Startseite Rezension Der Expressionismus: Ein fast ausschließlich deutsches Phänomen
Der Expressionismus: Ein fast ausschließlich deutsches Phänomen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Freitag, den 20. Juni 2008 um 02:00 Uhr

KirchnerDie Geschichte der menschlichen Gesellschaft bewegt sich naturgemäß in Zyklen – auf Phasen der inneren Ruhe, Entspannung und des Friedens folgen Übergangsphasen zu Dekonstruktion und Verwüstung, welche ihrerseits wiederum notwendig von brachialen Kriegen abgelöst werden, diese aber selbst bereits die Vorboten des neuen Friedens sind. Glaubt man Carl von Clausewitz („Vom Kriege“ 1832/1834), ist dieser unumgängliche Rhythmus eine heilige Notwenigkeit, die allein den Lauf der Geschichte und somit durch die ständig aufeinander folgenden Phasen des Niedergangs, auch Zeiten des Fortschritts bestimmt. Der Niedergang und die Auflösung kann somit als Voraussetzung für kulturelle Neuentwicklungen gesehen werden – so auch in der Kunst. Sprechen wir also über den Expressionismus.

Deutschland am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Ähnlich einer Gewitterstimmung kulminieren sich Schwingungen und Energien im urbanen Raum wilhelminischer Großstädte. Das wesentliche Unterscheidungskriterium zwischen einem Durchschnittsmenschen und einem Künstler ist das hohe Maß an Sensibilität. Die deutschsprachigen Maler, Bildhauer, Dichter und Dramatiker spürten die Anfang des 20. Jahrhunderts in der Luft liegende Anspannung und fundieren in ihrer künstlerischen Antwort eine neue Kunstepoche: den Expressionismus.

Futurismus und „Umwertung aller Werte“

Das Ideengerüst des Expressionismus hat zwei direkte geistige Urväter: Friedrich Nietzsches pessimistische Philosophie, welche mit ihrer „Umwertung aller Werte“ die weltanschauliche Basis Europas aus den Angeln hob, und zweitens das „Futuristische Manifest“ des italienischen Künstlers Filippo Tommaso Marinetti, dessen deutsche Übersetzung 1912 erschien.

Während Nietzsche zunächst das bloße Vorhandensein einer anderen Perspektive, also einer in Bezug auf die hergebrachten Weltdeutungen völlig gegensinnigen Sicht auf die Realität konstatierte, fügte Marinetti den Gedanken hinzu, dieses neue Erkennen der Welt, also auch die dadurch veränderten Wahrnehmungsmechanismen und die erwachsenden Zweifel des Menschen, müssen artikuliert werden. Da eine künstlerische Reproduktion von tiefsten menschlichen Empfindungen auch immer eine entsprechende Rezeption voraussetzt, kann allen Expressionisten ein Sendungsbewusstsein zur gesellschaftlichen Debatte durch Kunst zugeschrieben werden.

Woran erkennt man also ein expressionistisches Kunstwerk? In der Malerei finden sich vor allem die charakteristischen schwarzen Konturierungen, welche klare und pastos aufgetragene Farbflächen umgrenzen. Weiterhin verzichtete man auf das Einhalten von Perspektiven und anatomischen Genauigkeiten. Das Neue dieser Kunstrichtung war die Betonung der Farbe an sich, welche in späteren Werken noch über dem eigentlichen Bildgegenstand lag. Die Expressionisten legten den größten Wert auf das Bild, die Farbgeste an sich – meist wurden die Bildinhalte nur zum Transport der „Farbnachricht“ genutzt.

Was in der Malerei „die Farbe an sich“, war in der Literatur „das Wort an sich“. Neben dem formalen auch hier anzutreffenden Ausdruck von Gefühlen und innerlichen Befindlichkeiten wurde die Intonation des gesprochenen Wortes, der artikulierten Silben oder Töne und Neologismen zum existenziellen Bestandteil dieser Literatur. Aus diesem Grund ist die Lyrik die typischste expressionistische Literaturgattung.

Ausprägungsrichtungen – Ein fast ausschließlich deutsches Phänomen

Zwar war außerhalb des Deutschen Reiches eine in Richtung Expressionismus tendierende Kunstentwicklung spürbar, so waren zum Beispiel die sogenannten „Le Fauves“ (Die Wilden) um den Franzosen Henry Matisse eine größere nennenswerte Erscheinung mit Vorbildcharakter, doch blieben die großen Wirkzentren in Deutschland; allen voran Dresden und München.

Im sächsischen Dresden gründeten die aus Chemnitz, Döbeln (bei Leipzig), Aschaffenburg und Zwickau stammenden Architekturstudenten Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl 1905 die Künstlervereinigung „BRÜCKE“, welche bis 1913 bestand. Später Kirchnergesellten sich noch die Maler Otto Mueller, Max Pechsein und Emil Nolde hinzu. Angeregt durch die naive Kunst der afrikanischen Urvölker, aber auch durch die verwirrenden Erfahrungen innerhalb der Großstadt, schufen sie ein bis heute an Geschlossenheit und Innovationskraft unübertroffenes Gesamtwerk, welches sich in der Malerei ebenso äußerte wie im Vorantreiben und Kultivieren der Holzschnitttechnik. Ihr Motto war mit relativ wenig Aufwand, in kurzer Zeit, unter der maximalen Reduzierung der Mittel, möglichst viel vermitteln und aussagen.

Die zweite Hochburg des Expressionismus war München. Die 1911 gegründete Künstlergruppe „BLAUER REITER“ stand wie kaum eine andere für künstlerische Avantgarde. Vor allem die Maler Wassily Kandinsky, Franz Marc, Alexej von Jawlensky, Paul Klee und Gabriele Münter sind bis heute ein Begriff.

Neben der reinen Malerei etablierte sich im deutschsprachigen Raum eine bedeutende expressionistische Literaturszene, deren herausragende Vertreter Jakob van Hoddis, Georg Trakl, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn und Kurt Pinthus waren. Ihre Literatur bezog ihr Leben ebenso aus der „großen Geste“, dem ehrlichen Gefühl, dem Drang nach Ausdruck. Genauso wie ihre malenden Kollegen brachen sie mit üblichen Methoden und Schönheitsidealen. Die Sprache der expressionistischen Lyrik war derb und stakkatohaft, die der Prosa schwer zugänglich und die der expressionistischen Dramatik wirr, laut und morbide. Der formale Bezug zur Literatur des Sturm und Drang ist dabei unverkennbar.

Der Krieg, das Ende, die Nachfolger

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges stellte gewissermaßen den Ziel-, Erfüllungs- und Endpunkt der expressionistischen Bewegung dar. Wie viele Künstler dieser Zeit hielten auch viele Expressionisten den Krieg für eine notwenige und natürliche Umwälzung der aktuellen, verkommenen Verhältnisse. Die weltpolitischen Fragen und die damit bis zum zerbersten angeschwollenen Konflikte mussten sich entladen, warteten auf eine Lösung. Viele Künstler dieser Zeit, darunter auch Hermann Hesse (in „Demian“), betrachteten den Krieg als finale Lösung, als Gewitterentladung, als Humusstifter für neue Saaten. Vor allem die raschen Siege der drei Reichseinigungskriege ließen die Deutschen auf ein schnelles Ende dieser Gewaltenentladung hoffen. Niemand ahnte 1913, welche Ausmaße dieser Krieg annehmen würde.

Unmittelbar nach 1919 herrschte dann aber nicht die erhoffte Aufbruchsstimmung. Millionen Menschen hatten ihr Leben lassen müssen, Deutschland lag verwüstet in Trümmern und wurde durch das Versailler Diktat entmündigt. Einige ehemalige Expressionisten schlossen sich der „Neuen Sachlichkeit“ an, deren wichtigster Maler Max Beckmann war. Diese Malerei war geprägt von nüchternen Farben und kargen Szenen, welche sich auch in der Dichtung und Belletristik dieser Zeit niederschlugen. Die neuen Schlagworte waren nun Ernüchterung und Sachlichkeit.

Einige Expressionisten, darunter Franz Marc, fielen im Krieg, andere schlossen sich noch vor dem Krieg der „Berliner Sezession“ an (Kirchner und Pechstein). Ernst Ludwig Kirchner erschoß sich 1938 in Davos/ Schweiz; Wassily Kandinsky trieb seine Arbeiten im Bereich der Farbstudien weiter in Richtung der reinen Abstraktion, wurde später zusammen mit Paul Klee Professor am Dessauer Bauhaus und emigrierte mit dessen Auflösung wie so viele bedeutende Künstler nach den USA.

Kaum eine deutsche Kunstepoche entwickelte sich so schnell, brach so radikal mit herkömmlichen Konventionen und wurde zu ihrer Zeit energischer abgelehnt (und später umso euphorischer gefeiert) wie der Expressionismus. Diese Epoche ist die vorweggenommene künstlerische Explosion der Geschichte.

 
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