Rezension

Über den Dichter Rolf Schilling, Teil 2

Ahnend, dass Vor- und Andeutung zur Befriedung nur der wenigsten Naturelle taugen, sah der Völkerpsychologe Wilhelm Wundt in Zeige-Bewegungen immer auch zu kurz geratene Greif-Versuche – mustergültig nachzuvollziehen anhand der Kolonialgeschichte.

„Steige herab!“, ruft der Ewigmorgige dem Idealischen zu wie Heinrich einst Gregor, was zu verkraften wäre, wenn er im Anschluss denn auch nach Canossa ginge. Stattdessen schafft es dieser Typus meist bloß bis nach Landsberg oder Elba, vertagt mit jedem Scheitern das Gelingen ferner und fanatischer.

Ihm stehen die Sachwalter des Symbolischen gegenüber: „Die Androhung ist stärker als die Ausführung“, lautet eine Devise Tartakowers, auf die sich Schachspieler Schilling beruft. Es sei unnütz, stößt Gómez Dávila ins selbe Horn, jemandem einen Gedanken erklären zu wollen, dem eine Anspielung nicht genüge: „Die edelsten Dinge auf Erden existieren vielleicht nur in den Worten, die sie heraufbeschwören“. Um die Beschränkung des menschlichen Blickwinkels zu illustrieren, wird unter Theologen nicht selten das Bild eines Teppichs bemüht, dessen Kehrseite – als Gewirr von Fäden und Knoten – ein ordnendes Prinzip kaum vermuten lässt. Das Muster auf der Schauseite dagegen, „dieses Ganze / Ist nur für einen Gott gemacht“.

Der Ruf zur Selbstbescheidung wirkt je nach Gemüt befangend oder befreiend: „Weltrad, das rollende, / Streift Ziel auf Ziel“, antwortet Nietzsche auf Goethes chorus mysticus, „Not – nennt’s der Grollende, / Der Narr nennt’s – Spiel“. Dort der Grollende als Weltverbesserer, verkrampft: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“. Hier als Weltweiser der Narr, gelöst: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“. Rolf Schilling:

Ginster schwang den goldnen Besen.
Zwischen Haugk und Hiel
Schien ein Pfad für dich erlesen,
Doch der Hüter schließt das Spiel,
Und es ist wie niegewesen,
Wenn der Vorhang fiel.

Michael Klonovsky, Diarist von hohen Graden und selbst um keine Pointe verlegen, zeigt auf, wo „das Ewig-Närrische“ beheimatet und wo es bloß Irrgast ist: „Der Linke vermag geistreich zu spotten, doch der wirkliche Humor, diese Mischung aus Fatalismus und Weltversöhnung, ist seinem zelotischen Wesen fremd“. Vom Fremdeln der Eiferer mit Gleichmut und Unerschütterlichkeit zeugen beispielhaft die Spitzen Heines und Börnes gegen den alten Goethe. „Bequemlichkeit“ und „Kunstbehaglichkeit“ lauteten die Anklagen der Jüngeren in Richtung des politisch weitgehend indifferenten „Stabilitäts-Narren“ und „Zeitablehnungsgenies“ vom Frauenplan.

Einem Versuch der posthumen Schlichtung müsste die Unterscheidung vorangehen zwischen dem Kampf gegen eine konkrete Zeit einerseits und der inneren Distanz zum Prinzip der linearen Zeitlichkeit andererseits, zwischen Spiegelfechterei im herkömmlichen und Selbstherrlichkeit im besten Wortsinn also. Der wirklich Berufene, so Ernst Jünger in Der Arbeiter, „steht zu jeder Stunde und an jedem Orte im elementaren Raum“. Wer sich mit Herder stets „in Mitte der Ewigkeit“ weiß, vollzieht den Schritt vom Gemäßigten zum Maßgeblichen, zum unbewegten Beweger in Miniatur.

Verdrossenen Künstlern und Verweisen auf die vermeintliche Ungunst der Umstände kann Schilling folglich wenig abgewinnen: Man scheitere letztlich nur an sich selbst, wie man auch den Funken nur aus sich selbst schlage – zu keiner oder jeder Zeit: „Trotzdem harre hoffend im Absurden, / Pflanz dein Apfelbäumchen jetzt und hier! / Denn das Feuer, draus die Welten wurden, / Brennt noch immer rein und stark in dir“. Es gilt das Wort Stefan Georges: „Und was ihr heut nicht leben könnt wird nie“.

Willst du die Zeit bezwingen,
Die alles bricht und fügt,
Such nicht in toten Dingen
Die Dauer, die uns trügt.

Sag nicht, es sind die Nornen
Dem Sänger nicht mehr hold,
Noch schenkt sich dem Erkornen
Der Traum von Licht und Gold.

Oft ward der Lippen leerste
Erlabt mit frischem Trunk,
Es blühn der Bilder hehrste
Aus Herbstes mürbem Prunk.

Du selber bist die Schwelle,
Wo, zwischen Schlaf und Schlaf,
Ein Blitz befreiter Helle
Das Weltendunkel traf.

Nimmt auch die nächste Stunde
Dich und dein Wort zurück:
Du weilst in Daseins Grunde
Für diesen Augenblick.

Niemals und Immer

Brechen und Fügen, Hehres aus Mürbem, Blüte und Herbst: Das Spiel mit Polarität und Komplementarität ist von leitmotivischem Charakter für Schillings lyrisches Werk. Es kommt sowohl als wechselseitige Wachablösung von Antagonismen zum Tragen, der Enantiodromie des Heraklit, als auch im Zusammenfall der Gegensätze, den Anaximander im Apeiron annimmt, bevor Cusanus ihn zwei Jahrtausende später als coincidentia oppositorum theologisch umdeutet.

Die anachronistischen Sprünge von Ephesos über Milet nach Bernkastel-Kues vollzieht Goethe in seiner zahmen Xenie ‚Wenn im Unendlichen dasselbe‘ nach: „Und alles Drängen, alles Ringen / Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn“.

Shakespeare hingegen inszeniert die Überwindung der Dichotomie, ähnlich wie später Annette von Droste-Hülshoff in „An Levin Schücking“ und Ricarda Huch in „Uralter Worte kundig“, als Vereinigung von Liebenden: „The Phoenix and the Turtle“ ist für Schillings Band mit Nachdichtungen aus dem Englischen zwar titelgebend, bleibt jedoch zwischen Vielem von Keats und Yeats, Manchem von Shelley und Hopkins das einzig berücksichtigte Werk des holden Schwans vom Avon.

Liebende, von Lieb gebannt,
Sind im Wesen eins am End,
Doppelt zwar, doch ungetrennt,
Zahl, die ganz in Liebe schwand.

Liebe schenkte lichten Schein,
Las die Taube ihr Geschick
Flammend in des Phoenix Blick,
Jeder war des andern Mein. 

Selbst Vernunft, in sich zerstört,
Sah Geschiednes, das sich eint,
Wenn in jenem dies erscheint,
Eins dem andern ganz gehört.

Und sie sprach: „Wie treu die zwei
Scheinen hier von Herzen eins,
Lieb hat Recht, Vernunft hat keins,
Daß Getrenntem Dauer sei.“

Die Brücke vom Mythos als Material zur Koinzidenz als Motiv schlägt Sallusts Definition des Mythischen als niemals Gewesenes, das immer sei: Ableitungen eines Grundbestandes an Urbildern sind geworfen in Lebensfluten und Tatensturm, nur Archetyp und Epitom bleiben statisch, klandestin, sakrosankt. Indem es leben lässt, ohne selbst zu leben, entschlägt sich Transhistorisches dem Transitorischen. Goethe umreißt das Verhältnis von Ruhe und Fluss, Sein und Werden in seiner „Parabase“: „Und es ist das ewig Eine, / Das sich vielfach offenbart, / Klein das Große, groß das Kleine, / Alles nach der eignen Art“. Nur was nie war ist frei von jedem makel“, klagt George in seiner „Teuflischen Stanze“. Mit den Worten „niemals und immer“ beschließt Benn „Palau“ und ein frühes Celan-Gedicht hebt an mit den Versen „Nachts, wenn das Pendel der Liebe schwingt / Zwischen Immer und Nie“.

In diesem Kielwasser treibt auch Schillings Spätboot durch „wechselnd Glühn und Bleichen“ dem formstillen Hafen der All-Einheit zu – ob man ihn nun „Unendlichkeit“ tauft, „Gott“ oder „Liebe“. Dort mag, wer will, dann wandeln – „allem Wandel fern“.

Aber trotzdem dauern unsre Reiche,
Traumentrückt im Schoß der Mitternacht,
Bis das ewig neue, ewig gleiche
Morgenrot im Dämmergrau erwacht. 

Längst verschollen, dennoch unverloren,
Strahlt, ein Kronjuwel im dunklen All,
Unser Stern, uralt und ungeboren,
Siegreich über Asche und Verfall. 

Keine Fessel kann der Schwinge wehren,
Die dich unversehrt durchs Feuer trug,
Leichten Flugs zur Erde heimzukehren,
Wenn die Stunde der Verheißung schlug. 

Unsterblich, weil ungeboren: Das Ideal, so fasst es Paul de Lagarde in Die Religion der Zukunft, sei die im tiefsten Innern des Menschen leuchtende Sonne, deren Schein bald fahl würde, wenn man sie vom Seelengrund ans Tageslicht emportauchte. Friedrich Hebbel wiederum stellt in seinem Gedicht „Der verborgene Kaiser“ den weltlichen Herrschern, „stolz in Karossen“, einen prunklosen Regenten zur Seite, „Welcher am Brunnen vielleicht selber das Wasser sich schöpft, / Und, sei dieser ein Künstler, ein Denker oder ein Weiser, / Eh‘ das Jahrhundert vergeht, trägt er die Krone allein“.

Geht es nach Schilling, dann bleibt die Sonne versunken und der verkappte Souverän ungekrönt: „Wenn Nietzsche von den Deutschen sagt, sie seien von vorgestern und übermorgen, sie hätten noch kein Heute, so ist dies ein Satz der immer gilt, das ‚noch‘ vor dem ‚Heute‘ ist zu streichen. Unser Ziel liegt nicht in der Zeit. Wir sind nicht in die Geschichte eingetreten. Hitler trat ein, und auch Stauffenberg trat ein. Damit verwirkten beide das Recht auf mythische Repräsentanz. Hitler hat die großen Symbole, die er besaß – oder besser: die ihn besaßen – auf den Märkten ausgestellt und damit ausgeschlachtet. Die Zeichen traten für eine Stunde hervor, aber nur, um ihren Träger zu vernichten. Nun ist über sie wieder das Tabu verhängt. Aber tabu ist nicht nur das Verbotene, sondern das Heilige“.

Hier geht es zu Teil 1 dieses Beitrags. Die Fortsetzung findet sich hier.

(Bild: Rolf Schilling, von: Uwe NolteCC-BY 4.0)

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