Startseite Anstoß Visionen für das 21. Jahrhundert: Soziale Gerechtigkeit in Heterarchien

Alternative Flash-Inhalte

Sie müssen aktualisieren sie ihren Flash Player

Get Adobe Flash player

Visionen für das 21. Jahrhundert: Soziale Gerechtigkeit in Heterarchien PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Felix Menzel   
Montag, den 11. Januar 2010 um 16:44 Uhr

Internet„Alle werden gewinnen“, war am 22. November 2009 die Überschrift eines Beitrages des Medienwissenschaftlers Norbert Bolz in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS). Bolz stellt darin die These auf, die Netzwerke des Internets könnten „Profit und Profil verbinden“ und so größere soziale Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert herbeiführen. Zunächst stellt der 56jährige Gesellschaftstheoretiker von der TU Berlin klar: „Soziale Gerechtigkeit gibt es nicht durch Umverteilung, sondern durch die Produktion sozialen Reichtums; nicht durch Sozialismus, sondern durch soziale Netzwerke und die Kraft des Einzelnen.“

Reichtum entsteht durch Vernetzung

Damit hat er ohne Zweifel recht. Doch anscheinend kommt Bolz zu selten aus dem Büro heraus, denn sonst wäre ihm vermutlich bewußter, daß der normale Einzelne trotzdem immer nur dann erfolgreich ist, wenn er den Kontakt zur realen Welt hält und sich dort nützlich macht. Natürlich gibt es Arbeitsplätze für die digitale Bohème, aber diese werden immer Ausnahmen bleiben.

Das liegt allein schon an der Natur des Menschen: Dieser ist von Haus aus träge und wenn er nicht von seinem Umfeld persönlich angespornt wird, bleibt er lethargisch und schafft nichts Bedeutendes. Gerade die Kraft der direkten Kommunikation und des beeindruckenden Erlebnisses von Gemeinschaft ist es, die den Einzelnen zu mehr als einem reinen homo oeconomicus macht.

Vernetzung braucht Verortung

Sicher, soziale Netzwerke im virtuellen Raum vereinfachen das Leben, aber sie können es eben niemals ersetzen. Die Möglichkeiten der Konstruktion sozialer Wirklichkeiten haben Grenzen. Geht mal in eine einfache Kneipe! Sprecht mit Bauarbeitern! Fragt euch, wo euer Essen herkommt und wie der ganze materielle Reichtum um euch herum entstanden ist!

Wir leben zwar in einer hochkomplexen Gesellschaft und jeder darf ihre Vorteile selbstverständlich nutzen, aber wir dürfen das Bewußtsein für die Basis des Wohlstandes niemals verlieren. Das hat sehr viel mit der von Bolz angesprochenen sozialen Gerechtigkeit im Netzwerk – oder etwas konservativer ausgedrückt: in Gemeinschaft – zu tun. Was Bolz vor einigen Wochen in der FAS ausführte, ist nichts absolut Neuartiges von ihm. Bereits 2005 hat er sich in dem Essay „Die neuen Arbeitsverhältnisse“, der in seinem Buch Blindflug mit Zuschauer abgedruckt ist, Gedanken über die Wirtschaftswelt des 21. Jahrhunderts gemacht. In diesem Essay jedoch geht er differenzierter und vielschichtiger an das Problem heran. Erstens, stellt Bolz fest, seien die Menschen des 21. Jahrhunderts postpolitisch, d.h. sie organisieren sich nicht mehr in Gesinnungsgenossenschaften, sondern suchen durch Mitwirkung in vielen kleinen, dezentrealen Netzwerken ihre Vorteile und maximalen Nutzen.

Verortung bedeutet heute Heterarchie

Zweitens würden diese Netzwerke einen neuen Organisationstypus darstellen. Bolz spricht hier von „Heterarchie“. Damit sind gleichberechtigt nebeneinander stehende Organisationen gemeint, die sich nicht in einem Über- oder Unterordnungsverhältnis befinden. Genau hier liegt die Chance für all jene, die selbstbewußt mit Eigeninitiative ihren eigenen Weg suchen, denn heutzutage ist es vergleichsweise einfach, ein Knotenpunkt dieser Heterarchie zu werden. Eins darf dabei nicht außer Acht gelassen werden: Jede Organisationszelle bildet trotzdem immer noch eine innere Hierarchie aus und auch im heterarchischen Becken gibt es große und kleine Fische.

In einem dritten Gedankenschritt wagt sich Bolz nun an die Unterscheidung von Markt und Unternehmen heran: „Immer häufiger kommt es in der vernetzten Welt zu Hybridbildungen und wechselseitigen Durchdringungen zwischen Markt und Organisation (…) Sie sind rigider, also verläßlicher als der Markt, aber flexibler als die Organisation.“

In Heterarchien setzen sich die Engagiertesten durch

Viele begehen nun den Fehler, diese Netzwerke irgendwo im virtuellen Raum schweben zu sehen. Das ist falsch! Die meisten langfristig funktionierenden Netzwerke (abgesehen von einigen wenigen Internetunternehmen) stehen immer noch auf dem Boden der Realität und versuchen lediglich durch eine zweite, virtuelle Ebene, schnell und einfach Marketingerfolge zu erzielen.

Welche Gefahren, aber auch Chancen stehen dem Einzelnen also bevor? Jeder, der sich nicht an der richtigen Stelle einbringt, läuft Gefahr, den Anschluß zu verlieren. Zudem bröckelt immer mehr die Welt der sicheren Gewißheiten, in der es reichte, von um Acht bis um Fünf mit Tunnelblick sein Aufgabenfeld zu beackern. Bolz prognostiziert: „Du hast die Pflicht, jeden Job anzunehmen.“ Das heißt, als Arbeitnehmer immer wachsam nach neuen Entwicklungen, Aufgaben und Kunden Ausschau halten zu müssen.

Und dennoch: Die große Chance liegt in der unübersichtlichen globalen Welt gerade in der lokalen Verankerung. „High Tech ist global. High Touch ist lokal“, bringt Bolz es auf den Punkt. Nie zuvor war es so einfach, abseits der großen Machtstrukturen Parallelgebilde hochzuziehen, die örtlich zu einem unverzichtbaren Knotenpunkt werden.

 
ANZEIGE

Aufgepasst!

Banner

Umfrage

Das größte Problem in Deutschland ist ...
 
Wie würdest du dich politisch selbst beschreiben?