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Die etwas andere Waldeinsamkeit

Montag, 10 Dezember 2012 07:18 von Benjamin Haasis

DER AKTUELLE ROMAN: Was passiert, wenn ein Kernmotiv der Romantik mit der modernen Geschäftswelt zusammentrifft? Martin Suter liefert mit seinem Roman das passende Worst-​Case-​Szenario.

Mit einer Geschichte, die wie eine Mischung aus Thoreaus Walden und Stevensons Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde wirkt, zeigt Suter die Unvereinbarkeit zweier grundverschiedener Lebensauffassungen, die zwingend auf einen klassischen, in zahlreichen Western vorexerzierten Show-​Down hinausläuft.

Keine Hobbies, keine Familie, keine Gefühle und eine wichtige Naturerfahrung

Hauptfigur des Romans ist der Wirtschaftsanwalt Urs Blank. Dessen Leben besteht bei Licht gesehen aus einem modernen und teuren Nichts. Sein Privatleben beinhaltet nichts als eine unklar definierte Beziehung zu einer High-​Class Designerin und einem routinemäßigen, wöchentlichen Treffen mit seinem einzigen Freund zum Mittagessen. Keine Hobbies, keine Familie, keine Gefühle. In seinem Beruf ist er zwar überdurchschnittlich erfolgreich, kann aber weder seine Mandanten noch seine Mitarbeiter leiden.

Aus diesem Leben führt ihn eine Verkettung von Einwirkungen. Die bloße Naturerfahrung nach einem Geschäftstreffen bringt die Veränderung ins Rollen. Es folgen Räucherstäbchen, eine Affäre mit deren Verkäuferin, einem jungen Hippiemädchen, Bekanntschaft mit Joints und schließlich ein Trip mit halluzinogenen Pilzen. Vor allem letzteres verändert die Psyche von Blank grundlegend.

Die Beschreibung des Trips ist in dem auch ansonsten nicht vom Schmunzelfaktor freien Buch ein komödiantisches Feuerwerk, kippt jedoch mit dem Alleingang Blanks ins Philosophische. Die Feststellung von Parallelen zu Fichtes Ich-​Philosophie ist hier wohl kaum zu hoch gegriffen.

Und wieder: Der Waldgang

Aus dem kalten Wirtschaftsanwalt wird ein impulsiver Naturliebhaber mit Hang zum Einzelgängertum. Es folgen ausgedehnte Waldgänge und schließlich der komplette Rückzug in die Natur. Blank hält sich endlich nicht mehr an die Normen seiner versnobten Umwelt und lässt sich auch nicht mehr alles gefallen. Sogar in der Liebe zeigt er jetzt Gefühle. Einziges Manko an der ganzen Wandlung sind ein paar Morde, die der veränderte Blank begeht, aber die können objektiv gesehen schließlich jedem passieren.

Die Schilderung von Blanks Einsiedlerleben, das dieser mit einem getürkten Unfall mit Todesfolge beginnt, gipfelt in schönster Naturromantik. Der geneigte Leser möchte sich hier nicht nur an Henry David Thoreau, sondern auch an Hermann Löns erinnert fühlen. Leider wird Blanks Versteck von einem minderbemittelten Hobbydetektiv entdeckt und an die Polizei verraten. Es folgt die Vertreibung aus dem Paradies, wobei Blank durch seine im Wald erlangte Überlegenheit der Polizei entkommt.

Der Waldgänger: Gestörter oder Prophet?

Schade ist, dass Suter den neuen Blank insgesamt doch als eine Art gefährlichen Gestörten darstellt, der unbedingt geheilt werden muss. Das mag schließlich auch an der Befangenheit des Autors in festgeschriebenen Rollenstrukturen der modernen Welt liegen, aus der er nicht ausbrechen kann. Dementsprechend wird die Heilung bzw. Beseitigung von Urs Blank zum Endziel der Handlung, auf welches mehrere parallele Handlungsstränge hinsteuern.

Zum einen sucht Blank selbst verzweifelt nach einer Heilmethode, des Weiteren sucht die Polizei nach ihm, um ihn zu einem seiner Morde zu befragen. Und schließlich hat sich auch noch ein verärgerter ehemaliger Geschäftspartner mit einem außergewöhnlichen Jagdfaible auf Blanks Fährte begeben. Am Ende läuft es auf ein Duell zwischen Urs Blank, der sich inzwischen selbst geheilt hat und seinem Jäger hinaus, das Blank zuerst gewinnt, aber aufgrund seiner Heilung nicht zu Ende bringen kann. Schlussendlich wird Urs Blank einfach wegrationalisiert, da er nicht in die aktuelle Gesellschaft passt. So einfach ist das bei Suter.

Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes. 320 Seiten, Diogenes Verlag, Neuauflage 2012. 10 Euro.

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