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Die Kelten sind da!

Montag, 17 Dezember 2012 10:13 von Caterina Maack

BN vor Ort: Die Stuttgarter Keltenschau erfreut sich extremer Beliebtheit. Zeitweise muss der Ticketverkauf ausgesetzt werden, damit die Menschenmassen nicht die Sicherheitsstandards der Ausstellungsräume gefährden.

Die große baden-​württembergische Landesausstellung „Die Welt der Kelten. Zentren der Macht – Kostbarkeiten der Kunst“ in Stuttgart ist in zwei große Ausstellungsblöcke unterteilt, die einmal im Alten Schloss und einmal im Stuttgarter Kunstgebäude untergebracht sind. Hervorgegangen ist die Ausstellung unter anderem aus einem siebenjährigen Förderprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Thema „Frühkeltische Fürstensitze“ und einem Projekt des Archäologischen Landesmuseums Baden-​Württemberg und des Historischen Museums Bern zum Thema „Kunst der Kelten“.

Eine Ausstellung, die man zweimal besuchen muss

Entstanden ist eine Ausstellung, die an einem Tag kaum zu bewältigen ist: mehr als 1.300 Originalfunde werden gezeigt. Diese werden in einen zeitlichen und geographischen Kontext gestellt – u. a. mit digitalen Möglichkeiten, ohne die Ausstellung jedoch damit zu überfrachten. Die Ausstellungsräume sind übersichtlich angeordnet und neben Rekonstruktionen, Illustrationen und Erläuterungen gibt es noch kunstvolle Schatteninstallationen.

Wie man sich das Schmieden eines keltischen Schwertes oder die Zubereitung einer keltischen Mahlzeit vorstellen könnte, wird im „Kino“ im Stuttgarter Kunsthaus gezeigt: Dort laufen während der Öffnungszeiten Filme über Ausgrabungen und experimentalarchäologisches Arbeiten.

Was sind Kelten?

Die große Eingangsfrage, die sich in der Ausstellung stellt und die im begleitenden Ausstellungskatalog wieder aufgegriffen wird, ist: Was sind Kelten? Der Begriff „Kelten“ ist weit davon entfernt, eindeutig definiert zu sein. Wer wann genau unter diesen Volksbegriff zu subsumieren ist, ist weitgehend unklar. Die ersten Beschreibungen finden sich beim antiken Griechen Hekataios von Milet, der 500 v. Chr. als erster eine Bevölkerungsgruppe als keltoi bezeichnete. Diese keltoi siedelten jenseits der Alpen im Quellgebiet der Donau und im Hinterland der griechischen Kolonie Massilia, dem heutigen Marseille in Frankreich.

Auch weiterhin wurden Kelten in antiken Schriften erwähnt, die berühmteste ist Cäsars De Bello Gallico. Hierbei darf aber nicht vergessen werden, dass es sich um Fremdbeschreibungen handelt und dass es zu dieser Zeit in Europa auch andere Völker gegeben hat, die nicht so einfach mit den Kelten gleichgesetzt werden können.

Im Europa der damaligen Zeit gab es noch keine Schrift und so sind auch keine schriftlichen Zeugnisse überliefert. In der Ausstellung lernt man: Als Kriterien für die Beschreibung einer keltischen Bevölkerungsgruppe lassen sich Gemeinsamkeiten in Kunst, Handwerk, Religion und Sprache heranziehen. Eine ethnische oder politische Zusammengehörigkeit hingegen lässt sich nicht nachweisen.

Die Begleitkatalogschwarte

Für alle Freunde des geschriebenen Wortes und für all jene, die es noch etwas genauer haben möchten, gibt es auch einen Begleitkatalog. Dieser ist gebunden und 552 Seiten stark. Im Gegensatz zur Ausstellung ist dieser nicht zweigeteilt, sondern arbeitet sich an den unterschiedlichsten Themen chronologisch ab, was einen ausführlichen und zusammenhängenden Überblick vermittelt. Mit ca. 600 farbigen und zum Teil sehr großflächigen Abbildungen kann man zwar nicht alle, aber doch die wichtigsten Ausstellungsstücke in hervorragender Bildqualität mit nach Hause nehmen.

Jedoch: Nicht immer wird mit der antiken schriftlichen Quellenlage so kritisch umgegangen, wie man es sich vielleicht wünschen würde: So schrieb Cäsar, dass der von den Kelten am meisten verehrte Gott Merkur (bzw. eine Gottheit, die sich an den römischen Merkur am ehesten anschließen ließe, CM) gewesen sei. Laut der Auswertung der epigraphischen Quellenlage, d. h. der bisherigen Inschriftenfunde war es jedoch nicht Merkur, sondern Mars. Das hätte zumindest eine Fußnote wert sein können.

Kelten ohne Politik

Auch der Beitrag über die Veränderungen und Instrumentalisierungen des Keltenbildes ist wichtig. Es ist kein neues Phänomen, dass historische Ereignisse vor den Karren politischer Ziele und Interessen gespannt werden. Das war bei den antiken Griechen schon so und ist heute nicht anders. Will man sich ernsthaft mit den Kelten beschäftigen, ist es unerlässlich, sich von den verschiedensten Vorstellungen so weit wie möglich frei zu machen und zu akzeptieren, dass wir über diese Zeit weit weniger wissen, als wir uns wünschen. Die vorhandenen Wissenslücken mit Traumbildern und Interpretationen zu füllen, ist nicht nur aus dem politischen Blickwinkel unzulässig.

In Europa hatte jede Epoche ihr eigenes Keltenbild, um es ihren spezifischen Interessen dienstbar zu machen: die gesellschaftlichen Ideale der Aufklärung, die nationalen Vorstellungen der Romantik, die nationalen Interessen des 19. Jahrhunderts oder die Werbestrategien europäischer Kulturprogramme der neueren Zeit. Dass all das mit den Kelten eigentlich nichts zu tun hat und es ihnen in keiner Weise gerecht wird, vermittelt die große Keltenschau eindrucksvoll.

Die Welt der Kelten. Zentren der Macht – Kostbarkeiten der Kunst“ Ausstellung im Stuttgarter Kunstgebäude und im Alten Schloss Stuttgart vom 15. September 201217. Februar 2013.

Begleitband zur großen Landesausstellung Baden-​Württemberg 2012: Die Welt der Kelten. Zentren der Macht – Kostbarkeiten der Kunst. 552 Seiten, Jan Thorbecke Verlag 2012. 34,00 Euro (Ausstellungsausgabe: 24,00 Euro).

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