|
Die Geschichte Tonio Krögers beginnt in Lübeck, als er 14 Jahre alt ist. Verse schreibt er, jedoch ist er gerade deshalb und aufgrund seiner Lebensart schlecht angesehen und lebt zurückgezogen. Auch mit seinem einzigen Freund Hans kann er sich nicht über die Themen unterhalten, die ihn bewegen. Immer wieder versucht er das Gespräch auf Literatur und insbesondere den „Don Carlos“ von Schiller zu lenken, doch vergebens. Hans interessiert sich mehr für Pferde und die kleinen und großen Probleme eines normalen Jugendlichen. Er verkörpert das genaue Gegenteil von Tonio – er ist angesehen, hat viele Freunde und bringt gute Noten mit nach Hause. Eine Rezension zur Novelle "Tonio Kröger" (1903) von Thomas Mann.
Tonio ist ein verträumter Künstler, den seine Mitmenschen aber nicht als solchen wahrnehmen, weil sie keinen Sinn für Poesie haben. Statt dessen sehen sie in ihm einen Müßiggänger und Tollpatsch. Als der inzwischen 16-jährige Tonio einen Tanzkurs belegt und sich unsterblich in ein Mädchen namens Inge verliebt, bewahrheitet sich dies einmal mehr. Tonio kann nicht tanzen und macht sich vor den anderen lächerlich. Inge hingegen, „die lustige Inge“, bewegt sich mit Leichtigkeit „hin und her, vorwärts und rückwärts, schreitend und drehend“. Zum Geistesleben eines Künstlers hat sie allerdings keinen Bezug.
Einige Jahre später verläßt Tonio seine Heimatstadt. Seine Familie ist zerbrochen und ihn hält nichts mehr in Lübeck. Es zieht ihn gen Süden, wo er seine ersten Werke veröffentlicht. Sie werden bejubelt und Tonio kommt in Berührung mit einem typischen Künstlerleben. Ein Leben zwischen Kunst, Wollust und Haß auf die eigene Dekadenz, zwischen „eisiger Geistigkeit und verzehrender Sinnenglut“ führt er in diesen Tagen. Doch dies ist es nicht, was er will. Seiner Kunst fehlt die Sehnsucht nach einem normalen Leben und die Liebe zu einfachen Menschen. Vom Leben hat Tonio sich davongestohlen, um Menschliches als Künstler darzustellen, ohne daran teilzuhaben.
Dem extravaganten Künstlerleben entfliehend, kehrt Tonio in den Norden zurück. Er möchte nach Dänemark, sehnt sich nach der Weite des Nordens und der Seßhaftigkeit der Menschen. Bei einem kleinen Zwischenstopp in Lübeck merkt er, wie fremd ihm hier alles geworden ist. Niemand kennt ihn hier, sein Familienhaus ist in eine Bibliothek umgewandelt worden und einzig die Region und Eigenart des Landes kann ihn fesseln. Als er auf der Weiterreise nach Helsingör auf dem Schiff einem einfachen Hamburger Kaufmann begegnet, erkennt er, was er so lange vermisst hat. Es ist die Einfachheit der Menschen, die Geborgenheit und Atmosphäre des Nordens. In der Nähe von Helsingör bezieht Tonio Quartier in einem kleinen Hotel. Heimatgefühle wecken sein Herz. Er kommt wieder zur Ruhe und Besinnung. Stundenlange Spaziergänge am Strand prägen seinen Tagesablauf und hin und wieder läßt er sich in der Weite der Landschaft irgendwo ins Moos fallen und döst vor sich hin.
Doch „da geschah dies auf einmal: Hans Hansen und Ingeborg Holm gingen durch den Saal.“ Tonio erkennt sie. Tatsächlich, sein ehemals bester Freund und die angehimmelte Inge sind inzwischen verheiratet und machen Urlaub mit einer Reisegruppe in dem Hotel, in dem auch Tonio bereits eine Weile wohnt. Abends sieht Tonio, wie die beiden tanzen. Die Sehnsucht, die er in sich so lange vermisst hat, ist zurückgekehrt. Sein „Herz lebt“ wieder.
Die Lehre, daß zu guter Kunst nicht nur Begabung für Stil, Form und Ausdruck gehört, sondern auch Leidenschaft und die Liebe zum Gewöhnlichen, Menschlichen und Lebendigen, hat Tonio Kröger auf seinem Lebensweg gelernt. Thomas Mann skizziert in seiner Prosa-Ballade „Tonio Kröger“ die Entwicklung eines jungen Künstlers und beschreibt die Gefahr, in ein selbstgefälliges Künstlertum zu verfallen. |