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Ungerechtigkeit an deutschen Schulen und warum der "Bildungsstreik" alles noch schlimmer machen will PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Carlo Clemens   
Dienstag, den 16. Juni 2009 um 01:00 Uhr

FaulSelbst kam man nach einigen Wochen Abistress, den man zwar um jeden Preis zu verhindern suchte, der aber natürlich trotzdem eintreten musste, gut durch die letzten Wochen Schule. Während die finalen Tage abwechselnd von Erleichterung, Nostalgie, Aufbruchsstimmung und Zukunftsungewissheit geprägt waren, trat vor einiger Zeit noch ein weiteres Gefühl in den Stimmungscocktail: Wut! Wut angesichts der bis zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit, die im Schulbetrieb herrscht und die sich in der Prozedur der letzten mündlichen Abiturprüfungen noch einmal geballt entladen hat.

Doch das hat weder mit den Dingen zu tun, die der derzeit stattfindende Bildungsstreik fordert, noch mit persönlichem Versagen. Diese Ungerechtigkeit fußt auf einen Fehler im deutschen Bildungssystem, den zu erkennen die linksradikalen Initiatoren besagter Streikaktionen zu beschränkt sind.

Die Initiatoren des Bildungsstreiks sind in vielerlei Hinsicht fragwürdig

Zahlreiche andere Berichte belegen bereits, wie fragwürdig die Veranstalter oder die Forderungen des so genannten Bildungsstreiks sind. Schon im letzten Jahr wurden naive Teilnehmer mit plattpopulistischen Forderungen geködert und ungeahnt mit linksextremer Ideologie indoktriniert. Auch diesmal geht´s in die gleiche Richtung: Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems, keine Zulassungsbeschränkungen mehr, keinerlei Gebühren, kein Einfluss der kapitalistischen Wirtschaft auf´s Schulsystem.

Dazu noch die weiteren szenetypischen und vielseitig auslegbaren Phrasen für mehr “Demokratisierung” und weniger “Repression”. Wir kennen das alles bereits. Eingetreten wird für kleinere Klassen, mehr Lehrpersonal, mehr Mitbestimmung der Lernenden usw. Ein noch größerer staatlicher Überbau soll die Misere also richten. Über den geforderten Ausbau studentischer Mitbestimmung wird an dieser Stelle der Mantel des Schweigens gelegt: Das Personal der Studentenparlamente und Stadtschülerräte ist nämlich weitestgehend identisch mit dem der Streik-Initiatoren.

Ehrlichkeit und Leistung zahlen sich längst nicht mehr aus …

Doch zurück zur eingangs erwähnten Wut. Gegenstand dieses Zorns sind nicht die Linken, die an hiesiger Schule verzweifelt mit ein paar kleinen Aufkleberchen um Aufmerksamkeit betteln, diese allerdings von den verständnislosen Schülern nicht bekommen. Viel mehr sind es die egalitären Umstände an der Schule, die besagte Ungerechtigkeit hervorrufen.

Im Abiturjahrgang – wir befinden uns noch nicht im durchaus kritikwürdigen G8 – sind die Schüler in der Regel allesamt volljährig. Schon deshalb verfehlt ein Streik hier seine Wirkung: Wer sich einen Tag mal frei nehmen will, der macht das einfach. Was man nachträglich im handgeschriebenen Entschuldigungsschreiben als Grund angibt, ob es Kopfschmerzen waren oder eine Entführung durch Außerirdische, ist unerheblich und kann von Lehrern nicht in Frage gestellt werden. Bei Bedarf nimmt man sich problemlos eine ganze Woche frei oder mehr.

Eine einzige Einschränkung gibt es, wenn man in Klausuren gefehlt hat. Hier ist ein ärztliches Attest vonnöten. Doch das stellt für viele streikerprobte Schüler längst kein Hindernis mehr dar. Im Gegenteil, viele Ärzte sehen im Attestschreiben mittlerweile gar eine große Marktlücke.

Also wer sich – auch bedingt durch das viele Fehlen im Regelunterricht – für die Klausur nicht fit genug fühlt, fehlt einfach rein zufällig am Prüfungstag. Und lernt dann intensiviert für den Nachschreibetermin – ebenfalls wieder fern der Schule. Da schnappt man sich einfach den gutmütigen Kursbesten und lässt sich persönliche Gruppennachhilfe geben. Diejenigen, die am Klausurtag erscheinen, deren Skrupel ein Schwänzen nicht erlauben, schreiben dann oft die mäßige Zensur, während die Nachzügler schlauerweise in jeder Hinsicht besser durchgekommen sind.

… gefragt sind List und Uniformität

Ehrlichkeit, Fleiß und Leistung zahlen sich wahrlich nicht mehr aus. Wenn wir ehrlich sind, dann kommt der am besten durch, der am besten betrügt! Die oftmals resignierten Lehrer schauen absichtlich weg und werden von einer falschen Gutmütigkeit geleitet. Jeder soll durchs Abi gebracht werden, um jeden Preis.

Das Prinzip der Gesamtschule wird fortgeführt in der gymnasialen Oberstufe. Hierbei ergibt sich eine maßlose Ungerechtigkeit in der Relation ehrlicher und pflichtbewusster Schüler im Vergleich zum gewieften Schwänzerkönig. Der ehrliche Schüler, der immer im Unterricht anwesend ist, sich häufig meldet und seine Hausaufgaben erledigt, allerdings schlicht kein Einser-Typ ist, bekommt im Zeugnis durchschnittliche Noten.

Im Vergleich wird der Dauerschwänzer, der nur ab und zu im Unterricht ist, durch hereingerufene Halbrichtigkeiten im Unterricht auf sich aufmerksam macht und durch diverse Tricks eine halbwegs gute Klausur schafft, meist vom Lehrer hochgeschätzt: “Der könnte noch viel mehr, wäre er doch öfters mal da.” Der Lehrer gibt diesem also mindestens eine genauso gute Note wie dem gewissenhaften Schüler, denn der Schwänzer könne es ja besser, wenn er denn wollte.

Und die Tendenz zählt. Die Fehlstunden spielen bei der Benotung eine untergeordnete Rolle. Jegliche gerechte Konsequenz zu Gunsten der Ehrlichen bleibt aus. Die Stimme erheben will keiner, so verlangt es der ungeschriebene Kodex des Schülerzusammenhalts, der oft Heuchelei ist. Und somit prahlt der Schwänzer nach dem Motto: “Schaut her ihr Streber! Ich lerne nicht und komme trotzdem bestens durchs Leben!”

Die Bildungsmisere liegt woanders, denn die Schule fördert die falschen.

Liegt unsere Bildungsmisere an den Missständen, die die Initiatoren des Bildungsstreiks ausmachen? Wohl kaum. Was diese fordern, ist mehr Gleichheit an allen Ecken und Enden. Doch im praktischen Schulalltag sieht man die Realität. Ehrlichkeit und Leistung werden in der Praxis nicht bzw. viel zu geringfügig belohnt. Der Fokus des Post-68er Pädagogikpersonals liegt auf den Faulen, auf den “Problemfällen”, die ständig gewillt sein sollen, zukünftig guten Willen zu zeigen. Diese sollen “gleich” mit den anderen, mit den ehrgeizigen Schülern gemacht werden. Nicht die Guten und diejenigen, die bereits unentwegt guten Willen zeigen, fördert die Schule, sondern die Faulenzer.

Die Einstellung der Schüler ist deshalb dahin. Entweder resigniert man, akzeptiert die herrschende Ungerechtigkeit oder rennt erfolglos gegen die falsche Problemfall-Toleranz der Lehrerschaft. Am besten natürlich, man gehört zur Gewinnerseite, der alles leichthändig in den Schoß fällt. Was dies für die Moral der Schüler bedeutet? Es zählen nur noch die Ergebnisse, die Noten auf Klausur und Zeugnis. Die Schule als Ort des Lernens, als Ort des positiven geistigen Messens, angetrieben durch Neugier, Wissensdurst, Fleiß, Disziplin? Nö, lange nicht mehr! Was gefragt ist, sind List, Gewieftheit und Uniformität.

Die Ungerechtigkeit schafft das schlechte Lernklima. Der Bildungsstreik greift diesen kapitalen Missstand nicht auf. Schlimmer noch, er lenkt von diesem ab! Denn es wird, in typisch linker Selbstherrlichkeit, nur beim Anderen die Schuld gesucht. Schuld ist die Wirtschaft, der Kapitalismus, der Staat, “die da oben” einfach. Sicherlich sind G8 oder “Bologna” mehr als kritikwürdig. Doch viel entscheidender ist das seit Jahren falsche Verständnis von richtiger Bildungspolitik. Alles andere ist nur symptomatisch hierfür.

Der Ruf nach einem “öffentlich finanzierten und emanzipatorisch ausgerichteten Bildungssystem” würde dieses falsche Verständnis nur verfestigen. Der Staat ist weder allmächtig, noch kann er alle zwischenmenschlichen Schwächen und Unterschiedlichkeiten durch Verordnungen ausmerzen. Die linken Veranstalter haben nur die Lernfaulen und Schwachen im Blick, denen ein noch größerer Komfort als bisher gewährleistet werden soll. Deshalb fordern sie z.B. auch die Abschaffung von Anwesenheitslisten bei universitären Seminaren.

Kann der Staat wirklich das schlechte Bildungsklima bekämpfen?

Wer eine wirkliche Bildungsreform will, ein neues Verständnis von Lernen und schulischer Gerechtigkeit, sollte zuerst bei sich selbst anfangen und dies dann an Lehrer und Mitschüler weitertragen. Doch würde dies helfen oder macht man sich nur zum weltfremden Deppen?

Gestern zumindest scheiterten bei der allerletzten Abiturprüfung ausnahmslos Schüler, die zu der pflichtbewussten Sorte gehören. Die Dauerschwänzer – darunter ein Extremfall, der zeitweise nur ein paar Mal im Monat im Unterricht war – bekamen allesamt ihren Abschluss und frohlockten unter anerkennendem Beifall der gutmütigen Lehrer. Ich verweigerte ihnen die Gratulation.

 
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