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Vor nicht allzu langer Zeit haben der Musikredakteur Albert Koch und die Band Ja, Panik unserem Onlinemagazin ein Interview gegeben. Nach der Veröffentlichung der Gespräche, die beide autorisiert wurden, regt sich nun Widerstand auf Seiten der Interviewten. Koch will die Blaue Narzisse verklagen und Ja, Panik haben eine Distanzierung verfaßt. Außerdem skandalisiert das Jugendradio des Bayrischen Rundfunks, on3radio, die Interviews und wirft uns vor, die Popkultur zu vereinnahmen.
Wer im Deutschland des Jahres 2009 Karriere machen will, der muß sich verbiegen können. Und wer richtig Geld verdient, muß Angst haben um seinen Ruf. Je weiter oben man ankommt, desto einschneidender die Kompromisse und desto höher die Forderungen des allgemeinen Konsens.
Ja, Panik: „Wir wurden dreist überrumpelt.“
Da ist zum Beispiel die Band Ja, Panik. Vor gut zwei Wochen gaben sie uns ein Interview. Mit der in Musiker- und Promoterkreisen üblichen Duz-Freundlichkeit verlief alles überaus nett. Immer liebe Grüße am Ende der Mail. Das Interview war keine Woche online, da sah die Welt ganz anders aus. Eine unfreundliche Nachricht mit vielen Großbuchstaben und Ausrufezeichen, verdeutlichte in provokativem „Sie“, daß die Band das Interview nun als großen Fehler verbuchte. Zeitgleich erschien eine „Erklärung“ von Ja, Panik. Darin wird die Blaue Narzisse als „faschistische und deutschnationale Einrichtung“ bezeichnet. Weiterhin werde ich persönlich angegriffen. Nachdem auch Auschwitz zitiert wird, heißt es am Ende: „Wir haben uns nicht informiert, haben nicht aufgepasst. Wir wurden dreist überrumpelt. Blitzkrieg.“
In der letzten Woche erschien ein Interview mit dem Musikexpress-Redakteur Albert Koch. Dieses entstand ebenso unproblematisch und in höflicher Atmosphäre. Keine zwei Stunden nach der Veröffentlichung wollte Koch zurückziehen. In seinem Myspace-Blog heißt es dazu, inklusive hektischer Rechtschreibung: „Von dem Promoter eines Plattenlabels wurde ich kurz danach, aber leider zu spät, darauf hingewiesen, dass es sich bei dieser Schülerzeitung um ein deutschnationales, ulrarechtes, revanchistisches Kampfblatt handelt – was beim öberflächlichen Betrachten der Website nicht gleich offensichtlich wird.“
Ein falscher Artikel bei Google kann das Ende einer Bilderbuchkarriere bedeuten
Ich mag die Musik besagten Labels, denn sie ist gut und intelligent gemacht, jede Band hat ihren unverwechselbaren Stil. Ich werde diese deshalb auch weiterhin besprechen. Ja, Panik ist eine dieser Bands, die derzeit ganz oben spielen und das zu Recht, denn sie leisten bemerkenswerte Arbeit. Ganz oben sein bedeutet aber auch, anfechtbar zu sein. Ein falscher Artikel bei Google kann das Ende einer Bilderbuchkarriere bedeuten. Dasselbe gilt auch für Koch, der seit 15 Jahren als Redakteur tätig ist und demnächst aufsteigen soll. Auch seine Artikel schätze ich – ebenso wie sein Fachwissen.
Mich stimmen solche Fälle nachdenklich. Ich muß an Milan Kunderas „Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ denken: Prag in den Jahren nach 1968. Hauptfigur Thomaš ist hochangesehner Arzt. Zur Zeit der russischen Okkupation schrieb er einen Leserbrief, der die Russen mit Ödipus verglich, ihnen nahelegte, sich die Augen auszustechen, beim Anblick des von ihnen angerichteten Unheils. Nachdem die Russen wieder fest im Sattel sitzen, soll er auf Druck des Geheimdienstes eine „Erklärung“ unterzeichnen, mit welcher er sich von seiner damaligen Äußerung distanziert. Viele Kollegen drängen ihn. „Wir haben alle unterschrieben“, geben sie freimütig und rückratlos zu.
Das allgegenwärtige Distanzierungsformular
Im Deutschland 2009 genügt die Tatsache, ein Interview zu geben – selbst, wenn es inhaltlich vollkommen unverfänglich ist. Im Deutschland 2009 muß danach nicht der Geheimdienst klingeln, damit man seine „Erklärung“ abgibt. Das macht man gleich selbst, am besten noch vor dem Interview.
Im letzten Stück der aktuellen Ja, Panik-Platte „The Angst And The Money“ heißt es: „Ich komme endlich zu dem Schluß, daß ein gesunder Mensch wie ich, ganz einfach schrecklich Angst haben muß!“ Vor diesem Hintergrund lese man die Blog-Zeilen Albert Kochs: „Ich betone, dass es für mich untragbar ist, dass ein Interview mit mir in diesem ‚Umfeld’ veröffentlicht wird. [...] Auf der Homepage von Ja, Panik http://ja-panik.com/, die sich auch haben täuschen lassen, ist auch eine Stellungnahme zu dem Thema zu lesen. Ich finde es bemerkenswert, dass die Deutschnationalen die Popkultur für sich vereinnahmen, um ihre verabscheungswürdige Ideologie zu verbreiten. Ich rufe alle Bands, Labels und Promoter auf, die Zusammenarbeit mit dieser ‚Schülerzeitung’ und der dazugehörigen Webseite einzustellen.“ |