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„Früher war alles menschlicher" – Ein Essay über Globalisierung und technischen Fortschritt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Marx   
Dienstag, den 20. Januar 2009 um 02:00 Uhr
Globalisierung und technischer FortschrittDie Globalisierung und der technische Fortschritt in der vergangenen Dekade haben ohne Zweifel unseren beruflichen und persönlichen Alltag beeinflusst. Aber haben sie wirklich unser Leben von Grund auf verändert? Sind die Grundprinzipien der Welt sowie ihre Regeln und Abläufe nicht immer noch die gleichen wie früher? „Also, früher war alles menschlicher hier. Nicht so viel Vertriebsdruck, die Leute waren angenehmer und die Arbeit war einfach nicht so stressig wie heute.“ Wie oft musste ich mir diesen Satz in meiner fast vierjährigen Banktätigkeit anhören. So zuletzt auch bei meiner repräsentativen Umfrage unter alten Kollegen für diesen Text. Und was war die Begründung?

„Das hat viel mit dem technischen Fortschritt zu tun“, klärte mich mein ehemaliger Vorgesetzter auf. Durch die Globalisierung und technologische Entwicklungen wie dem Internet wurde die Weltwirtschaft vernetzter.“ In Folge daraus stieg der Wettbewerb für die deutschen Unternehmen, insbesondere die Privatbanken, die es sich in ihrer Sonderstellung im dreigliedrigen Bankensystem als eine Art „Banken für Geschäftskunden und den reichen Mann“ gemütlich gemacht haben. Durch die enorm gestiegene Anzahl an Teilnehmern am Wirtschaftsleben und der erhöhten Konkurrenz sei der Kostendruck gestiegen. Dieses Bild wird von sogenannten neoliberalen Medien, Politikern, die vorgeben, alles zu wissen, und jedem Dorfstammtisch oft vermittelt, wenn man von der deutschen Wirtschaft spricht. Früher war alles einfacher, gemütlicher, langsamer. Die Unternehmer hätten noch auf Belange der Belegschaft geschaut und alle waren glücklich. Dann kam die Globalisierung, der technische Fortschritt, das internationale Kapital und jetzt zähle nur noch die Rendite und der Aktienkurs. Früher hätte es das nicht gegeben. Wirklich?

Internationale Kapitalströme fließen nicht erst seit gestern.

Wann begann eigentlich die Globalisierung? Kein Politiker und auch die sogenannten Wirtschaftsexperten, die sich wöchentlich bei Anne Will tummeln, können dies so wenig beantworten, wie Justizministerin Brigitte Zypries die Frage, was ein Browser ist. Es ist Fakt, dass die Globalisierung, deren Entstehung bzw. Wirkung niemand genau datieren kann, schon weit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs und vor Verbreitung des World Wide Web einsetzte. Schon in den ach so lockeren 80er Jahren begannen riesige Kapitalströme mit hoher Geschwindigkeit um den Globus zu fließen. Das Kapital war nun Ware, der Marktplatz die Börse und die Händler hießen Investmentbanker. Alfred Herrhausen als frischgebackener Vorstandssprecher der Deutschen Bank erkannte schon damals, was heute selbstverständlich scheint. Er fragte: „Warum müssen wir risikoreiche Kredite für Unternehmen geben, wenn es viel einfacher geht? Wir sichern uns unsere Rendite, indem wir das Unternehmen an die Börse bringen – und dann hat der Aktionär das Risiko, der die Aktie kauft.“

Im nächsten Satz wird ein kritischer Kollege zitiert: „Ich habe gesagt: Vorsicht, bei der nächsten Baisse bricht alles zusammen. Das wollte Herrhausen damals nicht hören.“ Fällt einem beim Lesen dieser Zeilen nicht etwas auf? Diese Diskussion wurde schon vor über zwanzig Jahren geführt, sie wurde wieder zu Zeiten des neuen Marktes diskutiert und sie wird noch heute diskutiert, über ein Jahr nach dem der DAX-Rekordstand wieder erheblich abgeflaut ist und dies ja angeblich jeder Broker vorausgesagt hatte. Eine Lösung oder eindeutige Antwort ist nie herausgekommen. Viele Probleme, die uns heute als neu, als Produkt der sich veränderten, technologisierten Zeit  präsentiert werden, werden schon seit Jahrzehnten, ja teilweise seit einem ganzen Jahrhundert diskutiert. Oft nur unter anderen Vorraussetzungen.  Niemand kann und möchte die Chancen und ungeahnten Möglichkeiten, die die digitale Revolution und ein freier Welthandel bieten, missen oder gar in Frage stellen. Die Frage, die uns immer wieder beschäftigt, ist doch vielmehr: War die Welt im Prinzip vor 30, 40 oder mehr Jahren so viel anders als heute? Nein, sie war es nicht.

Das Zauberwort Flexibilität und der Mythos vom Neoliberalismus sind nicht mehr als Worthülsen.

Bleiben wir noch bei der Wirtschaft: Was ist heute großer Trumpf im Wirtschaftsleben? Laut BDI, Handelsblatt & Co. heißt das Zauberwort Flexibilität, also die Bereitschaft, für einen Job weit wegzuziehen, seine Heimat zu verlassen und woanders neu anzufangen. Aber auch hier sieht die Realität anders aus.

Als Finanzberater bei einer Privat-, später bei einer Genossenschaftsbank, hatte ich mit verschiedensten Menschen zu tun. Viele davon sprachen Hochdeutsch, Rheinländisch, Sächsisch, sie berlinerten, schwäbelten oder fränkelten. Wenn man mit einem Menschen über sein höchstes Gut, sein Geld spricht, redet man auch über so persönliche Dinge wie die Herkunft. Dabei stellte ich fest, dass der Grund für die Umzüge dieser Menschen nicht wegen der Liebe oder der schönen Landschaft in Bayern waren. Fast immer zogen die Leute aus beruflichen Gründen in die ferne Oberpfalz. Allerdings nicht vor ein paar Jahren, sondern schon in den 60er oder 70er-Jahren, als angeblich noch niemand flexibel war und die Arbeit noch vor der Haustür gelegen hätte, wie ich neulich im Presseclub erfahren durfte. Woher wollen die Journalisten das auch wissen? Die wenigsten von ihnen haben jemals in einem anderen Beruf als dem des Redakteurs gearbeitet, und wenn man den Statistiken glaubt, sind die meisten die Kinder von Beamten und anderen Vertretern des Bürgertums, also kaum geeignet, über Anforderungen an den einfachen Angestellten in einer veränderten Arbeitswelt zu urteilen.

Fakt ist doch, dass schon heute und in ein paar Jahren noch stärker durch den angeblichen Fachkräftemangel, die Arbeitskräfte viel händeringender gesucht werden als allgemein angenommen. Dies wird eher den qualifizierten Arbeitnehmer besser stellen, der sich dann die guten Jobs auch in seiner Nähe aussuchen kann. Früher mussten Lehrer in andere Bundesländer ziehen, um eine Stelle zu bekommen. Heutzutage bekommen junge Lehrer problemlos ihre erste Planstelle in ihrer Heimatstadt. Ingenieure ebenso. Journalisten und andere Geisteswissenschaftler mussten schon immer durch die Bundesrepublik wandern, dass war früher nicht anders als heute. Wenn wir heute erleben, dass jemand aus dem hohen Norden oder den neuen Bundesländern nach Süddeutschland zieht, dann ist das dem wirtschaftlichen Niedergang des hanseatischen Norddeutschland und fehlender Infrastruktur in der ehemaligen DDR geschuldet, und nicht der flexiblen Weltwirtschaft.

Ein Gerücht, dass weiterhin hartnäckig bestehen bleibt, ist, dass die Weltwirtschaft erst seit dem Fall des Eisernen Vorhanges so miteinander vernetzt wurde, dass Abhängigkeiten voneinander entstehen. Haben wir im Geschichtsunterricht der neunten Klasse nicht etwas anderes gelernt? Bereits im Jahr 1929 waren die Industrienationen und ihre Kapitalgeber so miteinander verzweigt, dass beim Zusammenbruch des amerikanischen Aktienmarktes sämtliches im Ausland angelegte Kapital abgezogen wurde. Dies müssen beträchtliche Summen gewesen sein, denn im Anschluss daran brach die gesamte Weltwirtschaft für einige Jahre zusammen. Äußerungen wie „Die Globalisierung kam nach Öffnung des Ostblocks“, sind also einfach nur falsch, sie sind das, was wir unter populistisch verstehen.

Technischer Fortschritt im Alltag: Ist das wirklich alles so wichtig?

Und der Laie, der normale Mann von der Straße? Hat den das Internet, die technische Revolution so verändert, das sein Leben komplett umgekrempelt wurde? Auch hier wollte ich kritisch nachfragen und befragte ehemalige Landwirte im Haupterwerb, wie man sie in meiner Heimat, der westlichen Oberpfalz, noch häufig antrifft. Auch sie konnten in den letzten Jahrzehnten keine gravierenden Veränderungen der Technik und am Arbeitsablauf feststellen. Die Einführung der Elektrizität, die ein längeres Arbeiten am Abend ermöglichte, diese große technische Revolution hat fast kein heute noch Lebender mitgekriegt. Die größte Umstellung war, als  die Traktoren und andere Landmaschinen für jeden noch so kleinen Bauern Ende der 50er Jahre erschwinglich wurden, womit die Dienstboten, also Knechte und Mägde, überflüssig wurden. Dass sich der Landwirt auf Excel Futtertabellen erstellen kann und sich per Fernsehen eine Frau suchen kann, ist in Wahrheit nicht besonders weltverändernd. Früher als es noch kein RTL gab, suchte sich ein lediger Landwirt eben eine potenzielle Bäuerin in der Zeitung für Bauern, dem „Willibaldsboten“, wofür er im Anschluss auch nicht von halb Deutschland ausgelacht wurde.

Ich selbst wollte mich bei meiner Recherche nicht ausnehmen. Daher forschte ich bei mir im Freundeskreis nach gängigen Gepflogenheiten, verglich anschließend mit den Jugendjahren der Eltern, älterer Bekannter und Freunde, die der Ü30-Generation angehören. Neulich war in meiner InternetHeimatstadt wieder das alljährliche Volksfest. Als ich auf meine Freunde auf dem Parkplatz wartete, ging eine Gruppe Jugendlicher an mir vorbei, in der ein junger Mann angeregt und anscheinend länger per Handy einen Treffpunkt mit weiteren Bekannten ausmachte. Seine Freundin stellte kopfschüttelnd die ironische Frage: „Sag mal, wie sind denn die Leute früher ohne Handy zusammen aufs Volksfest und anderswo hingekommen?“ Eine berechtigte Frage. Heute geht bei Jugendlichen nichts mehr ohne das Handy. Die Schüler schreiben im Unterricht und nachmittags zuhause pausenlos SMS. Am Handy werden alle Wochenendtätigkeiten abgestimmt. In meinem Freundeskreis wird tausendmal hin und her gerufen, ehe das abendliche Ziel endlich geklärt ist. Wenn man sich irgendwo trifft, wird fünfmal zusammengerufen, bis man sich findet. Ja wie war es denn früher?

In punkto Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der Kumpanen sicherlich nicht wirklich besser, aber merkwürdig, dass man in der Dorfkneipe oder am Festnetztelefon genauso die Aktivitäten besprechen konnte, wofür heute 100 SMS pro Abend nötig sind. Auch das Chatten ist heute für meine Bekannten überlebenswichtig. „Mensch, jetzt schaff dir endlich wieder ICQ an“, blaffte mich einer meiner engeren Freunde neulich an.

Mein Fazit nach allen gesammelten Erfahrungen und Meinungen: Die Digitale Revolution und die in ihr mündende Globalisierung haben vielleicht die Kommunikation und die Informationen der Menschen umgekrempelt, sie haben aber in keinem Fall die Menschen selbst verändert. Gerade wir im Informationszeitalter, wo es primär nicht mehr um die Beschaffung von Wissen geht, sondern um das richtige Anwenden der Informations- und Wissensflut, müssen genau darauf achten, welcher technische Fortschritt uns wirklich voranbringt. Profitgier und der Drang, immer das Neueste zu haben, bringt einen nicht weiter. Ich, der mit allem Komfort des Medienzeitalters aufgewachsen bin, glaube, dass ich als Jugendlicher in den 60er und 70er-Jahren ebenso glücklich gewesen wäre, auch ohne iPod oder Mail-Account bei GMX.  Schöner als mein ehemaliger Vorgesetzter, den ich euch zu Beginn schon vorstellte, kann man es im Prinzip kaum sagen, auch wenn es alt und abgedroschen klingt: „Früher war es vielleicht anders, aber auf keinen Fall besser.“

 
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