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Nibelungen 2.0

Mittwoch, 14 November 2012 07:14 von Benjamin Jahn Zschocke

Es ist die Frage, die sich in Bayreuth jedes Jahr neu stellt: Inwiefern läßt sich ein historischer Stoff aktualisieren? Baal Müller wagte eine erstzunehmende Standortbestimmung.

Das Mosaik neu zusammensetzen

Der Nibelungenstoff wird im Vorwort zu Baal Müllers Werk Die Nibelungen nach alten Quellen neu erzählt als zersprungenes Mosaik beschrieben, von dem man heute nur mehr eine Ahnung habe, wie es dereinst ausgesehen haben mag. In Europa erhielten sich davon zwei Versionen, also zwei Möglichkeiten, das Puzzle mit möglichst wenig Leerstellen wieder logisch zusammenzusetzen: In Mitteleuropa das Nibelungenlied und die Wälsungensage in Skandinavien.

Baal Müller, der Deutsche, entschied sich für das Nibelungenlied und schloß doch das andere nicht ganz aus, tropfte es stattdessen wohldosiert hinzu. Anders als beispielsweise Joachim Fernau mit seinen Disteln für Hagen bewegt sich Müller sprachlich und habituell im Großraum des Epos. Sein Werk, bildlich grandios von Arbeiten Linde Gerwins unterstützt, ist im besten Sinne ein phantasie– und kunstvolles Lesebuch und eben keine polemisch-​psychologische Innenschau der deutschen Seele wie bei Fernau.

Keine künstlerischen Experimente: Einsicht in die Notwenigkeit

Müller erweist sich als großer Kenner des Stoffes und weiß, daß dessen enorme Bekanntheit eben auch ein Problem ist. Denn nirgendwo sind die Hobbyexperten so zahlreich wie an den Gemeinplätzen. Jeder weiß immer irgendwie, wie der Stoff zu klingen hat, welche optischen und epischen Codes er birgt – und eben über die Negativdefinition: wie genau er nicht zu klingen hat. Ist dieser ganz besondere Ton nicht angeschlagen, rümpft nicht nur der Kenner die Nase, sondern auch die breite Masse. Und deshalb versucht Müller bei seiner Nacherzählung das verwegene künstlerische Experiment erst gar nicht, sondern schlägt den Grundton an, den jeder bei diesem Stoff erwartet.

Doch Baal Müller ist nicht einfach nur ein Märchenonkel, der gern in anachronistischer Tracht im Edeka steht und die Gegenwart gepflegt scheiße findet. Die literarischen Kulissen des altbekannten Nibelungenliedes verschiebt er nach seinen Plänen: Erzählt wird die Geschichte aus den Blickwinkeln Hildebrands und eines Schamanen, wird so polyphon und erst im eigentlichen Sinne zur Neuerzählung. Altbekannte Erzählwege werden in die andere Richtung beschritten, überflogen, untergraben – es werden Parallelschneisen geschlagen. Trotz fester lokaler und personeller Marksteine entsteht ein neues Netz zwischen den bewährten Fixpunkten, das die Synapsen kitzelt, als hätte man im tausendmal gesehenen Lieblingshistorienfilm den Protagonisten neue Dialoge und Kostüme verpaßt. Zu Deutsch: Ganz großes Kino!

Baal Müller und Linde Gerwin: Die Nibelungen nach alten Quellen neu erzählt. 192 Seiten, Arun Verlag 2004. 19,95 Euro.

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