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Manifest für den kritischen Blick

Dienstag, 20 November 2012 09:05 von Gregor Burchardt

AUS DER MOTTENKISTE: Mozarts „Zauberflöte“ gilt als eine der schönsten Opern. In Mozarts Werk hat sie eine Sonderstellung. Sie ist charakteristisch, weil sie anders ist.

Mozarts Verwirrspiel um Riesenschlangen, feenartige Königinnen, Papageienmenschen, Prinzen, Tempel und Prüfungen mutet an wie ein kunterbuntes Kindermärchen. Es ist aber weit mehr als das. Die Zauberflöte ist ein politisches Manifest. Sie bringt radikale Forderungen der Aufklärung in einer, der starken Zensur ihrer Zeit geschuldeten Camouflage auf die Bühne.

Der Held und die Prinzessin. Ein Märchen?

Tamino, der Held der Geschichte, verliebt sich in das Bildnis der Pamina. Kurz darauf trifft er ihre Mutter, die „Königin der Nacht“. Diese schickt den von Liebe motivierten Jüngling auf eine gefährliche Mission: Ihre Tochter wurde vom bösen Tyrannen Sarastro entführt und in dessen Reich verschleppt. Tamino soll sie befreien und darf sie zur Belohnung heiraten. Soweit der übliche Märchenstoff. Tamino wird nun, so nehmen wir an, einige Abenteuer bestehen, den Tyrannen im Duell töten und mit Pamina glücklich über das Reich ihrer Mutter herrschen. Doch erfährt die Geschichte einen frühen Bruch. Genau wie Tamino weiß der Zuschauer nicht, wer nun wirklich die Rolle des Guten und wer die des Bösen spielt.

Er stockt an den Pforten zu Sarastros Tempel. Dort liest er die Aufschriften: „Natur“, „Vernunft“ und „Weisheit“. Vokabeln, die eindeutig dem Kontext der Aufklärung zuzuordnen sind. Er ist irritiert und beginnt zu zweifeln, ob er hier den Bösewicht der Geschichte finden wird:

Es zeigen die Pforten, es zeigen die Säulen,

Daß Klugheit und Arbeit und Künste hier weilen.

Wo Tätigkeit thronet und Müßiggang weicht,

Erhält seine Herrschaft das Laster nicht leicht.

Von einem der Priester dazu eingeladen, tritt Tamino in den Tempel ein, um sich selbst ein Bild zu machen. Er beginnt damit, kritisch zu hinterfragen. Stück für Stück kommt er dahinter, dass er einer Täuschung aufgesessen ist. Tamino besteht mehrere Prüfungen und findet den Weg zur ultimativen Erleuchtung.

Eine Oper mit geheimer Botschaft

Damit wird er aufgenommen in den Kreis derjenigen, die erleuchtet sind: Den Illuminaten. Diese Interpretation ist eindeutig. Durch Begriffe aus dem Bereich „Tempel“ und „Bauen“, über die Kontexte „Weisheit“ und „Licht“ bis hin zum „ewigen Band“, sind die Verweise nicht anders zu deuten. Besonders, wenn man berücksichtigt, dass sowohl Mozart, als auch Emanuel Schikaneder, der Verfasser des Librettos, Mitglieder in Wiener Freimaurerlogen waren. Nach der Logenreform von 1785 waren die verbotenen Illuminatenorden in den Wiener Freimaurerlogen aufgegangen. Ob Mozart nun formell „Illuminatus“ war, ist unklar. Ein enger Kontakt zu führenden Illuminaten ist allerdings belegt.

Dan Browns Romane und gängige Verschwörungstheorien beiseitegelassen, muss man sich vor Augen führen, was Freimaurer und Illuminaten im Kern gewesen sind: Es handelt sich hier um Bünde, die radikalaufklärerische Themen diskutierten und mehr oder weniger offen vertraten. Sie standen vor allem in strikter Opposition zum Dogmenglauben der katholischen Kirche. Unter Joseph II., der als aufgeklärter Monarch galt, war es gelungen, viele öffentliche Ämter mit Illuminaten zu besetzen. Unter anderem zentrale Stellen in den Zensurbehörden. Daher die Notwendigkeit einer Camouflage der Aussagen: Die Thesen der Zauberflöte in nackter Form präsentiert, konnte niemand in der Zensurbehörde durchwinken. Ein märchenhaftes Stück um Drachen und Zauberflöten dagegen konnte aber aufgeführt werden, ohne, dass man den Zensoren etwas hätte vorwerfen können.

Liebe und Weisheit triumphieren über Lüge und Machtgier

Im Laufe der Handlung wird immer mehr deutlich, dass nicht Sarastro der Bösewicht ist, sondern die Königin der Nacht. Es wird deutlich, dass sie nicht die leidende Mutter einer entführten Tochter ist, sondern aus reiner Machtgier den Tod Sarastros will. Dies beweist sie in ihrer weltberühmten „Rache-​Arie“, in der sie ihrer Tochter Pamina den Mord an Sarastro befiehlt und ihr mit Liebesentzug droht. Dieser, auch musikalisch extrem hysterischen Darbietung steht Sarastros „Hallen-​Arie“ diametral entgegen. Sarastro findet Pamina mit dem Dolch in der Hand, grübelnd. Statt sie zu verhaften, singt er von Liebe und Vergebung, was von einem warmen, wohligen Klang untermauert wird.

Schließlich ist es Pamina, die Tamino durch die letzte, lebensgefährliche Aufnahmeprüfung führt. Beide werden nun in den Weisheitstempel Sarastros aufgenommen und das Licht triumphiert über die Dunkelheit, die Königin der Nacht und ihr Figurenkreis werden vernichtet. Gesiegt haben auch Weisheit und Liebe über Verblendung, Machtgier und Hass.

Die Figuren sind konkret dechiffrierbar

Genau wie Sarastro und sein Reich konkret dem Kreis Freimaurer–Illuminaten-​Aufklärer zugeordnet werden können, kann man die Königin und ihren Kreis als katholische Kirche identifizieren. Ihr erster Auftritt, von oben kommend, mit Silberkrone muss den zeitgenössischen Betrachter an die Mariendarstellungen im Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts erinnert haben. Sie konnten diese Figur nicht anders deuten.

Man darf ihre Dämonisierung allerdings nicht als ein antireligiöses Bekenntnis verstehen. Sarastro vertritt durchaus christliche Standpunkte wie Nächstenliebe und Vergebung. Die Kritik der Zauberflöte richtet sich gegen die Institution katholische Kirche und ihren blinden Dogmenglauben, ihren Machthunger und ihre politische Skrupellosigkeit. Pamina, die geraubte Tochter, die sich dem Lichtreich anschließt, darf also als Personifikation eines aufgeklärten Glaubens gedeutet werden. Tamino, das ist eindeutig, ist ebenfalls aufgeklärt, verkörpert als Prinz allerdings die Ebene staatlicher Gewalt und damit den idealen Herrscher.

Tamino ist die zentrale Figur in Mozarts Zauberflöte. Seine Stationen lauten wie folgt: Motivierung durch die Liebe. Liebe in einem ethischen und poetischen, keinesfalls biologischen, durch Triebe gesteuerten Sinne. Dann folgt die Illusionierung. Er folgt blind den Anweisungen der Königin und wird zu ihrem Werkzeug. Die Bruchstelle ist seine Begegnung mit dem Hohepriester aus Sarastros Reich, der ihm nicht viel mehr sagt, als dass Sarastro im Tempel wohne, Tamino aber selbst herausfinden müsse, ob er ein Bösewicht sei. Durch kritisches Hiterfragen und offenes Forschen kommt Tamino hinter das Geheimnis und erlangt seine letzte Stufe: Erleuchtung, Weisheit.

Die Aktualität der Botschaft ist größer denn je!

Die Zauberflöte ist also weit mehr als eine Oper für Einsteiger. Ihre Arien sind weltberühmt, geradezu volksnah. Ihre Musik ist leicht, ihre Figuren manchmal komisch und sympathisch. Sie bietet aber sowohl auf musikalischer, als auch auf inhaltlicher Ebene deutlich mehr als einen Einstieg in die Opernmusik. Sie stellt die Forderung nicht nur für jeden Herrscher, sondern für jeden Menschen: Sei wahrhaft offen, kritisch, frage! Sei tugendhaft, standhaft, und nicht schwatzhaft! Stellvertretend für die Kernaussage der Oper stehen die letzten Verse des ersten Aktes:

„Wenn Tugend und Gerechtigkeit

Der Großen Pfad mit Ruhm bestreut

Dann ist die Erd ein Himmelreich

Und Sterbliche den Göttern gleich.“

Anmerkung der Redaktion: Hat ihnen dieser Beitrag gefallen? Eine Autorenpatenschaft für Gregor Burchardt können Sie hier abschließen.

Photo: Figuren aus der Zauberflöte am Theater an der Wien (Zyance/​Wikipedia/​CC)

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