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Fahrenheit 451

Freitag, 21 Dezember 2012 08:21 von Tobias Witt

AUS DER MOTTENKISTE: Unser Autor Tobias Witt erzählt, warum die Geschichte des Feuerwehrmanns Guy Montag in jedes konservative Bücherregal gehört.

Nachdem in diesem Jahr Ray Bradbury verstorben ist, habe ich zum wiederholten Mal eines meiner liebsten Bücher aus dem Schrank genommen, Fahrenheit 451. In dem 1953 erstmals erschienen Roman kann man die Veränderung des Feuerwehrmanns Guy Montag nachvollziehen, der vom jungen, aufstrebenden Vorbild schließlich zum Feind des Systems wird.

Vom bedingungslosen Gehorsam zum feindlichen Eigensinn

Die Feuerwehr in dieser Dystopie entsorgt alles, was gegen die rigiden Gesetze der herrschenden Klasse verstößt. Insbesondere sind dies Bücher. Bradburys Buch hat seinen Namen auch daher, dass Papier, angeblich, bei einer Temperatur von 451° Fahrenheit (etwa 232,8° Celsius) zu brennen beginnt.

Guy Montag ist einer der besten Feuerwehrmänner auf seiner Wache und folgt bedingungslos den Anweisungen, die er von oben erhält. Bis er eines Tages, nach der Arbeit, einer geheimnisvollen jungen Frau begegnet: Clarisse. Durch sie beginnt er im Verlauf des Buches immer mehr an den Regeln und seinem Beruf als Feuerwehrmann zu zweifeln. Bis er schließlich selbst Bücher in seinem Haus versteckt. Er entwickelt einen Sinn für die Kunst und insbesondere entdeckt er, wie wichtig freies Denken und ein eigenes Meinungsbildung sind.

Montags Frau Mildred ist hingegen die vorbildliche Jüngerin des Regimes. Sie nutzt ausgiebig die wandfüllenden Fernsehschirme im Wohnzimmer, die mehrere Seiten des Wohnzimmers ausmachen. Sie nimmt dadurch an Shows teil, die den Zuschauern Gemeinschaft und Interaktion vorgaukeln. Außerdem ist sie verschiedenen Tabletten zugetan, unter anderem Schlafmitteln, um in ihrer völlig von Reizen überfluteten Welt überhaupt schlafen zu können. Diese staatlich verordneten Drogen sorgen dafür, dass das Volk ruhig bleibt und keine Langeweile aufkommt, die zu staatsfeindlichen Gedanken führen könnte. Mildred Montag ist es auch, die ihren Mann schließlich an die Feuerwehrmänner verrät.

Glück nur durch Ablenkung?

Fahrenheit 451 schafft eine beklemmende Atmosphäre der Angst. Jeder beobachtet jeden und ein falsches Wort zur falschen Zeit kann schon dazu führen, dass die Feuerwehr auf einmal vor der Tür steht. Noch bevor diese Atmosphäre in der DDR für einen Teil des deutschen Volkes zur Realität wurde, zeichnete Bradbury eine recht deutliche Stasigesellschaft. In dieser werden Bücher als etwas bewahrendes, konservatives, als großer Feind der Gesellschaft angesehen. Die Bürger sollen, ähnliche wie heute, durch billige Shows und Volksdrogen bei Laune gehalten werden. Wenn man sich in dieses System eingliedert, so wird man vermeintlich glücklich leben.

Es ist erschreckend, wie sehr die heutige Lebensweise mancher Gesellschaftsschichten der Art zu leben in Fahrenheit 451 ähnelt. Zwar haben wir keine Feuerwehr, die Bücher verbrennt, aber auch heute laufen im Fernsehen Shows, die dem Zuschauer Partizipation am öffentlichen Leben vorgaukeln. Pro Sieben hat mit „Connect“ eine umfassende Plattform geschaffen, die jeden Kanal eines geneigten Nutzers mit einer Fernsehshow und dazu gehörenden Abstimmungen, Hintergrundinformationen und ähnlichem flutet.

Auch die Jugend wird von klein auf durch soziale Netzwerke von den Medien abhängig gemacht und auf der anderen Seite ausgekundschaftet. Ein falscher Like, und die Feuerwehr könnte vor der Tür stehen. Zudem werden über Facebook schon mediale Hetzjagden auf angebliche Straftäter veranstaltet. Man kann daran ganz einfach per Klick auf ein Foto teilnehmen und verschwindet völlig in der Masse der geifernden Internet Community. Welch schwerwiegende Folgen dies für die Betroffenen hat, mag man sich gar nicht ausmalen.

Fahrenheit 451 ist ein viel zitiertes Modell

Wie man sieht, ist Fahrenheit 451 heute aktueller denn je. Konservative werden durch die Mainstream-​Medien immer wieder pauschalisiert als zurückgebliebene Rechte dargestellt und die „digitalen Ureinwohner“ können per Mausklick an der Hetze teilnehmen. Wie weit so ein System noch gehen kann, zeigt Fahrenheit 451 ziemlich drastisch. Dieses Buch sollte als Warnung verstanden werden, auch oder gerade von den Moralaposteln der Medien.

Fahrenheit 451 ist ein sehr empfehlenswertes Buch, da es neben den genannten zeitdiagnostischen Aspekten auch eine gut lesbare und spannende Lektüre bietet. Zusätzlich wurde 1966 ein Film zum Buch gedreht. Dieser wirkt allerdings neben den Feuerwerken an Effekten, die in heutigen Hochglanz-​Filmproduktionen abgebrannt werden, etwas altmodisch. Dennoch ist auch der Film sehenswert.

Zusätzlich lehnt sich der Film Equilibrium mit Christian Bale sehr stark an Fahrenheit 451 an. Die Kleriker aus Equilibrium übernehmen hierbei die Aufgaben der Feuerwehrmänner. Ebenso sind Bücher und generell alle Kunst als staatsfeindlich verboten. Die modernere Optik im Matrix–Stil bietet gute Unterhaltung und Bradburys Botschaft verliert nichts an ihrer Brisanz. Auch hier ist es wieder der Hauptdarsteller, der als vermeintlicher Scherge des Regimes die drastischste Abkehr von dessen Methoden und Meinungen durchmacht.

Ray Bradbury: Fahrenheit 451. Vollständig überarbeitete Neuausgabe: Diogenes Verlag, Zürich 2006.

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