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Genial oder gestört?

Donnerstag, 13 Dezember 2012 08:47 von Nando-​Dragan Augener

Für seinen Kunstbildband „SPARTA“ hat sich Benjamin Jahn Zschocke nackt abgescannt. BN–Autor Till Röcke schrieb dazu das Vorwort. Außerdem soll die „digitale Moderne“ ausgerufen werden.

SPARTA lädt beim ersten Blättern zur freien Assoziation ein. Aber es entstehen gleich Irritationen: Was will der Künstler mit seinen Scans sagen? Die Scans sind alle in Schwarzweiß gehalten und hinterlassen durch das Fehlen von farblichen Elementen einen kalten und kristallenen Eindruck. Intensiviert der Leser seine Betrachtungen, wird durch den Kontrast zwischen dem durchweg schwarzen Hintergrund und dem silberweißen Corpus davor, eine harte Unmittelbarkeit offenbar. Das Stählerne eines spartanischen Kriegers?

Hinzu kommt der durchweg lomographische Charakter der Scans. Gedankliche Ambivalenzen entstehen zudem durch die fast schüchterne Nacktheit und die augenscheinliche Schutzlosigkeit der Körperlichkeit. Die Augen bei den Kopfscans sind geschlossen: Wird Winterschlaf gehalten und erwacht dort das Dorische?

Hundert Jahre nach Benns erstem Buch „Morgue“

Gottfried Benn schreibt in seinen Selbstdarstellungen Doppelleben zum „Stil der Kunst“, daß der Stil der Zukunft die roboterhafte Montagekunst sein werde. Der Mensch müsse neu zusammengesetzt werden: „Ein Mensch in Anführungsstrichen“. In dieser Intention scheint auch SPARTA erstellt worden zu sein. Jahn Zschocke bricht dieses auf eine minimalistische Kunstebene herunter und schafft dadurch etwas Neues. Nur das nackte Individuum steht im Fokus des Betrachters. In Benns expressionistischer Phase entstanden vor genau hundert Jahren die pathologischen Morgue–Gedichte, die ebenfalls Assoziationen zu SPARTA wecken. Sicherlich nicht ganz unbeabsichtigt.BJZ

Im Vergleich zu Gottfried Benns Zeiten befinden wir uns in einem hochtechnisierten Zeitalter. Dieser Sachverhalt wird auch hier deutlich. Jahn Zschocke versucht mit seiner Kunst, Gottfried Benns Werk weiterzudenken. Unterstützt wird er dabei von Till Röckes Vorwort, das die künstlerische Intentionen aufhellt.

Gerade der Scan scheint für die heutige Zeit künstlerisch zweckhaft zu sein: Der moderne Mensch wird von allen Seiten durchleuchtet. Wir geben uns diesem Umstand in unterschiedlichen Formen immer wieder hin. Durch die Partikularisierung des Körpers in Form der Scans wird verständlich, daß dem Individuum der Jetztzeit das organisch Ganzheitliche stetig abhandenkommt. Hier wird allerdings dieses an sich Negative im Sinne eines „seht her, ich habe nichts zu verbergen“ ins melancholisch Positive gewendet. Die Naturgegebenheit des menschlichen Körpers im Widerspruch zur Technik. Benjamin Jahn Zschocke stellt diesen Zwiespalt sichtbar dar. Ohne wertenden normativen Impetus.

Elitär und sonderbar

SPARTA ist sicherlich kein Werk, das sich jedem sofort erschließt. Es verunsichert durch seine Bündigkeit und seine exhibitionistischen Tendenzen. Aufschlüsse des Dargestellten sucht der Betrachter vergebens. Diese muß sich jeder selbst geben. Wer sich etwas mit Benn, seinem Schaffen und der Geistesgeschichte des Abendlandes auskennt, wird sicherlich eher Bezüge aufbauen können. Benn schrieb schon, daß der „Kunstträger“ ganz uninteressiert ist an Verbreiterung und Flächenwirkung. Das wird bei der verschwindend niedrigen Auflage des Buches deutlich.

Benjamin Jahn Zschocke: SPARTA. Selbstscans – Mit einem Vorwort von Till Röcke. Einmalige Auflage von 30 nummerierten und signierten Exemplaren. Privatdruck, 2012. 49 Euro.

www​.ben​jam​in​jahnzschocke​.de

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