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Spurensuche in Breslau

Freitag, 14 Dezember 2012 07:05 von Christoph George

Den Journalisten Peter Pragal läßt seine Heimatstadt Breslau nicht los. Immer wieder bewegt ihn der Verlauf der Geschichte, besonders die der Stadt an der Oder.

Noch heute kommt Peter Pragal (Jahrgang 1939) oft in seine Geburtsstadt, in welcher er seine frühen Kindheitsjahre verbrachte. Eine eigentlich banal anmutende Freizeitbeschäftigung, welche für Senioren, die im Laufe ihres Lebens den Wohnort wechselten, typisch erscheint. Wenn, ja wenn diese Stadt nicht Breslau hieße und heute in einem anderen Land läge. Wir sehen uns wieder, mein Schlesierland ist ein autobiographisches Werk, das sich rund um die alte Heimat Pragals dreht.

Bereits die Fahrtstrecke kommt Peter Pragal vertraut vor, die er von Berlin aus kommend schon viele Male in die Stadt seiner Kindheit zurücklegte. An der Oder entlang das schlesische Land durchquerend, erreicht er nach einigen Stunden Fahrzeit das Ziel: Breslau, das heutige Wrocław. Doch seine Geburtsstadt zu besuchen, war für Peter Pragal dabei lange Zeit alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Wie Millionen andere Deutsche mußte er mit seiner Familie 1945 vor der roten Armee fliehen, und wuchs nach der Flucht in Nordrhein-​Westfalen auf, bevor ihn mehrere Umzüge im Laufe seiner journalistischen Laufbahn durch ganz Deutschland führten. So lernte er auch als DDR-​Korrespondent Ost-​Berlin kennen, die Stadt, in welcher er sich endgültig niederlassen sollte. Aber Breslau, dieser beinahe schon magische Ort der Kindheit, fesselt den heute 73-​Jährigen immer noch.

Zu Besuch in einer fremden Stadt

1980 kehrte er zum ersten Mal zurück an die Oder, damals wegen seiner Arbeit als Begleiter einer Bischofsdelegation aus der BRD. Obwohl er natürlich genau um den Wandel der Stadt wußte, ergriff ihn der Besuch dennoch kalt und er erkannte sogleich, daß sein Breslau, wie er es in Erinnerung hatte, nicht mehr existierte. Statt des schlesischen Dialekts, welchen er heute noch gerne hört, sprach man nun eine unbekannte Sprache.

Und eines der noch vertrauteren Dinge, die nun die Stadt prägten, waren die Plattenbauten, welche er schon aus der DDR kannte. Bis zur Wende blieb dies jedoch vorerst der einzige Besuch für ihn. Die ostdeutsche Regierung schloß die Grenze zum sozialistischen Bruderland aus Angst, die Solidarność-​Bewegung könnte auch auf die DDR übergreifen. Seit der Grenzöffnung kehrt er jedoch wieder regelmäßig zurück in das Land und die Stadt seiner Vorfahren.

Der Verlust der Heimat als gerechte Strafe?

Der Verlust der Heimat spielt jedoch bei Pragal auch nach all den Jahren, oder vielleicht auch gerade wegen all der Jahre, weiterhin eine große Rolle. Die Wehmut, mit welcher er über Breslau spricht, ist durch das gesamte Buch hinweg deutlich spürbar. Zwar versucht er den Leser immer wieder auf die vollendeten Tatsachen hinzuweisen, welche durch die Verschiebung der Grenzen und der Ansiedelung von Polen im nunmehr ehemaligen deutschen Osten geschaffen wurden. Jedoch sticht hin und wieder ein kleiner Stoßseufzer aus den sonst so beschwichtigenden Zeilen heraus. So, wenn er an der Neiße-​Grenze stehend Wehmut darüber empfindet, daß sich Stalin mit seiner Forderung durchsetzte, die Lausitzer Neiße als Teil der neuen deutschen Ostgrenze festzusetzen. Die Engländer und Amerikaner, welche die einige Kilometer östlich gelegenere Glatzer Neiße als neuen Glenzfluß präferierten, setzten sich damals nicht durch.

Solche Gefühle sind es, die dem Leser unweigerlich nach der Lektüre des Buches in Erinnerung bleiben. Auch, wenn Pragal selbst auf Distanz zu etwaigen Entschädigungsforderungen oder gar Rückgabeforderungen geht. Nicht zuletzt betont er immer wieder die These von der deutschen Alleinschuld am Krieg und somit an der eigenen Vertreibung. In diesem Zusammenhang zitiert er sogar Wolfgang Thierse (!), der ebenfalls gebürtiger Breslauer ist, mit den Worten: „Was sind wir Deutsche doch für ein entsetzliches Volk, dass wir durch einen verbrecherischen Krieg eine so schöne Heimat wie die Stadt Breslau endgültig verlieren.“ Die Vertreibung wird so zu einer gerechten Strafe an den Deutschen, welche diesen mit dem Verlust ihrer Ostgebiete nach ’45 widerfahren wäre.

Man kann sich an dieser Stelle nicht des Gefühls erwehren, daß es eben jene Geschichtsauffassung ist, welche über den Verlust der alten Heimat hinweghelfen soll. Auf der Suche nach einem kausalen Grund, wieso man damals seine Heimat verloren hat, wird eine Gerechtigkeitserwartung an die Geschichte gestellt, die es so jedoch überhaupt nicht gibt. Aber kann man dieses Trostpflaster der alten Generation und deren Drang zur Befriedung alter Wunden wirklich verübeln? Es erfüllt in diesem Zusammenhang doch eine Art Genugtuung; die deutsche Selbstgeisellung als Balsam für die geschundene Seele.

Breslau bleibt die Heimat – eine Leben lang

In weiteren Kapiteln erläutert Pragal seine Erlebnisse mit anderen Menschen, welche ebenfalls in Bezug zu seiner alten Heimat stehen. So die Vertriebenenverbände und deren Vorsitzende, welche er kritisch beobachtet. Er berichtet von Begegnungen mit den heute in Breslau lebenden Polen, der Deutsch-​Polnischen Aussöhnung und nach Schlesien gezogenen Deutschen, welche sich auf dem Lande als Aussteiger eine neue Existenz aufbauten. Und er befragt seine Kinder und Verwandten, ob diese, welche nie in Schlesien oder Breslau gelebt haben, sich denn als Schlesier fühlen würden. Letztere Frage wurde im Übrigen durchgehend verneint.

Das Buch ist eine Spurensuche in die eigene Vergangenheit des Autors, die einen deutlichen inneren Zwiespalt erkennen läßt zwischen vergessen wollen und nicht vergessen können. Denn auch mit den besten aller herangezogenen Gründe ist es scheinbar eine unmögliche Aufgabe, eine verlorene Heimat gänzlich aufzugeben. Vielleicht ist dies eine Aufgabe, welcher der Mensch schlichtweg nicht gewachsen ist. Und so bewegt es auch Peter Pragal, wenn er auf einem der immer dünner besuchten Schlesiertreffen nun doch in jenes Lied mit einstimmt: Kehr ich einst zur Heimat wieder

Peter Pragal: Wir sehen uns wieder, mein Schlesierland. Auf der Suche nach Heimat. 400 Seiten, Piper Verlag 2012. 22,99 Euro.

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