|
Als die Nachwehen des Ersten Weltkrieges Anfang der Zwanziger Jahre langsam an Intensität zu verlieren begannen und sich die großen Industriestaaten Europas stetig von den Wunden dieser diabolischen Zäsur erholten, entstand in Deutschland langsam wieder ein wachsender Wohlstand und mit ihm die Kunstepoche der „Neuen Sachlichkeit“, die wie wohl keine zweite die Gegenwartskunst unserer Tage beeinflusste.
Barocke Fassaden und elende Hinterhöfe
Der mit amerikanischen Fördergeldern im Deutschland der frühen Zwanziger Jahre aufgebauschte Wohlstand brachte den einstmals aristokratischen Schichten schnell die Behaglichkeit und Lebenssüße zurück, welche sie zu Zeiten des Krieges so oft entbehren mussten. Man begann wieder von goldenen Tellern zu essen, der Wirtschaftsmotor Deutschlands war wieder in Gang gekommen. Innerhalb kürzester Zeit bildete sich in den Großstädten wieder ein reges Bohemeleben heraus, in welchem die „Künstler“, wohl gerade wegen der zurückliegenden weltpolitischen Schmach, um so rauschender feierten. Vergessen waren die erstmals eingesetzten höllischen Kriegswaffen und deren Millionen Tote, vergessen die Hungerkrisen und die Schande des Versailler Diktats. Die Regierung der Weimarer Republik steuerte den deutschen Dampfer für eine kurze Zeit ins ruhigere Fahrwasser der „Goldenen Zwanziger Jahre“.
War die Situation der vom Krieg nicht in Not und Elend zurückgelassenen Klasse bereits kurz nach dessen Ende wieder annähernd auf das alte Lebensniveau gestiegen, hatte sich die Lebenssituation der überwiegenden Mehrheit der Deutschen im besten Falle nicht verschlimmert. Zwar konnte man zu dieser Zeit bereits auf festere politisch-wirtschaftliche Fundamente als noch 1919 bauen, jedoch konnte von einer wirklich soliden Entwicklung keineswegs die Rede sein. Bereits 1923 setzte mit der völligen Entwertung des Geldes (Inflation) der nächste erdbebenartige Schock ein.
Erst gut ein Jahr später begannen die Fahrwasser im europäischen Hafen nun wirklich konstant ruhiger zu werden. In den Goldenen Zwanzigern schloss sich jedoch erstaunlicherweise die überwiegende Zahl der deutschen Schriftsteller und Maler nicht dieser schwerbekömmlichen, so durch und durch subjektiven Boheme-Glückseeligkeit an, sondern schlug sich auf Seiten der Objektivität.
Den Expressionismus abstreifen
Während sich die oberen Zehntausend aufgetakelt und in Feierlaune von einem Gelage zum nächsten schlemmten, verspürten die Künstler jener Zeit den inneren Drang zur Darstellung ihrer politischen und ökonomischen Wirklichkeit. Sehr oft selbst Soldat gewesen, hatten sie den Horror von 1914 bis 1919 am eigenen Leibe erfahren müssen und waren somit keineswegs in Feierstimmung. So zeigten die ersten unmittelbar nach dem Krieg entstandenen, vor allem der Malerei zuzuordnenden Kunstwerke, den Schrecken der Kriegs- und Nachkriegszeit in oft nur schwer zu ertragender Bedrücktheit. Direkt vom Expressionismus beeinflusst, entstanden Epochenwerke wie unter anderem Max Beckmanns „Die Nacht“ (1918/1919).
Ab 1924 setzte eine deutlich spürbare Versachlichung aller künstlerischen Ausdrucksformen ein. Die emotionale Ausdrucksweise des Expressionismus nun für allgemein überholt erkennend, entwickelte sich rasch eine jeglicher Sentimentalität entbehrende Kunstform, welche die kühle Analyse des gesellschaftlichen Ist-Zustandes, der vorangegangenen kindlich verklärten Entrückung in emotionale Traumgefilde vorzog. Besonders stilprägend waren dabei die Genres der Malerei und Literatur; etwas untergeordnet auch die des Films und der Photographie. Prägnante Werke von Dichtern wie Egon Erwin Kisch, Alfred Döblin und Hans Fallada stehen bis heute sinnbildlich für ein nüchternes Ausdrücken politischer Realzustände.
Es ist allzu typisch für das Wesen des (Kunst-)Historikers, die verschiedensten Epochen stets auch in Strömungen unterteilen zu wollen. Im Fall der Malerei der „Neuen Sachlichkeit“ unterscheiden Kunsthistoriker heute die veristische und die klassizistische bzw. magisch-idyllische Strömung. Erstere suchte nach der aktuellen und sich nicht auf den ersten Blick artikulierenden, gesellschaftlichen Wahrheit (veris, lat. – wahr). Maler wie Conrad Felixmüller, Christian Schad oder Curt Querner traten in diesem Zusammenhang mit ihren äußerst präzisen und nüchternen Portraits und Stillleben hervor.
Dix, Grosz, Beckmann
Die Arbeiten der Maler Otto Dix, Georg Grosz’ und teilweise auch Max Beckmanns, ebenso zur Strömung des Verismus gehörig, trieben die Wahrheitsfindung auf die Spitze. Besonders ihr politischer Anspruch an die Kunst ließ sie vielmals gerade den krassen Gegensatz zwischen der Ballhaus-Boheme und den bettelnden Kriegskrüppeln in den Straßen darstellen. Das bekannteste veristische Gemälde ist Otto Dix’ Großstadttriptychon aus dem Jahre 1927/28.
Auf der anderen Seite fanden sich die Maler um Georg Schrimpf, Franz Radziwill und Alexander Kanoldt, welche der mehrheitlich klassisch geprägten Strömung des magischen- oder idyllischen Realismus angehörten. Im Gegensatz zu den Veristen erkannten zwar auch sie die Janusköpfigkeit ihrer Zeit und stellten diese in unsentimentaler Weise dar, jedoch offenbarten sich ihre künstlerischen Welten mehrheitlich in eigentümlich verklärten Landschafts- oder Naturdarstellungen, welche einen stillen Kontrapunkt zu Grosz’ und Dix Fleischbeschau bildeten.
Die Versachlichung der Kunst fand ihren Weg selbst bis ins Gebiet des Designs hinein: Vor allem die neuartigen und enorm schlichten Bau-, Raum- und Einrichtungskonzepte des „Bauhauses“ befanden sich vollkommen auf der Höhe der Zeit. Die Wohnanlagen des Dessauer Funktionalismus sind bis heute der Inbegriff sachlich-rationaler und vom Zweck bestimmter Wohnkultur.
Versachlichung = Resignation?
Wie eingangs erwähnt, gilt der der „Neuen Sachlichkeit“ entlehnte künstlerische Grundgedanke der rational-nüchternen Beschreibung einer Wirklichkeit, als ein wesentlicher Schlüsselzugang zum Kunstgeschehen der letzen 20 Jahre. Besonders das spürbare Abkühlen des wirtschaftlichen Aufschwungs, die sich stetig verschärfenden sozialen Spannungen innerhalb deutscher Großstädte sowie eine generelle Stimmung von Stagnation und Resignation bei gleichzeitig vergleichsweise hohen bis sehr hohen Lebensstandards spiegeln sich auch in der Kunst wider. Besonders die vielfältigen Formen der Medienkunst entlarven mit großer Treffsicherheit den Widerspruch zwischen Sein und Schein der Informationsgesellschaft.
Aber auch Künstler wie der erst kürzlich mit dem „Friedenspreis des Deutschen Buchhandelns“ ausgezeichnete Maler und Objektkünstler Anselm Kiefer sowie der letzthin verstorbene Maler Jörg Immendorff zeichnen sich durch einen mehrheitlich sachlichen Blick auf die Realgesellschaft aus, wenngleich auch unter anderen historischen Vorzeichen als noch anno 1924.
In jüngster Zeit könnten besonders die Maler Matthias Weischer und Neo Rauch der „Neuen Leipziger Schule“ in diesem Zusammenhang genannt werden. Ähnlich ihrer Kollegen aus dem aktuell besonders sachlich, bisweilen sogar monochrom-depressiven Genre des Spiel- und Kurzfilms erschaffen auch sie mystisch-analytische Kunstwerke, welche in ihrer äußersten technischen Präzision voll im Bewusstsein des heute noch aktuellen Erbes der „Neuen Sachlichkeit“ gedeutet werden können. |