| Eric Gans: „Es gibt keinen Zweifel, dass die Zugehörigkeit zu einer Opfergruppe von großem Vorteil sein kann.“ |
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| Geschrieben von: BN-Redaktion |
| Dienstag, den 11. August 2009 um 11:52 Uhr |
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BlaueNarzisse.de: Sehr geehrter Herr Gans, Sie haben eine neue Wissenschaft der menschlichen Kultur namens „generative Anthropologie“ entwickelt, deren Zentrum die Annahme bildet, dass sich die menschliche Kultur generativ, also fortpflanzend, entwickelt hat. Wo machen Sie hier den Ursprung fest? Prof. Dr. Eric Gans: Ich beschäftige mich nicht wirklich mit dem geographischen Ursprung des, wie ich es nenne, „Urereignis“ (angesichts der vielen paläologischen Hinweise könnte man aber nicht ohne Grund Afrika vermuten), sondern mit der Notwendigkeit, dass ein solches überhaupt stattgefunden hat. Das Uraxiom der Generativen Anthropologie (GA) ist, dass die Sprache, das Heilige und andere fundamentale menschliche Wesenszüge, wie unsere „moralischen Instinkte“, auf ein singuläres Ereignis zurückgehen. Es ist kein Zufall, dass der Mensch einerseits durch Repräsentation, und andererseits durch wichtige, erinnerte Vorkommnisse charakterisiert ist. Sprache ist eine bewußte, absichtliche Handlung. Sie kann nicht „versehentlich“ zustande kommen, und das gleiche gilt für alle weiteren Formen der Repräsentation (z.B. plastisch, kinästhetisch, musikalisch). GA ist keine Sozialwissenschaft, sondern eine Art und Weise über die Menschheit nachzudenken und sich dabei einer neuen Heuristik [methodische Anleitung, Anweisung zur Gewinnung neuer Erkenntnisse, BN-Red.] zu bedienen: alle menschlichen Charakteristika auf ihre Verwurzelung im „Urereignis“ zurückzuverfolgen. Zum Beispiel teilen wir alle die Einsicht, dass die Menschen im Grunde gleich sind. Anstatt nun so etwas wie Kants kategorischen Imperativ zu postulieren, zeichnet GA diese Einsicht bis auf den wechselseitigen Austausch von Symbolen im „Urereignis“ nach. Das erlaubt die Rekursion auf ein durch konkrete Erfahrung geschaffenes Modell, anstelle einer unbegründeten Abstraktion. Das Kapitel „Originary and Victimary Rhetoric“ in Ihrem Buch „Signs of Paradox” dreht sich um die Frage nach Opferpolitik und Ressentiment. Was, würden Sie sagen, ist deren Funktion und stellen beide sogenannte „anthropologische Konstante“ in der menschlichen Geschichte dar? Nietzsche gebührt Anerkennung für die Enthüllung der Wichtigkeit von Ressentiment, obwohl diese auf jüdisch-christliche im Gegensatz zur griechisch-römischen Kultur beschränkt ist. Aus diesem Grunde möchte ich hervorheben, dass das erste Wort der Ilias, dem ältesten Text westlicher Zivilisation, gewöhnlicherweise als Achilles‘ „Zorn“ übersetzt wird und sich also auf dessen Missgunst bezieht. Diese Missgunst ist ein grundlegender Charakterzug des Menschen. Beim „Urereignis“ mussten die Beteiligten auf das Objekt gemeinsamer Begierde, welches sie als heilig ausersahen hatten(das erste gesprochene Wort könnte man sich als Name Gottes vorstellen) und an dessen Unerreichbarkeit sie sich stießen, verzichten. Die Menschen neigen zu Unmut sobald sie erkennen, dass ein anderer ihnen gegenüber im Vorteil ist. Die Erkenntnislehre von Missgunst ist, wie wir unseren sozialen Status im Auge behalten. Folglich liegen die Wurzeln der zeitgenössischen Opferpolitik im tiefsten Ursprung des Menschen. Was nun in der Nachkriegsära neu scheint, ist die Besorgtheit um die Opferrolle anderer und der Glaube an deren Missgunst als legitime Demonstration dieses Status. Ich denke, man kann diese Entwicklung am besten als Reaktion auf den Holocaust und dessen Paradigma „Nazi-Jude“ verstehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ungleiche Gruppenbeziehungen wie z.B. koloniale Unterordnung und rassische Trennung nicht mehr als notweniges Übel, sondern einfach als illegitim aufgefasst. Diese Delegitimierung weitete sich in der Folge auf sexuelle und andere Formen von Gruppendiskriminierung aus. Also wurden die Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen, die rassische Segregation in den Südstaaten und später auch Südafrika beendet, Frauen stießen in bisher rein „maskuline“ Berufe vor, jüngst hat sich auch eine Bewegung für die Etablierung der Homoehe gegründet und so weiter und so fort. Die meisten „Errungenschaften“ tragen diesen Titel auch zu Recht, nur existiert eine Grenze, bis zu der man die kollektive Missgunst des anderen tragen kann. Die Angriffe des 11. September 2001 haben mir gezeigt, dass diesem keine freie Hand gelassen werden kann und dass bei weitem nicht alle Ansprüche auf Opferstatus gerechtfertigt sind. Acht Jahre später ist nicht so ersichtlich, ob der Westen diese Warnung beachtet hat. Zeichen zivilisatorischen Verfalls mehren sich: Bin Laden ist immer noch auf freiem Fuß, das World Trade Center in New York ist immer noch ein Loch im Boden und die meisten europäischen Länder zeigen einen demographischen Todeswunsch, der ihr Überleben schon in den nächsten beiden Generationen bedrohen wird. Aber der Irak scheint sich zu einer Demokratie zu entwickeln, Pakistan kämpft gegen die Taliban … noch ist es zu früh, das Handtuch zu werfen. Bei der dritten jährlichen GA-Konferenz im kanadischen Ottawa sagten Sie: „Das Holocaust-Modell von Nazi und Jude ist eine reductio ad absurdum der hierarchischen Gesellschaft, das jede ungleiche Beziehung, die auf zugeschrieben oder im wesentlichen unabänderlichen Kategorien beruht, delegitimiert.“ Ist Opferpolitik dann nicht eine Form von Rassismus unter umgedrehten Vorzeichen, da sie sich in ihrem Urteil über Täter und Opfer auf unabänderliche Gruppenzugehörigkeit bezieht? Und falls die moderne Deformierung der Moral im Holocaust ihren Anfang nahm, woher stammen dann die vorherigen? Es gab bisher zwei eindeutige Stufen der Opferpolitik. Auf der ersten stehen die Bürgerrechtsbewegung in den USA und die koloniale Forderung nach Unabhängigkeit, also der Wunsch des „Opfers“, mit seinen ehemaligen Herren gleichgestellt zu sein. Deswegen sah Martin Luther King die ideale Zukunft als einen Zustand, in dem man die Menschen nicht nach Rasse, „sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird“. Aber sobald rassische Diskriminierung verboten wurde, erkannte man, dass viele Schwarze von vielen Berufen und Positionen sowie der notwendigen Bildung und Ausbildung ausgeschlossen worden waren. Daher entwickelte man die Philosophie der „aktiven Förderungsmaßnahmen“, die Franzosen übrigens etwas weniger euphemistisch als „positive Diskriminierung“ bezeichnen, und die für alle Nicht-Förderungstauglichen in der Tat eine Form von umgedrehtem Rassismus darstellt. Erst vor kurzem hat der Oberste Gerichtshof mit fünf zu vier Stimmen denkbar knapp entschieden, dass ein Beförderungstest für Feuerwehrmänner in New Jersey nicht allein dadurch ungültig wird, dass keine Schwarzen ihn bestanden haben. Der hauchdünne Vorsprung der Mehrheit zeigt, wie hartnäckig diese Art Diskriminierung von amerikanischen Liberalen [entsprechen in etwa den europäischen Sozialdemokraten, BN-Redaktion], die sich nicht um objektive Prüfungen, sondern wünschenswerte Ergebnisse sorgen, immer noch unterstützt wird. Es gibt keinen Zweifel, dass die Zugehörigkeit zu einer Opfergruppe in vielen Berufen, und hier gerade auch den universitären, von großem Vorteil sein kann. Dies trifft sogar dort zu, wo rassische Bevorzugung, wie in Kalifornien, an sich illegal ist. Was vorherige Deformierungen der moralischen Idee betrifft, so hat es immer Spannung zwischen Ethik und Sittlichkeit gegeben, dem Lauf der Gesellschaft und dem Modell von Gegenseitigkeit, das wir alle in uns tragen. Wenn uns heute für jeden Vorteil „weiße Schuld“ vorgehalten wird, sogar gegenüber der Natur (wie ich gehört habe, sollen in der Schweiz mittlerweile selbst Pflanzen „Rechte“ gegen menschliche Ausbeutung haben), so haben wir in der jüngeren Vergangenheit diese Dinge als Sklaverei und Kolonialismus akzeptiert. Antisemitismus ist dabei ein noch wichtigeres Beispiel, da er, anders als bei unseren Beziehungen zu Bewohnern anderer Erdteile, eine Gruppe betrifft, deren Mitglieder Seite an Seite mit der dominanten Gruppe lebten. Die Wiederbelebung des Antisemitismus bei denen, die Israels „Holocaust“ gegen die Palästinenser verurteilen, ist eine große, wenn auch nicht überraschende Ironie. Weiter zurück in der Zeit behandelten die alten Reiche Sklaverei als etwas Natürliches und zeigten ihren Feinden keine „christliche Barmherzigkeit“. Die Rechte der Frauen waren allgemein sehr eingeschränkt, wie es in vielen traditionellen Gesellschaften immer noch der Fall ist. Die einzig wirklich egalitären menschlichen Gemeinschaften (Geschlechterrollen inbegriffen) sind die Jäger-Sammler-Stämme, die keinen wirtschaftlichen Überschuss anhäufen und deswegen der finanziellen Mittel für Hierarchie entbehren. Aber alle, die sie aus erster Hand kennen, werden Ihnen berichten können, dass solche Gesellschaften – Rousseau zum Trotz – nach innen wie nach außen sehr gewalttätigt sind. Förmliche Gleichheit beseitigt nicht die Wurzel aller Konflikte. Es wird immer etwas geben, an dem man sich stößt. Wie der konservative Literaturkritiker Thomas F. Bertonneau gegenüber BlaueNarzisse.de sagte, ist Barack Obamas Wahl ein Zeichen dafür, „daß Opferkult bzw. Opferstatus nun die dominante kulturelle Kraft in den USA ist.“ Aus der Sicht eines Anthropologen, stimmen Sie zu? Das Schöne am Zwei-Parteien-System ist, dass es keinen alleine bestimmenden Grund gibt, weswegen ein Kandidat einen anderen schlägt. McCain war alt, sein Verständnis mancher Punkte schien mangelhaft. Sein Auftreten in Debatten war eher mürrisch und streitsüchtig als einem Präsidenten angemessen. Sarah Palin war unterm Strich ein Nachteil, Programm wie Durchführung der Kampagne vor der Wahl waren mittelmäßig und natürlich war die Öffentlichkeit Bush und seiner Partei gegenüber abgeneigt und wollte „Change“. Obama hingegen führte einen sehr disziplinierten, intelligenten Wahlkampf. Er besitzt das richtige Pathos und ist ein exzellenter Redner, dem viel Charme in die Wiege gelegt wurde. Zu guter Letzt fühlte es sich für Weiße gut an, einen Schwarzen (tatsächlich ist Obama nur zur Hälfte schwarz, aber die afrikanischen Züge gelten bei ihm noch als dominant) ins Amt zu hieven, um ihre „weiße Schuld“ zu mindern. Auf diesen letzten Faktor hat Thomas Bertonneau Bezug genommen. Man kann den Einfluss nicht leugnen, den Opferkult auf diese und unzählige andere Entscheidungen in der (nicht nur) amerikanischen Gesellschaft ausübt. Ich stimme allgemein nicht mit Obamas Politik überein. Außenpolitisch grenzt seine mangelnde Unterstützung für iranische Dissidenten gekoppelt mit dem permanenten Rumgehacke auf Israel und der Verbündung mit Chavez über Honduras an Schändlichkeit. Innenpolitisch ist sein Versuch, ohne wirkliche Debatte weitreichende Reformen im Gesundheitssystem zu verabschieden, die schlimmste Form von doktrinärer, voreingenommener Politik. Obamas Wille, sich einerseits in Amerikas Feinde einzufühlen und sein Widerwille andererseits, dessen Werte zu verteidigen, reflektiert die Opferpolitik der spätachtundsechziger Linken, die in scharfem Kontrast zur patriotischen Einstellung von Roosevelt, Truman und Kennedy steht. Dennoch sehe ich auch einen positiven Aspekt bei seiner Wahl. Den Opferkult kann man nicht einfach wegwünschen, sondern nur durch Gegendemonstration schwächen. Es gibt eine deutliche Wirkung, dass sich seit Obamas Wahl das Verhältnis zwischen den Rassen verbessert hat und herzlicher als in der Vergangenheit ist. Was also einerseits ein Triumph der „weißen Schuld“ ist, bietet gleichzeitig die Mittel, diese Bürde zu lindern und Schwarze sowie andere Minderheiten zu entmutigen, die entstandene Lücke bspw. durch Forderungen nach „affirmative action“ auszunutzen. Der Opferkult wird nicht verschwinden, aber seine Klinge stumpft langsam ab, bezogen auf Geschlecht als auch auf Rasse, und das ist unterm Strich schon mal eine gute Nachricht. |