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Was sich spätestens seit der letzten WM im eigenen Land zu manifestieren scheint und bei der diesjährigen EM erneut zum Ausdruck kam, ist in der Tat ein gewandeltes Verhältnis zu einem Stück nationaler Symbolik, insbesondere in den jungen Teilen der Bevölkerung. Das Schwenken von und das Bemalen mit Schwarz-Rot-Gold ist zu einem Massenphänomen geworden. Die Deutschen suchen wieder nach Identifikationsmustern, um beim „Public Viewing“ nicht einfach nur dabei zu sein, sondern das stolze Gefühl des Bekenntnisses in sich zu tragen, oder um auf der Straße freudestrahlend angehupt zu werden und auf diese Weise so etwas wie „Gemeinschaft“ zu erleben.
Entproblematisierung: Sinneswandel kam „von oben“
Unsere Nationalflagge ist in gewisser Weise entideologisiert, weil entproblematisiert worden. Auch wenn seine Renaissance den Bedürfnissen des Volkes entsprungen zu sein scheint, so konnte sie doch nicht ohne einen Sinneswandel „von oben“ vonstatten gehen. Die politische und gesellschaftliche „Elite“ – also ausgerechnet jene Kräfte, die Deutschland vor vielen Jahren noch verdammten – mußte sich eingestehen, daß ein Land ohne symbolische Gemeinschaftsgüter auf lange Sicht selbst oder gerade mit dem Auschwitz-Verdikt nicht existieren kann. Wenn die Deutschen keine eigene Identität mehr hätten, könnten sie auch nicht mehr ihrer eigenen Geschichtsverfälschung teilhaftig werden.
Das moralische Gebot, Schwarz-Rot-Gold im Sühnebewußtsein außen vor zu lassen, ist fallengelassen worden. Aber selbstverständlich haben es jene Kräfte bislang vermieden und werden es auch in Zukunft vermeiden, die Nationalfarben inhaltlich zu füllen, und zwar in ehrlicher Manier. Dies ist kein Vorwurf an die Jugend. Sie trägt am desaströsen kulturellen Zustand unseres Landes keinerlei Schuld, sie wurde hineingeworfen in ein entwurzeltes Land und so mancher klammert sich nun an die Nationalfarben. Aber es bleibt ein undurchdachtes, unreflektiertes Klammern. Selbst wenn man es nicht als Modeerscheinung im allgemeinen Fußball-Hype interpretiert – es bleibt eine inhaltsleere Geste und nicht zuletzt eine perfide Instrumentalisierung derer, die das neue Nationalgefühl zulassen, weil sie sich eine Vertiefung in das multikulturelle Deutschland davon erhoffen.
Wofür stehen unsere Farben noch?
Konservative sollten sich also nicht benebeln und besänftigen lassen von einer angeblichen „Normalisierung des Verhältnisses zu unserer eigenen Geschichte“. Denn womit verbinden die jungen Leute die deutschen Nationalfarben? Wofür steht Deutschland, was ist Deutschland? Genau hier liegt das Problem: Die Fahne soll eine gegenwärtige Gemeinschaft beschwören, aber kaum einer kennt noch die deutsche Kultur und Geschichte. Ist Bushido nicht auch ein Deutscher? Die deutsche Nationalgeschichte wird verfälscht, das Grundgesetz repräsentiert das höchste der Gefühle und die multikulturelle Gesellschaft soll für das zukünftige goldene Zeitalter stehen.
Dafür nun also Schwarz-Rot-Gold? Es bleibt ein verlogener Patriotismus, wenn er innerhalb der jetzigen kulturell-gesellschaftlichen Verhältnisse vonstatten geht. Das Verständnis für das „wahre“ Deutschland wird nicht geschärft. Deutschland wird nun nicht mehr dämonisiert, sondern nihiliert. Wenn niemand mehr kulturelle Werte vermittelt, bleibt die Fahne ein dreifarbiges Stück Stoff – doch unsere Fahne sollte uns mehr wert sein, sie sollte uns lieb und teuer sein – und gerade deswegen müßten wir ihre scheinbare Wiedergeburt mit der größten Skepsis betrachten, statt sie oberflächlich als Annäherung an die eigene Nation zu feiern. |