Startseite Rezension „JaKönigJa“, der scheinbare Sinn der Kunst und das dialektische Verhältnis von Musik und Rezipienten
„JaKönigJa“, der scheinbare Sinn der Kunst und das dialektische Verhältnis von Musik und Rezipienten PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Mittwoch, den 11. Februar 2009 um 01:00 Uhr

JaKönigJa2008 erschien das fünfte Album des deutschen Musikduos „JaKönigJa“ bei Buback-Tonträger: „Die Seilschaft der Verflixten“. Dieses reiht sich nahtlos in eine Abfolge von lichtdurchfluteten, musikalischen Kostbarkeiten ein, mit denen die Hamburger Künstler Ebba Durstewitz und Jakobus Siebels immer wieder für Kopfzerbrechen sorgen. Der eine sieht darin ein künstlerisches Manifest, ein anderer sperrigen Humbug, ein Dritter würde die Texte lieber in einem Gedichtband lesen und auf die Musik verzichten.

Kunst: „Kann man denn davon leben?“

Die Musik des 1994 gegründeten deutschsprachigen Duos gehört zum Eigenwilligsten und Sonderbarsten, was dem geneigten Hörer derzeit zur Verfügung steht. Genrebezeichnungen vergisst man am besten schnellstmöglich. Denn ein Einordnungsversuch kann und wird in diesem Falle dazu führen, sich selbst zu kompromittieren. „Ja KönigJa“ verfolgen mit Erfolg das, was man beinahe kleinlaut Kunst nennen kann und sollte, „hohe Kunst“ um genau zu sein. Wer nicht gleich eine geeignete Definition hierfür zur Hand hat, dem sei mit auf den Weg gegeben: Kunst ist in erster Linie ein Kommunikationsmittel. Sie will Unsichtbares ans Tageslicht bringen und darüber mit anderen Menschen in Verbindung treten.

Die künstlerische Kommunikation fängt in der Regel erst dort an, wo die auf herkömmlichen Sprach- und Verständigungssystemen beruhende Kommunikation aufhört und ins Stocken gerät. Der „künstlerische Wert“ eines Werks beruht nicht in der Unterscheidung von Himmel, Häusern und Menschen. Kunst fordert keine unmittelbar mitsummbare Melodie und lässt ferner die Frage unberührt, ob dieses oder jenes Theaterstück nun schön sei oder nicht. Vielmehr kommt es darauf an, dass das Vorliegende handwerklich und inhaltlich maximal beherrscht, originär und authentisch ist. Es kommt aber darauf an, dass alles, was „vermittelt werden soll“, so klar wie nur möglich ist und von keinem aufgestülpten „Stil“ verfälscht, erfühlbar und die Distanz überbrückend an den Konsumenten herankommen kann. Dies setzt natürlich die Vorurteilsfreiheit des Rezipienten voraus.

„JaKönigJa“ bleibt äußerst sperrig, zweifelsohne. Doch Fragen nach dem „Goldenen Schnitt“, der „Symmetrie“ und dem „schönen Stil“ kommen nur dann in Betracht, wenn sich Akademiker der Kunst bemächtigen und diese erfolglos in ein System zwängen wollen. Viel wichtiger scheinen größtmögliche, allumfassende und zeitlose Gültigkeit. Somit darf die im letzten Stück der Platte gestellte Frage „Kann man denn davon leben?“ nicht als Spaß verstanden werden, sondern ist vielmehr Programmatik. „JaKönigJa“ werfen zu Recht die Frage auf, wie zeitgemäße Kunst am Anfang des dritten Jahrtausends aussieht und liefern dazu mit ihrer „Seilschaft der Verflixten“ wieder einmal einen äußerst kontroversen Beitrag.

Es stellt sich aber die Frage nach der Anerkennung der Zeitgenossen. Vor allem bei epochalen Künstlern wie Ludwig van Beethoven, dem Wegbereiter der Pop-Art Robert Rauschenberg, dem expressionistischen Maler Ernst Ludwig Kirchner oder dem österreichischen Schriftsteller Robert Musil kann diese keineswegs vorausgesetzt werden. War ihr Ansatz damals schon verständlich? Sicher nicht. Vielmehr bewahrheitet sich aufs Neue die Theorie, ein wirklich bedeutender Künstler teile in seiner Kunst Erkenntnisse mit, die seiner Zeit voraus sind.

Der dozierende Finger fehlt

„JaKönigJa“ produzieren andere Musik. Was brüsk und bizarr anmutet, will nach dem beschwerlichen ersten Konsum zunächst verdaut sein. Hier kommt es auf Ausdauer und forschende Neugier an. Sympathisch bleibt bei „JaKönigJa“ das Fehlen jeglichen Belehrungsversuches. Die zwischen den Sphären schwebenden Melodien, welche hier abrupt enden, dort wieder auftauchen und sich manchmal im Nichts verlieren, werden von Durstewitz’ allgegenwärtiger Stimme koloriert und in ihrem Facettenreichtum noch multipliziert. Die Namen von Stücken wie „Ach Golgatha!“, „Ich schände deine Seele (jeden Tag)“ und „Das Problem des dezidierten Geschmacks“ verraten „JaKönigJas“ lustvollen Umgang mit dem Wort. Das Beiheft erscheint wie ein kleines Gedichtbändchen neuester Lyrik. Und nach ausgiebiger Lektüre erfreut es, diese Lyrik auch noch vertont zu finden.

Doch „JaKönigJas“ Kunst ist weit mehr als nur vertonte Poesie. Man gewinnt den Eindruck, es handle sich hierbei um das Ausloten von Seelenzuständen, um das zarteste Ausdifferenzieren des Lebens mit einer künstlerischen Wünschelrute. Was Jakobus Siebels und Ebba Durstewitz ans Licht bringen, hat bislang noch niemand so zu Gesicht bekommen, obwohl es alle kennen. Vergleichbar mit dem Schauer der einen überlaufen würde, wenn man sein eigenes schlagendes Herz in Händen halten könnte, ist das hier Erlebte und „Erhörte“ vertraut und fremd zugleich. Man kennt die Sehnsucht, kennt das entwürdigende Gefühl beim Erreichen philosophischer Grenzen, man kennt die körperliche Nähe zu einem geliebten Menschen und die Gefühle dabei. Dies wurde und wird millionenfach beschrieben. „JaKönigJa“ lösen nun Bruchstücke dieser Beschreibungen von Altbekanntem heraus, sie betrachten einzeln und drehen und wenden – nicht nur die künstlerischen Perspektiven.

Die Dialektik der Musik

Eines wird nach dem Hören deutlich: „JaKönigJa“ taugen zum Gradmesser für den Wert der Kunst an sich. Denn ob Kunst einen unmittelbaren und praktischen „Sinn“ hat, ist vollkommen offen. Kunst muss nicht notwendig sein und ist dennoch vorhanden. Wozu führt dieser scheinbare Nihilismus? Nicht in die Auflösung, nein, ausnahmsweise nicht, sondern in die Verklärung. Kunst kann hier offenbar die mythische Lücke füllen. Das mediale Überangebot an dem, was man öffentlich mehr oder weniger als „Kunst“ bezeichnet, führt unzweifelhaft dazu, dass sich auf Dauer nur das artistisch bewährt, was im künstlerischen Sinne gut und richtig ist. Unter diesem Blickwinkel erscheinen „Tokyo Hotel“, „Bushido“ und Co. getrost als kraftvolle, aber kurze Gewitterblitze. Und genau hier liegt der springende Punkt: Kunst ist selektiv. Sie setzt ein entsprechendes Publikum voraus, um sich ihrer selbst überhaupt erst bewusst werden zu können. Somit existiert sie streng genommen erst, wenn sie auch erkannt wird. Aus diesem dialektischen Verhältnis entsteht ein künstlerisches Gesamtwerk. Das ist im Falle von „JaKönigJa“ noch nicht bis zur Zufriedenheit geschehen und dies nicht etwa aus Qualitätsgründen, sondern der Verständlichkeit wegen. Es fehlt ein aufnahmebereites Publikum.

Doch gerade das „Sonderbare“ und „Eigenwillige“ macht „JaKönigJa“ aus. Der Quotenhörer versteht dies schlicht und einfach nicht und wird die gerade erworbene CD vielleicht sogar angeekelt wegwerfen. Er dürfte bereits nach dem ersten Hören sein vollkommen fertiges und unumstößliches Urteil fällen und die Musik unmelodisch oder schroff, kantig oder überzogen nennen. Doch das ist der falsche Weg. Unbekanntes sollte wertfrei und unvoreingenommen betrachtet und tiefgründig studiert werden. Was für Durstewitz und Siebels künstlerischer status quo ist, stellt für 99 Prozent der Hörer unbekanntes Neuland dar.

Man kann sich also in der Kunst am Beispiel von „JaKönigJas“ vom Credo leiten lassen: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht!“. Oder man legt seinen eitlen Stolz ab, macht sich frei vom Vorurteil und hört zu und wächst stetig mit. Zum Licht selbstverständlich.

JavaScript ist deaktiviert!
Um diese Inhalte anzuzeigen, benötigen Sie einen JavaScript-fähigen Browser.

 
ANZEIGE

Verwandte Themen

Rundbrief







Aufgepasst!

Banner

Umfrage

Das größte Problem in Deutschland ist ...
 
Die dringlichste Aufgabe der deutschen Konservativen ist ...