| Rike Drust: Eine Mutter mit gemischten Gefühlen in konzentrischen Kreisen um sich selbst |
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| Geschrieben von: Laura Küchler |
| Freitag, den 24. Februar 2012 um 05:23 Uhr |
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Dass sich viele Dinge ändern, wenn man plötzlich eine Familie hat, wird niemand in Frage stellen wollen. Dennoch sieht die Erwartung vieler werdender Mütter und der dazugehörigen Väter oft rosarot aus. Die glückliche und strahlende Mama mit einem friedlich schlafenden Wonneproppen im Kinderwagen. Der Mann steht daneben, ebenfalls fröhlich grinsend, die Sonne und lacht und nichts trübt die heile Welt. Beim Lesen des Buches Muttergefühle von der Hamburger Texterin Rike Drust drängt sich jedoch ein anderer Eindruck auf: Ein schreiendes, zahnendes Kind, ein arbeitender Mann – ganz zu schweigen von den nervigen Ratschlägen von Passanten, Spielplatzbesuchern, Freunden und der Verwandtschaft. Mutter sein ist nicht immer ein Spaß, es zehrt an den Kräften und nicht selten stellt sich die Autorin sogar die Frage, warum um Himmels Willen sie sich eigentlich für eine Familie entschieden hat. „Jetzt gehst du nicht mehr als fett durch.“ – Die Schwangerschaft Schwanger sein. Ein Zustand, den manche Frauen fürchten, andere träumen davon und für wieder andere ist er eine Überraschung, über die sie sich noch nie Gedanken gemacht haben – bis es plötzlich soweit ist. Rike Drust hat laut eigener Aussage immer viel gefeiert, viele Freundinnen und Bekannte gehabt, den Hamburger Kiez regelmäßig „auf links gedreht“ und sich erst relativ spät für ihren Partner, im Buch nur „der Mann“ genannt, die Eigentumswohnung und in letzter Konsequenz auch für eine Schwangerschaft entschieden. Als es dann endlich soweit war und sie „nicht mehr als fett durchging“, wie ein Bekannter freundlicherweise feststellte, ging es auch schon los mit den Strapazen, die eben so dazugehören. Von fremden Passanten am Bauch berührt werden zum Beispiel steht allem Anschein nach ganz hoch im Kurs, genauso wie allerlei Ratschläge und Einkauftipps für Cremes und Tuben, die alle angeblich die verhassten Dehnungsstreifen verschwinden lassen sollen. Auch Umstandsmode ist natürlich für die eitle Mami in Spe ein nicht zu unterschätzendes Thema. Insgesamt wird in Muttergefühle sehr deutlich, dass der einfache Umstand des Schwanger-Seins für viele nicht mal eben so zu akzeptieren ist, viel mehr wird Wert darauf gelegt, die perfekt gestylte Frau zu sein, die trotz Schwangerschaft nicht nur hinreißend aussieht, sondern im Handumdrehen auch noch drei verschiedene Trage- und Gurtsysteme fürs Kind einkauft und in ihrer Freizeit an Gymnastik- und Schwimmkursen teilnehmt. Wobei letztere für Drust sicherlich weniger angenehm waren, stand sie doch in einem unschönen Badeanzug zwischen nackten Rentnern im Becken. Insgesamt gibt sie den Frauen für die Schwangerschaft den Tipp: Cool bleiben. Sich nicht verrückt machen lassen. Sagen, wenn man nicht angefasst werden möchte. „Der Druck, glücklich sein zu müssen.“ – Das ungewohnte Gefühl nach der Geburt Nachdem Rike Drust die spannende Zeit der Schwangerschaft fast überstanden hatte, ging sie (wie vermutlich jede andere Frau auch) mit hohen Erwartungen im Gepäck an den Komplex Geburt heran. Es würde bestimmt ganz toll werden, wenn der Junior nach den Schmerzen der natürlichen Geburt dann endlich im Arm seiner Mutter liegt. Dann würde sie natürlich glücklich weinen und diesen „Pflegefall“ (liebevoller Ausdruck der Autorin für einen Säugling) sofort unendlich lieben. Klar ist, Drust macht sich viel zu viele Gedanken, ist viel zu egozentrisch. Vielleicht kommen diese Drehbuch-Bilder bei manchen Frauen vor, aber sicherlich nicht bei allen. Denn zunächst ist jedes Kind fremd, auch, wenn es das eigene ist. Herauszufinden, wie das kleine Menschlein tickt, warum es schreit und wie dann damit umzugehen ist, ist definitiv keine einfache Sache. Sie benötigt Zeit und Feingefühl. Ein Baby vom Band gibt es zum Glück noch nicht, jeder neue Mensch ist einzigartig und durchaus „gewöhnungsbedürftig“. Überhaupt ist eine Geburt bei weitem nicht so romantisch wie in der Vorstellung: Aus der geplanten natürlichen Geburt „ohne alles“ wurde nach Schwierigkeiten erstmal ein Kaiserschnitt, ein Notkaiserschnitt. Warum das betont werden muss? Weil er laut Aussage von Rike Drust immer noch über dem verhassten geplanten Kaiserschnitt steht – zumindest wenn es nach der Bewertung der strengen dogmatischen Mütter geht. Diese scheinen (in Drusts Gedanken) an jeder Ecke auf die „normalen“ Mütter zu warten, um ihnen die moralische Hölle ordentlich heiß zu machen. Verteufelt wird der Kaiserschnitt angeblich genauso wie zu frühes Beenden der Stillzeit und natürlich das Füttern von vorgekochten Gläschen. Ebenso gefährlich lebt man, wenn das Kind auf dem Spielplatz nicht nach jedem Missgeschick einer Feuchttücher-Grundreinigung unterzogen wird. Erstaunlich, wie das unsere Eltern hinbekommen haben...! „Das wird mir alles zu viel“ – Freunde, die die Wahrheit vertragen können Besonders wichtig in einer Zeit voller Veränderungen sind Menschen, auf die man sich verlassen kann. An erster Stelle steht für Autorin Rike Drust da ganz klar „der Mann“. Gleich danach allerdings kommen gute Freunde und Freundinnen. Die sind selbst mit der Thematik vertraut und können deshalb gute Ratschläge und Tipps geben oder aber man vertraut auf völlige Laien, die die Mutter eben nicht nur in dieser Rolle sehen, sondern ihr auch die Chance geben, etwas von ihrem alten Leben zu bewahren. Ein endloser, langweiliger Nachmittag lässt sich viel besser überstehen, wenn man dabei mit einer Freundin einen Kaffee trinkt, während die Kinder spielen. Auch kindliche Heulkrämpfe und Wutanfälle lassen sich tendenziell in einer größeren Runde besser ertragen, als frustrierend allein. Und selbst wenn das der Fall sein sollte, ist es trotzdem gut zu wissen, dass es immer jemanden gibt, der Hilfe anbietet. Auch, wenn Mütter sie laut Drust in der Regel eher ungern annehmen. Das beste Merkmal für eine Freundin oder einen Freund einer (werdenden) Mutter ist allerdings, auch mal ein Stopp-Schild aufstellen zu können. Wenn sich alles immer nur um Dehnungsstreifen, Wegwerfwindeln und Babykleidung dreht, werden die armen Mütter – und ihre Freunde – ja verrückt. Das bringt noch mehr Chaos in die ohnehin schon aus den Fugen geratene Gefühlswelt einer Mutter. Mutterwerden ist für Drust ein Event. Aus ihrer Luxusperspektive ist das kein Wunder, denn mit Mitte dreißig hat man die Schäfchen finanziell gesehen im Trockenen. Insofern werden Lifestyle-Muttis in Drusts Alters- und Einkommensklasse ihre Freude an diesem Buch haben. All jene aber, die schon zehn Jahre eher Kinder kriegen (betont sei der Plural) und unter allen Umständen vermeiden wollen, selbstbezogene Edel-Einzelkinder auf die Gesellschaft loszulassen, werden mit den Selbstbespiegelungen in Muttergefühle wenig anzufangen wissen. Rike Drust: Muttergefühle. C. Bertelsmann-Verlag, 2011. 224 Seiten, 14,99 Euro. |