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Lob des Archaischen

Mittwoch, 19 Dezember 2012 08:03 von Sebastian Rast

Der Rechtsanwalt Florian Asche spielt gerne mit Tabuthemen: In seinem Essay Jagen, Sex und Tiere essen rührt er an einem der Dogmen des Gutmenschentums.

Florian Asche, der auf dem Gebiet des Jagdrechtes zu Hause ist, fragt: Sind Vegetarier durch ihren Verzicht wirklich bessere Menschen? Ist die Lust am Archaischen ein Relikt und überkommenes Übel?

Jeder liebt gutes Essen. Für manchen Bessermenschen undenkbar, gehört für die Mehrheit der Deutschen zu einem richtigen Mahl ein gutes Stück Fleisch. Unsere europäischen Nachbarn schämen sich ihrer fleischlichen Genüsse sogar noch weniger, wie Asche in der Einleitung zu Jagen, Sex und Tiere essen zu berichten weiß: Als passionierter Jäger stellt er biederes deutsches Jagdbrauchtum den rauschenden Festen gegenüber, die im Nachbarland Frankreich selbstverständlich zu einer gelungenen Jagd gehören. Bei einem jener Feste habe er zum ersten Mal die Parallelen zwischen Jagd und Erotik, zwischen Tod und Ekstase erahnt. Grund genug, diesen Gedanken weiterzuverfolgen — dabei nimmt der Autor seine Leser mit auf einen kulturgeschichtlichen Exkurs in die Untiefen der menschlichen Seele.

Leben und Tod als Grundprinzipien

Dabei steht von Anfang an ein Vorwurf an die, von Asche bereits antizipierten, Kritiker im Raum: Wer seinen Zeigefinger mahnend gegen die Jagd erhebe, verleugne die Realität und letztendlich das Leben. Denn Leben ohne Tod, das gebe es nirgendwo. Immer wo jemand ein Antibiotikum schluckt oder sich die Zähne putzt, aber auch beim Abernten der Felder und der Herstellung zahlreicher vermeintlich veganer Lebensmittel, sterben Lebewesen nur zum Zwecke der Vorteilnahme eines anderen. Die Weltanschauungen, die bei diesem Thema aufeinandertreffen, sind so gegensätzlich, daß die Argumentation schnell dargelegt ist. Die eine Seite erkennt den Tod als unabdingbaren Teil des Lebens an, während er für die Gegenseite etwas zwar unvermeidliches, aber so lange wie möglich heraus zu zögerndes ist. Dort möchte man lieber irgendwann im Schlaf dahin dämmern. Mit diesen Gedankengängen kommt beim Leser ein Erdrutsch an Assoziationen in Gang.

Der Tod ist also klassisches Tabuthema. Ein Tabu auf dem, so Asche, die Idee der fleischlosen Ernährung zu großen Teilen fußt. Man könne zwar vor der Allgegenwärtigkeit des Todes die Augen verschließen, diese jedoch nicht einfach beenden. Denkverbote und Dogmen leben davon, die Dinge aus den Zusammenhängen zu reißen und bestimmte Handlungs– und Denkweisen für sich genommen zu stigmatisieren. Wer die Welt als Ganzes betrachte, komme nicht umhin, den Tod neben der lebensschöpfenden Kraft des Eros als Grundprinzip des Lebens anzuerkennen. Aus menschlicher Perspektive liege es jedoch an uns, mit diesen Lebenswahrheiten in ein gesundes Verhältnis zu treten. Scharfe Ungnade findet deshalb bei Asche die moderne Tierverwertungsindustrie, die aus Kreaturen Ware und damit „das Leben billig“ mache und die menschliche Seele erst in ihrem Verhältnis zur Natur abstumpfe. Keine eindeutige Antwort findet Asche jedoch auf das immer wieder von Tierrechtlern vorgetragene ethische Grundproblem: Ist es überhaupt in irgendeiner Weise zu rechtfertigen, ein anderes Lebewesen zu töten?

Mit Lust gegen die Angst vor dem Tabu

Doch was haben diese allgemeinen Überlegungen mit dem Titel des Buches zu tun? Die Jagd als wohl radikalstes Bejahen des Todes ist für den Autor prädestiniert zur kultischen Praxis: Wie der Sexualtrieb zur lebensspendenden Handlung treibe, so fordere der Jagdtrieb von uns die symbolische Bezwingung des Todes durch das Erlegen eines wilden Tieres. Der Jäger erlebt in seiner Erfüllung das Memento Mori (bedenke, daß du sterben mußt) hautnah. Der Akt der Jagd gewinnt eine weitere Ebene durch den kraftspendenden Verzehr des Fleisches, dessen aus kultischer Vergangenheit erhaltene Form das Gelage, das rauschende Fest in Gesellschaft darstellt, wie es Asche in der Einleitung beschreibt. So wird die Gewißheit des eigenen Todes, wie auch der der Kreatur, zum Maßstab jeder Jagdethik: In einer Welt, in der alles, das einmal lebt auch sterben muß, traut sich der Waidmann sein Recht auf ein Erlebnis dessen einzufordern, was unbeobachtet und ohne menschliche Eingriffe milliardenfach täglich geschieht: Der Tod eines Lebewesens zum Wohle eines anderen.

Der zweite Teil des Buches widmet sich konsequent der Beziehung zwischen Jagd und Sex, Leben und Tod in verschiedenen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart. Das ist sehr lesenswert und erfreulich, da eine Ausdehnung der Argumentationsstrategie Asches auf die annähernd 200 Seiten des Werkes kaum funktionieren würde. Zu dicht schrammt er in den ersten Kapiteln an der metaphysischen Dimension des tierethischen Gewissenskonfliktes vorbei, um jedes Mal beinahe erschrocken zurück zu rudern.

Doch liegt gerade hier der wahre Grund für die unversöhnliche Debatte um dieses Thema: Nicht zu irgendeiner Lebensform, sondern zu unserem gesamten Dasein mahnt die Natur den Menschen, ein gesundes Verhältnis zu pflegen. Jagen, Sex und Tiere essen jedenfalls ist ein Buch, daß man lesen sollte, weil es einen packt und dazu zwingt, in den Spiegel zu sehen.

Florian Asche: Jagen, Sex und Tiere essen. 191 Seiten, Verlag Neumann-​Neudamm 2012. 16,95 Euro.

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