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Histo-​Trash und kein Ende

Freitag, 23 November 2012 10:15 von Claus Wolfschlag

In historischen Figuren verdichten sich häufig politische und nationale Mythen. Enthistorisiert wird die Person zu einer Ikone, zum Symbol eines bestimmten Geistes.

Nun ist der geistige Überbau der USA von dem Selbstverständnis geprägt, ein Hort von Demokratie und persönlicher Freiheit zu sein. Bildlich verkörpert wird dieser Anspruch gerne durch telegene historische Persönlichkeiten, sei es John F. Kennedy, Martin Luther King oder auch Abraham Lincoln, dessen Konterfei gar die 5-​Dollar-​Note ziert.

Der Präsident der Sklavenbefreiung und doch kein Saubermann

Lincoln (18091865) steht im populären Gedächtnis vor allem in Verbindung mit der amerikanischen Sklavenbefreiung. Nur war der 16. US-​Präsident aufgrund seiner baptistischen Herkunft ein eher gemäßigter Gegner der Sklaverei. Dennoch ist überliefert, dass er den Sezessionskrieg gegen die abtrünnigen Südstaaten allein deshalb geführt hatte, um die politische Union der USA zu erhalten. Die Sklavenfrage wurde daraufhin vor allem gelöst, um den wirtschaftlichen Konfliktstoff, der zur Abspaltung der Südstaaten geführt hatte, ein für allemal zu beseitigen. Ein nach heutigem Maßstab reiner Saubermann war Lincoln zudem nicht, wurde doch unter seiner Führung die indianische Urbevölkerung massiv aus ihren angestammten Territorien im amerikanischen Westen verdrängt.

Doch Fakten sind häufig zweitrangig, wenn es gilt, den Massen Mythen zu präsentieren. Dass dies in heutiger Zeit mit Popkultur, gar mit Trash bestens gelingen kann, beweist einmal mehr der amerikanisch produzierte Horrorstreifen Abraham Lincoln Vampirjäger. Dessen russischer Actionregisseur Timur Bekmambetov erzählt die Geschichte Lincolns neu. So arbeitete der US-​Präsident im Verborgenen als Jäger einer grausamen Spezies von Blutsaugern, die sich heimlich unter die Bürgerschaft gemischt hatte. Der Volksfeind lauerte demnach im Inneren der Nation.

Politische Weltgrößen im Kampf mit den Zombies

Es versteht sich für den Regisseur von selbst, dass sich hinter den Unabhängigkeitsbestrebungen der Konföderierten ein von den Vampiren dominierter Aufstand verbarg. Der Feind der USA ist also kein Mensch mehr, sondern ein Monster. Ein Story-​Konzept, das sich in Nachfolgefilmen locker auf Japaner, „Nazi-​Deutsche“ oder Araber ausdehnen ließe. Da hilft nur radikales Killen für die Freiheit.

Dass Bekmambetov dabei alles ganz anders macht als Christopher Nolan, der mit dem Batman-​Film The Dark Night Rises soeben ein Meisterwerk hingelegt hat, versteht sich von selbst: Hölzerne Dialoge, oberflächliche Personendarstellungen, aber viel spritzendes Blut.

Und auch ein Low Budget-„Mockbuster“ hat sich gleich noch an den vermeintlichen Kassenerfolg gehängt und präsentiert faktisch die gleiche Story nur mit konföderierten B-​Movie-​Untoten: Abraham Lincoln vs. Zombies. Würde man Angela Merkel als Zombie, Trittin als blutsaugenden Vampir und Steinbrück als heulenden Werwolf in Szene setzen, hätte das wohl noch satirischen Charme. Bekmambetovs Streifen meint es aber Ernst – mit der Unterhaltung. Armer Lincoln!

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