweisheiten, die bereits im Grundschulalter an die kleinen Mädchen und Buben herangetragen werden, und nach einer fertigen Schulausbildung mit eventuell anschließendem Studium dazu führen, auf eine Konfrontation mit der Begrifflichkeit des Deutschseins im besten Fall verlegenes Kopfschütteln, im schlimmsten Fall entrüstetes Distanzieren folgen zu lassen. Vom Vormärz bis in die Nachkriegszeit hatte jede Epoche ihr ganz eigenes Verständnis des Deutschtums, zuletzt fixiert durch Joachim Fernaus Nibelungeninterpretation Disteln für Hagen. Schon die Konstellation der Autoren macht neugierig und verspricht einiges Thea Dorn ist für zahlreiche Bühnenstücke, Kriminalromane und Tatort-Drehbücher bekannt. Nach einer klassischen Gesangsausbildung und einem ausgiebigen Studium der Philosophie und der Theaterwissenschaft in Frankfurt, Berlin und Wien, begann die protestantisch sozialisierte Thea Dorn ihre Karriere als Dramaturgin am Schauspielhaus Hannover. Zwischenzeitlich war sie ebenfalls im SWR und auf arte als Moderatorin diverser Literatur- und Talksendungen zu sehen. Glaubt man Wikipedia, ließ sie sich durch Theodor W. Adorno zu ihrem Künstlernamen inspirieren. Also nicht eben eine gute Voraussetzung, die deutsche Seele unter die Lupe zu nehmen. Als männliches Pendant wird der aus dem Banat stammende, katholische Autor Richard Wagner dem einen oder anderen Leser schon aus dem politischen Broder-Blog Die Achse des Guten bekannt sein. Der Donauschwabe stammt aus dem Umfeld der Aktionsgruppe Banat, einem deutschsprachigen Schriftstellerzirkel, dem auch seine Ex-Frau, die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sehr zugetan war. Als Mitglied einer deutschen Minderheit ist seine Sicht auf das Deutsche von Kindheit her anderer Prägung, als das seiner Landsmänner aus der Bundesrepublik. Eines seiner literarischen Lieblingsthemen ist der Ausverkauf deutscher Werte. Das Konzept der beiden Autoren geht auf. Sowohl Thea Dorn als auch Richard Wagner haben einen sehr charakteristischen und angenehmen Stil, der das Lesen ihrer Beiträge oft zu einem Genuss macht. Dabei stellt sich heraus, dass Wagner eher einem sachlichen und rationalen Duktus zugetan ist, wohingegen Thea Dorn gerne selbst poetisch wird und in wortreicher Art die schnödesten Begrifflichkeiten mit Leben erfüllt. Da staunt der Leser, schmunzelt, freut und wundert sich, und nicht selten schlägt er mit einem Ausdruck der Freude auf den Tisch und ruft: „Ja, so ist es!“. Der Inhalt – Eine Versöhnung mit dem Deutschsein? Das Buch ist wie eine Enzyklopädie aufgebaut und kann auch so gelesen werden. Anhand 57 typisch deutscher Begriffe reisen die beiden Autoren durch die Seelenwelt des deutschen Volkes und blicken weit zurück in die Vergangenheit. So zum Beispiel wenn unter dem Schlagwort „Bruder Baum“ ein vorsichtig angedeuteter Bogen von der Fällung der Donarseiche durch Bonifatius, über die Wiederaufforstung des deutschen Waldes unter den Hohenzollern, bis hin zu den Parkschützern im gegenwärtigen Stuttgart gespannt wird. Nicht umsonst hat Deutschland prozentual gesehen die größten Waldflächen in Europa und der Begriff des Waldsterbens ist fester Bestandteil der allgegenwärtigen „German Angst“, der natürlich auch ein Abschnitt im Buch gewidmet ist. Munter geht die Reise weiter. Mal sind die Beiträge witzig, mal ernst, mal albern und mal philosophisch. Das Buch lässt sich ohne Probleme kreuz und quer lesen, wobei natürlich das Einhalten der alphabetischen Reihenfolge besonders deutsch wäre. Da wird über den Ritus des Abendbrots diskutiert und der Hang des deutschen Denkers zum Abgrund (Nietzsche und Heidegger) und zum Unterirdischen (Barbarossa) erläutert. Natürlich darf der Fußball nicht fehlen, zeigt er doch die Fähigkeit der Deutschen etwas Fremdes zu adaptieren und sich zu Eigen zu machen, bis es untrennbar mit der eigenen Kultur verwachsen ist. Jugendherberge und Kindergarten, Kitsch und Krieg, Ordnungsliebe und Reinheitsgebot…die Vielfalt an Themen scheint kein Ende zu nehmen. Amüsant sind die Ergüsse zu solch deutschen Phänomenen wie Winnetou, Bierdurst oder der Spargelzeit, dem Vereinsmeier, der Wurst und der Wanderlust (heute Nordic Walking), des Deutschen angeblich liebste Outdoor-Beschäftigung. „Das ganze Gerede über Migration und Integration spart eines aus, das Deutsche.“ Kernstück des Buches ist der Abschnitt über die Musik, und wen sollte das angesichts der Vielzahl an Granden deutscher Musikgeschichte auch verwundern. Alleine dieser, fast 40 Seiten lange Essay rechtfertigt schon den Kauf. Doch auch die, für uns Konservative so wichtige Streicheleinheiten der Selbstbestätigung, kommen nicht zu kurz. Man freut sich natürlich ungemein, wenn Thea Dorn den Prenzlauer Berg zum Heim des neuen deutschen Spießers macht und bissig bemerkt, dass FKK-Nudismus heute vielleicht nur noch die türkische Großfamilie im Tiergarten verschreckt. Oder wenn sie einmal mit Schaum vorm Mund über das falsche, völlig missverstandene Luther-Bild der gegenwärtigen protestantischen Wohlfühlkirche abledert. Die nachdenklicheren Töne zum Zeitgeschehen werden vor Allem durch Richard Wagner beigesteuert, zum Beispiel wenn er unter der Rubrik „Heimat“ schreibt: „Das ganze Gerede über Migration Integration spart eines aus, das Deutsche. Das, was Deutschland ausmacht und mit Deutschland uns selbst. Ja, wir haben uns vergessen. Wir können auch erklären, warum wir es vergessen haben. Manche meinen sogar, es sei gut gewesen, das alles zu vergessen, dass es Schnee von gestern sei, der unter Umständen wie Blei liegen würde. Diesen schweren Schnee, wer möchte, wer sollte ihn schon heben? Wer, wenn nicht wir?“ Hier textet vor allem ein Mann, der sein Deutschtum als Minderheit in einer eher deutschenfeindlichen Umgebung erlebt hat, der, wie alle anderen deutschen Kinder im Dorf, eine Quetschkommode hatte, auf der er „La Paloma“ aus dem Radio nachspielte. Ein Katalog deutscher Wesenszüge Das Buch schafft einen Spagat, den ich zuvor für fast unmöglich gehalten habe. Zum Ausdruck kommt eine deutliche Liebe der Autoren zum Deutschen, mit all seinen Vorzügen und seinen Abgründen, ohne jedoch einzelne Dinge ins Mythische zu überhöhen oder zu verurteilen. Bezüge auf Hitler sind beispielsweise angenehm selten, auch wenn hier und da in völlig berechtigter Weise auf den Missbrauch deutscher Kulturleistungen durch die Nationalsozialisten hingewiesen wird. Dies kann auch als Befreiungsschlag gedeutet werden, als könne man allein durch das Schreiben die oft herbeizitierte braune Patina eines Deutschlandliedes abschütteln. Das Buch ist reich bebildert und die Auswahl an Illustrationen ist stimmig und unterstreicht das Geschriebene mit augenzwinkerndem Nachdruck. Doch in allererster Linie ist dieser Katalog deutscher Wesenszüge, dieser bunter Blumenstrauß an Anekdoten, Geschichten, Begebenheiten, Schicksalen und Verbindungen quer durch die deutsche Geschichte ein intellektuelles Rüstzeug für jeden, der schon mal durch die Frage „Was ist denn nun genau deutsch?“ aus dem Konzept gebracht wurde. Sicher, niemand kann erwarten, aus diesem Buch Seite um Seite zu zitieren, auch behauptet das Buch nicht, vollständig zu sein. Aber ich bin der Meinung, dass durch die Lektüre von Die deutsche Seele ein tieferes Bewusstsein dafür geschaffen werden kann, was eigentlich deutsch ist. Still loving Deutschland und uneingeschränkte Leseempfehlung! Thea Dorn und Richard Wagner: Die deutsche Seele. Knaus Verlag, 2011. Gebunden mit Schutzumschlag, 560 Seiten. 26,99 Euro. |