„Dis wo ich herkomm“, singt der Hip-Hopper Samy Deluxe seit dem Frühjahr 2009 über Deutschland, das „Land, das meine Heimat ist.“ Irritierende Worte in einem diesbezüglich verkrampften Land wie der Bundesrepublik. Kontroversen waren da vorprogrammiert. Doch anders als bei Kollegen wie zum Beispiel dem Berliner Fler geht es dem Hamburger um mehr als Marketing.
Jugendliche auf der Suche nach ihrem Deutschland
„Dis wo ich herkomm“ ist auch das Motto einer Deutschlandreise des Sohnes einer Deutschen und eines Sudanesen. Ziel sei es, „Deutschland zu erkunden, seine Kultur zu entdecken, seine ‚Problemzonen‘ mit prominenten Gesprächspartnern zu diskutieren.“ Die lobenswerte Wandlung des Rappers offenbart, wie komplex und schwierig das Thema „Nationalstolz“ in seinen vielen Facetten in einem Deutschland zwischen Multikulti und „Schuldstolz“ gehandhabt wird.
Deluxe, der mit bürgerlichen Namen Samuel Sorge heißt, wuchs vaterlos bei seiner deutschen Mutter in Hamburg auf. Der afrikanische Vater machte sich früh aus dem Staub. Im gutbürgerlichen Eppendorf fühlte er sich oft ausgeschlossen und abgelehnt. Im Lied „Wer ich bin“ erklärt Deluxe, er sei „zu weiß für die Schwarzen und zu schwarz für die Weißen“. Seine Heimat war die Musik – Deutschland dagegen nur ein „Albtraum“.
Das motivierte ihn noch vor einigen Jahren, sich Gruppen wie Brothers Keepers anzuschließen und in Liedern wiederholt fremdenfeindliche Tendenzen der Deutschen auszumachen: „Der Durchschnittsdeutsche kannte damals den Sarotti-Mohr und Roberto Blanco, sang in der Vorschule das Lied von den ‚Zehn kleinen Negerlein‘ und bewarf sich später beim Kindergeburtstag mit ‚Negerküssen‘. Schluss. Aus. Kleine, dunkelhäutige Jungs hatten normalerweise dicke, nackte Bäuche, einen hungrigen Blick und bettelten um Brot für die Welt. Im Fernsehen und auf Plakaten. Aber bitte nicht in der Nachbarschaft.“
Deluxe vollzog einen inneren Wandel
Der Wandel kam 2005 bei einem Auslandsaufenthalt. Deluxe merkte, wie deutsch er ist und dass es nichts bringt, für die Zukunft dieses Landes nur grau und schwarz zu sehen. Was er an Deutschland schätzt, sei die „kulturelle Vielfalt“, dass es hier „noch eine Mittelschicht zwischen Reichen und Armen“ gäbe und „Chancen, was aus seinem Leben zu machen.“ Um seinen Reifeprozess zu unterstreichen, veröffentlichte er dieses Jahr bei Rowohlt seine Biografie, in der er auch seine Gedanken zu Deutschland und seine Rolle in diesem Land reflektiert.
Weiterhin ist er Mitbegründer des Vereins Crossover. In diesem kommen Hamburger Jugendliche aus den verschiedenen Schichten und Herkünften zusammen. Ziel sei es unter anderem, „vorurteilsfrei aufeinander zuzugehen, mentale Grenzen zu sprengen und Brücken der Verständigung zu bauen.“
Die üblichen Verdächtigen heulten auf
Dies war auch Grundlage für besagte Deutschlandreise. Fünf Jugendliche aus verschiedenen Regionen wollten ihr Vaterland kennenlernen. Ziele waren dabei nicht nur Metropolen, sondern beispielsweise auch die Wartburg bei Eisenach oder das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald.
Deluxe achtet zwar selbst genau darauf, politische Korrektheiten einzuhalten – so entschied man sich bewusst, den Begriff „Deutschland“ nicht in den Albumtitel aufzunehmen. Dennoch hat er allem Anschein nach eine Grenze überschritten, die zumindest die üblichen Verdächtigen aufheulen lässt.
Auf der Internetseite Verbrochenes.net warf man ihm vor, eine „Nationalutopie“ zu kreieren, die „bis zum rechten Rand der CDU“ reiche. An Versen wie „Ich werd’ beweisen, dass ich mehr für Deutschland mach’ als der Staat“ könnte man eine sprachliche Nähe zu „Nazis“ ausmachen. Der taz-Blogger Daniel Erk (siehe Hitler-Blog) forderte jedenfalls Musiksender dazu auf, Samy Deluxe zu boykottieren. Zeilen wie „Wir haben keinen Nationalstolz / Und das alles bloß wegen Adolf – ja toll“ würden die „Nazizeit als Banalität, kleinen Fehler und Lappalie“ abtun. Auch die Süddeutsche Zeitung und Antifa bliesen ins gleiche Horn. Deluxe aber freute sich nach eigenen Angaben, eine Diskussion ausgelöst zu haben. Er lehne die Vorwürfe ab, war sich aber der Brenzligkeit des Themas bewusst, weshalb er nicht zu Gegenangriffen ausholte.
„Wir haben keinen Nationalstolz – und das alles bloß wegen Adolf!“
Der Ansatz von Samy Deluxe ist zwar lobenswert. Trotzdem dringt er nicht zum Kern durch, weshalb der Stolz der meisten Bundesbürger so beschädigt ist. Er sagt nichts über die politische Klasse und ihre Handlanger in den Institutionen, im Kulturbetrieb, in den Schreibstuben und an den staatlichen Schaltstellen – eine eingeschworene Gemeinschaft ist das, oftmals fernab der gefühlsmäßigen Realität des einfachen Bürgers, und dennoch mächtig genug, das öffentliche (oder eher: veröffentlichte) Denken zu prägen. Das heißt: Holocaust-Religion und Minderheitenkult statt Patriotismus und Angleichung von Einwanderern und deutscher Mehrheitsbevölkerung.
Die Augen vor der Realität öffnen: Viele Menschen mit Einwanderungsbezug …
Samy Deluxe hat recht: Es bringt nichts, gerade in großstädtischen Ballungszentren, die Augen vor der Realität zu schließen. Hier leben viele Leute mit Wurzeln im Ausland. Doch wie viele von ihnen haben einen wirklichen Bezug zum Heimatland der Eltern oder auch nur eines Elternteils? Wird nicht immer noch viel zu oft auf die Hautfarbe geschaut? Nicht nur bei den fremdenfeindlichen Deutschen, von denen es angeblich überall wimmeln soll. Nein, gerade die gutmenschlichen Multikulti-Aposteln und einschlägigen Lobbyvertreter drängen Menschen mit Migrationshintergrund geradezu in die Minderheitenrolle, von der sie sich Exotik und „Weltoffenheit“ erhoffen.
… und ohne Wurzeln.
Das Vakuum, das in diesen Menschen geschaffen wird, nämlich Entwurzelung und Identitätslosigkeit, ist nicht selten ein Faktor der beklagten Perspektivlosigkeit. Der Weg in die Kriminalität ist da auch nicht mehr weit – ein Teufelskreis. Die Vertreter der politischen Klasse wohnen zumeist in ethnisch homogenen Nachbarschaften. Sie sehen in Multikulti lediglich die Vielfalt an Essmöglichkeiten („heute beim Chinesen, morgen einen Döner“). Deutschland selbst sei widerlegt und gehe in der urbanen Multikulti-Welt auf.
Wenn Samy Deluxe auch Dunkelhäutige und andere zum Stolz auf Deutschland auffordert, dann ist das ein Makel im Traumgebilde dieser Politiker und ein Meilenstein in der Erkenntnis. „Dis wo ich herkomm“ zeigt in vielerlei Hinsicht die geistige Rückständigkeit der Meinungsmacher und damit auch der von ihr beeinflussten Masse in diesem Land.