Startseite Rezension Nichts als emotionale Dokumentation – die „Alte“ und „Neue Leipziger Schule“
Nichts als emotionale Dokumentation – die „Alte“ und „Neue Leipziger Schule“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Mittwoch, den 18. Februar 2009 um 01:00 Uhr

MattheuerKünstlerische Gesellschaftstheorie, die Zweite: Welchen Sinn und welche Aufgabe hat Kunst heute noch? Kann man die jeweiligen Erscheinungen in der Gegenwart überhaupt erfühl- und verstehbar machen oder ist dies immer erst im Nachgang möglich? Man kann es – und vielleicht kommt dabei gerade der optisch erlebbaren Kunst, also der modernen Malerei, eine besonders wichtige Rolle zu. Der Wert des Bildes übersteigt heute den des Wortes, der Musik und leider auch noch den der Tat.

Was wir früher nicht durften, ...

Eine Aufgabe von Kunst ist das Offenbaren von Wegen, das Zur-Schau-Stellen von Möglichkeiten und emotionalen Alternativen, jedoch nicht im Sinne einer Ideologie oder eines hermetischen Sinnsystems. Ihre Sprache ist vor allem deswegen komplexer und ernsthafter, weil das eigentlich Wichtige im Wortsinn un-aus-gesprochen bleibt. Hier liegt ein entscheidendes Qualitätskriterium, wie die „Leipziger Schule“ beweist. Kein gegenwärtig diagnostizierbares Nicht-Können fundierte die verbale Stille und künstlerisch-metaphorische Lautstärke von Bernhard Heisig, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer, sondern ein Nicht-Dürfen. In Mitteldeutschland lag das vor allem an der politisch-moralischen Ausnahmesituation zwischen 1949 und 1989. Das freie Wort ebenso wie politische und künstlerische Kritik am „Sozialistischen Realismus“ waren schlichtweg fehl am Platz.

Geprägt von der bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden Leipziger Tradition der qualitativ hochwertigen Malerei und Graphik, fanden sich die Maler in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone zusammen. Der Älteste unter ihnen, Bernhard Heisig, kam aus Breslau und hatte dort bereits bei seinem Vater erste Tuchfühlung mit der bildenden Kunst genommen. Zusammen mit den nur wenige Jahre jüngeren Künstlern Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer wurde er an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig ausgebildet, an welcher sich die besagte epochengebende Schule später formierte.

In der DDR existierte schon von Anfang an kein Kunstmarkt im kommerziellen Sinne. Es gab streng genommen einen einzigen Auftraggeber, nämlich das Volk selbst – also den „Arbeiter- und Bauernstaat“.

Zweifelsohne besaß die herrschende Kunstdoktrin des „Sozialistischen Realismus’“ denWerner Tübke entscheidenden Vorteil, dem Aufblühen einer handwerklich unsoliden Avantgarde vorzubeugen. Sie legte jedoch auch die verschiedenen künstlerischen Genres lahm. Dass der „Sozialistische Realismus“ nur Bauern mit Traktoren, Badende am Ostseestrand und Baustellen mit sozialistischen Arbeitern sehen wollte, stimmt aber nicht. Einigen Künstlern gelang es immer wieder sich mit Feingefühl und Redegewandtheit durch dieses engmaschige Netz hindurchzumogeln, solange sie dem Realismus treu blieben. Informelle Kunst wie in Westdeutschland war dennoch undenkbar.

Auf eben diesen Spagat zwischen künstlerischer Freiheit und Staatsdoktrin ließen sich Heißig, Tübke und Mattheuer ein. Ihre hohe Stellung innerhalb der Bildenden Kunst der DDR ermöglichte ihnen dabei einen gewissen Spielraum. Zudem waren alle drei anerkannte Kunstprofessoren. Heisig entlehnte seinen Malduktus direkt dem „Sozialistischen Realismus“ Neo Rauchund fand alternative Themen, welche vor allem durch ihren hohen geistes- und weltgeschichtlichen Anteil nicht immer im ideologischen Sinne „einwandfrei“ waren. Tübke zog sich in einen Elfenbeinturm zurück und betrieb Malerei á la Neorenaissance, welche zwar auf den ersten Blick auch Bauern und Handwerker zeigte, jedoch mit so vielschichtigen und teilweise offensichtlichen Doppelbödigkeiten aufwartete, dass dies mit der herrschenden Kunstdoktrin nicht mehr viel gemein hatte. Mattheuer fand schließlich einen dem „Sozialistischen Realismus“ optisch ähnlichen Stil, dem es jedoch nicht an Gesellschaftskritik mangelte.

Was einte nun diese drei so unterschiedlichen Künstler in ihren untereinander so heterogenen Malweisen und Ausdruckformen, welche 1977 sogar als die repräsentativen DDR-Künstler zur „documenta“ nach Kassel entsandt wurden? Zum einen ihre hohe technische Fähigkeit, zum anderen ihr quasi romantischer Rückzugsgedanke. Alle Drei vertraten die Idee der „Inneren Emigration“. Zur Erhaltung des Scheinfriedens zwischen Kunst und Staat porträtierten sie auch mal Lenin oder stellten eine Arbeiterfamilie dar. Anstatt eines sinnlos konfrontierenden Kampfes gegen das System griffen sie auf versteckte und kluge Metaphern zurück. Tübke, Heisig und Mattheuer konnten ihre Werke in sämtlichen offiziellen Ausstellungen zeigen und waren gesellschaftlich anerkannt, wenngleich sie von der Regierung scharf beobachtet wurden.

Die „Leipziger Schule“ stellte somit keine direkte „Protestbewegung“ dar. Energischer Protest wäre einem politischen und künstlerischen Selbstmord gleichgekommen. Stattdessen dominiert die stille Abkehr. Diese baute auf maximales Beherrschen der künstlerischen Ausdrucksmittel und die metaphorische Chiffrierung eigener Gesellschaftskritik innerhalb des „Sozialistischen Realismus“.

... könnten wir heute, doch ...

Die Forderung nach aktiver Gesellschaftskritik durch Kunst ist heute und war in der DDR schon wegen dem quantitativ zu geringen, mehrheitlich intellektuellen Publikum viel zu aussichtslos. Heute wäre dies nur ein Um-die-Wette-Schreien mit den Talkmastern des Vorabendprogramms. Das Prinzip des Zuhörens setzt eine Nachbereitung durch Verstehen voraus, dazu ist Denken notwendig. Und wer denkt, wenn er unterhalten sein will?

Der Gegenwartsmensch filtert zumeist nur die tagespolitischen und gesellschaftlichen Ereignisse heraus: Minister Jung sitzt im Beduinenzelt, Greenpeace rettet Delphine, Britney sieht man mal oben oder unten ohne. Trotzdem soll ein vollkommen hypothetisches Experiment versucht werden: eben derselbe BILD-Zeitungsleser sehe ein Gemälde von Tim Eitel, David Schnell oder Neo Rauch – surreale und doch klar erkennbare Zusammenhänge aus collagierten Momentaufnahme gegenwärtiger Stimmungen. Hier liegt die Kunst der Erben von Heisig, Tübke und Mattheuer in der dritten Generation.

Was denkt der Medienmensch, wenn er Eitels dicke Schulkinder sieht, die durch einen sich öffnenden Spalt in eine ungewisse Zukunft starren? Wohl nicht direkt viel, nur wird sich das Gefühl langfristig ändern. Die Maler der zumindest durch die lokale Bezeichnung richtig definierten „Neuen Leipziger Schule“ wollen keinen Aufruhr, sie wollen zeigen, wie sich das Jetzt im Hier anfühlt.

Ohne jegliche Übersteigerung verdeutlichen diese Werke in ihrer kühlen und zurückgezogenen Aura genau das durch und durch romantische Empfinden einer Generation, welche die fetten Jahre nach 1990 in vollen Zügen einsaugte und keine zehn Jahre später im Existenzkampf ums Morgen begriffen war. Deren Konflikt wird nun durch bildende Kunst artikuliert.

... es kann nicht unser Anliegen sein.

Noch mal also: Welchen Sinn hat Kunst für eine Gesellschaft? Einmal kann sie Gesellschaftszustände aufzeigen und eröffnet damit eine neue Wahrnehmungsqualität, als das Munkeln, das bloße Wissen darum. Man kann von der Armut in Tim Eitelder Dritten Welt wissen oder ich kann sie sehen. Ganz ähnlich verhielt sich das in der Wahrnehmung der „Leipziger Schule“ in der DDR und bei deren Enkeln heute. Man kann Melancholie als einen Zustand empfinden, kann ihn dumpf als etwas Störendes erahnen, dessen Quelle man nicht kennt oder man kann die Melancholie sehen und sich ihrer als zersetzendes Prinzip bewusst werden.

Ferner kommt der Kunst stets die Aufgabe der Zeitdokumentation zu. Die Zeit zwischen 1806 und 1848 kann der Interessierte im Geschichtsbuch kennenlernen und dort allerhand abstrakte Fakten aufnehmen. Der weit intensivere und erfühlbarere Kontakt mit dieser Zeit entsteht aber mit Hilfe der Zeit- und Wesensdokumentation der Kunst, zum Beispiel in Thomas Manns Buddenbrooks, in der Malerei vielleicht bei den deutschen Romantikern Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus.

Emotionaler Zugang zu Geschichte

Die Kunst ermöglicht somit neben dem wissenschaftlichen einen zweiten, nämlich den emotionalen Zugang zu einer Zeit. Dieser kann vor allem durch das Aufwerfen zeitloser Fragestellungen sittlich bildend und erziehend wirken. In den Werken der ersten Generation der „Leipziger Schule“ treten die Zustände der DDR heute noch genauso zutage wie vor 40 Jahren. Bei den schöngefärbten Werken des „Sozialistischen Realismus“ ist das nicht der Fall, denn diesen fehlen allgemeingültige, zeitlose Fragen.

Beiden Generationen der „Leipziger Schule“ wurde gleichfalls die zu geringe gesellschaftliche Wirkmächtigkeit unterstellt, der aktuellen besonders deutlich. Nirgendwo dringt ein Urschrei hervor wie etwa bei politischen Manifesten – wie zum Beispiel dem „Futuristischen Manifest“ von 1909.

Stattdessen wird Kunst hier selbst zum Manifest. Denn Kunst sollte zeigen, was ist und wie es war, aber  niemals  versuchen, dies zu ändern. Hier beginnt der Bereich der Politik. Gute Kunst will zeitlos sein, will ewig werden. Dies funktioniert nur – wie bei Thomas Mann – mit ironischer Reflektion der eigenen Epoche, mit Distanz zur akribischen  Zeitkritik. Die „Neue Leipziger Schule“ will genausowenig wie die „Alte Leipziger Schule“ aktiv einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen. Denen aber, die ähnlich tiefgründig die Dinge durchdringen wollen, soll jedoch zumindest eine gültige und tröstende Bildsprache gegeben werden.

 
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