Wenn radikal sein bedeutet, etwas an der Wurzel zu fassen, dann ist Alex Kurtagić (geb. 1970) einer der radikalsten Köpfe der europäischen Rechten. „Europäisch“ ist dabei die einzige mögliche nationale Klassifizierung dieses Mannes, dessen Eltern aus Spanien und Slowenien stammen, der in Spanien geboren wurde und heute in Britannien lebt.
Multikulturelles Leben
Aus beruflichen Gründen zogen seine Eltern zeitweilig nach Venezuela. Auch wenn er sich erst viel später der Politik zuwandte, beschreibt er selbst diese Jugenderfahrung als eine Quelle seines Engagements. Er habe in der Zukunft gelebt, schreibt er und meint ein Land, bevölkert von einem ethnischen Gemenge, überwuchert von einer alles zerfressenden Mischung aus Dysfunktionalität, Korruption und alltäglicher Gewalt.
Diese Erfahrung hat ihn eine Kompromisslosigkeit gelehrt, die auch in unseren Reihen selten ist: „Meine Beobachtungen ergeben, dass die Zukunft so düster ist, dass es ziemlich dämlich erscheint sich darüber zu sorgen heute beschimpft zu werden, während der Preis dies zu vermeiden das endlose Grauen von morgen ist“, lautet einer seiner bekannteren Aussprüche. Stilistisch ist es einer seiner besten, er gibt den harten, oft lapidaren Klang eines Mannes wieder, der seine berufliche Laufbahn in der Black-Metal-Szene begann.
Konservative sind Verlierer
Seine Bekanntheit in Deutschland beruht vor allem auf dem Essay „Warum Konservative immer verlieren“. Ein Tiefschlag, der sich vor allem gegen „Conservatism Inc.“ (so der englische Jargon) richtet, aber auch jedem „neuen“ Rechten zu denken geben sollte. Denn Kurtagićs großes Thema ist ein strukturelles Defizit der Rechten, welches bei einer oft betont verstandesskeptischen, von ihren akademischen Feinden als irrationalistisch beschimpften Bewegung zum Gebrechen komisch anmutet: Das Vertrauen auf die Vernunft und die besseren Argumente. Es scheint, dass Jürgen Habermas die einzigen praktischen Anhänger seiner Kommunikationstheorie bei jenen Rechten gefunden hat, die ernsthaft der Ansicht sind, durch Verbreitung von Faktenwissen oder gar wissenschaftlicher Erkenntnis größere Menschenmassen im rationalen Diskurs überzeugen zu können.
Der Konservatismus, so Kurtagić, verbinde diesen Aberglauben an den gesunden Menschenverstand zu allem Überfluss mit gähnender Langeweile und dem völligen Fehlen eines eigenen Programms. Ohne eigene Vorstellung, wie die Zukunft auszusehen habe, reagiere er lediglich auf die Forderungen seiner Gegner um eher früher als später doch einzuknicken.
Ethik, Ästhetik und Status
Kurtagić ist kein Soziologe oder Psychologe, auch wenn er mit eingehender Literatur vertraut ist. Seine Einblicke in die Funktionsweise menschlichen Wahlverhaltens gewann er als Chef und Designer einer kleinen Plattenfirma. Dieses Wahlverhalten ist alles andere als rational, für den politischen Meinungskampf betrachtet Kurtagić vor allem drei Faktoren als entscheidend: Ethik, Ästhetik und Status.
Von diesen dreien ist der letzte sicher am schwersten verdaulich. Dass sie sich zum Guten und Schönen hingezogen fühlen, glauben die Menschen gerne. Dass es ihnen darum geht ihren sozialen Status aufzubessern, indem sie sich mit als „elitär“ wahrgenommenen Marken, Bands oder eben Meinungen identifizieren, hören sie mit deutlich geringerer Begeisterung. Die Fähigkeit zu überzeugen hängt aber größtenteils von der Möglichkeit zu belohnen, wobei die Belohnung durchaus immateriell sein kann. Randschichten sind daher besonders auf ihre internen Szenen angewiesen. Der Szeneruhm kann Aktivisten eine Entschädigung für die soziale Ächtung durch den Mainstream bieten.
Um den Mainstream aber in die eigene Richtung zu lenken, muss man daher die eigenen Überzeugungen, Vorlieben, etc. als elitär darzustellen wissen. Und natürlich geht es nicht zuletzt darum, den Gegner abzuwerten. Man mag darüber streiten, ob Kurtagić dabei nicht den Bogen überspannt hat, als er den Spieß der Frankfurter Schule umdrehte und Linkssein zu Pathologie erklärte. Seine Bemühungen in diese Richtung sind jedenfalls gewöhnungsbedürftig. So hatte er einige Jahre lang die Angewohnheit linken Ikonen an deren Todestag ins Grab hinterherzuspucken: in Form ausführlicher, hervorragend recherchierter biographischer Artikel von ätzender Häme.
Die Bedeutung des Stils
Um aber überhaupt als irgendetwas wahrgenommen zu werden, muss man erst einmal auf sich aufmerksam machen. Das ist eine Frage des Stils. Einer der bemerkenswerteren Züge Kurtagićs besteht darin, dass dieser ästhetisch empfindsame Traditionalist zu einer Art Theoretiker der Popkultur geworden ist.
Denn auch wenn er die Bedeutung der hohen Kunst als Inspirationsquelle betont. In seinem politischen Denken taucht Kunst nur als politischer Faktor auf. Er bestreitet als letzter, dass die Kunst auch außerhalb der Politik etwas sei, doch innerhalb derselben ist sie ihm Verpackung weltanschaulicher Inhalte. Aus genau diesem Grund ist für Kurtagić, die Popkultur, die er selbst verachtet, die politisch entscheidende Ebene der Kunst, schlicht aufgrund der größeren Massenwirkung.
Menschen wollen sich gut fühlen
Dieses abfällige Menschenbild als eines Affen, der durch Glitzerkram und die Hackordnung gesteuert wird, hellt sich in jüngeren Texten und Reden etwas auf. Dass der Mensch ein ethisches Tier sei, gehört zu jenen Sätzen, die gelegentlich in gutmenschlichen Plattitüden auftauchen. Kurtagić stellt die Sache insofern richtig, als er das menschliche Bedürfnis betont sich moralisch gut zu fühlen. Und an dieser Stelle setzt für ihn die Ethik ein.
Menschen mögen die Krankheit der gegenwärtigen Zustände spüren, mögen sich Sorgen um ihre Zukunft und die ihrer Kinder machen, wenn sie den Kampf gegen das Establishment nicht moralisch rechtfertigen können, bleiben sie zuhause. Das Problem bestehe in der Ethik, die ihnen vorgegeben wird und die die meisten nicht selbständig hinterfragen können, vor allem in der Gleichsetzung von Gleichheit und Gerechtigkeit.
Es bleibe daher eine der dringendsten Aufgaben der rechten Avantgarde eine antiegalitaristische Ethik zu formulieren, oder, da Kurtagić grundsätzlich positiv formuliert, eine Ethik der Qualität. Er zielt damit auf jene argumentative Schwäche ab, die den Rechten oft in die Ecke drängt, gerade weil er nur die Tatsachen, aber keine normative Idee auf seiner Seite weiß. Er kann dem Linken nur beständig erklären, warum dessen Pläne desaströse Folgen haben werden und wird so zum Miesmacher und Spielverderber. Vor allem aber ist er es, der sich beständig wird rechtfertigen müssen, warum er gegen diese oder jene Idee sei, die doch „im Grunde gut gemeint ist“.
Jenseits der Angst
Kurtagićs größter Verdienst besteht darin, aus seinem sehr nüchternen Menschenbild einen Avantgardismus entwickelt zu haben, der bisweilen am Utopischen streift. Damit weist er über die jetzige Situation hinaus, die er bei weitem nicht so positiv beurteilt, wie manche anderen, die sich am Erfolg des letzten Jahres besoffen haben. Er sieht durchaus die Umbruchstimmung, was er nicht sieht, ist eine Änderung des Wertegefüges.
Die Leute haben Angst, ja. Aber darauf lasse sich nichts aufbauen und letztlich könne diese Angst sie in die Arme von jedem Beliebigen treiben. In Griechenland und Spanien, so argumentiert er, hat die Wirtschaftskrise sogar zu einer Verstärkung egalitaristischer Tendenzen geführt. Die bisherige Entwicklung habe zwar den Glauben an die politische Führung erschüttert, aber die egalitären Ideen selbst stehen unerschüttert im Raum. Erst wenn es gelingt diese zu stürzen, kann etwas Neues aufgebaut werden.
