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Was denken die Migranten in unserem Land von uns Deutschen? Warum integrieren sich viele nicht, oder scheint es nur so? Welche Unstimmigkeiten gibt es zwischen uns? Das sind sehr wichtige und interessante Fragen, auf die viele gern eine Antwort hätten. Letzthin saß ich in der Straßenbahn und bekam ein Gespräch zwischen zwei Männern mit. Der eine ein Deutscher, Beruf: Fahrkartenkontrolleur, der andere ein Türke. Ich wollte gar nicht weghören, denn richtigen Antworten zu Integrationsfragen bin ich nun etwas näher.
Ein Gespräch durchbricht die Anonymität
„Die Fahrkarten, bitte“, sagt der Deutsche. Ein monotoner Satz, den er mit aller Wahrscheinlichkeit mehrere hundert Mal am Tag sagt. Nun gut, ich zeige ihm meinen Schein und versinke darauf wieder in das Wirtschaftsmagazin The Economist. Doch nur kurz, mein Nachbar hält sich nicht an die eine ungeschriebene Regel. Die nämlich besagt, dass man dem Kontrolleur die Fahrkarte zeigt und sonst keinerlei Kontakt mit ihm hat. So machen es schließlich alle. Sie zeigen mehr oder weniger freiwillig, manche mürrisch, ihre Karte – und Schluss. Danach senken sie ihren Blick wieder auf den Boden, in die Zeitschrift oder aus dem Fenster. Bloß niemandem zu nahe kommen oder gar provozieren.
Aber was macht mein Nachbar? Er beginnt, mit dem Kontrolleur zu reden. Und ich höre den beiden zu. Einige fühlen sich ob der Gesprächslautstärke offensichtlich gestört, doch im Vergleich zu denen, die lauthals telephonieren oder ihre Musik nicht für sich behalten können, sprechen sie sehr leise. Obwohl ich neben dem Türken sitze, muss ich mich anstrengen zuzuhören.
Zunächst fragt der Türke nach dem Beruf des Deutschen. Was er denn alles zu machen habe und wofür seine zwei Dienstausweise seien? „Nun, der eine ist ein reiner Ausweis, aber der andere hier, der ist ein Schlüssel für den Mitarbeiterraum.“ Aha. „Und wie kommst Du mit den Leuten zurecht?“ – „Die meisten machen keine Probleme, einige aber schmeiße ich wieder raus.“ Indem sie über die Fahrgäste sprechen, kommen sie schnell zu den Deutschen. Der Türke scheint das zu wollen.
„Die Deutschen, ich verstehe sie nicht.“
„Weißt Du, die Deutschen, ich verstehe sie nicht. Die kümmern sich lieber um ihren Hund als um ihre Eltern. Einen Hund pflegen und kleiden sie, aber ihre Eltern? Die geben sie in irgendein Heim ab.“ – „Tja“, entgegnet der Deutsche achselzuckend. Man sieht dem Türken an, dass ihm das nicht reicht. Der Kontrolleur schiebt nach: „Nun, ich denke, dass muss jeder selbst wissen, wie er das macht.“ Aha. Der Türke geht darauf nicht genauer ein. Vielleicht fürchtet er die Debatte um Freiheit, um Liberalismus.
Nach kurzem Schweigen erzählt der Türke aus heiterem Himmel, wie er seine Freizeit verbringt. Er verlasse nie die Wohnung, außer um einzukaufen. Schließlich könne er alles zu Haus machen. „Essen und trinken kann ich, nur kein Alkohol. Fernsehen – inzwischen gibt es ja so viele Kanäle. Wozu brauche ich das Kino? Kostet doch sonst alles viel Geld.“ – „Aber mit der Begründung könnte man ja allem begegnen. Dann bräuchte man ja kein öffentliches Leben mehr“, sagt der Deutsche. „Nee, also zum Biertrinken gehe ich schon gern in die Kneipe mit ein paar Kumpels.“
An dem Punkt endet das Gespräch, denn der Türke hat sein Ziel erreicht. Er verabschiedet sich von dem Deutschen und verlässt die Straßenbahn. Der Deutsche lächelt ihm noch nach. Zeit zum Nachdenken über das soeben Besprochene bleibt ihm nicht. Er hat weiter Fahrkarten zu kontrollieren.
Doch was sagt uns dieses Gespräch? Nun, zweierlei. Erstens äußerte der Türke ein Unverständnis gegenüber dem Verhältnis der Deutschen zu ihren Eltern. Zu Recht! Tatsächlich schieben viel zu viele ihre Eltern in ein Altenheim ab, sobald sie ihnen zur Last werden. Was muss geschehen sein, damit man seine Eltern derart verachtet?
Deutsches Mentalitätsproblem oder Folgen der materialistischen Medien- und Konsumgesellschaft?
Der Deutsche war beschämt ob seiner Sprachlosigkeit. Er wird sogar noch zum Verteidiger dieser Praxis und schiebt den Liberalismus vor. Es müsse ja jeder selbst wissen, ob … Mehr hat er nicht zu sagen. Vielleicht traf der Türke ja einen wunden Punkt bei dem Deutschen.
Auf jeden Fall sollte sich jeder darüber vergewissern, ob das Verhältnis zu seinen Eltern so ist, wie er es eigentlich tief im Inneren wünscht – nämlich herzlich. Und wenn das nicht so ist, dann müssen wir danach fragen, warum es nicht so ist, damit wir etwas ändern können. Wir haben nur eine Mutter und nur einen Vater. Eine vertane Chance bereuen wir später umso mehr.
Zweitens zeigt das Gespräch folgendes: Der Türke entzieht sich dem öffentlichen Leben, er integriert sich nicht. Warum tut er das? Der finanzielle Aspekt ist nur ein Alibi. Nein, er verachtet unsere Massen- und Konsumkultur, weil sie für ihn unter anderem für zerrüttete Familien sorgt. Dieser große Gott „Liberalismus“ ist nicht der seine, denn er sorgt sich darum, was die Freiheit alles zugrunde richten könnte.
Ist die westliche Lebensweise überlegen?
Wir können nun entweder seine Ablehnung gegenüber unserer Gesellschaft verurteilen und damit den Liberalismus verteidigen. Wir können einfordern, dass der Türke sich unserer westlichen Gesellschaft – mit ihren Regeln, Sitten und Normen – unterordnet und in ihr aufgeht. Oder wir können überlegen, ob er nicht vielleicht recht damit hat, dass der Liberalismus uns nicht das Paradies beschert.
Es handelt sich hier nicht um eine Verdammung der Freiheit. Vielmehr um eine Anregung. Eine Anregung darüber nachzudenken, was uns der Liberalismus bringt und was davon schön und gut und was hässlich ist. Findet eure persönliche Antwort darauf, was ihr am Liberalismus schätzt und was nicht! |