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Dugins „Vierte politische Theorie“

Montag, 16 September 2013 08:53 von Markus Willinger

Es gibt zwei Arten von Büchern über Politiktheorie: Jene, die bereits bekannte Gedanken aus neuen Blickwinkeln betrachten und jene, die tatsächlich neue Ansätze präsentieren.

Alexander Dugins Buch gehört zu jener seltenen zweiten Art von Büchern und verdient schon allein deshalb Beachtung. Doch es gibt auch noch andere Gründe sich mit dem Werk des russischen Professors an der Universität Moskau, dem geistigen Anführer der Eurasienbewegung und ehemaligen Berater Putins zu beschäftigen. Schon lange hat kein Buch innerhalb der europäischen Rechten eine derartige Strahlwirkung entfalten können und so heftige Diskussionen ausgelöst, wie die Vierte politische Theorie. Zudem finden sich mit den Identitären in weiten Teilen Europas politische Gruppierungen, die sich stark an Dugins Gedankenwelt orientieren. Ein Blick in dieses Werk lohnt sich daher.

Überwindung des Liberalismus

Alexander Dugin versucht die Ursachen des geistigen und moralischen Verfalls der modernen Welt zu analysieren und bleibt dabei nicht – wie so viele andere – am Oberflächlichen hängen, sondern er geht an die Substanz. Er analysiert die Ursachen anstatt nur Symptome zu beschreiben. „The Fourth Political Theory“ wurde 2012 im Englischen von Arktos Media veröffentlicht. Arktos arbeitet gegenwärtig auch an einer deutschen Ausgabe des Buches und hofft diese auf dem am 5. Oktober in Berlin stattfindenden zwischentag präsentieren zu können.

Dugins Kerngedanke lässt sich mit einem Satz beschreiben: „Dass zuerst der Westen und schließlich die Welt spätestens seit der Französischen Revolution in ein Zeitalter des Kampfes dreier verschiedener Ideologien getreten sei, von denen eine, der Liberalismus, sich durchgesetzt habe, nun die Welt zugrunde richte und am Ende nur von der Vierten politischen Theorie überwunden werden könne.“

Was will der Liberalismus?

Hier handelt es sich um den originellen und neuen Kern von Dugins Denken: Die drei politischen Theorien der Vergangenheit seien allesamt realitätsfremd und hätten jede auf ihre eigene Art versucht, die Welt völlig umzugestalten. Da sie allesamt den Absolutheitsanspruch stellten, waren sie dabei grundsätzlich expansiv ausgerichtet und somit die Feinde traditionell gewachsener Kulturen und Identitäten, sowie der jeweils anderen Ideologien. Bei jenen drei politischen Ideologien handelt es sich um Liberalismus, Kommunismus sowie den Faschismus bzw. den Nationalsozialismus.

Der Liberalismus kam mit der Aufklärung in die Welt und beendete das Zeitalter der Traditionen und Religionen, um jenes der Ideologien und politischen Theorien einzuläuten. Politische Wirklichkeit wurde der Liberalismus erstmals dort, wo er bis heute seinen Hauptsitz hat, in den USA. Das ist – neben den für einen Russen verständlichen Ressentiments gegenüber Amerika – der Hauptgrund, warum Dugin die USA nicht nur für einen geopolitischen Gegner Russlands, sondern auch für den ideologischen Feind der eurasischen Völker hält. Dabei steht außer Frage, dass die USA sich durch ihre Geburt, Geschichte und Verfassung ganz eindeutig dem Kampf und der Verbreitung des Liberalismus (im europäischen Sinn des Wortes) verschrieben hat. Mit der französischen Revolution erlebte der Liberalismus auch in Europa eine erste Blüte und begann seinen Siegeszug gegen traditionelle Regierungs– und Wirtschaftsformen.

Diese Erste politische Theorie ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie das Individuum zum Subjekt der Geschichte macht. Alles andere spielt für sie keine relevante Rolle und wird nur von der Warte des Einzelnen betrachtet. Da es dem Liberalismus aber immer nur um den Einzelnen geht, steht er allen Dingen, die den Einzelnen einschränken könnten, ausgesprochen kritisch gegenüber. Der liberale Grundgedanke, sich von gesetzlicher Ungleichbehandlung und wirtschaftlichen Schranken zu befreien, wurde in moderner Zeit schließlich zum Kampf gegen Migrationsbarrieren, die traditionelle Familie und soziale Verantwortung. Der Grundgedanke ist dabei immer derselbe: Der Einzelne solle möglichstkeinen Zwängen unterliegen und in seinen Entscheidung keinesfalls eingeschränkt werden.

Was will der Kommunismus?

Als Antwort auf das liberale Wirtschaftssystem (den Kapitalismus) in der Mitte des 19. Jahrhunderts ersonnen, macht der Kommunismus als Zweite politische Theorie die Klasse zum Subjekt der Geschichte und sieht alles andere nur aus ihrem Blickwinkel.

Den Hauptideologen Karl Marx und Friedrich Engels zufolge, befinden sich die Menschen seit der Erfindung der Landwirtschaft in einem permanenten Klassenkampf, der mit der kommunistischen Weltrevolution ein Ende finden würde. Politische Bedeutung errang der Kommunismus erst mit der kommunistischen Revolution in Russland im Jahr 1917.

Was will der Faschismus?

Der Faschismus und seine Abwandlung der Nationalsozialismus waren direkte Reaktionen auf den Aufstieg des Kommunismus und somit die Dritte politische Theorie. Der von den Kommunisten propagierte Klassenkampf wurde in vielen Ländern mit dem lauten Ruf nach Einigkeit von Nation und Staat beantwortet, der in der ideologischen Ausrichtung des Faschismus bzw. Nationalsozialismus seine Form fand.

Faschismus als auch Nationalsozialismus erklärten den Staat bzw. die Rasse zum Subjekt der Geschichte und schlussfolgerten daraus, dass der Einzelne nur zum Wohle des Staates oder dem Fortbestand der Rasse zu handeln habe. Politische Bedeutung errangen beide Formen besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert in Italien und Deutschland.

Anm. der Red.: Der zweite Teil der Rezension erscheint am Mittwoch.

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