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Frankfurt: Ein Tag am Galgenfeld PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Carlo Clemens   
Montag, den 15. Dezember 2008 um 02:00 Uhr

GallusSagt man in Frankfurt am Main, man sei aus dem Stadtteil Gallus, tritt das Gegenüber erstmal einen Schritt zurück, oder setzt zu einem zynischen Lächeln an. Wahrlich ist der Stadtteil ein sozialer Brennpunkt. So zumindest der Ruf. Ob das Gallusviertel seinem Ruf gerecht wird, soll ein kleiner Stadtteilrundgang zeigen. Ich steige um, am S-Bahnhof Frankfurt-Hauptwache in die S3. Ich will mir ein Bild vom Stadtteil machen, von dem man soviel Schlechtes hört. Ich selbst, Abiturient aus Offenbach am Main, bin schlechten Ruf und multikulturelle Brennpunkte ja schon gewohnt. Aber in Frankfurt soll ja nicht nur alles besser sein als beim verhassten Dauerrivalen auf der anderen Seite des Mains, sondern auch alles größer angelegt. Also bewaffnet mit einem Foto-Handy und zusammen mit einem Freund steige ich an der Haltestelle „Galluswarte“ aus.

Islam = Frieden?

Der Tag ist schön, es ist später Nachmittag. Das Klima mild, der Himmel noch blau. Der erste Blick trifft ein junges Mädchen, welches, die Beine baumelnd, am Fenstersims ihres Zimmers im dritten Stock eine Zeitschrift liest. „Ziemlich mutig die Kleine“, denk ich mir. „Die ist aber gut gebaut“, entgegnet mein Kumpel. Auf der Rolltreppe nach unten gleich die zweite Belustigung: Auf dem Haltestellenschild klebt mittendrin ein grüner Aufkleber des Internetportals „Politically Incorrect“ mit der Beschriftung Islam = Frieden?

Ein netter Kontrast zu den in letzter Zeit wirklich allgegenwärtigen schwarzen Aufklebern der Antifa. Es grenzt an Selbstverspottung, wenn man in Städten wie Frankfurt oder Offenbach, welche beide mit einer offiziellen Ausländerzahl von etwa 30% der Gesamtbevölkerung auftrumpfen, Botschaften wie Nazis auf's Maul! oder Wir kriegen euch alle! verbreiten muss. Statistiken zufolge sollen in Offenbach im Jahr 2020 gar 80% aller Einwohner einen Migrationshintergrund haben. Da die Multikulti-Ausuferungen bekanntlich an einigen wenigen berüchtigten Stadtvierteln konzentriert sind, lässt sich spielerisch leicht erkennen, dass diese Entwicklung zwangsläufig zur „Reservatsbildung“ führen wird.

Burkas mitten in Deutschland

Denn auch die Kinder sind klar verteilt: In Offenbach sieht man pro deutschem Rentner mindestens vier türkische Mütter mit je einem Kinderwagen. Und wenn ich es mir so recht überlege: Wann habe ich denn eigentlich das letzte Mal eine deutsche Familie mit mindestens zwei GallusKindern zusammen spazieren sehen? Nun sind wir auf der Hauptstraße. Etwas orientierungslos laufen wir einfach in irgendeine Richtung. Ein Schild fällt auf, mit einem Verweis auf ein marokkanisches Reisebüro – mit Übersetzung in arabische Schriftzeichen untertitelt. Wir gewöhnen uns auch langsam an die Kleiderordnung der meisten Frauen hier: Islamisches Burka-Gewand. Von daher erübrigt sich die Frage „Wieso denn noch Deutsch lernen?“

Wir verlassen die laute Hauptstraße in Richtung einer der vielen Seitenstraßen. Viele schöne, aber leider auch heruntergekommene Altbauten liegen rechts und links. Bekritzelt und voll mit Grafitti, genau wie die verrottenden kleinen Spielplätze. Viel mehr dienen die umliegenden Parkbänke als Treffpunkt für halbstarke Araberjungen und aufgetakelte Orientmädchen.

Der Name „Gallus“ stammt übrigens von der „Galluswarte“ (eigentlich mal „Galgenwarte“), einem der vier mittelalterlichen Warttürme der Stadt Frankfurt am Main. Umgeben vom ganzen Großstadttrubel und all den Hochhäusern wirkt das kleine schmutzige Türmchen heute aber ziemlich kümmerlich. Bis zum 3. April 2007 hieß dieser Stadtteil noch offiziell „Gallusviertel“ - da das „-viertel“ im allgemeinen Sprachgebrauch aber eher unbeliebt war, fiel es letztlich dem breiten Willen zum Opfer.

Wir wollen mit Bewohnern ins Gespräch kommen. Deshalb suchen wir nach Leuten, von denen wir halbwegs davon ausgehen können, dass sie die deutsche Sprache beherrschen. Vorbei an den jugendlichen Prolls, den „wandelnden Pinguinen“ (Ralph Giordano) und den betrunkenen alten Herren am Trinkkiosk spreche ich eine alte Frau mit Damenbart an. Ich erkundige mich nach den Adler-Werken und den umliegenden Siedlungen, die als „problematisch“ gelten. Sie kann uns den Weg nicht genau erläutern, ruft dann jedoch eine vorbeiradelnde Frau herbei, die sich für uns als Glücksfall erweist.

Die Alteingesessenen kennen sich. Die alte Dame mit dem Fahrrad fragt, was wir denn hier im Gallus wollten. Ich erfinde den Vorwand, dass wir Studenten seien und nach billigen Sozialwohnungen suchen. Sie ist so nett, und begleitet uns zu Fuß zur „Hellerhofsiedlung“, wo sie selbst lebt. Die Hellerhofsiedlung hat circa 1200 zumeist Zwei-Zimmerwohnungen und beherbergt etwa 6100 Einwohner. Sie entstand in der Zeit 1929 bis 1932 und wurde im Krieg stark beschädigt, jedoch wieder aufgebaut. Heute steht sie teilweise unter Denkmalschutz.

Vom Arbeiterviertel zum ethnischen Brennpunkt

Ich frage nach den Lebensumständen im Stadtteil, auch hinsichtlich des schlechten Rufes. Die Frau antwortet anfangs etwas zögerlich. Aber sie hat definitiv etwas zu sagen, denn sie lebt seit Jahrzehnten hier, und hat den gesamten sozialen Wandel von einem klassischen Arbeiterviertel zum multikulturellen Brennpunkt durchgemacht. „In jedem Wohnhaus ist es ja verschieden“, sagt sie im leicht hessischen Dialekt. „Es leben hier ja auch die verschiedensten Nationalitäten, is' doch klar, dass es da mal Spannungen gibt. Ich selbst hatte bisher aber nie irgendwelche Probleme.“ Sie klagt nicht, will vor den jungen Leuten sicher auch nicht als verbitterte alte „Rassistin“ gelten. Sie erzählt von den laut feiernden Türken damals bei der Fußball-EM, nach einiger Zeit aber auch von den respektlosen Jugendlichen mit Migrationshintergrund. „Die Mädchen sind ja nicht das Problem. Es sind ja meist die männlichen Paschas!“ Aber auch Geschichten von den sozialen Problemen der Stadt, von den Ecken, wo Menschen wohnen, „die durch alle soziale Raster gefallen sind, die es in Deutschland so gibt.“ Von einer befreundeten türkischen Familie, die aus dem Gallus wegzog: „Die Tochter ist sogar auf dem Gymnasium! Jaja, diese Seiten muss man ja auch sehen, die sind ja nicht alle so.“

Während wir so durch die engen Straßen des Viertels schlendern, achte ich auf die Umgebung. Schöne alte Häuser, aber leider alle heruntergekommen. Die Satelliten-Schüsseln massenweise auf den Balkonen. Überall Döner-Läden: Best Kebab in town oder Döner mit beste Geschmack. Schließlich komme ich mit der alten Dame auf Politik zu sprechen. Sie macht einen verdrossenen Eindruck, stöhnt. Ob sie denn wählen gegangen sei, frage ich. „Ja, bin ich. Ich hab' den Zettel durchgestrichen. Wozu noch wählen? Die einen sind nicht christlich, die andern sind nicht sozial.“

Komplett verfehlte Städtepolitik in Frankfurt und abgehobene Politiker

Durch mein Praktikum am Frankfurter Römer vor einiger Zeit und meiner Teilnahme an sämtlichen „Informationsveranstaltungen“ bezüglich des gegen den mehrheitlichen Bürgerwillen durchgesetzten Großmoscheebaus im kleinen Stadtteil Hausen, habe ich die abgehobene Arroganz der Berufspolitiker von heute selbst kennen gelernt. Die Frankfurter Politiker werden durch die Bank nicht müde, bedingungslos eine Städtepolitik durchzusetzen, die sich rein dem Image einer weltoffenen, toleranten und multikulturellen Stadt verpflichtet fühlt. Die deutschen Alteingesessenen – die einen mehr oder minder wehrhaft – werden gnadenlos übergangen, gar als störend empfunden.

Ich beschließe kurzfristig, die Frau dann doch nicht bis zur Siedlung zu begleiten, sondern eher, zusammen mit meinem Freund, die berüchtigte Kleyerstraße zu besichtigen. Also trennen sich unsere Wege. Vorbei am „Gallus-Theater“ und den Adler-Werken, die in den letzten Kriegsjahren von den Nazis als KZ-Außenlager missbraucht wurden, geraten wir in einen sogenannten „Interkulturellen Jugendtreff“. Die Atmosphäre ist Galluszwielichtig. Vor der Eingangstüre sitzen einige Türken an einem weißen Plastiktisch, rauchen und spielen Karten. Am Fenster klebt ein Plakat: Bunt, schön, Frankfurt – Demonstration für kulturelle Vielfalt und gegen Fremdenfeindlichkeit. Als wir zwei eintreten, erhebt sich die einzige Frau – sie ist ohne Kopftuch – vom Tisch und fragt, ob sie uns behilflich sein könne. Ich erkundige mich, was hier so gemacht wird. Die junge Türkin, die selbst auch im Gallus lebt und gebrochenes Deutsch spricht, erzählt davon, dass sich hier zumeist Türken und Kurden treffen. „Es gibt hier keine Spannungen zwischen beiden. Alles friedlich.“ Man würde kulturelle Aktionen anbieten: Theaterstücke oder Zeltlager, aber auch politische Aktionen, zum Beispiel gegen die Studiengebühren. Der kleine halbdunkle Raum ist geziert mit Postern von Che Guevara, roten Sternen und Maxim Gorki. Auch taucht der Name eines türkischen Aktivisten auf. Relativ am Ende des Gesprächs erzählt sie dann noch von einer Kooperation mit der MLPD ... Ich konnte erst meinen Ohren nicht trauen: „Die MLPD? Die marxistisch-leninistische Partei Deutschlands?“ Tatsächlich. Diese hätten um die Ecke auch ein kleines Büro.

Das Islamski Kültürni Centar Frankfurt hatte leider geschlossen, ein anderer türkischer Treff, eher für Ältere, konnte uns auch nicht sagen, wo wir denn das besagte MLPD-Büro finden könnten. Für kurze Erheiterung konnte auch der örtliche „GAZI Inter-Markt“ sorgen, der ausschließlich türkische Import-Produkte im größeren Maße anbot.

Mittlerweile sind wir eine Stunde durch die reinste Parallelgesellschaft gelaufen. Wir treten ein in die soziale Wohnanlage „Gallus-Park“. Von der Lautstärke her erinnert hier vieles an einen Kindergarten. Die älteren Jugendlichen sind eher am Bolzplatz unten. Die Kulisse versprüht eine gewisse Romantik: Der Platz ist neu, gestiftet von der Stadt. Umgeben ist er von einer großen verwilderten Grünfläche. Auf der anderen Seite die Bahngleise und von weitem blick man auf die Frankfurter Skyline. Überall herumspielende Kinder am Spielplatz in der Mitte der Siedlung, an den Straßen. Auf den Bänken wieder die verschleierten Mütter, die auf ihre Kinder aufpassen. Zwei kleine Mädchen sprechen uns an. Hier sei es eigentlich schön zu leben. Es gäbe keinen Stress zwischen den vielen Nationalitäten, „nur die griechische Familie da oben wird manchmal sehr laut. Die Polizei war auch schon oft hier.“ Die Wohnungen seien billig und gut: „Ich wohne in einer Fünf-Zimmerwohnung. Ich habe ja aber auch fünf Geschwister“, so die Kleine.

Früher sei es mit Gewalt und Drogenkriminalität schlimmer gewesen

Der Altersdurchschnitt ist hier tatsächlich sehr jung, die Geburtenquote entsprechend hoch. Auch die einzige deutsche Mutter, die wir entdecken, eine junge Frau Ende zwanzig, kann nur positives berichten: „Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen. Ich war ein Jahr lang weg, wollte dann aber unbedingt wieder zurück. Die Sozialwohnungen sind gut und billig im Gallus-Park.“ Es sei durchaus laut hier, denn es gebe viele kleine Kinder. Sie selbst habe auch einen kleinen Sohn. Aber sie sei auch glücklich mit der innerstädtischen Lage: „In zehn Minuten ist man hier auf der Zeil.“ Wie das denn mit dem schlechten Ruf des Gallus sei, frage ich. Das sei früher, so etwa vor zehn Jahren, schlimmer gewesen mit der Gewalt und der ganzen Drogenkriminalität, sagt sie. Und wieso jetzt nicht mehr? „Ich denke mal, die sitzen jetzt alle im Knast.“

Von einem brenzligem Klima konnten wir tatsächlich bisher nichts entdecken. Die Stadt versucht schon seit geraumer Zeit, die Lebensqualität im Gallus aufzuwerten. Mit dem Bus geht es zurück nach Hause. Der ausländische Busfahrer scheint sich nicht sonderlich um die Kontrolle von gültigen Fahrscheinen zu kümmern. Auf den hinteren Sitzen quengeln vier hysterisch-laute türkische Mädchen mit ihren voll aufgedrehten Musik-Handys. Das Gallusviertel ist nicht (mehr) die berüchtigte „Galgenwarte“, die sie eventuell einmal war. Gallus ist lediglich zu einer reinen nichtdeutschen und sozialbaulichen Parallelgesellschaft geworden. Kein Ort, vor dem man sich fürchten müsste, in physischer Weise jedenfalls. Höchstens in geistiger, denn das gleiche „multikulturelle Schicksal“ teilen zig Stadtviertel in Deutschland, und die Tendenz steigt und steigt.

 
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