| Anton Corbijn: Control |
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| Geschrieben von: Johannes Schüller |
| Dienstag, den 11. März 2008 um 01:00 Uhr |
Eine einzige Einstellung kann den gesamten Film in sich tragen. Auch bei „Control“ von Anton Corbijn trifft das zweifelsohne zu. Im Hintergrund großer, gewaltig erscheinender, industriestädterischer Hochhäuser drängen sich einzelne Bäume hervor, ein dunkler Altbau zeigt sich am Rand. Im Vordergrund Ian Curtis. Sein charismatischer, melancholischer Blick geht in die Leere der Industriestadt. Es ist sein Wohnort Macclesfield.
Schwarz-Weiß Schwarz-Weiß statt Farbe: der Zuschauer nähert sich damit gut der Atmosphäre der Zeit an. Immer wieder wird die Handlung durch Auftritte der Band ergänzt, der Zuschauer freut sich schon auf „Transmission“, „She’s lost control“, „No Love Lost“. Im Mittelpunkt des Films steht der legendäre Sänger von JOY DIVISION, Ian Curtis. Zwar liest man in Artikeln über JOY DIVISION immer wieder, er könne eigentlich gar nicht singen, erst die Grabestiefe seiner Stimme mache den besonderen Klang der Rockband aus. In „Control“ aber wird dies kaum deutlich. Sam Riley überzeugt in der Darstellung von Ian Curtis, dafür tritt die Darstellung von Bernard Summer (Gitarre, Keyboard), Peter Hook (Bass) und Stephen Morris (Schlagzeug) deutlich in den Hintergrund. „An Ideal For Living“ Ian Curtis kam als Quereinsteiger zur noch unter anderem Namen spielenden, erfolglosen Gruppe. Die Band spaltete und erregte die Gemüter – auch in „Control“. Unter dem vielversprechenden Titel „An Ideal For Living“ erschien die erste Platte, die der Band den Durchbruch bescheren sollte. Provokant bildete man damals auf dem Cover einen Trommler der HJ ab. Trotzdem gelang nun langsam, aber stetig, auch über BBC Radio 1, der Weg von Manchester nach London. Immer wieder spielte JOY DIVISION auch in Manchester – in der Arbeiterstadt scheint sich die tiefe, einsame Rockmusik am ehesten zu Hause zu fühlen. Zunehmend aber treten die Auftritte stärker und stärker vor dem persönlichen Schicksal von Ian Curtis zurück. Epileptische Anfälle und die zerfallende Liebe zu seiner Ehefrau treiben ihn im Film in eine Sackgasse, fatalistisch scheint das Geschehen sich im Selbstmord abzuschließen. Was „Control“ nicht erzählt: 1980 gründen die verbliebenen Bandmitglieder zusammen mit Gillian Gilbert NEW ORDER. Rock statt Pop Anton Corbijn gelang es, einen tiefgründigen Film zu drehen. Der Zuschauer vermisst – glücklicherweise – eine kitschige Stilisierung der Band, dafür rückt die charismatische Persönlichkeit des Sängers in den Vordergrund. Überhaupt werden alle Bandmitglieder mit ihren Höhen und Tiefen, Erfolgen und Misserfolgen dargestellt. Freilich dient auch das der Legendenbildung, aber JOY DIVISION hat solch einen Mythos verdient. Als Zuschauer kann man sich darüber streiten, ob nicht manche Personen, wie etwa der Manager von JOY DIVISION, zu extravagant dargestellt werden. Zur Entschädigung wird ein kleiner Einblick in die Atmosphäre des Englands der 70er Jahre geboten und bewiesen, dass es nicht nur um besseren Tanzrock oder die Grundlage für massentauglichen Pop ging. Damit macht „Control“ nicht nur auf interessante Musik aufmerksam, sondern beweist auch, dass diese heute noch Inhalt haben kann – bestenfalls „An Ideal For Living“.
Ausschnitt aus "Control" |