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Nun ist es raus: Dieter Althaus stellt sich, gesundheitlicher Probleme und medialer Sturmwinde zum Trotz, zur Wiederwahl für das Amt des thüringischen Ministerpräsidenten am 30. August 2009. Letztes Jahr hatte er noch ein Kind mit seiner Sekretärin, jetzt ist er der Ski-Mörder. Es war ein Unfall, der jedem passieren kann. Eins steht fest: Ein Politikerleben ist nicht leicht. Gegen Häme und Spott muss man sich da einen harten Panzer zulegen. Dennoch ist die Medienhysterie entlarvend, weil die niedersten Instinkte zum Zweck des Machtkampfes mobilisiert werden. Eine neue Art des Wahlkampfes?
Auf Skiunfall folgte Turbo-Urteil Ja, es muss bitter sein für Althaus. Eigentlich hätte er nichts richtig machen können, außer vielleicht auf den gefährlichen Geschwindigkeitsrausch seines Hobbies von vornherein zu verzichten. Das sagt sich leicht für jemanden, der erstens kein passionierter Skifahrer ist und zweitens ex post gut reden hat. Zugegeben, das Urteil wurde außerordentlich schnell gefällt, aber es lag ein Gutachten vor und Althaus hat seine Schuld eingestanden. Also warum kein Blitz-Urteil, wenn es juristisch machbar ist?
Die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung titelte dazu: „Ein Urteil, das riecht“. Die Kommentierungen unter dem Artikel ließen den Ekel vor dem Menschen wachsen: Althaus – eine Pistensau, Ausschluss der Öffentlichkeit verstößt gegen Rechtsstaat, Zweiklassenjustiz, Strafe zu gering, Verhöhnung der Opfer. Dass die Strafe vor dem Strafgericht, zusammengesetzt aus einem pauschalisierten Schmerzensgeld in Höhe von 5000 Euro und 33000 Euro für die österreichische Staatskasse nicht alles ist, was Althaus zu zahlen hat, weil zivilrechtliche Ansprüche da noch gar nicht berücksichtigt wurden, will keiner mehr wissen. Wie gegenüber dem Papst geifern die Kommentatoren entgegen jeder Logik, wenn es nur irgendwie eine befreiende Wirkung verspüren lässt.
Machtkampf in Thüringen Schon Bodo Ramelow von der Linkspartei, Althaus’ echter Gegner im thüringischen Landtagswahlkampf, wollte unlängst in einem Interview den Eindruck erwecken, es sei bedenklich, dass Althaus sich immer noch nicht zur Sache vernehmen lassen habe. Dies unterlegte er mit einem süffisant schelmischen Blick, mit dem er den Eindruck erwecken wollte, dass es bei dem Sportunfall noch besondere Heimlichkeiten aufzudecken gebe. Dabei handelte es sich bereits erkennbar um unangenehme Stimmungsmache angesichts Althaus’ Verletzungen und der Tatsache, dass dem Beschuldigten generell im Strafprozess ein Aussageverweigerungsrecht zusteht.
Es geht aber natürlich um Macht, und für die Journaille um Geld. Geben wir uns also nicht der Illusion hin, dass die CDU fairer mit Ramelow umgegangen wäre, wenn dieser der Unfallverursacher gewesen wäre. Politik ist schmutzig und hinterhältig, und die Presse ist es auch – das zeigt sich dieser Tage besonders deutlich. Respekt und Anstand, letztlich Charakter, sind lediglich bei politischen Größen zu finden, die entweder längst verstorben oder bereits von der politischen Bühne abgetreten sind.
Warum eigentlich als Ministerpräsident untragbar? Warum Althaus aber gerade nach dem Unfall zurücktreten sollte, will sich nicht erschließen. Was hat sich denn jetzt an seiner Befähigung zum Ministeramt geändert? Dieser eine von schätzungsweise 65.000 Skiunfällen in Österreich pro Jahr ist nun das Haar in der Suppe, das die Nörgler und Moralisierer ans Tageslicht treibt. Es scheint, dass seine politischen Gegner einfach gehofft haben, der allein regierenden CDU in Thüringen den einzigen Spitzenkandidaten zu demontieren. Dies ist nun offensichtlich vorerst misslungen. Es wird also maßgeblich an seinem Genesungsprozess hängen, ob er die CDU erfolgreich im Wahlkampf führen kann, oder ob vielleicht die Linkspartei im Huckepack mit der SPD die Geschicke Thüringens bestimmen wird. Die Europa- und Kommunalwahlen am 7. Juni 2009 wirken dabei als Indikator für die Stimmung im Freistaat.
Wenn Althaus wirklich problematisch ist, dann schon lange: Zu keiner Zeit hat er wirklich offen gelegt – verklausulierte Andeutungen wollen wir nicht gelten lassen –, was vor der Wende mit ihm los war. Offener Systemfeind oder gar Widerständler war der Lehrer aus dem katholischen Eichsfeld nicht. Noch 1989 soll er mehr Marxismus-Leninismus in der Jugendweihezeremonie gefordert haben und im selben Jahr wurde er als einziger Lehrer im Bezirk mit dem Thälmann-Orden in Gold vom FDJ-Zentralrat „für hervorragende Leistungen bei der kommunistischen Erziehung“ ausgezeichnet.
Nochmal: Wenn Althaus also problematisch ist, dann weil er womöglich ein Wendehals ist, der sein Fähnchen in jeden Wind hängt. Und das ist er dann aber mindestens schon zwanzig Jahre. |