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Paul Collier: Exodus

Freitag, 14 März 2014 09:04 von Felix Menzel

Die wenigsten deutschen Leser dürften den britischen Ökonom Paul Collier kennen. Das muß sich ändern. Er hat das derzeit wohl beste Buch über Migration geschrieben.

Collier, Professor in Oxford, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Dritten Welt und insbesondere Afrika. Unter anderem hat er den Bestseller Die unterste Milliarde (2007) geschrieben, der einige Überraschungen bereithält und wie alle seine Bücher äußerst faktengesättigt ist. Er betont darin: „Wir müssen uns daran gewöhnen, das vertraute Zahlenverhältnis auf den Kopf zu stellen: insgesamt fünf Milliarden Menschen leben heute bereits im Wohlstand oder sind auf dem Weg dorthin, eine Milliarde fällt immer weiter zurück.“

Schaden und Nutzen von Migrationsbewegungen

Bereits in diesem Buch hat Collier durchscheinen lassen, daß er zu Migrationsthemen wie „Flucht und Asyl“ Ansichten vertritt, die deutlich vom linksliberal-​gutmenschlichen Mainstream abweichen. Das fängt bei so unbequemen Wahrheiten an, daß Migration für die Länder der untersten Milliarde ein „Sicherheitsventil“ ist, und führt bis hin zu dem Punkt, an dem Collier betont, daß Entwicklungshilfe in den meisten Fällen das Gegenteil des eigentlichen Ziels erreicht. In den geförderten Staaten entstehe eine „Souveränitätsrendite“, die einen Anreiz für Rebellionen und Staatsstreiche schaffe. Bei allen Thesen kann man sich dabei sicher sein, daß sie auf der Basis von jahrelangen, empirischen Analysen getroffen wurden.

Das neuste Buch von Collier heißt Exodus, ist im Oktober 2013 auf Englisch erschienen und soll 2014 auf den deutschen Markt kommen. Es beschäftigt sich damit, wie sich die Welt durch Migration in den letzten Jahren verändert hat. Collier ist sich sehr sicher, daß die weltweiten Migrationsströme in nächster Zeit noch zunehmen werden, da die Einkommensunterschiede einfach zu groß sind. Für einen Auswanderungswilligen aus einem armen Land lohnt sich eine Migration – finanziell gesehen – auch dann, wenn sich sein Land im Wirtschaftswachstum befindet.

Wenig Zuwanderung ist gut, viel Zuwanderung ist schlecht

Collier hat keine Streitschrift vorgelegt. Er liefert einfach nur Fakten und das ist die große Stärke dieses Buches. Fangen wir also einmal an, zusammenzutragen, was wir über Migration wissen sollten:

  1. Ob eine Bevölkerungszunahme für ein Land von Vorteil ist, hängt davon ab, ob es unter– oder überbevölkert ist. Ökonomisch sind die Effekte trivial. Es geht bei dieser Frage einzig um den vorhandenen Platz pro Person.

  2. Die meisten Bürger der Aufnahmegesellschaften sind gegen „zu viele“ Einwanderer. Aktuell sprechen sich in Großbritannien 59 Prozent der Bürger gegen mehr Einwanderung aus.

  3. Moderate Zuwanderung hat für die einheimische Bevölkerung keine negativen Effekte. Eine beständig hohe Zuwanderung allerdings sorgt für eine Absenkung des Lebensstandards.

  4. Umso mehr Einwanderung es gibt, umso weniger vertrauen sich die unterschiedlichen Gruppen einer Gesellschaft. Aber nicht nur das: Auch das Vertrauen innerhalb der Gruppen nimmt ab. Die Menschen werden träger, haben weniger Freunde, beteiligen sich weniger am sozialen Leben und schauen mehr Fernsehen.

  5. Die Kinder der Einwanderer zeigen sich integrationsunwilliger als ihre Eltern.

  6. Einwanderung bewirkt, daß das unterste Lohnniveau eines Landes etwas absinkt. Die ärmsten Menschen einer Gesellschaft leiden also am meisten unter Zuwanderung. Anders sieht es bei den restlichen, höheren Lohnniveaus aus: Diese steigen durch Zuwanderung an.

  7. Aber Vorsicht! Was heißt diese Zunahme des Lohnniveaus schon, wenn z.B. gleichzeitig auch die Preise für Immobilien um zehn Prozent steigen? Der Anstieg der Immobilienpreise ist zumindest in Großbritannien größer als der Anstieg des Lohnniveaus.

  8. Auch die „hypererfolgreichen“ Einwanderer können Probleme verursachen. Man denke nur an die „tiger mothers“. In manchen Städten könnte es in den nächsten Jahren zu einem regelrechten Austausch der Eliten kommen. 90 Prozent der Schüler der angesehensten Schule in Sydney z.B. sind Ostasiaten. In New York sieht es ähnlich aus (70 Prozent) und in Kanada ist jeder zweite Jura-​Student Asiate.

  9. Brauchen wir Einwanderung, um die Überalterung abzumildern? Das ist eine völlig absurde Frage. Genausogut könnten wir diskutieren, ob nicht alle älteren Menschen eines Landes zur Auswanderung gezwungen werden sollten.

  10. In jedem Fall ist Einwanderung, um einen angeblichen Fachkräftemangel zu beseitigen, nicht im Interesse der einheimischen Bevölkerung, sondern höchstens ein Anliegen der Wirtschaft. Es ist für Unternehmen billiger, bereits ausgebildete Fachkräfte einwandern zu lassen, anstatt für die Weiterbildung der einheimischen Bevölkerung zu sorgen.

  11. Was würde eigentlich passieren, wenn es keine Zuwanderung mehr geben würde. Nehmen wir das Beispiel London: Mittlerweile hat die Hälfte der Bürger Londons einen „Migrationshintergrund“. In den 1950er-​Jahren, als auch etwa acht Millionen Menschen in der Stadt lebten, waren noch fast alle Einwohner Einheimische. Es ist nicht glaubwürdig, daß sich die Einwohnerzahl Londons halbiert hätte, wenn es keine Zuwanderung gegeben hätte. Was passiert also? Die Einheimischen werden verdrängt und ziehen ins Umland.

  12. Einwanderungswellen in wirtschaftlichen Boomjahren haben eine eindeutig zu beobachtende Folge: Sobald es wieder zu einer Rezession kommt, ziehen vor allem die Einheimischen weg.

  13. Für Zuwanderer gibt es ein ökonomisches Eigeninteresse, weitere Zuwanderung zu verhindern, da dies – statistisch betrachtet – zu einem Absinken ihrer Löhne führt.

  14. Auch wenn Zuwanderer in ihrem Zielland mehr verdienen können als in ihrer Heimat, so gibt es doch einen Indikator, der zeigt, daß sich ihre Anstrengungen nicht gelohnt haben. Ein Jahr nach ihrer Migration geben Zuwanderer an, daß sie nicht glücklicher sind als zuvor. Vier Jahre nach der Migration zeigen sie sich sogar weniger glücklich als zuvor.

  15. Die Migrationsströme, die in den Aufnahmeländern zu einer größeren sozialen Vielfalt führen sollen, haben in den Heimatländern der Auswanderer hauptsächlich negative Effekte. So nehmen hier die soziale Vielfalt und die Wahrscheinlichkeit ab, daß sich eine gute Opposition formieren kann. „Menschen können protestieren, oder sie können auswandern“, so Collier.

  16. 2012 überwiesen Migranten 400 Milliarden Dollar von reichen Staaten in Entwicklungsländer an ihre Angehörigen. Diese Rücküberweisungen sind mittlerweile wichtiger als die Entwicklungshilfe der wohlhabenden Staaten. Jedoch darf eins nicht vergessen werden: Mit jeder Generation nimmt die Höhe dieser Rücküberweisungen ab.

Nach der Veröffentlichung seines Buches meldete sich Paul Collier auch zu aktuellen Migrationsthemen zu Wort. Nach der Katastrophe von Lampedusa mit über 300 toten Flüchtlingen kritisierte er die Asylpolitik der europäischen Staaten heftig: „Im Namen der Menschenrechte begehen wir hier ein gigantisches humanitäres Unrecht. Wir bringen Menschen – nicht die Ärmsten, sondern die, die genug Cash haben – in Versuchung, russisches Roulette zu spielen. Das ist eine zu bequeme Moral.“

Reziprozität der Wanderungsbewegungen

Zu einfache Lösungen, nämlich ein „Freizügig ohne Grenzen“, biete auch die Europäische Union für Binnenwanderungen an. Die Grundidee der Niederlassungsfreiheit überall in Europa sei gut gewesen, betont Collier. Aber sie habe immer vorausgesetzt, daß eine „Reziprozität“ der Wanderungsbewegungen vorliege – „viele Deutsche in Großbritannien und viele Briten in Deutschland“. Gegenwärtig jedoch wanderten die Menschen ausschließlich von den armen Ländern, z.B. Rumänien, in die reichen wie Deutschland.

Exodus. How Migration Is Changing Our World ist ein hervorragendes Buch, das hoffentlich in Deutschland eine kontroverse Debatte auslösen wird. Viel wichtiger aber wäre, daß die herausgearbeiteten Fakten endlich von unserer Politikerkaste ernstgenommen werden. Die Schweiz müßte dann zum Vorbild für ganz Europa werden.

Paul Collier: Exodus. How Migration Is Changing Our Word. Oxford University Press 2013

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