Es mag vor allem dem halböffentlichen Charakter der Korrespondenz berühmter Schriftsteller zu schulden sein, dass wirklich Erhellendes über das Leben hinter dem großen Werk nicht gewonnen werden kann. In der Korrespondenz mit Martin Heidegger tritt Jünger jedoch aus dem intellektuellen Boxring heraus. Insofern ist der letztes Jahr bei Klett-Cotta erschienene, erstveröffentlichte Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Martin Heidegger der Jahre 1949-1975 aufschlussreich.
Ein Nachtrag für „Jüngerianer„ und „Heideggerianer“
Freilich handelt es sich hier in erster Linie um einen Nachtrag für „Jüngerianer“, denn ohne biographische und textuelle Vorkenntnisse wird die Lektüre des Buches schnell schwierig. Auch das spärlich gehaltene Nachwort des Herausgebers und Vorsitzenden der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Günter Figal, bringt in diesem Fall wenig Licht ins Dunkel. Hier finden sich zum größten Teil editorische Anmerkungen. Hilfreich dagegen könnten der übersichtlich gehaltene Kommentarteil sowie Titel- und Personenregister sein. Dort findet der Leser bereits die Rolle Ernst Jüngers innerhalb der Korrespondenz angedeutet: mit 44 Briefen gegenüber den 29 Briefen Heideggers tritt er überwiegend als Stichwortgeber auf.
Projekte und Philosophie
Inhaltlich kreist die Korrespondenz sowohl um den Austausch anregender Texte als auch um angedachte Projekte – wie zum Beispiel die für 1949 geplante, aber nicht realisierte Zeitschrift „Pallas“. Ernst Jünger deutet den Grund zur Zurückhaltung beider in einem Brief vom 11. Juni 1949 an: „Wir alle befinden uns ja in einer Lage, in der man der Polemik möglichst nur den Stoff gibt, der unbedingt notwendig ist.“ Bemerkenswert ist dieses Eingeständnis Jüngers, wenn er Heidegger im gleichen Brief drängt, am Zeitschriftenprojekt teilzunehmen. Heidegger gibt darauf jedoch eine ernüchternde Antwort, indem er auf die unumgehbare „Diktatur der Öffentlichkeit“ verweist.
Diese Position begründet sich wohl vor allem aus dem kurzen Lehrverbot des Philosophieprofessors Heidegger und den Komplikationen Jüngers mit den Besatzungsbehörden, eine Anmerkung dazu im Kommentarteil wäre von Nutzen gewesen. „Im Laufe der letzten Jahre ist mir ganz deutlich geworden, daß Schweigen die stärkste Waffe ist, vorausgesetzt, daß sich dahinter etwas verbirgt, das das Verschweigen lohnt.“ Ernst Jünger bestätigt mit diesen Worten im Brief vom 25. Juni 1949 die Position Heideggers. Zugleich kann dieser Satz auch als Stellungnahme zum eigenen Autorschaftskonzept verstanden werden, es scheint, als ob die „Innere Emigration“ nach 1945 fortgesetzt wird. Zweifelsohne trifft man damit in den vorliegenden Briefen den Jünger des Spätwerkes an.
Sprache und modernes Sein – im Zeichen der „Besinnung im gegenwärtigen Weltalter“
Nationalrevolutionäre Empathie wird der Leser also weder bei Heidegger noch bei Jünger vorfinden, der Briefwechsel schürt vor allem in die philosophische Tiefe. Der Ursprung der gegenseitigen Entdeckung kann in Jüngers Großessay „Der Arbeiter“ gesehen werden. Heidegger zeigte sich von dieser Schrift tief beeindruckt, konzipierte sie doch auch die Dominanz der Technik in der „Welt von morgen“. Aus hermeneutischer Perspektive sind vor allem Jüngers Gedanken zur Sprache bemerkenswert. Sprache stehe unmittelbar in Zusammenhang mit dem Bewußtsein, anders ausgedrückt: erst ausgefeilte Sprache macht ein umfassenderes Bewusstsein möglich.
Auf dieses Verhältnis geht er detailliert in der im Buch abgedruckten Schrift „Federbälle“ ein, als Erörterungen zum Nihilismus können die Texte „Über die Linie“ von Jünger und „Zur Seinsfrage“ von Heidegger gelesen werden. In dieser Frage treffen sich beide Denker: die „Besinnung im gegenwärtigen Weltalter“ des Nihilismus – so Heidegger im Brief vom 26. September 1974 – besitze oberste Priorität. Freilich gehen ihre Lösungsansätze auseinander. Während Ernst Jünger auf die menschliche Einsicht und Kraft baut, sieht Heidegger die „Überwindung der Linie“ – wie Jünger die Bezwingung des Nihilismus bezeichnet – im „Rettenden“ begründet und knüpft dabei an den Dichter Friedrich Hölderlin an: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“
Günter Figal bemerkt im Nachwort, dass die abgedruckte Korrespondenz aufgrund weniger fehlender Briefe unvollständig ist. Den „Jünger-„ und „Heideggerianern“ wird das bei 317 Seiten nicht das Lesevergnügen rauben. Für Uneingeweihte bleibt die Korrespondenz der beiden jedoch aufgrund der spärlichen Kommentierung und des knapp gehaltenen Nachworts nicht mehr als ein zuweilen familiärer Gelehrtendisput. |