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Die Kirche kann als Verbindung von Ewigem und Zeitlichem als Inbegriff von Tradition verstanden werden. Ausgehend hiervon muss die Frage gestellt werden, inwieweit die kirchlichen Organisationen den Traditionsbezug als elementar erachten und ernst nehmen. Gerade durch den Einfluss der Moderne bedroht der Zeitgeist die ursprüngliche Lehre. Wo liegen die Ursprünge und wie sieht es heute aus?
Tradition bedeutet auch in der Kirche nicht starre Unveränderlichkeit. Blicken wir zurück, so sehen wir freilich stets bestimmte Unterschiede, die nicht zuletzt auch räumlich-kulturell bedingt sind. Tradition bedeutet allerdings sehr wohl das Wahren eines Kerns. In der Tat soll nicht die Asche weitergetragen werden. Die Glut aber in jedem Falle.
Katholiken mit starker Tradition durch Fortsetzung statt Erneuerung
Grundsätzlich sei gesagt, daß die katholische Kirche einen stärkeren Traditionsbezug besitzt. Hier gilt die Lehre von der apostolischen Sukzession, d. h. der lückenlosen Weitergabe des Hirtenamts seit den Tagen Christi auf Erden und der ersten Apostel. Dies bedeutet, daß nur Priester ist, wer die Priesterweihe von einem Bischof empfangen hat, der seinerseits die Bischofsweihe empfangen haben muß. Nur Priester dürfen die Sakramente der Beichte, der Krankenölung und vor allem das des Altares, welches ja den Mittelpunkt der Heiligen Messe darstellt, spenden.
Als katholisch – was so viel heißt wie „weltweit“ – gilt, was zu allen Zeiten überall geglaubt wurde. Nicht nur also, was in der jeweiligen Gegenwart mehrheitlich geglaubt wird. Diese Lehre wächst somit nicht in der Zeit, sie entfaltet sich nur von den Tagen der Apostel an.
Ein neues Dogma ist folglich nicht eigentlich „neu“, sondern nur Festsetzung des bereits Geglaubten. Haupt der Kirche ist der römische Bischof als Nachfolger des von Christus eingesetzten Apostels Petrus. Entscheidend ist, daß die katholische Kirche ein Lehramt besitzt, sodaß letztgültige Entscheidungen in Glaubensfragen möglich und üblich sind. Roma locuta causa finita – „Rom hat gesprochen, damit ist die Sache geklärt”.
Keine Hierarchie in der evangelischen Kirche
Der – allerdings sehr vielschichtige – Protestantismus kennt kein übergeordnetes Lehramt. Richtschnur ist für die Reformation ja die Heilige Schrift allein, die sich selbst auslegt, während nach katholischer Auffassung die Tradition gleichberechtigt daneben steht. Eine Weihe im katholischen Sinne existiert nicht. Kirche ist dort, wo Christen sich versammeln. Hierarchie und Institution bestehen zwar, aber mehr aus praktischen Gründen.
Die heutigen inneren Konflikte in der katholischen Kirche sind spätestens seit der umfassenden antikirchlichen Hetzkampagne zu Anfang dieses Jahres bekannt. Sie entzünden sich am Zweiten Vatikanischen Konzil der 1960er Jahre. Dieses fand unter dem Motto des Aggiornamento, d. h. der Angleichung an den Tag, statt. Eine Öffnung gegenüber dem Zeitgeist also. Folge war u. a. eine umfassende Liturgiereform, welche die Form der Meßfeier ebenso betraf wie auch die Liturgiesprache: obwohl das Konzil durchaus die Beibehaltung der lateinischen Sprache empfahl, wurde diese in der Liturgie beinahe abgeschafft. Ebenso wurde der sogenannte „Volksaltar“ eingeführt, hinter welchem der Priester nun zur Gemeinde blickend steht, anstelle des Hochaltars, vor welchem sich der Priester mit dem Rücken zum Volke befindet. Zudem kam es zur Verbreitung beispielsweise der Handkommunion, bei welcher der Priester dem (vormals knieenden, nun meist stehenden) Gläubigen den Leib Christi nicht mehr direkt in den Mund, sondern in die Hand legt.
Das Zweite Vatikanische Konzil als Streitpunkt für Traditionalisten
Gegen solche Folgen des Konzils, ob beabsichtigt oder nicht, wandten sich kleinere traditionalistische Kreise, beispielsweise in den Priesterbruderschaften St. Petrus und St. Pius X. Während erstere geduldet wurde, kam es zwischen letzterer und Rom zu Auseinandersetzungen, welche 1988 zur Exkommunikation des Erzbischofs Lefèvre und der von ihm unerlaubterweise geweihten Bischöfe kam. Diese wurde Anfang des Jahres aufgehoben, was zu den bekannten Skandalen führte.
Offensichtlich ist hier, daß es den Kritikern Roms und des Papstes nicht um die – theologisch wenig relevanten – Äußerungen eines der vier noch lebenden Bischöfe zum Holocaust ging, sondern um das in ihren Augen unerträgliche Zugehen des Papstes auf die Traditionalisten. Solches zeigte dieser auch bereits in seiner Entscheidung von vor zweieinhalb Jahren, den „alten Meßritus“ wieder allgemein freizugeben.
Die Kritik traditionalistischer Kreise an heutigen Formen des Katholizismus richtet sich vornehmlich gegen die „neue Religion der Brüderlichkeit“ (so das Mitteilungsblatt der Pius-Bruderschaft vom September), in welcher der Mensch statt Gott in den Mittelpunkt gerückt werde. Die Liturgie werde zur Gemeinschaftsfeier verzerrt, weiterhin die Sünde des Menschen gleichsam geleugnet mit entsprechenden Folgen in dogmatischen wie ethischen Belangen. So stellte der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, vor wenigen Monaten den Sühnecharakter des Kreuzesgeschehens infrage.
Schon 1972 äußerte der damalige Papst Paul VI., der Teufel sei durch einen Spalt in den Tempel Gottes eingedrungen. Neu sind diese Tendenzen allerdings nicht: virulent war der „Modernismus“ bereits um 1900. Er reicht inhaltlich zurück in die Aufklärung und die Französische Revolution.
Verstärkter modernistischer Einfluss bei den Protestanten
Weitaus ärgere Folgen zeitigten diese Strömungen allerdings im protestantischen Bereich. Aufgrund des Fehlens eines Lehramts konnte hier der Modernismus weitaus stärker Fuß fassen. So betonte auch der katholische Publizist Erik von Kuehnelt-Leddihn, daß die Reformatoren, vor allem Luther, ganz und gar nicht Vorläufer der Moderne seien. Seit der Aufklärung aber sei ihre Lehre ins Gegenteil verkehrt worden.
Dies zeigt sich beispielsweise in der Behandlung der Heiligen Schrift in den letzten 200 Jahren; von der biblischen Wahrheit ist zuweilen recht wenig übrig geblieben. Das 19. Jh. bereits brachte eine Verschiebung des Mittelpunkts zum Menschen hin. Zugleich ist eine besondere Anfälligkeit für moderne Ideologien feststellbar. Während des Dritten Reiches sammelten sich in den Reihen der „Deutschen Christen“ protestantische Theologen mit Affinität zum Nationalsozialismus.
Der Mensch – nicht Gott – ist Mittelpunkt!?
Diese Hinwendung zum Zeitgeist hat sich bis heute nicht geändert. Nach 1945 sehen wir auch eine „Theologie nach Auschwitz“, welche die Theodizeefrage (warum läßt ein allmächtiger guter Gott Leid zu?) auf den Mord an den Juden beinahe beschränkt; weiterhin gleichsam sozialrevolutionäre Ansätze, die an die lateinamerikanische „Befreiungstheologie“ erinnern: so finanzierte der protestantische „Weltkirchenrat“ in Genf schwarze Terroristen im südlichen Afrika.
Der Zustand des heutigen Protestantismus gerade in Deutschland ist desolat. Mit Luther hat er großenteils nichts mehr zu tun. Dieser strebte nach rechtem Glauben; seiner und der Menschen Sünde war er sich bewußt. Daher war er außerdem ein Befürworter der staatlichen Autorität, welche die Sünde einhegen sollte. Auch war er deutscher Patriot. Die theologische Auseinandersetzung mit Judentum und Islam führte er nicht auf die heute übliche relativistische und masochistische Weise.
Der Zeitgeist führt die evangelische Kirche zu Gender-Wahn, „Kampf gegen rechts“, und Sozialutopie
An der Spitze der Evangelischen Kirche Deutschlands wird zur Zeit allerdings weniger das Evangelium verkündet als vielmehr multikulturelle, „soziale“ und feministische Töne verlautbart, oder besser gesagt: das Evangelium wird durch solche verzerrt. Der „Kampf gegen rechts“ steht weit oben auf der Agenda. Kritik an der letztlich gottlosen Demokratie käme nur wenigen in den Sinn. Und die Juden missionieren? Ungehörig. Aber die Homo-Ehe? Klar!
Damit soll nicht gesagt werden, daß dies überall in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) so sei. Vornehmlich geht derartiges von den Führungen aus. Dort finden sich auch massive antikatholische Ressentiments. Als Fazit läßt sich festhalten, daß die Kirchlichkeit, zu welcher ganz elementar kirchliche Tradition gehört, unter den Angriffen der Moderne stark gelitten hat und bis heute leidet, sowohl in der katholischen Kirche als auch, dort noch stärker, im Protestantismus, vor allem aber in Deutschland. Nicht das Ewige, sondern das Zeitliche scheint im Mittelpunkt zu stehen.
Nicht das Ewige, sondern das Zeitliche im Mittelpunkt – doch es gibt auch Hoffnung
Hoffnungszeichen gibt es: so existieren weiterhin sogenannte „hochkirchliche“ Gemeinschaften, welche sich darum mühen, wahres, freilich den heutigen Erfordernissen gemäßes, Luthertum zu pflegen. Diese bestehen sowohl innerhalb der EKD als auch außerhalb, so in der „Selbständig Evangelisch-Lutherischen Kirche“. In Rom hingegen sehen wir einen Papst, welcher Verständnis für traditionelle Kreise zeigt und deren Anliegen ernst nimmt. |