StartseiteBlaue Narzisse - Das kulturelle Onlinemagazin für Schüler und Studentenhttp://www.blauenarzisse.de/index.php2012-05-17T07:33:19ZJoomla! 1.5 - Open Source Content ManagementThesen-durch-Fakten-Anschläge: Blaue Narzisse startet mit einzigartiger Plakatzeitschrift durch2012-05-16T08:15:01Z2012-05-16T08:15:01Zhttp://www.blauenarzisse.de/index.php/aktuelles/3312-thesen-durch-fakten-anschlaege-blaue-narzisse-startet-mit-einzigartiger-plakatzeitschrift-durchBN-Redaktionkcvmenz@gmx.de<p class="MsoNormal"><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/plakatzeitschrift.jpg" border="0" alt="Thesen-durch-Fakten-Anschläge" width="500" height="356" style="vertical-align: text-bottom; margin: 5px;" /></p>
<p class="MsoNormal">Die <strong>Blaue Narzisse</strong> gibt es wieder in gedruckter Form. Nächste Woche erscheinen die ersten <strong><a href="http://laden.blauenarzisse.de/allgemein/abo-thesen-durch-fakten-anschlaege/" target="_blank">Thesen-durch-Fakten-Anschläge</a></strong> zum Thema <a href="http://laden.blauenarzisse.de/allgemein/europa-und-globalisierung-thesen-durch-fakten-anschlaege/" target="_blank">„Europa und Globalisierung“</a>, die ab sofort vorbestellt werden können. Die Thesen-durch-Fakten-Anschläge sind eine Plakatzeitschrift im Format A1, gefaltet auf 16 A4-Seiten, gedruckt auf hochwertigem Papier mit einem leichten Gelbstich und komplett werbefrei.</p>
<p>Sie erscheinen alle drei Monate. Für das Jahr 2012/13 sind folgende Doppelthemen (aufgeteilt auf Vorder- und Rückseite) geplant:</p>
<ul>
<li>Juni 2012: <a href="http://laden.blauenarzisse.de/allgemein/europa-und-globalisierung-thesen-durch-fakten-anschlaege/" target="_blank">Europa und Globalisierung</a></li>
<li>September 2012: Jugend und Revolte</li>
<li>Dezember 2012: Konsum und Umwelt</li>
<li>März 2013: <a href="http://nach-dem-gedankenstrich.de/" target="_blank">Kafka</a> und Alternativlosigkeit</li>
</ul>
<p class="MsoNormal">Jede Ausgabe kostet 4,51 Euro. <strong>Das Abonnement kostet 13 Euro, Sie sparen folglich 5,04 Euro. </strong><strong><a href="http://laden.blauenarzisse.de/allgemein/abo-thesen-durch-fakten-anschlaege/" target="_blank">Hier können Sie die Thesen-durch-Fakten-Anschläge direkt abonnieren!</a></strong><br /> <br /> Die erste Ausgabe der Thesen-durch-Fakten-Anschläge ist bereits fertiggestellt und wird ab dem 23. Mai 2012 ausgeliefert. Ein Dutzend junger Autoren hat dafür lange an den Texten gefeilt, einen ganz speziellen Satz entwickelt und <a href="http://www.blauenarzisse.de/blog/4695/bilder-vom-autorenseminar-und-neue-druckausgabe.html" target="_self">ein Wochenende</a> in intensiver Arbeitsatmosphäre um jedes Wort, jede Überschrift und jede These gerungen. Das Ergebnis ist eine einzigartige Plakatzeitschrift, die nicht nur verkauft wird. Wir plakatieren sie auch an Universitäten und Schulen.<br /> <br /> Die Juni-Ausgabe der Thesen-durch-Fakten-Anschläge beschäftigt sich mit „Europa und Globalisierung“. <strong><a href="http://laden.blauenarzisse.de/allgemein/europa-und-globalisierung-thesen-durch-fakten-anschlaege/" target="_blank">Hier kann sie einzeln vorbestellt werden!</a></strong><br /> <br /> <strong>Inhaltsübersicht:</strong><br /> Benjamin Jahn Zschocke: Haffner<br /><strong> Redaktion: Pessimismus ist Feigheit</strong><br /> Lukas Steinwandter: Regionalstaat Südtirol<br /><strong> Felix Menzel: Die andere KR – Die andere Hannah Arendt – Das andere Europa</strong><br /> Alexander Schleyer: Achse Berlin-Moskau-Kabul-Teheran<br /><strong> Carlo Clemens: Islam</strong><br /> Sebastian Rast: Smash Turbo-Völker<br /><strong> Christoph Rothämel: Afrika abgewickelt</strong><br /> Moritz Schellenberg: Nizza, meine Heimat<br /><strong> Till Röcke: Gedichtinterpretation “Völkerwanderung” von Günter Kunert</strong><br /> T.W.: Made in globales Dorf<br /> <br /> <strong><a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/aktuelles/3040-in-eigener-sache-werden-sie-pate-unserer-autoren" target="_self">Autorenpaten</a> und <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/foerderverein" target="_self">Fördervereinsmitglieder</a> erhalten die Plakatzeitschrift kostenlos zugeschickt.<br /> <br /><a href="http://laden.blauenarzisse.de/" target="_blank"> Hier geht es zu unserer Verkaufstheke mit der Möglichkeit, die Plakatzeitschrift zu bestellen und zu abonnieren.</a></strong></p>
<p class="MsoNormal"><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/plakatzeitschrift2.jpg" border="0" width="500" height="356" style="vertical-align: text-bottom; margin: 5px;" /></p>
<p class="MsoNormal">(Bilder: Vorschau erste Ausgabe „Europa und Globalisierung“)</p><p class="MsoNormal"><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/plakatzeitschrift.jpg" border="0" alt="Thesen-durch-Fakten-Anschläge" width="500" height="356" style="vertical-align: text-bottom; margin: 5px;" /></p>
<p class="MsoNormal">Die <strong>Blaue Narzisse</strong> gibt es wieder in gedruckter Form. Nächste Woche erscheinen die ersten <strong><a href="http://laden.blauenarzisse.de/allgemein/abo-thesen-durch-fakten-anschlaege/" target="_blank">Thesen-durch-Fakten-Anschläge</a></strong> zum Thema <a href="http://laden.blauenarzisse.de/allgemein/europa-und-globalisierung-thesen-durch-fakten-anschlaege/" target="_blank">„Europa und Globalisierung“</a>, die ab sofort vorbestellt werden können. Die Thesen-durch-Fakten-Anschläge sind eine Plakatzeitschrift im Format A1, gefaltet auf 16 A4-Seiten, gedruckt auf hochwertigem Papier mit einem leichten Gelbstich und komplett werbefrei.</p>
<p>Sie erscheinen alle drei Monate. Für das Jahr 2012/13 sind folgende Doppelthemen (aufgeteilt auf Vorder- und Rückseite) geplant:</p>
<ul>
<li>Juni 2012: <a href="http://laden.blauenarzisse.de/allgemein/europa-und-globalisierung-thesen-durch-fakten-anschlaege/" target="_blank">Europa und Globalisierung</a></li>
<li>September 2012: Jugend und Revolte</li>
<li>Dezember 2012: Konsum und Umwelt</li>
<li>März 2013: <a href="http://nach-dem-gedankenstrich.de/" target="_blank">Kafka</a> und Alternativlosigkeit</li>
</ul>
<p class="MsoNormal">Jede Ausgabe kostet 4,51 Euro. <strong>Das Abonnement kostet 13 Euro, Sie sparen folglich 5,04 Euro. </strong><strong><a href="http://laden.blauenarzisse.de/allgemein/abo-thesen-durch-fakten-anschlaege/" target="_blank">Hier können Sie die Thesen-durch-Fakten-Anschläge direkt abonnieren!</a></strong><br /> <br /> Die erste Ausgabe der Thesen-durch-Fakten-Anschläge ist bereits fertiggestellt und wird ab dem 23. Mai 2012 ausgeliefert. Ein Dutzend junger Autoren hat dafür lange an den Texten gefeilt, einen ganz speziellen Satz entwickelt und <a href="http://www.blauenarzisse.de/blog/4695/bilder-vom-autorenseminar-und-neue-druckausgabe.html" target="_self">ein Wochenende</a> in intensiver Arbeitsatmosphäre um jedes Wort, jede Überschrift und jede These gerungen. Das Ergebnis ist eine einzigartige Plakatzeitschrift, die nicht nur verkauft wird. Wir plakatieren sie auch an Universitäten und Schulen.<br /> <br /> Die Juni-Ausgabe der Thesen-durch-Fakten-Anschläge beschäftigt sich mit „Europa und Globalisierung“. <strong><a href="http://laden.blauenarzisse.de/allgemein/europa-und-globalisierung-thesen-durch-fakten-anschlaege/" target="_blank">Hier kann sie einzeln vorbestellt werden!</a></strong><br /> <br /> <strong>Inhaltsübersicht:</strong><br /> Benjamin Jahn Zschocke: Haffner<br /><strong> Redaktion: Pessimismus ist Feigheit</strong><br /> Lukas Steinwandter: Regionalstaat Südtirol<br /><strong> Felix Menzel: Die andere KR – Die andere Hannah Arendt – Das andere Europa</strong><br /> Alexander Schleyer: Achse Berlin-Moskau-Kabul-Teheran<br /><strong> Carlo Clemens: Islam</strong><br /> Sebastian Rast: Smash Turbo-Völker<br /><strong> Christoph Rothämel: Afrika abgewickelt</strong><br /> Moritz Schellenberg: Nizza, meine Heimat<br /><strong> Till Röcke: Gedichtinterpretation “Völkerwanderung” von Günter Kunert</strong><br /> T.W.: Made in globales Dorf<br /> <br /> <strong><a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/aktuelles/3040-in-eigener-sache-werden-sie-pate-unserer-autoren" target="_self">Autorenpaten</a> und <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/foerderverein" target="_self">Fördervereinsmitglieder</a> erhalten die Plakatzeitschrift kostenlos zugeschickt.<br /> <br /><a href="http://laden.blauenarzisse.de/" target="_blank"> Hier geht es zu unserer Verkaufstheke mit der Möglichkeit, die Plakatzeitschrift zu bestellen und zu abonnieren.</a></strong></p>
<p class="MsoNormal"><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/plakatzeitschrift2.jpg" border="0" width="500" height="356" style="vertical-align: text-bottom; margin: 5px;" /></p>
<p class="MsoNormal">(Bilder: Vorschau erste Ausgabe „Europa und Globalisierung“)</p>Leidenschaftlich emotionslos bitte: Populismus und Politik mit dem taz-Parlamentsredakteur2012-05-16T07:01:55Z2012-05-16T07:01:55Zhttp://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/3311-leidenschaftlich-emotionslos-bitte-populismus-und-politik-mit-dem-taz-parlamentsredakteurAlexander Schleyerwdlassotta@web.de<p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/wutii.jpg" border="0" width="150" height="150" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" />Ja, ich bin jetzt auch einer der „11.727 GenossInnen, die in die Pressefreiheit investieren”. Auf gut Deutsch: Ich habe ein taz-Schnupperabo. Fünf Wochen. Gab's für zehn Euro und ein Buch über Utopien wollten sie mir auch noch schicken. Eine Ersparnis von 46 Euro. Zehn Euro bezahlen also auch jene, die mir vor wenigen Monaten noch Hundescheiße in den Briefkasten gefüllt und auch sonst zu nachtschlafenden Zeiten meinen Klingelknopf gedrückt haben. Ich habe Verständnis für diese <em>taz</em>-Leser.</p>
<p>Im Sinne einer besseren Welt verliehen Sie ihrer Antipathie gegen mich Ausdruck oder sie versüßten den abendlichen Heimweg vom Supermarkt zum Wild-West-Erlebnis. Nun lese ich dieses Blatt also allmorgendlich, wenn meine Freundin Yogi-Tee kocht und der Tag spät in Zigarettenqualm (natürlich fair trade und ohne Zusatzstoffe!) beginnt und finde dabei regelmäßig Sätze, die zum Nachdenken anregen.</p>
<p>Nein, ich will keinen Verriss zur <em>taz</em> schreiben, genauso wenig wie Lobeshymnen auf ein sympathisch-bissiges Blatt auf dem sonst eintönigen bis stumpfen Printmedienmarkt. Ich möchte auch nicht jeden verbalen Windstoß kommentieren, den ein <em>taz</em>-Redakteur in meine Küche getragen hat, wohl aber einen ganz besonderen Satz, der mir besonders aufgefallen ist.</p>
<p><strong>Der „Parlamentsredakteur” Reinecke über Populismus</strong></p>
<p>Er stammt aus einem Kommentar zu Populismus von <a href="http://www.taz.de/!91752/" target="_blank">Stefan Reinecke</a>, dem „Parlamentsredakteur” der Zeitung. Der bundesdeutsche Populismus sei ein anderer, vor rechtsradikalen „Hasardeuren” sei man wohl gefeit – ganz im Gegenteil zu europäischen Nachbarn wie Österreich, Belgien, den Niederlanden oder auch Ungarn. Man fände im deutschen Populismus zwar klassische Affekte und kognitive Kurzschlüsse, etwa „die Geringschätzung der politischen Eliten und ihres Betriebes”. Aber das „hässliche Gesicht” des Populismus, die „Fixierung auf eine Führerfigur und die Verachtung von Minderheiten” sei selten, atmet Reinecke auf. Er kommt zu folgender Charakterisierung der Berliner Politik: „Das seit 1945 nachwirkende Leidenschaftsverbot in der deutschen Politik zivilisiert. Auch deshalb sind unsere Politiker allesamt eher langweilig, kaum korrupt und gar nicht charismatisch.”</p>
<p>Wedert Hosenanzüge noch hochrangige Buntkrawattenträger, die sich konsequenzlos als „Schwuchtel” bezeichnen lassen sind nicht sonderlich spannend, eher langweilig bis peinlich. Und selbst die bunteste Nudel des deutschen Politikbetriebs, <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/2770-kein-blauer-brief-an-claudia-roth" target="_self">Claudia Roth</a>, wirkt eher so routiniert wie der trillernde Kasper im Kinderpuppenspiel.</p>
<p>Wer durch konsequente Lobbyarbeit das für ihn Gute mit dem allgemeinem Interesse verknüpft, hat Korruption verständlicherweise gar nicht erst sonderlich nötig. Charisma ist in einem Mechanismus, der eher auf die Bekanntschaft der „richtigen Leute” setzt, als auf Wahrhaftigkeit, ebenfalls keine notwendige Eigenschaft. Schon Hemingway wusste, warum er die „richtigen Leute” nicht kennen wollte.</p>
<p><strong>Parlamentsdebatten sind den Parlamentariern Wurst</strong></p>
<p>Das Verstörende an dieser faktisch richtigen Aussage jedoch ist das offensichtliche stille Verbot der Leidenschaft. Herbert Wehner (SPD) schrie leidenschaftlich gerne und auch andere seiner Amtskollegen waren für Streitbarkeit berühmt. Nun geht es aber um die Debattenkultur der Gegenwart und es beschleicht einen der Eindruck, dass das, worüber geredet wird, den meisten Parlamentariern im Grunde genommen vollkommen Wurst ist. Der Fraktionszwang ersetzt den Stress einer persönlichen Entscheidung und der damit verbundenen Nachfragen.</p>
<p>Nun mag eine gewisse Reserviertheit gegenüber besonderer Leidenschaft im politischen Betrieb bestehen, auch weil ein schnauzbärtiger Politiker aus Österreich für seine verbale Aufzehrung bekannt war. Der pragmatische Rationalismus wird in Opposition zur Emotion vertreten. Letztere wird zwar privat als menschlich hingenommen. Tritt sie jedoch offen bei Entscheidungsprozessen auf, gilt sie als gefährlich.</p>
<p>Nichts anderes als Leidenschaft, also die gänzliche Aufopferung für eine Sache, das Aufzehren der Kräfte für seine Überzeugungen, bleibt ein Zeichen wirklicher Wahrhaftigkeit. Nur wer leidenschaftlich für eine Sache eintritt und auch einsteht, dem kann geglaubt werden, dass er sie auch aus tiefster innerster Überzeugung vertritt. Der Leidenschaftliche folgt am ehesten seinem Gewissen und nicht bloß der vorgeschützten Fraktionsdisziplin oder dem Gebaren derer, die rentable Ansprüche an ihn stellen.</p>
<p><strong>Emotionen stiften Zusammenhalt</strong></p>
<p>Opfer, das ist schon vom Wort her so sakral und so nahe am Heroischen, dass es vielleicht genau deshalb nicht mehr recht in die Gegenwart passen will. Es kann in eine laizistische Welt nicht eingefügt werden kann, in der jede Form von Pathos scheu verborgen wird. Doch Pathos, Trauer und Gedenken stiften ein Gefühl der Verbundenheit, der Zusammengehörigkeit und ziehen zugleich auch mitunter erschreckend scharfe Grenzen.</p>
<p>Reinecke paraphrasiert die Charakteristika durchaus korrekt, vertritt aber offenbar die Ansicht, genau diese Leidenschaftslosigkeit sei im öffentlichen Entscheidungsfindungsprozess richtig. Glaubwürdig aber kann sie nicht sein. Vielmehr gleicht sie den Schauspielern eines großen Theaters, die aus Pflichtbewusstsein und Broterwerb gelegentlich auf die große Bühne gebeten werden, ihren Text abspulen und mit erleichtertem Aufatmen nach rituellem Applaus rasch hinter den Vorhang entschwinden.</p>
<p><strong>Wieder menschliches, nur allzu menschliches</strong></p>
<p>In der Idee und dramaturgischen Konsequenz ihrer Rolle, also den <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/2969-grundsaetzlich-und-grundlegend-x-das-schmutzige-geschaeft-der-politik-mit-emotionen" target="_self">Emotionen</a>, gehen die medienwirksamen Politiker nicht auf. Eher spielen sie im falschen Akt, riskieren keinen Streit mit den Drehbuchautoren der Welt und Regisseuren in Brüssel. Denn die bezahlen die besten Gagen.</p>
<p>Reinecke schreibt nur wenige Absätze später von politischen Träumen, vom „Unbehagen [...] einer Parteiendemokratie, die keine erkennbaren Alternativen mehr hervorbringt”. Hört man daraus nicht die Sehnsucht nach wirklicher Veränderung? Schwingt darin nicht ein glühender Funke Idealismus, ein Glaube an wirklich Neues, nie da gewesenes, vielleicht sogar Revolutionäres? Reineckes Kommentar liest sich wie ein als diskreditierter Wunsch nach Ehrlichkeit. Doch er diskreditiert politische Emotionen – und bleibt doch leidenschaftlich politisch.</p>
<p>(Bild: wut.jpg mdanys/ flickr.com)</p><p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/wutii.jpg" border="0" width="150" height="150" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" />Ja, ich bin jetzt auch einer der „11.727 GenossInnen, die in die Pressefreiheit investieren”. Auf gut Deutsch: Ich habe ein taz-Schnupperabo. Fünf Wochen. Gab's für zehn Euro und ein Buch über Utopien wollten sie mir auch noch schicken. Eine Ersparnis von 46 Euro. Zehn Euro bezahlen also auch jene, die mir vor wenigen Monaten noch Hundescheiße in den Briefkasten gefüllt und auch sonst zu nachtschlafenden Zeiten meinen Klingelknopf gedrückt haben. Ich habe Verständnis für diese <em>taz</em>-Leser.</p>
<p>Im Sinne einer besseren Welt verliehen Sie ihrer Antipathie gegen mich Ausdruck oder sie versüßten den abendlichen Heimweg vom Supermarkt zum Wild-West-Erlebnis. Nun lese ich dieses Blatt also allmorgendlich, wenn meine Freundin Yogi-Tee kocht und der Tag spät in Zigarettenqualm (natürlich fair trade und ohne Zusatzstoffe!) beginnt und finde dabei regelmäßig Sätze, die zum Nachdenken anregen.</p>
<p>Nein, ich will keinen Verriss zur <em>taz</em> schreiben, genauso wenig wie Lobeshymnen auf ein sympathisch-bissiges Blatt auf dem sonst eintönigen bis stumpfen Printmedienmarkt. Ich möchte auch nicht jeden verbalen Windstoß kommentieren, den ein <em>taz</em>-Redakteur in meine Küche getragen hat, wohl aber einen ganz besonderen Satz, der mir besonders aufgefallen ist.</p>
<p><strong>Der „Parlamentsredakteur” Reinecke über Populismus</strong></p>
<p>Er stammt aus einem Kommentar zu Populismus von <a href="http://www.taz.de/!91752/" target="_blank">Stefan Reinecke</a>, dem „Parlamentsredakteur” der Zeitung. Der bundesdeutsche Populismus sei ein anderer, vor rechtsradikalen „Hasardeuren” sei man wohl gefeit – ganz im Gegenteil zu europäischen Nachbarn wie Österreich, Belgien, den Niederlanden oder auch Ungarn. Man fände im deutschen Populismus zwar klassische Affekte und kognitive Kurzschlüsse, etwa „die Geringschätzung der politischen Eliten und ihres Betriebes”. Aber das „hässliche Gesicht” des Populismus, die „Fixierung auf eine Führerfigur und die Verachtung von Minderheiten” sei selten, atmet Reinecke auf. Er kommt zu folgender Charakterisierung der Berliner Politik: „Das seit 1945 nachwirkende Leidenschaftsverbot in der deutschen Politik zivilisiert. Auch deshalb sind unsere Politiker allesamt eher langweilig, kaum korrupt und gar nicht charismatisch.”</p>
<p>Wedert Hosenanzüge noch hochrangige Buntkrawattenträger, die sich konsequenzlos als „Schwuchtel” bezeichnen lassen sind nicht sonderlich spannend, eher langweilig bis peinlich. Und selbst die bunteste Nudel des deutschen Politikbetriebs, <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/2770-kein-blauer-brief-an-claudia-roth" target="_self">Claudia Roth</a>, wirkt eher so routiniert wie der trillernde Kasper im Kinderpuppenspiel.</p>
<p>Wer durch konsequente Lobbyarbeit das für ihn Gute mit dem allgemeinem Interesse verknüpft, hat Korruption verständlicherweise gar nicht erst sonderlich nötig. Charisma ist in einem Mechanismus, der eher auf die Bekanntschaft der „richtigen Leute” setzt, als auf Wahrhaftigkeit, ebenfalls keine notwendige Eigenschaft. Schon Hemingway wusste, warum er die „richtigen Leute” nicht kennen wollte.</p>
<p><strong>Parlamentsdebatten sind den Parlamentariern Wurst</strong></p>
<p>Das Verstörende an dieser faktisch richtigen Aussage jedoch ist das offensichtliche stille Verbot der Leidenschaft. Herbert Wehner (SPD) schrie leidenschaftlich gerne und auch andere seiner Amtskollegen waren für Streitbarkeit berühmt. Nun geht es aber um die Debattenkultur der Gegenwart und es beschleicht einen der Eindruck, dass das, worüber geredet wird, den meisten Parlamentariern im Grunde genommen vollkommen Wurst ist. Der Fraktionszwang ersetzt den Stress einer persönlichen Entscheidung und der damit verbundenen Nachfragen.</p>
<p>Nun mag eine gewisse Reserviertheit gegenüber besonderer Leidenschaft im politischen Betrieb bestehen, auch weil ein schnauzbärtiger Politiker aus Österreich für seine verbale Aufzehrung bekannt war. Der pragmatische Rationalismus wird in Opposition zur Emotion vertreten. Letztere wird zwar privat als menschlich hingenommen. Tritt sie jedoch offen bei Entscheidungsprozessen auf, gilt sie als gefährlich.</p>
<p>Nichts anderes als Leidenschaft, also die gänzliche Aufopferung für eine Sache, das Aufzehren der Kräfte für seine Überzeugungen, bleibt ein Zeichen wirklicher Wahrhaftigkeit. Nur wer leidenschaftlich für eine Sache eintritt und auch einsteht, dem kann geglaubt werden, dass er sie auch aus tiefster innerster Überzeugung vertritt. Der Leidenschaftliche folgt am ehesten seinem Gewissen und nicht bloß der vorgeschützten Fraktionsdisziplin oder dem Gebaren derer, die rentable Ansprüche an ihn stellen.</p>
<p><strong>Emotionen stiften Zusammenhalt</strong></p>
<p>Opfer, das ist schon vom Wort her so sakral und so nahe am Heroischen, dass es vielleicht genau deshalb nicht mehr recht in die Gegenwart passen will. Es kann in eine laizistische Welt nicht eingefügt werden kann, in der jede Form von Pathos scheu verborgen wird. Doch Pathos, Trauer und Gedenken stiften ein Gefühl der Verbundenheit, der Zusammengehörigkeit und ziehen zugleich auch mitunter erschreckend scharfe Grenzen.</p>
<p>Reinecke paraphrasiert die Charakteristika durchaus korrekt, vertritt aber offenbar die Ansicht, genau diese Leidenschaftslosigkeit sei im öffentlichen Entscheidungsfindungsprozess richtig. Glaubwürdig aber kann sie nicht sein. Vielmehr gleicht sie den Schauspielern eines großen Theaters, die aus Pflichtbewusstsein und Broterwerb gelegentlich auf die große Bühne gebeten werden, ihren Text abspulen und mit erleichtertem Aufatmen nach rituellem Applaus rasch hinter den Vorhang entschwinden.</p>
<p><strong>Wieder menschliches, nur allzu menschliches</strong></p>
<p>In der Idee und dramaturgischen Konsequenz ihrer Rolle, also den <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/2969-grundsaetzlich-und-grundlegend-x-das-schmutzige-geschaeft-der-politik-mit-emotionen" target="_self">Emotionen</a>, gehen die medienwirksamen Politiker nicht auf. Eher spielen sie im falschen Akt, riskieren keinen Streit mit den Drehbuchautoren der Welt und Regisseuren in Brüssel. Denn die bezahlen die besten Gagen.</p>
<p>Reinecke schreibt nur wenige Absätze später von politischen Träumen, vom „Unbehagen [...] einer Parteiendemokratie, die keine erkennbaren Alternativen mehr hervorbringt”. Hört man daraus nicht die Sehnsucht nach wirklicher Veränderung? Schwingt darin nicht ein glühender Funke Idealismus, ein Glaube an wirklich Neues, nie da gewesenes, vielleicht sogar Revolutionäres? Reineckes Kommentar liest sich wie ein als diskreditierter Wunsch nach Ehrlichkeit. Doch er diskreditiert politische Emotionen – und bleibt doch leidenschaftlich politisch.</p>
<p>(Bild: wut.jpg mdanys/ flickr.com)</p>Anzeige - Mogel2010-02-28T20:17:53Z2010-02-28T20:17:53Zhttp://www.blauenarzisse.de/index.php/component/content/article/2147-anzeigeBN-Redaktionkcvmenz@gmx.de<p style="text-align: center;">ANZEIGE</p>
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<a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php?option=com_wbadvert&task=load&id=9" title="ProPatria" target="_blank"><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/wbadvert/9.jpg?r=f0622759d2abaec996d21497a9eee794" border="0" width="300" height="250" /></a>
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</div><p style="text-align: center;">ANZEIGE</p>
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</div>Was ist Freiheit? (II) – Die grundsätzlichen Fragen sind neu zu stellen!2012-05-15T06:42:22Z2012-05-15T06:42:22Zhttp://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/3307-was-ist-freiheit-ii-die-grundsaetzlichen-fragen-sind-neu-zu-stellenSebastian Rastwdlassotta@web.de<p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/m_freiheit.jpg" border="0" width="150" height="112" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" /></p>
<p>Niemals wird die Frage neu gestellt, wie wir eigentlich leben wollen: „Wir leben doch schon in Freiheit.” Es verwundert kaum, wenn die besprochenen Themen bald vergessen sind. Denn die Wichtigkeit der Herleitung des Naturrechtes ist für den Einzelnen sehr gering, wenn dessen Leben bereits durch die Gesetze der Ökonomie allumfassend bestimmt wird und das System zu allem Überfluss auch noch die Ideen in seinem Sinne ausschlachtet. Schließlich hätten die Menschen immer nach „sozialer Gerechtigkeit” gesucht – und tun wir das nicht auch?</p>
<p>Ist man als Idealist nicht ohnehin einfach naiv? Diese ganze Veranstaltung ist einfach nur furchtbar langweilig und liefert niemals Ergebnisse, die für den Einzelnen unmittelbar nachvollziehbar oder gar anwendbar sind.</p>
<p><strong>Das Ausmaß des Kontrollverlustes</strong></p>
<p>Wir trennen heute das Politische und das Private. Dass wir ganz offensichtlich keine direkte Kontrolle über das Politische ausüben können, so wie es der eingangs erwähnte freie Mann konnte, ist in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern, und schon gar in einer globalisierten Welt, ein allgemein anerkannter Umstand. Die logische Reaktion des Individuums, das am politischen Geschehen nicht beteiligt ist, dessen Auswirkungen nur peripher wahrnimmt und selbst dann nach kurzem Protest in der Regel damit zu leben lernt, ist der Rückzug ins Private.</p>
<p>Die desillusionierende Erkenntnis folgt sogleich: Die Hektik, der Stress, die Mobilität, die ständige Verfügbarkeit aller Güter haben ein Trümmerfeld hinterlassen, auf dem es jenseits des materiellen Konsums keinen anderen Trost mehr gibt als Yogakurse, Sportvereine und Kleingärten. Die Ohnmacht, zu der die Logik des Marktes die Menschen verdammt, wird offensichtlich, die Fassade bröckelt. Keine Reform, keine Rückbesinnung auf „gute alte Werte” kann den Menschen das Wissen und die praktische Lebenskunst zurückgeben, die innerhalb weniger Jahrzehnte wegrationalisiert wurden. Kein Sozialstaat wird einer materiell saturierten, aber geistig verarmenden Jugend das Gefühl zurückgeben, Herr über das eigene Leben zu sein.</p>
<p><strong>Die grundsätzlichen Fragen neu stellen</strong></p>
<p>Es ist Zeit, die Selbstverständlichkeit des Systems von Lohnarbeit, Massenproduktion und Konsum infrage zu stellen. Mehr denn je lautet die Frage für die Zukunft: Wie wollen wir auf dieser Welt leben? Wollen wir weiterhin jeden Tag unseren Kindern einen Berg aus Plastikmüll und Verpackungsresten hinterlassen? Wollen wir uns mit einer Existenz abfinden, in der die einzigen intuitiv zu bewältigenden Aufgaben am Computer stattfinden, während wir nicht einmal mehr wissen, wie man ein Loch in einem Kleidungsstück flickt oder <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/3136-warum-ich-keinen-spengler-lese" target="_self">ein Gemüsebeet anlegt</a>?</p>
<p>Falls wir religiös sind: Wollen wir, gleich welcher Religion wir angehören, dass unser Glaube auf ein abstraktes Konzept reduziert wird, wenn er eigentlich als organischer Bestandteil des Lebens und der Kultur geschaffen wurde? Wollen wir die Natur weiterhin als „Umwelt” irgendwo am Rande der Städte wahrnehmen, deren Ökosystem entweder funktioniert oder nicht?</p>
<p>Diese Fragen klingen für manche Ohren genuin links. Tatsächlich wird es ohne sie keine konservative Renaissance geben. Der Kapitalismus stellt Werte, die er sich nicht zu eigen macht, zur Disposition. In einer Welt aus Produkten und Leistung, aus Produzenten und Konsumenten, sind konservative Werte in der Tat überkommen, geradezu ad absurdum geführt. Jeder Kauf eines Produktes beweist aufs neue, dass es auch ohne sie geht.</p>
<p><strong>Lasst uns wieder leben, statt nur zu überleben</strong></p>
<p>Eine Abkehr vom System der Produkte ist unumgänglich, wollen wir den jahrtausendealten lebensgesetzlichen Wahrheiten wieder ihre Berechtigung verschaffen. Keine Ökobewegung wird das bewerkstelligen können. Im Gegenteil, die Ökobewegung ist bereits vom System aufgesogen worden und schon lange der Logik des Konsums unterworfen. Jeder Ansatz der Veränderung degeneriert zu einer Stimme im Kanon der Lifestyle-Angebote der globalen Metropole, sobald er sich den Gegebenheiten anpasst.</p>
<p>Man kann sich insbesondere als Städter diesen Gegebenheiten kaum verweigern. Dennoch muss es Momente geben, in denen man in der Lage ist, „Nein“ zu sagen zu Produkten und Dienstleistungen, die uns entmündigen und unsere Existenz zu einer therapeutischen Sitzung verkommen lassen. Echte soziale Beziehungen, gelebte Religion, echte, eigenhändige Arbeit, unersetzbare Werte und materielle Selbstversorgung sind Bereiche, auf die das Kapital seinen Einfluss nur begrenzt oder überhaupt nicht erweitern kann.</p>
<p><a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/2634-kultivierungs-aktivismus-guerilla-gardening-begaertnert-die-betonwuesten" target="_self"><em>Guerilla Gardening</em></a>, ein Angelausflug, Jagd, eine selbst angelegte Kräuterapotheke, selbstgenähte Freizeitkleidung: all das schafft <em>echte Werte</em>, die nicht durch Kapital ersetzbar sind und die uns erahnen lassen, wie es war, als die Menschen noch zu schätzen wussten, was sie hatten. Menschen, die auch sich selbst und andere mit Recht zu schätzen wussten.</p>
<p><strong><a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/3299-was-ist-freiheit-i-die-erziehung-zur-langeweile" target="_self">Hier</a> der erste Teil von Sebastian Rasts Überlegungen zur Freiheit in unserer Gesellschaft.</strong></p>
<p>(Bild: hcii/flickr.com)</p><p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/m_freiheit.jpg" border="0" width="150" height="112" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" /></p>
<p>Niemals wird die Frage neu gestellt, wie wir eigentlich leben wollen: „Wir leben doch schon in Freiheit.” Es verwundert kaum, wenn die besprochenen Themen bald vergessen sind. Denn die Wichtigkeit der Herleitung des Naturrechtes ist für den Einzelnen sehr gering, wenn dessen Leben bereits durch die Gesetze der Ökonomie allumfassend bestimmt wird und das System zu allem Überfluss auch noch die Ideen in seinem Sinne ausschlachtet. Schließlich hätten die Menschen immer nach „sozialer Gerechtigkeit” gesucht – und tun wir das nicht auch?</p>
<p>Ist man als Idealist nicht ohnehin einfach naiv? Diese ganze Veranstaltung ist einfach nur furchtbar langweilig und liefert niemals Ergebnisse, die für den Einzelnen unmittelbar nachvollziehbar oder gar anwendbar sind.</p>
<p><strong>Das Ausmaß des Kontrollverlustes</strong></p>
<p>Wir trennen heute das Politische und das Private. Dass wir ganz offensichtlich keine direkte Kontrolle über das Politische ausüben können, so wie es der eingangs erwähnte freie Mann konnte, ist in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern, und schon gar in einer globalisierten Welt, ein allgemein anerkannter Umstand. Die logische Reaktion des Individuums, das am politischen Geschehen nicht beteiligt ist, dessen Auswirkungen nur peripher wahrnimmt und selbst dann nach kurzem Protest in der Regel damit zu leben lernt, ist der Rückzug ins Private.</p>
<p>Die desillusionierende Erkenntnis folgt sogleich: Die Hektik, der Stress, die Mobilität, die ständige Verfügbarkeit aller Güter haben ein Trümmerfeld hinterlassen, auf dem es jenseits des materiellen Konsums keinen anderen Trost mehr gibt als Yogakurse, Sportvereine und Kleingärten. Die Ohnmacht, zu der die Logik des Marktes die Menschen verdammt, wird offensichtlich, die Fassade bröckelt. Keine Reform, keine Rückbesinnung auf „gute alte Werte” kann den Menschen das Wissen und die praktische Lebenskunst zurückgeben, die innerhalb weniger Jahrzehnte wegrationalisiert wurden. Kein Sozialstaat wird einer materiell saturierten, aber geistig verarmenden Jugend das Gefühl zurückgeben, Herr über das eigene Leben zu sein.</p>
<p><strong>Die grundsätzlichen Fragen neu stellen</strong></p>
<p>Es ist Zeit, die Selbstverständlichkeit des Systems von Lohnarbeit, Massenproduktion und Konsum infrage zu stellen. Mehr denn je lautet die Frage für die Zukunft: Wie wollen wir auf dieser Welt leben? Wollen wir weiterhin jeden Tag unseren Kindern einen Berg aus Plastikmüll und Verpackungsresten hinterlassen? Wollen wir uns mit einer Existenz abfinden, in der die einzigen intuitiv zu bewältigenden Aufgaben am Computer stattfinden, während wir nicht einmal mehr wissen, wie man ein Loch in einem Kleidungsstück flickt oder <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/3136-warum-ich-keinen-spengler-lese" target="_self">ein Gemüsebeet anlegt</a>?</p>
<p>Falls wir religiös sind: Wollen wir, gleich welcher Religion wir angehören, dass unser Glaube auf ein abstraktes Konzept reduziert wird, wenn er eigentlich als organischer Bestandteil des Lebens und der Kultur geschaffen wurde? Wollen wir die Natur weiterhin als „Umwelt” irgendwo am Rande der Städte wahrnehmen, deren Ökosystem entweder funktioniert oder nicht?</p>
<p>Diese Fragen klingen für manche Ohren genuin links. Tatsächlich wird es ohne sie keine konservative Renaissance geben. Der Kapitalismus stellt Werte, die er sich nicht zu eigen macht, zur Disposition. In einer Welt aus Produkten und Leistung, aus Produzenten und Konsumenten, sind konservative Werte in der Tat überkommen, geradezu ad absurdum geführt. Jeder Kauf eines Produktes beweist aufs neue, dass es auch ohne sie geht.</p>
<p><strong>Lasst uns wieder leben, statt nur zu überleben</strong></p>
<p>Eine Abkehr vom System der Produkte ist unumgänglich, wollen wir den jahrtausendealten lebensgesetzlichen Wahrheiten wieder ihre Berechtigung verschaffen. Keine Ökobewegung wird das bewerkstelligen können. Im Gegenteil, die Ökobewegung ist bereits vom System aufgesogen worden und schon lange der Logik des Konsums unterworfen. Jeder Ansatz der Veränderung degeneriert zu einer Stimme im Kanon der Lifestyle-Angebote der globalen Metropole, sobald er sich den Gegebenheiten anpasst.</p>
<p>Man kann sich insbesondere als Städter diesen Gegebenheiten kaum verweigern. Dennoch muss es Momente geben, in denen man in der Lage ist, „Nein“ zu sagen zu Produkten und Dienstleistungen, die uns entmündigen und unsere Existenz zu einer therapeutischen Sitzung verkommen lassen. Echte soziale Beziehungen, gelebte Religion, echte, eigenhändige Arbeit, unersetzbare Werte und materielle Selbstversorgung sind Bereiche, auf die das Kapital seinen Einfluss nur begrenzt oder überhaupt nicht erweitern kann.</p>
<p><a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/2634-kultivierungs-aktivismus-guerilla-gardening-begaertnert-die-betonwuesten" target="_self"><em>Guerilla Gardening</em></a>, ein Angelausflug, Jagd, eine selbst angelegte Kräuterapotheke, selbstgenähte Freizeitkleidung: all das schafft <em>echte Werte</em>, die nicht durch Kapital ersetzbar sind und die uns erahnen lassen, wie es war, als die Menschen noch zu schätzen wussten, was sie hatten. Menschen, die auch sich selbst und andere mit Recht zu schätzen wussten.</p>
<p><strong><a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/3299-was-ist-freiheit-i-die-erziehung-zur-langeweile" target="_self">Hier</a> der erste Teil von Sebastian Rasts Überlegungen zur Freiheit in unserer Gesellschaft.</strong></p>
<p>(Bild: hcii/flickr.com)</p>Der Roman „Das Schwein unter den Fischen“: Morgens Imbiss, Abends Ficken2012-05-15T07:13:37Z2012-05-15T07:13:37Zhttp://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/3308-der-roman-das-schwein-unter-den-fischen-morgens-imbiss-abends-fickenMoritz Schellenbergwdlassotta@web.de<p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/schwein_fische.jpg" border="0" width="102" height="150" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" />„Hamburg ist ein schönes Städtchen […]. Drinnen gibt es viele Mädchen, ja zum Lieben aber Heiraten nicht, siehst du wohl.“ Jasmin Ramadan, Autorin von <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/1229-hamburg-recht-harmonisch-fatih-akins-soul-kitchen" target="_self"><em>Soul Kitchen</em></a>, hat ein Buch über eines dieser Mädchen geschrieben. Stine, eigentlich Celestine, ohne Accent. Würde das Stinknormale, der Durchschnitt par exellence in einer Person kristallisieren, so wäre es Celestine. Sie zählt 18 Lenze, raucht Menthol-Zigaretten und mag keinen Oralsex. Ihr Drogenkonsum hält sich in Grenzen, ein paarmal gekifft, nur ein einziges Mal Kokain. Als Resultat einer kurzen Liaison zwischen einem Hausmeistersohn und einem französischen Au-pair-Mädchen, wächst sie im Hamburger Arbeitermilieu auf. Nachdem sich ihr Vater Reiner einige Jahre mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen hat, gelingt es ihm durch eine Erbschaft einen kleinen Imbiss zu eröffnen.</p>
<p><strong>Postmoderner Pöbel und Rollkragenpullover-Individualisten</strong></p>
<p>Eigentlich eine schöne kleinbürgerliche Idylle. Wäre Celestine nicht, „Das Schwein unter den Fischen“, eine Phrase mit der die Sonderstellung des Karpfens, eines Allesfressers, im Reich der Fische gemeint ist. Ähnlich isoliert fühlt sich auch Celestine: Eine „märchenhafte“, alkoholkranke und böse Stiefmutter, eine lesbische Tante, eine durchgeknallte Heilpraktikerin, ein Denglisch sprechender Psychologe, verschiedene Altersgenossen mit noch verschiedeneren Macken. Alles in Allem eine Ansammlung von pseudo-individualistischen Leuten, die alle einengenden Konventionen abgeworfen haben, ohne wirklich frei zu sein. Leute die glauben, dass ein Rollkragenpullover einen Intellektuellen ausmacht. Ein Milieu von besten Anschauungssubjekten für ethischen Materialismus, deren Sinnsuche sich höchstens in lesbischen Experimenten oder fernöstlichen Gymnastikübungen erschöpft.</p>
<p>Die eigentliche Handlung des Romans ist kurz erzählt. Celestine schildert in bester „Unterm Strich zähl ich“-Mentalität ihren Lebensalltag. Sie lebt ihre Sturm und Drang-Jahre in einem versifften Imbiss aus und schmiert nach dem Abitur Brötchen, mit zweifelhafter Unterstützung durch die neue Lebensabschnittsgefährtin ihres Vaters. In ihrer Freizeit lässt sie sich von verschiedenen „Freunden“ (besser: Stechern) begatten. Alternativ wird gesoffen, gekifft, getanzt, Musik gehört, was der Klischee-Jugendliche eben so tut.</p>
<p>Celestine tut das jedoch nicht aus Dekadenz, sondern weil ihr ein Sinn, ein Lebenssinn fehlt. Die Suche nach ihrer Erzeugerin gibt sie auf. Auch gelingt es ihr nicht Freundschaften, geschweige denn eine Beziehung aufzubauen. Allmählich gelingt es ihr jedoch sich von ihrem Lebensumfeld unabhängig zu machen, eine Ausbildung zur Altenpflegerin zu beginnen und sogar Nächstenliebe zu entwickeln. Durch ihren Beruf muss sie Verantwortung für andere übernehmen, und ist damit ihren „Klassengenossen“ weit voraus. Einzig ihr Vater bleibt Fixpunkt in ihrem Leben. Schlussendlich lernt sie sogar einen jungen Menschen mit Migrationshintergrund kennen und verliebt sich in ihn. Hach wie romantisch...!</p>
<p><strong>Das Hegemann-Déjà-vu: Gab es das nicht schon mal so ähnlich?</strong></p>
<p>Anno Domini 2011 erregte die damals 17-Jährige Helene Hegemann mit einem ähnlichen Buch die Gemüter der deutschen und internationalen Literaturkritiker. <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/1519-der-tiefe-fall-der-helene-hegemann" target="_self"><em>Axolotl Roadkill</em></a>, genau wie Ramadans Werk nach einem Wasserlebewesen benannt, zeigt deutliche inhaltliche Übereinstimmungen auf. Wieder eine Jugendliche ohne Mutter, ebenfalls aufgewachsen im Sodom und Gomorrha deutscher Großstädte, mit einem Bekanntenkreis mehrheitlich älterer Personen. Wieder ein Name, der besonders originell klingen soll, Mifti. Nun ist Ramadan doppelt so alt wie Hegemann, und auch das merkt man beim Lesen beider Bücher. Vom „Fickundkotz-Jargon“ (<em>ZEIT</em>) Hegemanns, wird man bei Ramadan wenig finden. Im Allgemeinen unterlässt sie den krampfhaften Versuch, nicht mehr vorhandene sprachliche Tabus zu brechen, sondern wirkt so authentisch, weil sie eine Symbiose nun mal vorhandener Jugendsprache und gewöhnlicher volkstümlicher Alltagssprache schafft.</p>
<p>Der bedeutendste Unterschied beider Bücher liegt jedoch im Handeln ihrer Protagonistinnen begründet. Während Mifti alle nur denkbaren Werte verneint, ihre Selbstzerstörung zelebriert und gänzlich in einem nihilistischen Moloch versinkt, entwickelt sich Celestine weiter und wächst über sich hinaus. Auch wenn beide ein ähnliches familiäres und soziales Umfeld haben, so verkörpert Mifti die Art von Person, von der sich Celestine im Laufe der Handlung zu befreien versucht. Mifti wiederum würde beim Gedanken an Celestines Spießertum schlicht erbrechen.</p>
<p><strong>Mehr Liebe! Suchet, so werdet ihr Finden!</strong></p>
<p>Aber nun doch nochmal kurz zum Ficken: Die meisten Fische pflanzen sich fort, indem das Männchen seinen Samen auf die Eier verteilt, die das Weibchen vorher abgelegt hat. Ähnlich gestaltet sich auch Celestines Sexualleben. Ähnlich wie bei Fischen sind die kurzen Liebschaften mit mehreren Jungen <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/3224-warum-pornographie-waffe-kultur-oder-konsumgut" target="_self">rein mechanische Akte</a>, allenfalls zur kurzfristigen Zerstreuung geeignet. Das Bild einer romantischen Liebe weicht Nutzenerwägungen. Die Sozialkompetenz, die sie mit der Zeit aufbaut, mündet jedoch nie in wirkliche Liebe, so sehr der Leser auch hoffen mag.</p>
<p>Das Selbstbewusstsein zur Abkopplung von ihrem sozialen Hintergrund muss Celestine erst im Laufe der Handlung entwickeln. Empfindet sie am Anfang eine anzügliche Bemerkung eines Lehrers noch als Kompliment, tritt sie im nach und nach immer selbstbewusster auf. Ihre Fähigkeit zur Sezession ist dabei keineswegs gottgegeben oder kommt durch Fremdeinwirkung zustande. Nur ihr starker Wille, sich gegen Widerstände durchzusetzen und die tief im Herzen verwurzelte Sehnsucht nach einem Sinn helfen ihr, diesen zu suchen und zu finden. <em>Das Schwein unter den Fischen</em> verkörpert daher keine kitschigen, überschwänglichen Ideale eines Jugendlichen auf der Suche nach unbegrenzten Möglichkeiten, sondern die ganz erwachsene Sehnsucht nach der verlorengegangenen kleinbürgerlichen Idylle, deren Konventionen man sich unterwerfen muss, um ihre Werte zu spüren.</p>
<p><strong>Jasmin Ramadan: <em>Das Schwein unter den Fischen</em>. 272 Seiten, Klett-Cotta Verlag, 2012. 17,95 Euro.</strong></p><p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/schwein_fische.jpg" border="0" width="102" height="150" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" />„Hamburg ist ein schönes Städtchen […]. Drinnen gibt es viele Mädchen, ja zum Lieben aber Heiraten nicht, siehst du wohl.“ Jasmin Ramadan, Autorin von <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/1229-hamburg-recht-harmonisch-fatih-akins-soul-kitchen" target="_self"><em>Soul Kitchen</em></a>, hat ein Buch über eines dieser Mädchen geschrieben. Stine, eigentlich Celestine, ohne Accent. Würde das Stinknormale, der Durchschnitt par exellence in einer Person kristallisieren, so wäre es Celestine. Sie zählt 18 Lenze, raucht Menthol-Zigaretten und mag keinen Oralsex. Ihr Drogenkonsum hält sich in Grenzen, ein paarmal gekifft, nur ein einziges Mal Kokain. Als Resultat einer kurzen Liaison zwischen einem Hausmeistersohn und einem französischen Au-pair-Mädchen, wächst sie im Hamburger Arbeitermilieu auf. Nachdem sich ihr Vater Reiner einige Jahre mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen hat, gelingt es ihm durch eine Erbschaft einen kleinen Imbiss zu eröffnen.</p>
<p><strong>Postmoderner Pöbel und Rollkragenpullover-Individualisten</strong></p>
<p>Eigentlich eine schöne kleinbürgerliche Idylle. Wäre Celestine nicht, „Das Schwein unter den Fischen“, eine Phrase mit der die Sonderstellung des Karpfens, eines Allesfressers, im Reich der Fische gemeint ist. Ähnlich isoliert fühlt sich auch Celestine: Eine „märchenhafte“, alkoholkranke und böse Stiefmutter, eine lesbische Tante, eine durchgeknallte Heilpraktikerin, ein Denglisch sprechender Psychologe, verschiedene Altersgenossen mit noch verschiedeneren Macken. Alles in Allem eine Ansammlung von pseudo-individualistischen Leuten, die alle einengenden Konventionen abgeworfen haben, ohne wirklich frei zu sein. Leute die glauben, dass ein Rollkragenpullover einen Intellektuellen ausmacht. Ein Milieu von besten Anschauungssubjekten für ethischen Materialismus, deren Sinnsuche sich höchstens in lesbischen Experimenten oder fernöstlichen Gymnastikübungen erschöpft.</p>
<p>Die eigentliche Handlung des Romans ist kurz erzählt. Celestine schildert in bester „Unterm Strich zähl ich“-Mentalität ihren Lebensalltag. Sie lebt ihre Sturm und Drang-Jahre in einem versifften Imbiss aus und schmiert nach dem Abitur Brötchen, mit zweifelhafter Unterstützung durch die neue Lebensabschnittsgefährtin ihres Vaters. In ihrer Freizeit lässt sie sich von verschiedenen „Freunden“ (besser: Stechern) begatten. Alternativ wird gesoffen, gekifft, getanzt, Musik gehört, was der Klischee-Jugendliche eben so tut.</p>
<p>Celestine tut das jedoch nicht aus Dekadenz, sondern weil ihr ein Sinn, ein Lebenssinn fehlt. Die Suche nach ihrer Erzeugerin gibt sie auf. Auch gelingt es ihr nicht Freundschaften, geschweige denn eine Beziehung aufzubauen. Allmählich gelingt es ihr jedoch sich von ihrem Lebensumfeld unabhängig zu machen, eine Ausbildung zur Altenpflegerin zu beginnen und sogar Nächstenliebe zu entwickeln. Durch ihren Beruf muss sie Verantwortung für andere übernehmen, und ist damit ihren „Klassengenossen“ weit voraus. Einzig ihr Vater bleibt Fixpunkt in ihrem Leben. Schlussendlich lernt sie sogar einen jungen Menschen mit Migrationshintergrund kennen und verliebt sich in ihn. Hach wie romantisch...!</p>
<p><strong>Das Hegemann-Déjà-vu: Gab es das nicht schon mal so ähnlich?</strong></p>
<p>Anno Domini 2011 erregte die damals 17-Jährige Helene Hegemann mit einem ähnlichen Buch die Gemüter der deutschen und internationalen Literaturkritiker. <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/1519-der-tiefe-fall-der-helene-hegemann" target="_self"><em>Axolotl Roadkill</em></a>, genau wie Ramadans Werk nach einem Wasserlebewesen benannt, zeigt deutliche inhaltliche Übereinstimmungen auf. Wieder eine Jugendliche ohne Mutter, ebenfalls aufgewachsen im Sodom und Gomorrha deutscher Großstädte, mit einem Bekanntenkreis mehrheitlich älterer Personen. Wieder ein Name, der besonders originell klingen soll, Mifti. Nun ist Ramadan doppelt so alt wie Hegemann, und auch das merkt man beim Lesen beider Bücher. Vom „Fickundkotz-Jargon“ (<em>ZEIT</em>) Hegemanns, wird man bei Ramadan wenig finden. Im Allgemeinen unterlässt sie den krampfhaften Versuch, nicht mehr vorhandene sprachliche Tabus zu brechen, sondern wirkt so authentisch, weil sie eine Symbiose nun mal vorhandener Jugendsprache und gewöhnlicher volkstümlicher Alltagssprache schafft.</p>
<p>Der bedeutendste Unterschied beider Bücher liegt jedoch im Handeln ihrer Protagonistinnen begründet. Während Mifti alle nur denkbaren Werte verneint, ihre Selbstzerstörung zelebriert und gänzlich in einem nihilistischen Moloch versinkt, entwickelt sich Celestine weiter und wächst über sich hinaus. Auch wenn beide ein ähnliches familiäres und soziales Umfeld haben, so verkörpert Mifti die Art von Person, von der sich Celestine im Laufe der Handlung zu befreien versucht. Mifti wiederum würde beim Gedanken an Celestines Spießertum schlicht erbrechen.</p>
<p><strong>Mehr Liebe! Suchet, so werdet ihr Finden!</strong></p>
<p>Aber nun doch nochmal kurz zum Ficken: Die meisten Fische pflanzen sich fort, indem das Männchen seinen Samen auf die Eier verteilt, die das Weibchen vorher abgelegt hat. Ähnlich gestaltet sich auch Celestines Sexualleben. Ähnlich wie bei Fischen sind die kurzen Liebschaften mit mehreren Jungen <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/3224-warum-pornographie-waffe-kultur-oder-konsumgut" target="_self">rein mechanische Akte</a>, allenfalls zur kurzfristigen Zerstreuung geeignet. Das Bild einer romantischen Liebe weicht Nutzenerwägungen. Die Sozialkompetenz, die sie mit der Zeit aufbaut, mündet jedoch nie in wirkliche Liebe, so sehr der Leser auch hoffen mag.</p>
<p>Das Selbstbewusstsein zur Abkopplung von ihrem sozialen Hintergrund muss Celestine erst im Laufe der Handlung entwickeln. Empfindet sie am Anfang eine anzügliche Bemerkung eines Lehrers noch als Kompliment, tritt sie im nach und nach immer selbstbewusster auf. Ihre Fähigkeit zur Sezession ist dabei keineswegs gottgegeben oder kommt durch Fremdeinwirkung zustande. Nur ihr starker Wille, sich gegen Widerstände durchzusetzen und die tief im Herzen verwurzelte Sehnsucht nach einem Sinn helfen ihr, diesen zu suchen und zu finden. <em>Das Schwein unter den Fischen</em> verkörpert daher keine kitschigen, überschwänglichen Ideale eines Jugendlichen auf der Suche nach unbegrenzten Möglichkeiten, sondern die ganz erwachsene Sehnsucht nach der verlorengegangenen kleinbürgerlichen Idylle, deren Konventionen man sich unterwerfen muss, um ihre Werte zu spüren.</p>
<p><strong>Jasmin Ramadan: <em>Das Schwein unter den Fischen</em>. 272 Seiten, Klett-Cotta Verlag, 2012. 17,95 Euro.</strong></p>Die Moltkes. Von Königgrätz nach Kreisau – Eine deutsche Familiengeschichte2012-05-16T06:41:40Z2012-05-16T06:41:40Zhttp://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/3310-die-moltkes-von-koeniggraetz-nach-kreisau-eine-deutsche-familiengeschichteMartin Süßwdlassotta@web.de<p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/moltkes.jpg" border="0" width="95" height="150" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" />Im Geschichtsunterricht fand der Adel nur am Rande Erwähnung. Nicht einmal das Boulevard-Interesse an den familiären Beziehungen der europäischen Fürstenhäuser wurde befriedigt. Gerade noch erwähnt wurde, das „van“ bei Beethoven war nicht mit Reichtum verbunden, das „von“ bei Goethe nur dem Vater verliehen, von Johann Wolfgang lange abgelehnt. Über eine der einflußreichsten deutschen Adelsfamilien liegt nun ein Buch vor, das einige dieser Lücken schließen will. Es handelt sich um ein detailgetreues Portrait der Familie Moltke, einer großen Familie mit vielen europäischen Verflechtungen, deren besonders erfolgreiche Mitglieder wichtige Aufgaben sogar bis in den Orient und nach Asien trugen.</p>
<p>Sehr anschaulich, die Vorstellungskraft des Lesers unterstützend, beschreibt Jochen Thies zunächst die geografische Ausbreitung des Adelshauses. Thies hat sich die weitverzweigten Besitztümer meist selbst angeschaut und mit heute lebenden Angehörigen gesprochen. Auch die Statue von Helmuth Carl Bernhard Graf von Moltke am Berliner Großen Stern besuchte er, an der bereits deutlich wird, wie sehr diese prägende Dynastie in Vergessenheit geraten ist. So entstand ein sehr wichtiges Buch, das den Adel am konkreten Beispiel in besseres Licht rückt.</p>
<p><strong>Preußische Standhaftigkeit</strong></p>
<p>Schon im Vorwort wird deutlich, mit welch teils harten Rückschlägen die Moltkes über die Jahrhunderte konfrontiert waren, wie ihre Familienmitglieder eben nicht den Kopf hängenließen, sondern sich beherzt in die Dienste von Königen stellten, dort Herausragendes leisteten, oft trotz eher bescheidener, pekuniärer Verhältnisse.</p>
<p>Mit dem Wegfall des Privilegs des Grundbesitzes für Adlige begann auch für die Moltkes der wirtschaftliche Abstieg. Die Mitglieder der Familie verstanden es immer wieder, durch Umsicht, im männlichen Zweig durch Jurastudien, Karrieren als Politiker oder hohe Beamte, als Künstler und Sportler, mit herausragenden Leistungen auf sich aufmerksam zu machen.</p>
<p>Nach einem Umriss der weitverzweigten Familie konzentriert sich Autor Jochen Thies, routinierter Familien-Biograph, auf zwei besonders erfolgreiche, ihre Epoche prägende Moltkes: auf Helmuth Carl Bernhard Graf von Moltke, der als preußischer Generalfeldmarschall für seinen König die Kaiserkrone gewann und Helmuth James Graf von Moltke, der als Begründer des <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/656-das-schwert-des-geheimen-deutschland" target="_self">Kreisauer Kreises</a> von den Nazis gehängt wurde.</p>
<p><strong>Helmuth Carl Bernhard Graf von Moltke – Der Kaisermacher </strong></p>
<p>Geboren am 26. Oktober 1800 in Parchim, wächst Helmuth Carl Bernhard von Moltke als Drittes Kind unter großen Entbehrungen auf, aufgrund schlechter Unterbringung in Lehreinrichtungen stets etwas kränklich. Immer wieder muss er Kuraufenthalte einlegen, da er sich in seinem Dienst für König und Vaterland nicht schone. Aus dem Orient, wo er auch als Militärberater seinem Förderer Hafiz Pascha zum Sieg verhilft, kehrt Helmuth Graf von Moltke gereift nach Berlin zurück. Er nimmt seine Tätigkeit im Generalstab wieder auf, doch kanne trotz geschäftlichen Erfolges seine Wohnung am Berliner Potsdamer Platz nur sehr bescheiden möblieren.</p>
<p>Seiner angegriffenen Gesundheit ungeachtet entwickelt Helmuth Graf von Moltke ein großes Talent im Erstellen von Landkarten, kartographiert manche Gegend zum ersten Mal. Sein Aufstieg beginnt so richtig mit Erreichen des vierzigsten Lebensjahres. Mit kleinen Anekdoten und Schilderungen seines Lebens auf Reisen, ja sogar Zitaten aus Briefen an Geschwister und die Mutter bringt Biograph Thies den Lesern Moltke und auch seine Frau als Menschen näher.</p>
<p>Die Dienstherren kommen und gehen, Helmuth Graf von Moltke erarbeitet sich immer mehr Achtung. Mit zunehmendem Alter steigt er weiter in Königlich Preußischen Leitungsgremien auf, wird für seine Leistungen und taktisches Gespür geehrt. Im Juni 1866 wird Moltke von Friedrich Wilhelm I. zum General der Infanterie befördert und führt im Preußisch-Österreichischen Krieg das Preußische Aufgebot zum Sieg. Schon wenig später, im Juli 1866, kommt es zu der berühmten Schlacht von Königgrätz. Drei Armeen marschieren getrennt nach Böhmen und vereinigen sich erst auf dem Schlachtfeld. Der Ausgang war dann wieder Thema im Geschichtsunterricht.</p>
<p><strong>Helmuth James Graf von Moltke – Zwischen Berliner Leben und Arbeitslagern </strong></p>
<p>Geboren am 11. März 1907, wächst Helmuth James Graf von Moltke in Kreisau deutlich unbeschwerter auf. In Kreisau, Oberschlesien, das ab 1931 <em>Krzyzowa</em> heißt, hatte die Familie ein großes Gut. Sein Abitur macht er quasi mit links, mittels einer Arbeit über Napoleon, worauf ihm die übrigen Prüfungen erlassen werden. Helmuth James von Moltke studiert in Breslau, Berlin und Wien, aber nicht lange, denn gerade in Berlin und Wien begegnet er gebildeten, wohlhabenden jüdischen Kulturförderern, Künstlern und Bankiers, freundet sich mit seinem Gespür für die neuen Wandlungen auch mit Sozialdemokraten und parteilosen Freidenkern an.</p>
<p>Gemeinsam mit einigen seiner Freunde richtet er später Arbeitslager im im Niedergang begriffenen <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/3182-wegner-wertet-die-vertriebenen-vertriebenenverbaende-vertreiben-sich-selbst" target="_self">Schlesien</a> ein, einer Textilindustrieregion, deren Einwohner in hoher Dichte, unter schlechten Bedingungen hausten. Offen bleibt, ob die Teilnahme der Armen daran freiwillig war. Ausstellungen haben mit dem Mythos aufgeräumt, erst die Nationalsozialisten hätten Arbeitslager ersonnen und errichtet. Infolge des Ersten Weltkrieges, des Versailler Diktates, der Ruhrkriege und der Weltwirtschaftskrise waren viele Menschen obdachlos geworden. Es gab enorme Ströme von Stadtstreichern, die geordnet werden mussten.</p>
<p>So schlecht waren diese Lager zu Anfang wohl nicht, denn Helmuth James konnte auch Carl Zuckmayer als Werber für diese Konjunkturbelebungsmaßnahmen gewinnen. Moltke erbat sich dafür Geld von Hindenburg. Moltke legte somit den Grundstein für ein äußert erfolgreiches Geschäftsmodell, ja, eine ganze Branche, die seit Einführung der Agenda 2010 Milliarden umsetzt, denn seit 2005 gehen private Arbeitsvermittler-Firmen wieder so vor. Es werden gegen viel Geld Millionen Menschen in Beschäftigungsmaßnahmen geparkt, damit sie aus der offiziellen Statistik fallen.</p>
<p><strong>Stauffenberg und Neue Ordnung </strong></p>
<p>Viele Adlige lehnten die Nazis wegen ihres ungehobelten Auftretens ab. Mit der Zeit arrangierten sich einige mit ihnen, andere gingen auf Distanz, später gab es keine Wahl mehr. Auch auf dem Gut der Moltkes schmiedete man Pläne für die Zeit danach. Der Kreisauer Kreis wurde 1940 gegründet, auf dem Zenit der Macht des Deutschen Reiches. Initiator Helmuth James von Moltke war rasch klar, dass sich das Reich überdehnen und zusammenbrechen würde. Am 9. August 1943 beschloss der Kreisauer Kreis die "Grundsätze für die Neuordnung", die jedoch wegen der unter den Siegermächten beschlossenen Aufteilung des besiegten Staatsgebiets nie umgesetzt werden konnten. Diesem Kreis gehörten wenigstens zwölf berühmte Freunde von Helmuth James von Moltke an, darunter auch Stauffenberg.</p>
<p>Bereits im Januar 1944, also noch vor dem Stauffenberg-Attentat wurden Moltke und 22 weitere Teilnehmer der Runde von der Gestapo verhaftet, Helmuth James hatte es aufgrund seiner Meriten in der Haft etwas besser als andere seiner Mitgefangenen. Dennoch wurde er für seine Arbeit im Verborgenen hingerichtet, wie die meisten anderen Teilnehmer der Runde auch.</p>
<p><strong>Freya von Moltke – Eine ungewöhnliche Frau </strong></p>
<p>Schließlich erfahren wir am Beispiel Freya von Moltke, wie es gelang, die Familienlinie fortzuführen und wieder ansehnlichen Wohlstand zu erlangen. Den Grundstein für die Verbindung mit Industrie und Banken hatte die Familie bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gelegt. Diese konnte Freya Moltke nun weiter ausbauen. Als Freya Deichmann im Frühjahr 1911 in Köln geboren, ist sie Tochter eines der beiden Teilhaber des Bankhauses Deichmann. Ihre Mutter hieß ursprünglich Ada von Schnitzler, stammte auch aus einer Bankiersfamilie, und war gut befreundet mit Konrad Adenauer, der später Bundeskanzler wurde.</p>
<p>Das Ende des Buches handelt vom Wirken erfolgreicher Moltkes von 1945 bis in die heutige Zeit. Selbstverständlich findet sich auch eine ausführliche Quellenangabe. Dankenswerterweise finden sich auch die Stammbäume der wichtigsten Familien, ohne die man leicht die Übersicht verlieren könnte. In jedem Falle also ein wichtiges Buch!</p>
<p><strong>Jochen Thies: <em>Die Moltkes. Von Königgrätz nach Keisau – Eine deutsche Familiengeschichte.</em> Piper Verlag 2012 gebunden. 374 Seiten. 22,95 Euro</strong></p><p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/moltkes.jpg" border="0" width="95" height="150" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" />Im Geschichtsunterricht fand der Adel nur am Rande Erwähnung. Nicht einmal das Boulevard-Interesse an den familiären Beziehungen der europäischen Fürstenhäuser wurde befriedigt. Gerade noch erwähnt wurde, das „van“ bei Beethoven war nicht mit Reichtum verbunden, das „von“ bei Goethe nur dem Vater verliehen, von Johann Wolfgang lange abgelehnt. Über eine der einflußreichsten deutschen Adelsfamilien liegt nun ein Buch vor, das einige dieser Lücken schließen will. Es handelt sich um ein detailgetreues Portrait der Familie Moltke, einer großen Familie mit vielen europäischen Verflechtungen, deren besonders erfolgreiche Mitglieder wichtige Aufgaben sogar bis in den Orient und nach Asien trugen.</p>
<p>Sehr anschaulich, die Vorstellungskraft des Lesers unterstützend, beschreibt Jochen Thies zunächst die geografische Ausbreitung des Adelshauses. Thies hat sich die weitverzweigten Besitztümer meist selbst angeschaut und mit heute lebenden Angehörigen gesprochen. Auch die Statue von Helmuth Carl Bernhard Graf von Moltke am Berliner Großen Stern besuchte er, an der bereits deutlich wird, wie sehr diese prägende Dynastie in Vergessenheit geraten ist. So entstand ein sehr wichtiges Buch, das den Adel am konkreten Beispiel in besseres Licht rückt.</p>
<p><strong>Preußische Standhaftigkeit</strong></p>
<p>Schon im Vorwort wird deutlich, mit welch teils harten Rückschlägen die Moltkes über die Jahrhunderte konfrontiert waren, wie ihre Familienmitglieder eben nicht den Kopf hängenließen, sondern sich beherzt in die Dienste von Königen stellten, dort Herausragendes leisteten, oft trotz eher bescheidener, pekuniärer Verhältnisse.</p>
<p>Mit dem Wegfall des Privilegs des Grundbesitzes für Adlige begann auch für die Moltkes der wirtschaftliche Abstieg. Die Mitglieder der Familie verstanden es immer wieder, durch Umsicht, im männlichen Zweig durch Jurastudien, Karrieren als Politiker oder hohe Beamte, als Künstler und Sportler, mit herausragenden Leistungen auf sich aufmerksam zu machen.</p>
<p>Nach einem Umriss der weitverzweigten Familie konzentriert sich Autor Jochen Thies, routinierter Familien-Biograph, auf zwei besonders erfolgreiche, ihre Epoche prägende Moltkes: auf Helmuth Carl Bernhard Graf von Moltke, der als preußischer Generalfeldmarschall für seinen König die Kaiserkrone gewann und Helmuth James Graf von Moltke, der als Begründer des <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/656-das-schwert-des-geheimen-deutschland" target="_self">Kreisauer Kreises</a> von den Nazis gehängt wurde.</p>
<p><strong>Helmuth Carl Bernhard Graf von Moltke – Der Kaisermacher </strong></p>
<p>Geboren am 26. Oktober 1800 in Parchim, wächst Helmuth Carl Bernhard von Moltke als Drittes Kind unter großen Entbehrungen auf, aufgrund schlechter Unterbringung in Lehreinrichtungen stets etwas kränklich. Immer wieder muss er Kuraufenthalte einlegen, da er sich in seinem Dienst für König und Vaterland nicht schone. Aus dem Orient, wo er auch als Militärberater seinem Förderer Hafiz Pascha zum Sieg verhilft, kehrt Helmuth Graf von Moltke gereift nach Berlin zurück. Er nimmt seine Tätigkeit im Generalstab wieder auf, doch kanne trotz geschäftlichen Erfolges seine Wohnung am Berliner Potsdamer Platz nur sehr bescheiden möblieren.</p>
<p>Seiner angegriffenen Gesundheit ungeachtet entwickelt Helmuth Graf von Moltke ein großes Talent im Erstellen von Landkarten, kartographiert manche Gegend zum ersten Mal. Sein Aufstieg beginnt so richtig mit Erreichen des vierzigsten Lebensjahres. Mit kleinen Anekdoten und Schilderungen seines Lebens auf Reisen, ja sogar Zitaten aus Briefen an Geschwister und die Mutter bringt Biograph Thies den Lesern Moltke und auch seine Frau als Menschen näher.</p>
<p>Die Dienstherren kommen und gehen, Helmuth Graf von Moltke erarbeitet sich immer mehr Achtung. Mit zunehmendem Alter steigt er weiter in Königlich Preußischen Leitungsgremien auf, wird für seine Leistungen und taktisches Gespür geehrt. Im Juni 1866 wird Moltke von Friedrich Wilhelm I. zum General der Infanterie befördert und führt im Preußisch-Österreichischen Krieg das Preußische Aufgebot zum Sieg. Schon wenig später, im Juli 1866, kommt es zu der berühmten Schlacht von Königgrätz. Drei Armeen marschieren getrennt nach Böhmen und vereinigen sich erst auf dem Schlachtfeld. Der Ausgang war dann wieder Thema im Geschichtsunterricht.</p>
<p><strong>Helmuth James Graf von Moltke – Zwischen Berliner Leben und Arbeitslagern </strong></p>
<p>Geboren am 11. März 1907, wächst Helmuth James Graf von Moltke in Kreisau deutlich unbeschwerter auf. In Kreisau, Oberschlesien, das ab 1931 <em>Krzyzowa</em> heißt, hatte die Familie ein großes Gut. Sein Abitur macht er quasi mit links, mittels einer Arbeit über Napoleon, worauf ihm die übrigen Prüfungen erlassen werden. Helmuth James von Moltke studiert in Breslau, Berlin und Wien, aber nicht lange, denn gerade in Berlin und Wien begegnet er gebildeten, wohlhabenden jüdischen Kulturförderern, Künstlern und Bankiers, freundet sich mit seinem Gespür für die neuen Wandlungen auch mit Sozialdemokraten und parteilosen Freidenkern an.</p>
<p>Gemeinsam mit einigen seiner Freunde richtet er später Arbeitslager im im Niedergang begriffenen <a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/3182-wegner-wertet-die-vertriebenen-vertriebenenverbaende-vertreiben-sich-selbst" target="_self">Schlesien</a> ein, einer Textilindustrieregion, deren Einwohner in hoher Dichte, unter schlechten Bedingungen hausten. Offen bleibt, ob die Teilnahme der Armen daran freiwillig war. Ausstellungen haben mit dem Mythos aufgeräumt, erst die Nationalsozialisten hätten Arbeitslager ersonnen und errichtet. Infolge des Ersten Weltkrieges, des Versailler Diktates, der Ruhrkriege und der Weltwirtschaftskrise waren viele Menschen obdachlos geworden. Es gab enorme Ströme von Stadtstreichern, die geordnet werden mussten.</p>
<p>So schlecht waren diese Lager zu Anfang wohl nicht, denn Helmuth James konnte auch Carl Zuckmayer als Werber für diese Konjunkturbelebungsmaßnahmen gewinnen. Moltke erbat sich dafür Geld von Hindenburg. Moltke legte somit den Grundstein für ein äußert erfolgreiches Geschäftsmodell, ja, eine ganze Branche, die seit Einführung der Agenda 2010 Milliarden umsetzt, denn seit 2005 gehen private Arbeitsvermittler-Firmen wieder so vor. Es werden gegen viel Geld Millionen Menschen in Beschäftigungsmaßnahmen geparkt, damit sie aus der offiziellen Statistik fallen.</p>
<p><strong>Stauffenberg und Neue Ordnung </strong></p>
<p>Viele Adlige lehnten die Nazis wegen ihres ungehobelten Auftretens ab. Mit der Zeit arrangierten sich einige mit ihnen, andere gingen auf Distanz, später gab es keine Wahl mehr. Auch auf dem Gut der Moltkes schmiedete man Pläne für die Zeit danach. Der Kreisauer Kreis wurde 1940 gegründet, auf dem Zenit der Macht des Deutschen Reiches. Initiator Helmuth James von Moltke war rasch klar, dass sich das Reich überdehnen und zusammenbrechen würde. Am 9. August 1943 beschloss der Kreisauer Kreis die "Grundsätze für die Neuordnung", die jedoch wegen der unter den Siegermächten beschlossenen Aufteilung des besiegten Staatsgebiets nie umgesetzt werden konnten. Diesem Kreis gehörten wenigstens zwölf berühmte Freunde von Helmuth James von Moltke an, darunter auch Stauffenberg.</p>
<p>Bereits im Januar 1944, also noch vor dem Stauffenberg-Attentat wurden Moltke und 22 weitere Teilnehmer der Runde von der Gestapo verhaftet, Helmuth James hatte es aufgrund seiner Meriten in der Haft etwas besser als andere seiner Mitgefangenen. Dennoch wurde er für seine Arbeit im Verborgenen hingerichtet, wie die meisten anderen Teilnehmer der Runde auch.</p>
<p><strong>Freya von Moltke – Eine ungewöhnliche Frau </strong></p>
<p>Schließlich erfahren wir am Beispiel Freya von Moltke, wie es gelang, die Familienlinie fortzuführen und wieder ansehnlichen Wohlstand zu erlangen. Den Grundstein für die Verbindung mit Industrie und Banken hatte die Familie bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gelegt. Diese konnte Freya Moltke nun weiter ausbauen. Als Freya Deichmann im Frühjahr 1911 in Köln geboren, ist sie Tochter eines der beiden Teilhaber des Bankhauses Deichmann. Ihre Mutter hieß ursprünglich Ada von Schnitzler, stammte auch aus einer Bankiersfamilie, und war gut befreundet mit Konrad Adenauer, der später Bundeskanzler wurde.</p>
<p>Das Ende des Buches handelt vom Wirken erfolgreicher Moltkes von 1945 bis in die heutige Zeit. Selbstverständlich findet sich auch eine ausführliche Quellenangabe. Dankenswerterweise finden sich auch die Stammbäume der wichtigsten Familien, ohne die man leicht die Übersicht verlieren könnte. In jedem Falle also ein wichtiges Buch!</p>
<p><strong>Jochen Thies: <em>Die Moltkes. Von Königgrätz nach Keisau – Eine deutsche Familiengeschichte.</em> Piper Verlag 2012 gebunden. 374 Seiten. 22,95 Euro</strong></p>Der Film „Work hard – Play hard“: Der Totalitarismus der modernen Arbeitswelt2012-05-14T07:15:48Z2012-05-14T07:15:48Zhttp://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/3302-der-film-work-hard-play-hard-der-totalitarismus-der-modernen-arbeitsweltWolf-Dieter Lassottawdlassotta@web.de<p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/work_hard_play_hard.jpg" border="0" width="106" height="150" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" />„Performen“ – „challengen“ – „change“ – „im Flow sein“ – „taskorientiertes Handeln“: es ist schon eine sehr eigenartige (Sprach-)Welt, in die Carmen Losmann den Zuschauer entführt. Es ist die moderne Arbeitswelt, die alles daran setzt, die vollkommen entortete Ressource Mensch zu optimieren. Eine Welt, in der allein das richtige Beherrschen des Sprachcodes über die Zugehörigkeit entscheidet. <em>Work hard – Play hard</em> zeigt in zum Teil quälend langen eineinhalb Stunden, wie Angestellte sich freiwillig zu neuen Menschen erziehen.</p>
<p><strong>Entortung – Abstimmung des Arbeitsplatzes auf den Menschen bei gleichzeitiger Entpersonalisierung</strong></p>
<p>Am Anfang steht ein formloses Gebäude, die neue Zentrale des Weltkonzerns Unilever in Hamburg. Gespräche mit dem Architektenteam. Das Bauwerk soll die Ziele des Konzerns repräsentieren: Weltoffenheit, Kreativität und andere Worthülsen. Was das Unternehmen macht, wird an keiner Stelle deutlich. Hier geht es nicht mehr um Produktion. Die Büros sind auf die „Bedürfnisse“ der Mitarbeiter eingerichtet, nach neuesten Forschungen farblich so gestaltet, dass sich eine gute Mischung aus Stimulation und Wohlfühlatmosphäre ergeben soll. Einen Bezug zum konkreten Ort ist nicht mehr gegeben: „Wir wollen auch ein wenig weg von diesem biederen Image als mittelständisches deutsche Familienunternehmen und dafür mehr internationales Flair.“</p>
<p>Der Arbeitsplatz selber dagegen ist völlig entpersonalisiert: nichts menschliches, kein Foto hat hier Platz. Das soll es den Angestellten erleichtern, ihren Arbeitsplatz zu wechseln, je nach der jeweiligen Anforderung. Kommunikation ist das Stichwort. Es soll miteinander gesprochen werden, Teamarbeit wird groß geschrieben. Jeder muss sich einfinden. Alles ist gleichgeschaltet.</p>
<p><strong>Menschen optimieren – Der „Neue Mensch“ trägt gern zu seiner eigenen Überwachung bei</strong></p>
<p>Doch Teamarbeit will gelernt sein. Dazu kriechen gestandene Manager durch enge Tunnel und absolvieren alberne Aufgaben. Wer etwas sagen will – und kommunizieren sollen sie – muss vorher in eine Kindertröte blasen. Sie kraxeln durch Hochseilgärten. Sie sollen lernen, sich in die Arme der Kollegen fallen zu lassen. Und jeder Schritt und jede Aufgabe muss dabei unter Anleitung des Ausbilderteams analysiert und reflektiert werden. Ihre Gefühle sollen sie schildern. Spätestens bei der Abschlussrunde am letzten Abend klingt diese Reflexion dann wie eine Mischung aus Scientology und sozialistischer Verbesserungsrhetorik: „Ich werde noch besser kommunizieren“, „Ich werde versuchen, Prozesse noch effektiver und zielführender zu begreifen und mich einzufinden“, „Ich will mich noch besser meinen Aufgaben widmen.“</p>
<p>Ortswechsel: Beratungsgespräch. Vorgestellt wird ein System, in dem jeder Mitarbeiter seinen Fähigkeiten nach beurteilt werden kann. Alle Daten werden gesammelt und ein „Profil“ erstellt. Auf die Frage, ob es denn keine Datenschutzprobleme gäbe, erklärt der Berater, alles geschehe ja freiwillig. Die Mitarbeiter würden wahrscheinlich sogar gerne zu dem System beitragen, weil es ihnen ja Vorteile verschafft.</p>
<p>Feste Arbeitszeiten sind abgeschafft. Man vertraue den Mitarbeitern, dass sie ihre „kreativen Arbeitsphasen“ selber einschätzen können und „zielorientiert“ arbeiten. Die Arbeitszeiten werden eher länger – „freiwillig“ selbstverständlich. Der „Change“ in der „Unternehmenskultur“ soll „in die DNA der Mitarbeiter implementiert“ werden. Der Gruseleffekt ist enorm hoch.</p>
<p><strong>Sprachcodes – Die neue Sprache schafft nicht nur Zusammenhalt, sie diszipliniert auch</strong></p>
<p>Quälend sind die Szenen, in denen Regisseurin Losmann einfach Gespräche filmt. Man versteht nichts, Worthülsen, Verschleierung, Entdinglichung. Es werden Dinge angesprochen, ohne sie zu benennen. Am Ende des Films hat der Zuschauer so viele Anglizismen und Wortneukompositionen vernommen, dass das Gehirn käst. Und nicht nur die Manager und leitenden Angestellten bedienen sich der Sprache, auch in den Arbeitsgruppen und Kommunikationsteams passen sich die unteren Mitarbeiter den Sprachcodes an.</p>
<p>Es wird damit eine Einheit geschaffen. Menschen mit gleicher Sprache verstehen sich. Gleichzeitig behindert aber diese Verschleierung der Realität das klare Denken. Ein simples Nachfragen bei einer gar zu gewagten Schwurbelei führt schon in den Verdacht nicht einverstanden zu sein. Und nicht nur die Sprache erscheint geleckt und amorph, auch der Habitus der Menschen schleift sich aneinander ab. Allen Beteuerungen zum Trotz, dies geschehe nur im Bemühen um die individuelle Kreativität des Einzelnen, entwickeln sich identitätslose Unpersonen, bei denen das Auflachen an der falschen Stelle schon über die Eignung entscheiden kann.</p>
<p><strong>Flow – Der „Wandel“ ist notwendig um zu bestehen</strong></p>
<p>Doch alle Konzepte sind nicht auf Dauer angelegt, alle Bemühungen sind durch den ständigen Wandel bedroht. Alles ist im „Flow“. Was heute richtig ist, kann sich in einem Jahr wieder ändern. Die Veränderungen in der internationalen Arbeitswelt sind unberechenbar und die Unternehmen gestalten sie selbst mit. Sie unterwerfen sich ihrem Diktat und treiben den „Wandel“ somit noch schneller voran.</p>
<p><em>Work hard – Play hard</em> ist ein Film, der einen Einblick gibt in die internationalisierte, entortete Welt der „Global Players“. Dank des fehlenden Kommentars stehen die Szenen und Äußerungen für sich. Eine vollständige Analyse will und kann der Film natürlich nicht geben. Für die Arbeit im globalen Geschäft lässt sich allerdings gut erkennen, hier wird der Kapitalismus totalitär.</p>
<p>http://www.youtube.com/watch?v=TE0JKY5w9rM</p><p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/work_hard_play_hard.jpg" border="0" width="106" height="150" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" />„Performen“ – „challengen“ – „change“ – „im Flow sein“ – „taskorientiertes Handeln“: es ist schon eine sehr eigenartige (Sprach-)Welt, in die Carmen Losmann den Zuschauer entführt. Es ist die moderne Arbeitswelt, die alles daran setzt, die vollkommen entortete Ressource Mensch zu optimieren. Eine Welt, in der allein das richtige Beherrschen des Sprachcodes über die Zugehörigkeit entscheidet. <em>Work hard – Play hard</em> zeigt in zum Teil quälend langen eineinhalb Stunden, wie Angestellte sich freiwillig zu neuen Menschen erziehen.</p>
<p><strong>Entortung – Abstimmung des Arbeitsplatzes auf den Menschen bei gleichzeitiger Entpersonalisierung</strong></p>
<p>Am Anfang steht ein formloses Gebäude, die neue Zentrale des Weltkonzerns Unilever in Hamburg. Gespräche mit dem Architektenteam. Das Bauwerk soll die Ziele des Konzerns repräsentieren: Weltoffenheit, Kreativität und andere Worthülsen. Was das Unternehmen macht, wird an keiner Stelle deutlich. Hier geht es nicht mehr um Produktion. Die Büros sind auf die „Bedürfnisse“ der Mitarbeiter eingerichtet, nach neuesten Forschungen farblich so gestaltet, dass sich eine gute Mischung aus Stimulation und Wohlfühlatmosphäre ergeben soll. Einen Bezug zum konkreten Ort ist nicht mehr gegeben: „Wir wollen auch ein wenig weg von diesem biederen Image als mittelständisches deutsche Familienunternehmen und dafür mehr internationales Flair.“</p>
<p>Der Arbeitsplatz selber dagegen ist völlig entpersonalisiert: nichts menschliches, kein Foto hat hier Platz. Das soll es den Angestellten erleichtern, ihren Arbeitsplatz zu wechseln, je nach der jeweiligen Anforderung. Kommunikation ist das Stichwort. Es soll miteinander gesprochen werden, Teamarbeit wird groß geschrieben. Jeder muss sich einfinden. Alles ist gleichgeschaltet.</p>
<p><strong>Menschen optimieren – Der „Neue Mensch“ trägt gern zu seiner eigenen Überwachung bei</strong></p>
<p>Doch Teamarbeit will gelernt sein. Dazu kriechen gestandene Manager durch enge Tunnel und absolvieren alberne Aufgaben. Wer etwas sagen will – und kommunizieren sollen sie – muss vorher in eine Kindertröte blasen. Sie kraxeln durch Hochseilgärten. Sie sollen lernen, sich in die Arme der Kollegen fallen zu lassen. Und jeder Schritt und jede Aufgabe muss dabei unter Anleitung des Ausbilderteams analysiert und reflektiert werden. Ihre Gefühle sollen sie schildern. Spätestens bei der Abschlussrunde am letzten Abend klingt diese Reflexion dann wie eine Mischung aus Scientology und sozialistischer Verbesserungsrhetorik: „Ich werde noch besser kommunizieren“, „Ich werde versuchen, Prozesse noch effektiver und zielführender zu begreifen und mich einzufinden“, „Ich will mich noch besser meinen Aufgaben widmen.“</p>
<p>Ortswechsel: Beratungsgespräch. Vorgestellt wird ein System, in dem jeder Mitarbeiter seinen Fähigkeiten nach beurteilt werden kann. Alle Daten werden gesammelt und ein „Profil“ erstellt. Auf die Frage, ob es denn keine Datenschutzprobleme gäbe, erklärt der Berater, alles geschehe ja freiwillig. Die Mitarbeiter würden wahrscheinlich sogar gerne zu dem System beitragen, weil es ihnen ja Vorteile verschafft.</p>
<p>Feste Arbeitszeiten sind abgeschafft. Man vertraue den Mitarbeitern, dass sie ihre „kreativen Arbeitsphasen“ selber einschätzen können und „zielorientiert“ arbeiten. Die Arbeitszeiten werden eher länger – „freiwillig“ selbstverständlich. Der „Change“ in der „Unternehmenskultur“ soll „in die DNA der Mitarbeiter implementiert“ werden. Der Gruseleffekt ist enorm hoch.</p>
<p><strong>Sprachcodes – Die neue Sprache schafft nicht nur Zusammenhalt, sie diszipliniert auch</strong></p>
<p>Quälend sind die Szenen, in denen Regisseurin Losmann einfach Gespräche filmt. Man versteht nichts, Worthülsen, Verschleierung, Entdinglichung. Es werden Dinge angesprochen, ohne sie zu benennen. Am Ende des Films hat der Zuschauer so viele Anglizismen und Wortneukompositionen vernommen, dass das Gehirn käst. Und nicht nur die Manager und leitenden Angestellten bedienen sich der Sprache, auch in den Arbeitsgruppen und Kommunikationsteams passen sich die unteren Mitarbeiter den Sprachcodes an.</p>
<p>Es wird damit eine Einheit geschaffen. Menschen mit gleicher Sprache verstehen sich. Gleichzeitig behindert aber diese Verschleierung der Realität das klare Denken. Ein simples Nachfragen bei einer gar zu gewagten Schwurbelei führt schon in den Verdacht nicht einverstanden zu sein. Und nicht nur die Sprache erscheint geleckt und amorph, auch der Habitus der Menschen schleift sich aneinander ab. Allen Beteuerungen zum Trotz, dies geschehe nur im Bemühen um die individuelle Kreativität des Einzelnen, entwickeln sich identitätslose Unpersonen, bei denen das Auflachen an der falschen Stelle schon über die Eignung entscheiden kann.</p>
<p><strong>Flow – Der „Wandel“ ist notwendig um zu bestehen</strong></p>
<p>Doch alle Konzepte sind nicht auf Dauer angelegt, alle Bemühungen sind durch den ständigen Wandel bedroht. Alles ist im „Flow“. Was heute richtig ist, kann sich in einem Jahr wieder ändern. Die Veränderungen in der internationalen Arbeitswelt sind unberechenbar und die Unternehmen gestalten sie selbst mit. Sie unterwerfen sich ihrem Diktat und treiben den „Wandel“ somit noch schneller voran.</p>
<p><em>Work hard – Play hard</em> ist ein Film, der einen Einblick gibt in die internationalisierte, entortete Welt der „Global Players“. Dank des fehlenden Kommentars stehen die Szenen und Äußerungen für sich. Eine vollständige Analyse will und kann der Film natürlich nicht geben. Für die Arbeit im globalen Geschäft lässt sich allerdings gut erkennen, hier wird der Kapitalismus totalitär.</p>
<p>http://www.youtube.com/watch?v=TE0JKY5w9rM</p>Anzeige - CDU2010-02-28T20:17:53Z2010-02-28T20:17:53Zhttp://www.blauenarzisse.de/index.php/component/content/article/1988-anzeigeBN-Redaktionkcvmenz@gmx.de<p style="text-align: center;">ANZEIGE</p>
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<a href="http://www.blauenarzisse.de/index.php?option=com_wbadvert&task=load&id=8" title="Idealisten" target="_blank"><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/wbadvert/8.gif?r=f0622759d2abaec996d21497a9eee794" border="0" width="300" height="250" /></a>
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</div>Die „Alte Dame” Hertha BSC und ihre Fehlerteufel: Eine Berliner Schmierenkomödie2012-05-14T07:59:27Z2012-05-14T07:59:27Zhttp://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/3304-die-alte-dame-hertha-bsc-und-ihre-fehlerteufel-eine-berliner-schmierenkomoedieJonas Ulbrichwdlassotta@web.de<p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/hertha.jpg" border="0" width="150" height="150" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" />Guten Abend, meine Damen und Herren. Wir geben heute eine Schmierenkomödie der besonderen Art. Eigentlich müssten sie als Zuschauer Schmerzensgeld erhalten, doch wir sind leider ebenso klamm wie Hertha BSC. Auf dem Tiefpunkt sind unsere Berliner Anti-Helden bereits zu Beginn der Geschichte. Denn ganz gleich ob sie sich noch durch das Rückspiel am 15. Mai gegen Fortuna Düsseldorf vor der drohenden zweiten Liga retten können, sportlich ist das untere Ende der Fahnenstange bereits erreicht. Beim letzten Training der Saison am vergangenen Sonntag waren noch 100 Fans der „Alten Dame” anwesend.</p>
<p>Ob sie gegen Ligaschwergewicht Schalke oder die auf den Spuren des bankrott gegangenen „SC Tasmania 1900 Berlin” wandelnden „Roten Teufel” aus Kaiserslautern spielen: Ein Wille, geschweige den ein Konzept, um dem zweiten Abstieg in drei Jahren zu entrinnen ist bei den Herthanern nicht erkennbar.</p>
<p><strong>1.Akt: Aller Anfang ist nicht schwer</strong></p>
<p>Die Zeichen standen günstig. Nach dem Gang in die 2. Fußball-Bundesliga 2010 sollte ein Neuanfang her: Und der kam. Mit Jung-Trainer Markus Babbel sowie einer Mischung aus erfahrenen Recken und ambitionierten Youngstars errang Hertha BSC die Meisterschaft der 2. Bundesliga. 17 Spieltage später folge ein stabiler 11. Platz im Oberhaus. Auftritte wie die 0:4 Niederlage gegen Bayern München blieben selten. Stattdessen errang man unter anderem als einziges Team der Liga einen Auswärtssieg bei Meister Dortmund.</p>
<p><strong>2.Akt : „Es ist was faul im Staat Berlin.”</strong></p>
<p>Doch wider Erwarten gerieten gegen Ende der Hinrunde sportliche Aspekte an der Spree in den Hintergrund. Sie wichen einem Hick-Hack, das Deutschlands (Fach-)presse wochenlang beschäftigte. Babbel kündigte an, seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Er und Herthas Führung bezichtigten sich wochenlang nicht stattgefundener Gespräche, der Lüge und anderer böser Worte. In beidseitiger Wut wurde der Vertrag schließlich zur Winterpause aufgelöst. Die Gründe für Babbels Trennungswunsch sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Einige vermuten private Gründe, andere sehen in seiner Forderung die Mannschaft auf allen Positionen bis auf der des Torwarts nachzurüsten den Auslöser.</p>
<p>Laut interner Informationen wären sogar durch das Erreichen des DFB-Pokal-Viertelfinales 2,5 Millionen Euro verfügbar gewesen, doch nichts geschah. Als neuer Trainer erschien Michael Skibbe auf der Bühne und verschwand genauso schnell. Vier Niederlagen in Serie und das Ausscheiden aus dem DFB-Pokal erschienen Hertha-Manager Michael Preetz Grund genug für eine Entlassung.</p>
<p>Preetz gestand Skibbes Verpflichtung als Fehler ein, jedoch Selbstkritik. Dabei muss es erlaubt sein, zu fragen, ob dieser nichts unversucht ließ, um einen Trainer wie Babbel zu halten. Vor seinen Berliner-Erfolgen führte er den VfB Stuttgart in die UEFA-Champions League 2009/2010. Es muss erlaubt sein zu fragen, weshalb Preetz einen Nachfolger wie Skibbe auf Jahre verpflichtet, obwohl dessen Reputation sich im Vergleich zum Vorgänger deutlich bescheidener liest.</p>
<p><strong>3.Akt: Quo vadis, Hertha?</strong></p>
<p>Niemand ist unfehlbar, doch Preetz bleibt ein Wiederholungstäter. Nachdem die Berliner 2009 unter Trainer Lucien Favre phasenweise um die Meisterschaft mitspielten, folgte 2010 in der Hinrunde (Sechs Punkte, 13 Tore) eine Talfahrt, die der momentanen Rückserie erschreckend gleicht. Favres Entlassung erschien als branchenüblicher Schritt, bliebe da nicht die Tatsache, dass Erfolgsgaranten wie Pantelic, Voronin oder Simunic zuvor nicht gehalten bzw. adäquat ersetzt wurden.</p>
<p>Das Ende der Geschichte ist schnell erzählt. Während Lucien Favre noch immer in Gladbach bewies, wozu er mit dem richtigen Spielern im Stande ist, verpflichtete Hertha mit „König Otto” Rehhagel, den mittlerweile vierten Trainer der Saison. Doch außer ein paar Achtungserfolgen, etwa gegen Bremen oder Leverkusen, und ein paar taktisch fragwürdigen Entscheidungen gelang auch dem Altmeister keine entscheidende Wende. „Rehacles” wird wohl sein Amt zum Saisonende niederlegen.</p>
<p>Fragwürdig bleibt jedoch, warum Herthas Führungsriege sich ausdrücklich zu einem Manager bekennt, dessen Fehlerliste länger ist als ein Fußballstadion. Bereits Preetz’ Vorgänger Dieter Hoeneß machte trotz einiger Erfolge durch größere Fehler Schlagzeilen. In seine Amtszeit fallen Millionengräber, z. B. die Spieler Alex Alves, Brian Roy oder Trainer Huub Stevens. Das größte Rätsel ist jedoch Herthas Zukunft. Die Trümpfe für einen Klassenerhalt aus eigener Kraft hat die Mannschaft wie vor zwei Jahren verspielt. Auch ein neuer Trainer, egal in welcher Liga, kann nur erfolgreich arbeiten, wenn sich das System ändert. Doch die Männer von der „Alten Dame” scheitern immer wieder dank der gleichen Fehler.</p>
<p>(Bild: D.ST./flickr.com)</p><p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/hertha.jpg" border="0" width="150" height="150" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" />Guten Abend, meine Damen und Herren. Wir geben heute eine Schmierenkomödie der besonderen Art. Eigentlich müssten sie als Zuschauer Schmerzensgeld erhalten, doch wir sind leider ebenso klamm wie Hertha BSC. Auf dem Tiefpunkt sind unsere Berliner Anti-Helden bereits zu Beginn der Geschichte. Denn ganz gleich ob sie sich noch durch das Rückspiel am 15. Mai gegen Fortuna Düsseldorf vor der drohenden zweiten Liga retten können, sportlich ist das untere Ende der Fahnenstange bereits erreicht. Beim letzten Training der Saison am vergangenen Sonntag waren noch 100 Fans der „Alten Dame” anwesend.</p>
<p>Ob sie gegen Ligaschwergewicht Schalke oder die auf den Spuren des bankrott gegangenen „SC Tasmania 1900 Berlin” wandelnden „Roten Teufel” aus Kaiserslautern spielen: Ein Wille, geschweige den ein Konzept, um dem zweiten Abstieg in drei Jahren zu entrinnen ist bei den Herthanern nicht erkennbar.</p>
<p><strong>1.Akt: Aller Anfang ist nicht schwer</strong></p>
<p>Die Zeichen standen günstig. Nach dem Gang in die 2. Fußball-Bundesliga 2010 sollte ein Neuanfang her: Und der kam. Mit Jung-Trainer Markus Babbel sowie einer Mischung aus erfahrenen Recken und ambitionierten Youngstars errang Hertha BSC die Meisterschaft der 2. Bundesliga. 17 Spieltage später folge ein stabiler 11. Platz im Oberhaus. Auftritte wie die 0:4 Niederlage gegen Bayern München blieben selten. Stattdessen errang man unter anderem als einziges Team der Liga einen Auswärtssieg bei Meister Dortmund.</p>
<p><strong>2.Akt : „Es ist was faul im Staat Berlin.”</strong></p>
<p>Doch wider Erwarten gerieten gegen Ende der Hinrunde sportliche Aspekte an der Spree in den Hintergrund. Sie wichen einem Hick-Hack, das Deutschlands (Fach-)presse wochenlang beschäftigte. Babbel kündigte an, seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Er und Herthas Führung bezichtigten sich wochenlang nicht stattgefundener Gespräche, der Lüge und anderer böser Worte. In beidseitiger Wut wurde der Vertrag schließlich zur Winterpause aufgelöst. Die Gründe für Babbels Trennungswunsch sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Einige vermuten private Gründe, andere sehen in seiner Forderung die Mannschaft auf allen Positionen bis auf der des Torwarts nachzurüsten den Auslöser.</p>
<p>Laut interner Informationen wären sogar durch das Erreichen des DFB-Pokal-Viertelfinales 2,5 Millionen Euro verfügbar gewesen, doch nichts geschah. Als neuer Trainer erschien Michael Skibbe auf der Bühne und verschwand genauso schnell. Vier Niederlagen in Serie und das Ausscheiden aus dem DFB-Pokal erschienen Hertha-Manager Michael Preetz Grund genug für eine Entlassung.</p>
<p>Preetz gestand Skibbes Verpflichtung als Fehler ein, jedoch Selbstkritik. Dabei muss es erlaubt sein, zu fragen, ob dieser nichts unversucht ließ, um einen Trainer wie Babbel zu halten. Vor seinen Berliner-Erfolgen führte er den VfB Stuttgart in die UEFA-Champions League 2009/2010. Es muss erlaubt sein zu fragen, weshalb Preetz einen Nachfolger wie Skibbe auf Jahre verpflichtet, obwohl dessen Reputation sich im Vergleich zum Vorgänger deutlich bescheidener liest.</p>
<p><strong>3.Akt: Quo vadis, Hertha?</strong></p>
<p>Niemand ist unfehlbar, doch Preetz bleibt ein Wiederholungstäter. Nachdem die Berliner 2009 unter Trainer Lucien Favre phasenweise um die Meisterschaft mitspielten, folgte 2010 in der Hinrunde (Sechs Punkte, 13 Tore) eine Talfahrt, die der momentanen Rückserie erschreckend gleicht. Favres Entlassung erschien als branchenüblicher Schritt, bliebe da nicht die Tatsache, dass Erfolgsgaranten wie Pantelic, Voronin oder Simunic zuvor nicht gehalten bzw. adäquat ersetzt wurden.</p>
<p>Das Ende der Geschichte ist schnell erzählt. Während Lucien Favre noch immer in Gladbach bewies, wozu er mit dem richtigen Spielern im Stande ist, verpflichtete Hertha mit „König Otto” Rehhagel, den mittlerweile vierten Trainer der Saison. Doch außer ein paar Achtungserfolgen, etwa gegen Bremen oder Leverkusen, und ein paar taktisch fragwürdigen Entscheidungen gelang auch dem Altmeister keine entscheidende Wende. „Rehacles” wird wohl sein Amt zum Saisonende niederlegen.</p>
<p>Fragwürdig bleibt jedoch, warum Herthas Führungsriege sich ausdrücklich zu einem Manager bekennt, dessen Fehlerliste länger ist als ein Fußballstadion. Bereits Preetz’ Vorgänger Dieter Hoeneß machte trotz einiger Erfolge durch größere Fehler Schlagzeilen. In seine Amtszeit fallen Millionengräber, z. B. die Spieler Alex Alves, Brian Roy oder Trainer Huub Stevens. Das größte Rätsel ist jedoch Herthas Zukunft. Die Trümpfe für einen Klassenerhalt aus eigener Kraft hat die Mannschaft wie vor zwei Jahren verspielt. Auch ein neuer Trainer, egal in welcher Liga, kann nur erfolgreich arbeiten, wenn sich das System ändert. Doch die Männer von der „Alten Dame” scheitern immer wieder dank der gleichen Fehler.</p>
<p>(Bild: D.ST./flickr.com)</p>Passierschein A 38 – oder: Die Papierflut der Behörden2012-05-15T07:30:06Z2012-05-15T07:30:06Zhttp://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/3309-passierschein-a-38-oder-die-papierflut-der-behoerdenDirk Taphornwdlassotta@web.de<p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/labyrinth.jpg" border="0" width="150" height="113" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" /></p>
<p>Kaum hat man sein Studium abgeschlossen und die letzten Angelegenheiten mit der Universitätsverwaltung und dem BAföG-Amt geklärt, wartet der nächste Amtsschimmel. Man meldet sich also bei der Bundesagentur für Arbeit, um sich als „Kunde“ registrieren zu lassen. Schließlich soll die Agentur ja eine Dienstleistung erbringen, in diesem Fall eine Arbeitsstelle vermitteln. Da die BA jedoch ein ziemlicher Monopolist auf dem Markt der Arbeitsvermittlung und eigentlich eine alte Behörde ist (wie die Telekom, die mittlerweile aber ordentlich Konkurrenz bekommen hat), sollte man als Kunde von vornherein nicht an Begriffe wie „gutes Angebot“ oder „Kundenorientierung“ denken.</p>
<p><strong>Der Kunde ist König?</strong></p>
<p>Nach dem handschriftlichen Ausfüllen eines mehrseitigen „Erfassungsbogens“ übertragen die Kundenbetreuer diese Daten in den Computer. Mit einer eventuell zukünftig möglichen Onlinebearbeitung, könnte sich der Kunde nicht nur einiges an Zeit und Nerven sparen – auch der Bürokratieabbau wäre dadurch einmal sinnvoll umgesetzt. Allerdings, wohin mit den staatlichen Angestellten?</p>
<p>Als Student ist der Gang zum Arbeitsamt eigentlich überflüssig, wenn man zuvor BAFöG bekommen und ohnehin keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 (ALG1) hat. Beantragt man nämlich nach seinem Studium Arbeitslosengeld 2 (ALG2 oder auch liebevoll „Hartz IV“ genannt), ist die BA nicht mehr für einen zuständig, sondern die Kommune vor Ort bzw. deren „Jobcenter“.</p>
<p><strong>Aus (ALG)2 mach (Hartz)4</strong></p>
<p>Für die computersüchtige Jugend gibt es den Hauptantrag auf Arbeitslosengeld 2 bei der Arbeitsagentur online auch direkt zum Herunterladen und Bearbeiten im PDF-Format. Samt Anlage WEP, Anlage KI, Anlage KDU, Anlage EK, Anlage EKS, Anlage VM, Anlage VE, Anlage SV, Anlage HG, Anlage MEB, Anlage UH1, Anlage UH2, Anlage UH3, Anlage UH4, Anlage UF, Anlage BEBE, Einkommensbescheinigung, Arbeitsbescheinigung, Schweigepflichtentbindung, Weiterbewilligungsantrag und entsprechenden Hinweisen.</p>
<p>Macht also 29 PDF-Dateien mit insgesamt 80 Seiten. Davon benötigt man zum Glück zwar nicht alle, aber dennoch grenzt die Bearbeitung schon fast an eine akademische Abschlussarbeit. Glücklich, wer schon Erfahrungen mit BAföG-Anträgen sammeln konnte.</p>
<p>Irgendwie wird man bei all den Formularen unweigerlich an den Zeichentrickfilm <em>Asterix erobert Rom</em> und die dort gestellte Aufgabe zum „Haus, das Verrückte macht“ mit dem Passierschein A 38 erinnert. Nicht nur, daß immer noch irgendetwas fehlt: man wird auch von Pontius zu Pilatus und von Hinz nach Kunz geschickt. Lediglich daß der Passierschein A 38 in diesem Fall „Hauptantrag auf Arbeitslosengeld 2“ heißt. Verrückt wird man trotzdem.</p>
<p>(Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)</p><p><img src="http://www.blauenarzisse.de/images/labyrinth.jpg" border="0" width="150" height="113" style="float: left; border: 0; margin: 5px;" /></p>
<p>Kaum hat man sein Studium abgeschlossen und die letzten Angelegenheiten mit der Universitätsverwaltung und dem BAföG-Amt geklärt, wartet der nächste Amtsschimmel. Man meldet sich also bei der Bundesagentur für Arbeit, um sich als „Kunde“ registrieren zu lassen. Schließlich soll die Agentur ja eine Dienstleistung erbringen, in diesem Fall eine Arbeitsstelle vermitteln. Da die BA jedoch ein ziemlicher Monopolist auf dem Markt der Arbeitsvermittlung und eigentlich eine alte Behörde ist (wie die Telekom, die mittlerweile aber ordentlich Konkurrenz bekommen hat), sollte man als Kunde von vornherein nicht an Begriffe wie „gutes Angebot“ oder „Kundenorientierung“ denken.</p>
<p><strong>Der Kunde ist König?</strong></p>
<p>Nach dem handschriftlichen Ausfüllen eines mehrseitigen „Erfassungsbogens“ übertragen die Kundenbetreuer diese Daten in den Computer. Mit einer eventuell zukünftig möglichen Onlinebearbeitung, könnte sich der Kunde nicht nur einiges an Zeit und Nerven sparen – auch der Bürokratieabbau wäre dadurch einmal sinnvoll umgesetzt. Allerdings, wohin mit den staatlichen Angestellten?</p>
<p>Als Student ist der Gang zum Arbeitsamt eigentlich überflüssig, wenn man zuvor BAFöG bekommen und ohnehin keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 (ALG1) hat. Beantragt man nämlich nach seinem Studium Arbeitslosengeld 2 (ALG2 oder auch liebevoll „Hartz IV“ genannt), ist die BA nicht mehr für einen zuständig, sondern die Kommune vor Ort bzw. deren „Jobcenter“.</p>
<p><strong>Aus (ALG)2 mach (Hartz)4</strong></p>
<p>Für die computersüchtige Jugend gibt es den Hauptantrag auf Arbeitslosengeld 2 bei der Arbeitsagentur online auch direkt zum Herunterladen und Bearbeiten im PDF-Format. Samt Anlage WEP, Anlage KI, Anlage KDU, Anlage EK, Anlage EKS, Anlage VM, Anlage VE, Anlage SV, Anlage HG, Anlage MEB, Anlage UH1, Anlage UH2, Anlage UH3, Anlage UH4, Anlage UF, Anlage BEBE, Einkommensbescheinigung, Arbeitsbescheinigung, Schweigepflichtentbindung, Weiterbewilligungsantrag und entsprechenden Hinweisen.</p>
<p>Macht also 29 PDF-Dateien mit insgesamt 80 Seiten. Davon benötigt man zum Glück zwar nicht alle, aber dennoch grenzt die Bearbeitung schon fast an eine akademische Abschlussarbeit. Glücklich, wer schon Erfahrungen mit BAföG-Anträgen sammeln konnte.</p>
<p>Irgendwie wird man bei all den Formularen unweigerlich an den Zeichentrickfilm <em>Asterix erobert Rom</em> und die dort gestellte Aufgabe zum „Haus, das Verrückte macht“ mit dem Passierschein A 38 erinnert. Nicht nur, daß immer noch irgendetwas fehlt: man wird auch von Pontius zu Pilatus und von Hinz nach Kunz geschickt. Lediglich daß der Passierschein A 38 in diesem Fall „Hauptantrag auf Arbeitslosengeld 2“ heißt. Verrückt wird man trotzdem.</p>
<p>(Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)</p>