Selten vermochten einzelne Menschen eine derartig positive Stimmung zu erzeugen. Aber getreu seines Mottos „Yes we can“ wirkt der neue US-Präsident Barack Hussein Obama wie ein Idol, ja Messias auf die globalen Massen. Pandemieartig verbreitet sich sein Evangelium des „Change“ über die ganze Erde und von seiner Heimatstadt Chicago bis weit nach China schwelgt man in der schönen Vorstellung: Mit Obama wird alles besser, die Kriege im Irak und Afghanistan hören auf, die Erderwärmung wird gestoppt und die Wirtschaft stabilisiert. Längst hat die Schein-atheistische Postmoderne zu ihrem alten Konzept der Befreiungstheologie zurückgefunden, projiziert dieses Mal auf den 44. Präsidenten der USA. Um so besser also, daß dieser einer „ethnic minority“ angehört. Gestochen hätte dies wohl nur noch eine schwarze Frau jüdischen Glaubens.
Vieles mag gegen die Identifikation von neuem Obama-Glauben mit klassischer Kirche eingewandt werden, und doch ist die Vorstellung einer religiösen „Obamanie“ nicht völlig von der Hand zu weisen, denn nichts eint stärker als der gemeinsame Glaube an höhere Ideale und Personen, in deren Dienst das eigene Tun sinnvoll gestellt werden kann. Man nenne es Christentum, Islam oder Judentum: Letztlich ist jede Art von Religion, im Gegensatz zu der wirklich transzendenten Spiritualität, Vehikel der sozialen Organisation, mithin ein weltliches Machtinstrument. Der Franzose Gustave Le Bon, dessen Ideen sich bereits der ebenfalls als Massenagitator in die Geschichte eingegangene Hitler zu eigen machte, schreibt in „Psychologie der Massen“: „Dem Menschen einen Glauben schenken, heißt, seine Kraft verzehnfachen.“
Des Menschen neue Befreiungstheologie
Dieses Prinzip macht sich der zweifellos charismatische Obama als politischer Papst und populistischer Strippenzieher geschickt zu nutze, um mittels Selbstdarstellung über eigene Schwächen hinwegzutäuschen. Worthülsen, wie beispielsweise die fast den Charakter eines perpetuum mobile annehmende Phrasendrescherei vom nahenden Wandel (am Siegerabend exemplarisch: „Change has reached America“ – fast weniger als inhaltloser Aha-Effekt) und künstlich beschworenes Selbstbewußtsein („Yes we can!“), bestimmen die sprachliche Topologie. Wie so häufig glänzt der, nicht im parteipolitischen, sondern philosophischen Sinne, demokratische Sieger durch einen Überschuss an Ausstrahlung, den ausschlaggebenden Funken mehr Schein denn Sein. Der Erkenntnisgewinn bei Reden des Demokraten geht gegen Null. Nur die euphorische Gewissheit, den Retter in der Not gefunden zu haben, strömt angenehm durch Körper und Geist des „Stimmviehs“ (Nietzsche). Obama ähnelt auf eine nicht von der Hand zuweisende Art Nietzsches dekadentem Künstler, der zu Verve und eigenem Schaffen nicht in der Lage ist und stattdessen nur Großes nachahmt. Es ist ein gekonntes Maskeradenspiel, welches den Theaterzuschauer wie eine Motte zum Licht führt, ihn bezirzt, verführt und betrügt. Als Archetypen eines solchen Künstler-Kriminellen entlarvte Nietzsche den berühmten Komponisten Richard Wagner. Zu diesem heißt es in der Philippika „Nietzsche kontra Wagner“:
„In das Theater bringt niemand die feinsten Sinne seiner Kunst mit, am wenigsten der Künstler, der für das Theater arbeitet, - es fehlt die Einsamkeit, alles Vollkommene verträgt keine Zeugen ... Im Theater wird man Volk, Herde, Weib, Pharisäer, Stimmvieh, Patronatsherr, Idiot - Wagnerianer: da unterliegt auch noch das persönlichste Gewissen dem nivellierenden Zauber der großen Zahl, da regiert der Nachbar, da wird man Nachbar ...“
In Thomas Manns Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ feiert ein ebensolcher Phidias sein Debüt auf der deutschen Literaturbühne, womit dezent die Idee des Künstlers als Hochstapler im Sinne Nietzsches Wagner-Schriften dargestellt wird. Der Schauspieler Müller-Rosé, dessen Aufführung ein noch junger Felix zusammen mit seinem Vater besucht, weiß das Publikum zu verzaubern, ihm den Atem zu rauben und wie flüssigen Wachs in seinen Händen zu formen. Im Anschluss an die Darbietung besuchen die Krulls die Garderobe des „Herzensdieb[s]“, um sich zu empfehlen, doch finden sie einen vollkommen gewandelten Müller-Rosé vor. Hässlich, mit widerlichen, blutenden Pickeln übersehrt, erblickt Felix ein in Schweiß getränktes, kleines Männlein, das zu allem Überfluss auch noch von überdurchschnittlich vulgärer wie dummer Veranlagung ist. Der Ich-Erzähler beschreibt seine Eindrücke wie folgt:
„Dieser unappetitliche Erdenwurm ist die wahre Gestalt des seligen Falters, in welchem eben noch tausend betrogene Augen die Verwirklichung ihres heimlichen Traumes von Schönheit, Leichtigkeit und Vollkommenheit zu erblicken glaubten. Ist er nicht ganz wie eines jener eklen Weichtierchen, die, wenn ihre abendliche Stunde kommt, märchenhaft zu glühen befähigt sind?“
Mit Obama siegt der Theatraliker über den Politiker
Eine solche physische Verkleidung kann Barack Obama nun weiß Gott nicht zum Vorwurf gemacht werden, vielmehr sein rhetorisch-heißluftiges Theater, welches Manns Künstlervorstellungen widerspiegelt. Somit besitzt der Harvard-Absolvent zwar das nach Schopenhauer notwendige Genie des Künstlers, jedoch lediglich beschränkt auf das Streuen von Sand in die Augen. Der designierte Präsident täuscht also nur vor, ohne seine rhetorisch gedeckten Kredite einlösen zu können. Dafür spricht eine äußerst kurze Senatorenzeit, die ihm dem sprichwörtlichen „unbeschriebenen Blatt“ näherbringt, zumindest aber seine tatsächliche Eignung durch diesen offensichtlichen Erfahrungsmangel in arge Zweifel zieht.
Jedoch wird die Kehrseite der Medaille dadurch um so klarer: Nicht nur bei Obamas Berlin-Besuch waren die Menschen außer sich und kreischten wie pubertäre Teenies bei einem Konzert ihrer Lieblingsgruppe. Es herrschte ekstaseartige Stimmung, das Knistern in der Luft konnte wohl auf der Haut gespürt werden. Die „kriecherischen Deutschen“ (McCain) waren Feuer und Flamme, obwohl die wenigsten wohl eine mehr denn grobe Vorstellung von dem, wofür ihr Idol eintritt, gehabt haben dürften. Und so abscheulich die Bezeichnung des Republikaners auch klingen mag, im Kern trifft sie doch zu. Es manifestiert sich wieder die überzeitliche, und von Le Bon zu Papier gebrachte Tatsache, daß die Menge immer demjenigen lauschen wird, der absolute Wahrheiten predigt. Komplexere Sachverhalte überspannen Geist und emotionale Belastbarkeit des einfachen Mannes. Wieso auch hinterfragen, wenn alle Antworten mit dem Goldlöffel direkt zu Munde geführt werden?
Dies aber zeigt gerade im Massenverbund eine gefährliche Beeinflußbarkeit, deren Boden durch die Medien im Vorfeld gezielt genährt werden kann. Das Wort Mediokratur liegt hier vielleicht nicht allzu fern, insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsache, daß in ganz Europa eine schier „gleichgeschaltete“ Berichterstattung über den US-Demokraten angeboten wurde. So galt die Wahl des Demokraten zumeist als das Einläuten einer neuen, besseren Ära, befreit von der rassistisch-kolonialistischen Vergangenheit und emanzipiert von der eigenen Geschichte. Der republikanische Herausforderer wurde hingegen häufig als verkürzter Schatten des verhassten George W. Bush dargestellt. Obama ist „in“ – McCain „out“. Kein Wunder also, daß 74 Prozent der Deutschen einer Umfrage zufolge für den späteren Wahlsieger gestimmt hätten. Interessant ist, sich hier in einem Gedankenspiel auf die Gegensituation einzulassen: Wäre bei einer ausgeglichenen Medienbehandlung unter Deutschen McCain Favorit?
Schauspiel und Politik
Inhalt spielt im Zeitalter des „Politainments“ eine Statistenrolle. Selbstinszenierung hingegen ist Trumpf. Traurig, aber hier ist nun der absolute Beweis: Ein Schauspieler ist mit einer seichten Politikschmonzette in das mächtigste Amt der Welt gelangt. Oder aber ist beides notwendigerweise ein und dieselbe Rolle, so wie Loriot es sieht: „Schauspieler und Politiker haben vieles gemeinsam: Wir wollen Hauptrollen spielen, pflegen die Kunst der Täuschung und haben eine starke menschliche Ausstrahlung.“ |