Startseite Rezension Der zweite Jünger?
Der zweite Jünger? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Johannes Schüller   
Donnerstag, den 28. Februar 2008 um 01:00 Uhr

Friedrich Georg JüngerMit dem 10. Todestag Ernst Jüngers rückt einer der wichtigsten, umstrittensten und wohl auch verdrängtesten Autoren wieder in den Mittelpunkt eines – inzwischen freilich kleiner gewordenen – Kreises. „Dass er schreiben kann, erst das macht ihn gefährlich.“ Klaus Mann sah 1930 in ihm eine Gefahr für liberale Bürger, ja eine „finstere Glut“ beschwöre er hinauf. Pünktlich zum Jubiläum widmen sich gleich zwei Biographien dem Autor von „In Stahlgewittern“, „Auf den Marmorklippen“ und „Siebzig verweht“. Umso erstaunlicher ist es, dass sein Bruder Friedrich Georg Jünger im Schatten des großen Bruders zu verschwinden scheint – obwohl es ihm ebenso wenig an aktuellen Themen, geistiger Schärfe und schreiberischem Talent fehlte.

Dabei hätte sich ein weiteres Jubiläum angeboten, das Interesse am Bruder ebenfalls zu wecken. Am 20. Juli 2007 jährte sich der Todestag Friedrich Georg Jüngers zum 30. Mal. Andreas Geyer nutzte das Datum um eine umfangreiche Monographie über den Autor herauszubringen. Der Weg dazu führte wieder über den bekannteren Ernst Jünger. Denn in seiner Danksagung nennt Geyer den großen Bruder als „Initiator“ der Auseinandersetzung mit dem am 1. September 1898 in Hannover geborenen Friedrich Georg Jünger.

Die Gemeinsamkeiten der Brüder: Technikkritik, Ökofrage, „Innere Emigration“

Beide verbinden neben biographischen Überschneidungen auch ähnliche Themen und Standpunkte: etwa Ökologiefrage, Technikkritik, „Innere Emigration“ im Dritten Reich und nationalrevolutionäre Agitation in den Zwanziger Jahren. Friedrich Georg Jüngers Argumentation trat im Vergleich zum Bruder während dieser Zeit wesentlich radikaler und militanter auf. Der Biograph erklärt diesen Standpunkt mit der Figur des „Fremden“, dessen Herkunft Geyer in der Kindheit verankert sieht.

Im Kapitel zu „Kindheit und Jugend (1898 – 1914)“ erwähnt er mehrere, als traumatisch bewertete Träume und Personen aus Jüngers Jugend – die Figur des aufschreckenden Fremden spiegelt sich unter anderem im Turnlehrer und in Angstträumen wieder. Mittels dieses Erlebnisses begründet Geyer verschiedenste Entwicklungen im Leben Jüngers, ja beim Lesen entsteht der Eindruck, Geyer sieht darin den wesentlichen Schlüssel zum Verständnis von Friedrich Georg Jüngers Autorschaft. Der Biograph lässt dieses Motiv sowohl bei Jüngers radikalen, antibürgerlichen Positionen der Zwanziger Jahre als auch in der Prosasammlung „Dalmatinische Nacht“ des Spätwerks beinahe regelmäßig wiederkehren.

Besonders hier zeigt sich auch seine überzeugende Werkkenntnis. Die Erzählungen „Beluga“, „Zwischen Mauern“ und „Das Schachspiel“ analysiert und interpretiert Geyer anhand der Figurenkonstellation, der Rolle des Raumes – insbesondere der Großstadt –, der Technikkritik des Autors und eben anhand der „Figur des Fremden“. So wird dem Leser schnell verdeutlicht, dass es sich nicht nur um sehr gute, sondern oft auch an magischen Realismus anlehnende Prosa handelt.

Technik als herrschendes Instrumentarium

Geyer öffnet dem Leser mehrere Interpretationsebenen, unter anderem die der Kritik von Moderne und übermächtiger, maßloser Instrumentalisierung der Technik. Dieses Werkzeug Technik wird bei Jünger selbst zum Herrscher, mit fortschreitender Nutzmachung der Welt zeigt sich sein „Januskopf“ in Begleitung von Rationalismus und Wissenschaft.

„Die Technik muß als das riesenhafte Tretrad erkannt werden, in dem der Mensch sich fruchtlos abmüht, in einem Arbeitsgange, der umso sinnloser wird, je mehr er zweckmäßig, umfassend, allgemein wird. Die Subordination der technischen Mittel setzt ein neues Denken voraus, das gefeit gegen die Illusionen ist, mit denen der technische Fortschritt arbeitet, ein Denken, das mit den Methoden brutaler Ausbeutung ein Ende macht.“ schreibt Jünger in seinem essayistischen Hauptwerk „Die Perfektion der Technik“.

„Weltstaat“ und Weltpolizei

Hier klingt bereits der Pessimismus an, welcher ihn von seinem Bruder Ernst unterscheidet: Friedrich Georg Jünger sah die „Perfektion der Technik“ keineswegs als aufhaltbar an. Höchstens das Wissen um deren Ambivalenz könne die immer existentiellere Gefährdung des Menschen aufhalten. Auch Ernst Jüngers Prophezeiung des „Weltstaats“ – verbunden mit einer Weltpolizei – steht Friedrich Georg Jünger skeptisch gegenüber. Anhand der aktuellen Entwicklung ist man hier geneigt, ihm zumindest partiell recht zu geben, denn eine allumfassende Weltmacht scheint sich nicht durchsetzen zu können. Umso mehr aber eine „Weltpolizei“, welcher es mehr oder minder erfolgreich gelingt, Krisenherde zu beherrschen.

Friedrich Georg Jüngers Verhältnis zur Technik war nicht immer derart pessimistisch geprägt. Während der Weimarer Republik sah er die Technik in ihren extremsten Formen als ein mögliches Instrument der Nation. Zugleich weisen seine Schriften zu dieser Zeit eine radikal nationalistische Position auf. Andreas Geyer begründet das vor allem aus dem Bedürfnis, die verletzungsbedingt, im Vergleich zum Bruder, sehr kurze Soldatenzeit durch möglichst extreme Positionen wettzumachen. Auch Angst vor existentieller Bedrohung, Suche nach Verwurzelung in der instabil bleibenden Weimarer Republik und die „Figur des Fremden“ spielen in seiner Begründung eine wesentliche Rolle.

Beim fortschreitenden Lesen jedoch erscheint diese Thematisierung dieser Figur überzogen bis überinterpretiert. Folgt man der Begründung Geyers in diesem Fall, müsste die traumatisch wirkende „Figur des Fremden“ eine werkdurchziehende, dominante Rolle im Leben und Schreiben Friedrich Georg Jüngers gespielt haben. Zweifelsohne könnte diese, durch das aufwühlende Weltkriegserlebnis von der Kindheit aus auch in Friedrich Georg Jüngers frühes Schaffen getragen worden sein. Es bleibt aber fraglich, ob diese Figur im Spätwerk des Autors noch eine Rolle spielt oder ob hier nicht vielmehr die Technikkritik und philosophische Grundüberlegungen – etwa zu Sprache, Großstadt und Spiel – wesentlicher sind.

Jüngers spätere Gedichte und Erzählungen legen es nahe, der „Figur des Fremden“ lediglich die Rolle einer thematischen Anregung, einer Initialzündung im Werk Friedrich Georg Jüngers zuzuweisen. Unzweifelhaft ist, dass Friedrich Georg Jünger innerhalb der Konservativen Revolution eine interessante Person war und durch Schriften wie „Aufmarsch des Nationalismus“, „Dreikanter“ sowie seine Beiträge im stark nationalbolschewistisch geprägten „Widerstand“ von Ernst Niekisch die ideengeschichtliche Entwicklung vorantrieb und zugleich radikalisierte – während zeitgleich die Etablierung von Massengesellschaft und technisch organisiertem Großstadtleben voraneilte.

„Opium fürs Volk“

Friedrich Georg Jünger bemerkte die negativen Auswirkungen der Urbanisierung bereits in den Zwanziger Jahren. Mit vielen Expressionisten verbindet ihn die Kritik am überreizten, nervösem Großstadtleben und der damit verbundenen Anonymisierung:

„Noch einmal, ist dies ein friedliches Schauspiel? Man beklagt die Toten des großen Krieges, aber heute schon fallen vor dem Getriebe der Motore, der Bergwerke und Fabriken, der Schiffe und Flugzeuge auf dem Erdball mehr Menschen im Jahre als in der gleichen Zeit im Kriege dahinsanken. Die Kurve der Autounfälle allein schwingt sich in gigantische Höhen auf und besät die Straßen mit Toten und Verstümmelten. Die Elektrizität und das Gas raffen mehr Opfer dahin als die größten Schlachten.“

„Opium fürs Volk“ nennt Jünger den Artikel in der Zeitschrift „Arminius“ vom 10. Juli 1927. Die dramatisch wirkende Sprache entspricht seinem Schaffen in dieser Zeit. Jünger vergleicht die Technik mit einem mechanischen Uhrwerk und entgegen der Hoffnungen ihrer Protagonisten sieht er darin nicht die Möglichkeit einer zukünftigen Idylle begründet.

Friedrich Georg Jünger als begnadeter Lyriker

Gegenüber der Dominanz der Technik sieht der Autor die nicht instrumentalisierte Sprache als Quelle eines poetischen Gegensteuerns. Gedichtbände namens „Der Westwind“, „Schwarzer Fluß und windweißer Wald“, „Iris im Wind“ oder schlichtweg „Gedichte“ werden veröffentlicht, aber auch als Erzähler gelingt es ihm eindrucksvoll, die deutsche Sprache sowohl in der Lyrik zu verdichten als auch in der Prosa in eine leicht zu lesende und doch inhaltlich tiefe Dynamik zu bringen.

In seiner kurzen Erzählung „Major Dobsa“ lässt er surrealistische Bilder auftauchen, als eine Truppe Panzerfahrer durch einen unbekannten Wald von der geschätzten Größe Ungarns fährt. Der Tagtraum eines Besatzungsmitglieds scheint sich als trügerisch zu erweisen, findet aber doch im folgenden Tod des Major Dobsas seine Bestätigung. „Zwischen Mauern“ nennt Jünger eine weitere Erzählung, in welcher in der Person des Physikers Gieße ein Gewissenskonflikt um die Rolle der Technik und des Großstadtlebens ausgetragen wird.

Durch Friedrich Georg Jüngers Erzählungen, ja sein Gesamtwerk überhaupt, zieht sich die Idee des Mythos als nachträglich erklärende, gewissermaßen „gegenaufklärende“ Macht. Besonders auf die griechischen Sagen und Götter greift er zurück, ist sich aber wohl bewußt, dass diese nur aus dem Blick der Moderne erzählt werden können. Jünger will weniger neue Mythen schaffen als durch alte Mythen erklären.
Geyer thematisiert auch Jüngers Essay „Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht“ – „Tanz der Wiederkehr“ nennt er ihn. Verse aus dem Vorspruch „An den Leser“ aus „Der Missouri. Gedichte.“:

„So entspringt ihr, runde, frische Zeilen,
Arethusas geistig kühlen Reichen.
Wasser magst du das Gedicht vergleichen,
Wassern die im Lichte rasch enteilen.“

Sowohl im heiteren Charakter der Strophe als auch in der Wassermetapher wird deutlich, dass Friedrich Georg Jüngers Gedichte nicht allein einen hohen, schweren Charakter tragen, sondern auch dynamisch und heiter zu lesen sind. Gerade die metrische Vermittlung verschiedenster Grundtöne weist auf das herausragende lyrische Schaffen Friedrich Georg Jüngers hin. Auch darin könnte man einen Gegensatz zum Bruder Ernst Jünger sehen, der in erster Linie durch sein essayistisches und prosaisches Werk Bekanntheit erlangte. Während in den ersten Kapiteln Geyer oft noch mit Ernst Jünger vergleicht, gelingt es ihm vor allem im Spätwerk die eigenständigen Standpunkte und Werke des jüngeren Bruders in den Mittelpunkt zu rücken. Hier lässt er Friedrich Georg Jünger einen Moment aus dem Schatten des Bruders heraustreten.

Den zweiten Jünger lesen und verstehen!

Die Erwartungen, die Andreas Geyer mit seinem Titel „Friedrich Georg Jünger. Leben und Werk.“ wecken könnte, erfüllt der Biograph auch beim anspruchsvolleren Leser. Diese Qualität wird noch durch den Mangel an vergleichbaren Biographien unterstützt. Zwar wird man als Unerfahrener schnell gezwungen, die Interpretationen einiger Werkinterpretationen zu überspringen, da hier sehr nah am Text gearbeitet wird. Aber Geyer gelingt es einen guten Überblick über Leben und Werk Friedrich Georg Jüngers zu bieten. Damit wurde das in Deutschland in Vergessenheit geratene Jubiläum doch noch mit einem interessanten Buch in Erinnerung gerufen. Das Warten auf diese umfangreiche Biographie Friedrich Georg Jüngers hat sich gelohnt. Andreas Geyer hat mit viel Mühe und großem Zeitaufwand eine hervorragende Arbeit abgeliefert.

 
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