| Liberalismus und Anarchismus in eine Front! |
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| Geschrieben von: Gastautor: Stefan Blankertz | |
| Dienstag, den 11. Dezember 2007 um 01:00 Uhr | |
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Andererseits gibt es auch Liberale ohne Berührungsangst mit dem Anarchismus wie Albert Jay Nock, John Dewey und Felix Morley. Thomas Jefferson hielt, sich auf indianische Traditionen berufend (!), „no government at all“ für den erstrebenswerten politischen Zustand. Zwei historische Chancen einer antietatistischen Koalition zwischen Liberalismus und Anarchismus sind verpaßt worden. Die Anarchisten haben es in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht geschafft, sich mit den anti-imperialistischen und anti-viktorianischen Kräften des Manchester-Liberalismus zu verbünden. Dies ist um so tragischer, weil es in der Folge die marxistisch dominierte Historiographie von Anarchisten weitgehend unbehelligt vermocht hat, aus den Manchester-Liberalen, deren Zielgruppe aus Arbeitern und Lumpenproletariern bestand, im öffentlichen Bewußtsein zu Handlangern der Ausbeuter zu machen.
Die zweite Chance ist vom Liberalismus vertan worden, als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Anarchisten in Rußland (Ukraine 1918-1922) und Spanien (1936-1939) sowohl gegen die konservative Staatsgewalt als auch gegen die „revolutionäre“ Staatsgewalt der Marxisten kämpften und auf wirksame internationale Unterstützung angewiesen wären. Die falsche Entscheidung der damaligen Liberalen, die Partei der Konservativen zu ergreifen, hat nicht nur den Anarchismus in der Katastrophe des Faschismus und Kommunismus für Jahrzehnte untergehen lassen, sondern auch das Schicksal des konsequenten Liberalismus selbst besiegelt. Danach ist der Liberalismus vollends zur staatstragenden Macht degradiert. Die Hoffnung für das kommende Jahrtausend besteht darin, daß der von Paul Goodman und Murray Rothbard eingeleitete Versuch, im „libertarianism“ eine Koalition zwischen Anarchisten und Liberalen zu stiften, Erfolg hat. Die anarchistische Basis des liberalen Freiheitsbegriffs These: Der konsequente Liberalismus kritisiert am Sozialismus nicht den Sozialismus, sondern den Interventionismus. In einer politologisch präzisen Definition von Sozialismus kommt der Staat nicht vor: Sozialismus ist ein politisches System, in welchem gemeinsames Eigentum sozioökonomische Differenzierung in der Bevölkerung vermeiden solle. Wenn wir die Variante des Ost-Sozialismus, in der der Staat Träger des gemeinsamen Eigentums war, zur definitiven Gestalt des Sozialismus erklären, fallen viele, die sich als Sozialisten bezeichnet haben, heraus. Im Kontext der Zensur gegen angeblich bolschewistische Intellektuelle in der McCarthy-Zeit schrieb Ludwig von Mises 1956 beispielsweise unmißverständlich: „Jedoch ist Freiheit unteilbar. Jeder Versuch, die Freiheit der dekadenten und lästigen Literaten und Schein-Künstler zu beschränken, würde den Autoritäten die Macht verleihen, zu bestimmen, was gut und was schlecht ist. Freiheit muß allen zugestanden werden, selbst den verächtlichen Menschen, damit nicht die wenigen, die von ihr zum Wohle der Menschheit Gebrauch machen können, behindert werden.“ Fast hundert Jahre vorher hatte der Anarchist Bakunin, der sich auch als Kollektivist und Sozialist bezeichnete, das so ausgedrückt: „Absolute Freiheit für Vereinigungen, ohne solche auszunehmen, die nach ihrem Ziel unmoralisch sind oder zu sein scheinen, und selbst solche, deren Ziel die Korruption und die Zerstörung der individuellen und öffentlichen Freiheit ist. Die Freiheit kann und soll sich nur durch die Freiheit verteidigen, und es ist ein gefährlicher Widersinn, sie zu beeinträchtigen unter dem Vorwand, sie zu beschützen, und da die Moral keine andere Quelle, keinen anderen Ansporn, keine andere Ursache und kein anderes Ziel hat, als die Freiheit, und da sie selbst nichts ist als die Freiheit, so wendeten sich alle der Freiheit zum Schutz der Moral auferlegten Einschränkungen immer zum Schaden der Moral.“ Der hier von Bakunin und Mises formulierte Freiheits-Begriff, der in gleicher Weise von der Sozialdemokratin Rosa Luxemburg und dem Konservativen Milton Friedman zugrunde gelegt wird, kennt nur ein Kriterium für die Zulässigkeit von Handlungen: Freiwilligkeit. Bakunin versteht unter „absoluter“ und „vollständiger“ Freiheit: „Freiheit zu gehen und zu kommen, laut jede Meinung auszusprechen, faul oder fleißig, unmoralisch oder moralisch zu sein, mit einem Wort: über die eigene Person und den eigenen Besitz nach Belieben zu verfügen, ohne jemand Rechenschaft abzulegen: Freiheit, ehrlich zu leben durch eigene Arbeit oder durch schimpfliche Ausbeutung der Wohltätigkeit oder des privaten Vertrauens, sobald beide freiwillig sind.“ Im Freiheits-Begriff des Liberalismus ist zwingend die Toleranz enthalten, Lebensformen hinzunehmen, die auf freiwillig gebildetem gemeinsamen Eigentum beruhen, selbst wenn dies nicht dem persönlichen Ideal entspricht, das ein Liberaler vertritt, oder wenn Liberale gemeinsame Eigentumsnutzung als ökonomisch ineffektiv bewerten. Der liberale Freiheit-Begriff widerspricht nicht notwendigerweise sozialistischen oder sogar kommunistischen Theoretikern. Nehmen wir beispielsweise den kommunistischen Anarchisten Peter Kropotkin, der den kommunistischen Grundsatz, gut sei, was der Gesellschaft, der das Individuum angehört, nütze und schlecht, was ihr schade, so auslegt: „Für uns bedeutet ‚Kommune’ nicht mehr eine territorial abgegrenzte Anhäufung menschlicher Wohnungen, sondern eine Interessenkommune, deren Mitglieder über Tausende von Städten und Dörfern zerstreut sind.“ Alle, auch die wirtschaftlichen Angelegenheiten zwischen diesen strikt freiwillig gebildeten Interessenkommunen sollten laut Kropotkin durch „freie Vereinbarung“ geregelt werden. Der Unterschied zwischen Kropotkin und Mises ist kaum mehr als terminologischer Art. Die liberale Basis der Ökonomie des Anarchismus Die Form, in der die materiellen Lebensgrundlagen gesichert werden, die Ökonomie, bestimmt in entscheidendem Maße die gesellschaftliche Wirklichkeit. Der Anarchismus enthält, unabhängig von seiner inneren Differenzierung, zwei aus seiner Begriffslogik abgeleitete Thesen zur Ökonomie: 1. Die effektivste und gerechteste Sicherung der Lebensgrundlagen geschieht durch das selbstbestimmte, verantwortliche Handeln der einzelnen Menschen und freiwilligen Gruppen. 2. Die ökonomischen Probleme wie unzureichende Versorgung oder ungerechte Verteilung sind Folgen von politischherrschaftlicher Überformung des selbstverantwortlichen Wirtschaftens. Mit der ersten These knüpft der Anarchismus an die Theorie des klassischen Liberalismus an, mit der zweiten These nimmt er die sozialistische Kritik an unsozialen Zuständen auf. Beide Traditionslinien – Liberalismus und Sozialismus – werden zusammengebracht, indem nachgewiesen wird, daß die unsozialen Zustände nicht Folgen des freien Wirtschaftens seien, wie dies in autoritären sozialistischen Konzeptionen behauptet wird, sondern auf die unzureichende Durchführung des liberalen Programms und auf Inkonsequenzen in diesem Programm selbst zurückzuführen sind. Die Bedeutung der Ökonomie für den Anarchismus läßt sich daran erkennen, daß sich die innere Differenzierung hauptsächlich in der ökonomischen Zielperspektive festmacht. Die Namen der anarchistischen Fraktionen bezeichnen jeweils die angestrebte Form des Wirtschaftens: Mutualismus (Pierre Joseph Proudhon), Kollektivismus (Michael Bakunin), Individualismus (Max Stirner, Benjamin R. Tucker, John Henry Mackay), Kommunismus (Peter Kropotkin, Emma Goldman), Genossenschaftlichkeit (Gustav Landauer, Martin Buber), Syndikalismus (Errico Malatesta, Rudolf Rocker). Die Fixierung auf die Zielperspektive hat leider allzuoft verdeckt, daß die Kritik an der staatlich strukturierten Wirtschaft die gemeinsame Basis aller Strömungen bildet. Die kommunistischen Anarchisten machen nicht wie die autoritären Kommunisten das freie Wirtschaften als Hindernis für kommunitäre Lösungen aus, sondern staatliche Eingriffe. Und für individualistische Anarchisten verstößt die staatliche Unterdrückung freiwilliger kommunistischer Experimente ebenso gegen ihr Prinzip wie erzwungener Kommunismus. Als Hindernis auf dem Weg, die gemeinsame ökonomische Basis zu erkennen und zu einem „Anarchismus ohne Adjektive“ zu finden, wird vielfach die Eigentumsfrage angesehen. Dies jedoch entspringt eher einem Selbstmißverständnis als objektiver Differenz. Denn einerseits können individualistische Anarchisten gegen die kollektive Nutzung von Eigentum auf freiwilliger Basis auch dann nichts einwenden, wenn sie sie persönlich für nicht erstrebenswert oder für ökonomisch nicht rational halten. Andererseits fordern kommunistische Anarchisten keineswegs die generelle Aufhebung des Eigentumsrechts. Da der Anarchismus ebenso wie der Liberalismus und anders als der Marxismus eine Reihe sehr unterschiedlicher geistiger Wurzeln subsumiert, ist es nicht möglich, die verbindliche Analyse und Kritik der staatlichen Ökonomie namhaft zu machen. Gleichwohl läßt sich aus den vorliegenden Ansätzen so etwas wie eine Typologie herausarbeiten, wobei der einzelne anarchistische Ökonom die Aspekte betont, die der jeweiligen Situation und Theorie angemessen sind:1. Der Staat reklamiert Ressourcen für sich und erzwingt die kollektive, von ihm autoritär geleitete Nutzung. Die anarchistische Kritik zeigt, daß diese Art der Nutzung Ressourcen verschwendet (z.B. Militär), nicht bedürfnisgerecht einsetzt (z.B. forcierter Straßenbau mit Steuergeldern und auf enteignetem Boden), zur ökonomischen Privilegierung dient (z.B. Luft; der Staat überläßt deren „Nutzung“ – Verschmutzung – kostenlos oder extrem billig dem favorisierten Personenkreis der Unternehmer). 2. Der Staat schützt ungerechtfertigte Eigentumsansprüche; das sind Eigentumsansprüche, die nicht durch Arbeit und freie Vereinbarung entstanden sind, sondern durch Deklamation (dies ist z.B. beim Staat selbst und bei Kirchen der Fall), Raub (dies ist z.B. bei Großgrundbesitz der Fall) und staatliche Privilegierung (dies ist z.B. bei Monopol- und Oligopollizenzen in der Energiewirtschaft und im Bankenwesen der Fall). Die anarchistische Kritik zeigt, daß dieser Schutz wesentlich zur sozioökonomischen Ungleichheit beiträgt. 3. Der Staat verbietet soziale Experimente, z.B. verbietet das Geldmonopol das Experiment mit alternativen Zirkulationsmitteln; das Energiemonopol verbietet den individuellen Ausstieg aus der Großtechnologie; die Subventionen lassen ökologischen Landbau konkurrenzunfähig werden; extrem hohe Steuerbelastung bindet alle über die Sicherung des Lebensstandards hinausgehenden Einkommensteile an den Staatshaushalt und macht alternative Investitionsentscheidungen unmöglich. Die anarchistische Kritik zeigt, daß diese Behinderungen der sozialen Kreativität die Lösung gesellschaftlicher Probleme erschwert oder unmöglich macht. Perspektive Die libertäre Synthese von Liberalismus und Anarchismus gewinnt nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des „östlichen“ Staatssozialismus und mitten in der sozialen und ökologischen Krise des „westlichen“ Staatskapitalismus zunehmend an objektiver Bedeutung. Dieser objektiven Bedeutung kann der „Libertarianism“ gerecht werden, wenn anstelle von Nostalgie und Fortführung der Fraktionskämpfe des 19. Jahrhunderts energisch die ökonomischen Probleme des 21. Jahrhunderts aufgegriffen und einer freiheitlichen, lebenserhaltenden und lebensbejahenden Perspektive zugeführt werden. Aus: eigentümlich frei, Heft 1, 1998, www.ef-magazin.de Wir danken der Redaktion der eifrei für die Genehmigung, diesen Artikel hier veröffentlichen zu dürfen. |