jtem​plate​.ru — free extensions for joomla

Das Ende der Identität

Montag, 09 Dezember 2013 06:50 von André Rebenow

Im Buch „Körper 2.0“ entwirft die Professorin für Kulturwissenschaft Karin Harrasser so kruden Menschheitsverbesserungshorror, daß man sich fragt, ob sie das ernst meinen kann.

Die Gender-​Sprache, der sich Karin Harrasser in ihrem Buch bedient, fällt schnell ins Auge. Sie geht soweit, daß sie die von ihr als positiv bewerteten Darstellungen mit einem weiblichen Artikel bezeichnet (z. B. die Cyborg, feminin Singular), während negativ bewertete Darstellungen mit einem männlichen Artikel bezeichnet werden. Diese Art Wertung, die schon der Wortwahl innewohnt, stößt einem beim Lesen schnell auf. Das betrifft zwar nur die äußere Struktur der Sprache, wirft aber ein klares Licht auf das, was dem Denken der Autorin zugrunde liegt.

Die Befreiung von der eigenen Identität

Immer wieder fällt der Begriff der „nicht-​identitären Politik“ auf. Für die Autorin geht es darum, Bedingungen zu schaffen, die die Menschen von sämtlichen Identitäten „befreien“. Die im Buch beschriebenen Zukunftsvisionen bauen auf eine nicht-​identitäre Menschlichkeit auf, die keine mehr ist. Erst wenn der Mensch von seiner Menschlichkeit befreit sei, wird er frei sein für Eingriffe in seine Körperlichkeit.

Diesen Science Fiction-​Grusel meint die Autorin tatsächlich ernst: Sämtliche Orientierung schaffenden und Identität stiftenden Werte sollen zerstört werden. Dieses Denken ist deckungsgleich mit Ansätzen aus einem Buch, das Kanzlerin Merkel mehrfach öffentlich empfahl: Dialoge Zukunft – Vision 2050. Es fordert offen das Aufbrechen aller festen identitätsbasierten Denkmuster und seine Referenz von hoher Stelle verleiht solchen Gedanken eine gewisse Virulenz.

Auch Karin Harrasser schreibt oft von Strukturen, beispielsweise vom Verändern der Sprache, um bestimmte Erziehungsideale ins Bewußtsein der Menschen zu rücken, um Prioritäten zu verschieben. Das ist ihr so wichtig, daß es noch vor den Inhalten rangiert. Ihr geht es also um die erzieherischen und praktischen Grundmechanismen.

Der von seiner Menschlichkeit „befreite“ Mensch

Doch körperliche Verbesserung steht bei ihr noch über der geistigen. Zur Veranschaulichung greift sie auf Comics und Spielfilme zurück. Gut, maschinenerweiterte Menschen sind heute kein Standard, es gibt also keine echten Vergleichsmöglichkeiten. Aber das ernstgemeinte Zitieren von Comics im Sinne wissenschaftlicher Quellenarbeit scheint nicht der beste Weg zu sein, um eine Theorie nah an der Realität zu entwickeln.

Natürlich: Harrasser geht auch wissenschaftlich auf die Prothetik ein, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist und warum. Wie sie sich entwickelt hat und welche Aufgaben sie sich stellte. Sie kommt auf die Paralympics zu sprechen und stellt die Frage: Wo ist die Grenze? Es geht der Autorin ganz klar um das Verwischen von Grenzen. Sie schreibt etwas später von der „Mensch-​Maschine-​Grenze“ ebenso selbstverständlich, wie von der „Tier-​Mensch-​Grenze“. Man mag die Gedankengänge gar nicht weiterführen. Am Ende steht in Harrassers Idealfall der von seiner Menschlichkeit „befreite“ Mensch.

Der Normale erscheint nunmehr als ‚potentieller Krüppel’, der Krüppel hingegen ist keiner, solange er produktiv ist…“, mein Harrasser. Ging es bei der Entwicklung der Prothetik nach dem Ersten Weltkrieg darum, Kriegsopfern ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen, einfache Handgriffe wieder selbständig zu vollführen und sie in einen angemessenen Arbeitsprozeß zu integrieren, geht es bei den Paralympics darum, mithilfe der Prothesen Hochleistungssport zu betreiben. Und natürlich haben medial verbreitete Höchstleistungen einen erzieherischen Effekt.

Das Mängelwesen vervollkommnen

Die Idee von der prothetischen oder maschinellen Erweiterung des Menschen, der als Mängelwesen verstanden wird, scheint eine Mischung aus beiden zu sein: Der Mensch soll effektiver am Produktionsprozeß teilzunehmen, also am Arbeitsplatz Höchstleistungen erreichen. Der menschliche Körper soll seinen Aufgaben angepaßt werden. So gesehen spinnt das Buch Körper 2.0 Ideen weiter, die dem Gender-​Mainstreaming folgen.

Hat man mithilfe des Gender-​Mainstreaming-​Programms versucht, sämtliche Bindungen und Rückhalte zu zerstören, versucht nun das Programm zur maschinellen Erweiterung des Körpers, dem Menschen seine Menschlichkeit zu nehmen, ihn zum Cyborg zu manchen. Auf eine ganz perfide Art und Weise treten dann Wesen zweiter und dritter Klasse in die Gesellschaft ein.

Harrasser bezieht sich bei ihren Gedankengängen oft auf Peter Sloterdijk. Sein Verständnis vom Menschen liegt ihren Gedankengängen zugrunde, nur deutet sie diese falsch: „Nicht länger gibt es einen in sich schlüssigen und perfekten Körper, der im Fall einer Krankheit medizinisch-​technisch behandelt wird. Vielmehr gibt es nur noch ein Kontinuum verbesserungsfähiger und verbesserungswürdiger Körper, die prothetisch mit ihrer Umwelt verschaltet sind.“

Wem gehört der eigene Körper?

Interessant ist die Erkenntnis der Autorin, wenn sie erstaunt schreibt, daß der eigene Körper „einem gehören kann“. „Ja wem denn sonst?“, will man ihr entgegenrufen. Doch diese grundlegende Erkenntnis geht der Autorin ab. Stattdessen flüchtet sie sich immer wieder in Formulierungen, die deutlich machen, daß sie mit Feminismus und Gender-​Theorie zutiefst materialistisches Denken verinnerlicht und zur Grundlage ihrer phantastischen Visionen gemacht hat.

Mit ihrer Mensch-​Maschine-​Vision schießt sie weit über das Ziel hinaus und läßt dem Mensch sein Menschsein nicht. Sie schreibt selbst von der Gefahr, daß diese Vision in eine Zerstörung alles Menschlichen ausarten könne, erkennt aber nicht, daß sie mit den von ihr formulierten Zielen genau diesen Weg selber vorbereitet.

Karin Harrasser: Körper 2.0. Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen. 144 Seiten Transcript Verlag 2013. 17,99 Euro.

ANZEIGE

Gedrucktes

Projekte

Verwandtes

BN-​Anstoss