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Auch am 9. November suchen wir das geistige Deutschland PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Gerhard Lippert   
Sonntag, den 08. November 2009 um 18:50 Uhr

Dem deutschen VolkeDer Jahrestag des Mauerfalls erinnert an die Zerrissenheit deutscher Geschichte: Einerseits ebnete der 9. November 1989 den Weg zur deutschen Wiedervereinigung, andererseits zementierte das Ereignis zugleich die deutsche Niederlage von 1945 auf fast allen Gebieten. Die territoriale Einheit wurde im Rahmen des Potsdamer Abkommens zwar wiederhergestellt, doch das geistige Deutschland wartet bis heute auf seine Wiederherstellung.

Das deutsche Volk zerrieben zwischen Kapitalismus und Kommunismus

Der Zerfall des Deutschen Reiches in zwei Republiken, die auf ideologischem Kriegsfuß standen, war die größte Umwälzung infolge des Zweiten Weltkriegs. Das deutsche Volk war fortan kein Subjekt der Geschichte mehr. Es schien zwischen zwei universalistischen Prinzipien, Kapitalismus und Kommunismus, zerrieben zu werden. Daß beide Systeme nicht der geistesgeschichtlichen Verfassung Deutschlands entsprachen, darüber konnte in den Not- und Aufbaujahren nicht nachgedacht werden.

Der Besatzungsstatus schien angesichts der Totalniederlage von 1945 und der politischen wie militärischen Größe der neuen Weltmächte eine Fügung zu sein. Konservative Kräfte im Westen, die wenigstens eine mentale Hegemonie nationaler Ordnungs- und Kulturvorstellungen in Staat und Gesellschaft beschworen, verloren angesichts zunehmenden Wohlstands, der zu Bequemlichkeit führte, und dem unrühmlichen Siegeszug einer amerikanisierten Weltkultur immer mehr an Bedeutung. Die 68er-Bewegung, die in der Negation der deutschen Nation ihr Fundament hatte, machte ihnen endgültig den Garaus.

Die von der Sowjetunion installierte DDR ersetzte den nationalsozialistischen Volksstaat durch einen sozialistischen Kollektivstaat. Ihr wahres Gesicht zeigte sie spätestens am 17. Juni 1953, als jener Volksaufstand niedergeschlagen wurde, der für Freiheit und Wiedervereinigung eingetreten war. Enteignungen, Willkür, Gängelung oder Mißwirtschaft sorgten für eine Flucht von fast drei Millionen Menschen – darunter viele Unternehmer, Landwirte, Ingenieure. Andere, die ebenso unter den Zwangsmaßnahmen litten, blieben aus Heimatverbundenheit. Der Mauerbau von 1961 war die Bankrotterklärung eines ganzen Systems, das auf Lüge und Gewalt fundierte. Es schien, als sollte das 20. Jahrhundert im ideologischen Wahn versinken.

Die Nation galt nichts mehr: der Blick auf Europa

Für die Nation sollte nach den NS-Verbrechen kein Platz mehr sein, das war das Credo der herrschenden Kräfte. Solidarität speiste sich fortan aus übernationalen Werten, aus der conditio humana. Aus dem Wunsch und Willen der Völker zu Frieden wurde der Schluß gezogen, nur ein politischer und gesellschaftlicher Einigungsprozeß – und damit eine Entnationalisierung – könne für eine bessere Zukunft sorgen. Die Vereinigung Europas stoppte beim Anblick der monströsen Mauer, die den Kontinent über hunderte Kilometer zerschnitt. Ausgerechnet die deutsche Einheit war Bedingung für eine übernationale Vereinigung.

Als der Mut hunderttausender Ostdeutscher die Mauer zu Fall brachte, hatte das von Krieg und Zerstörung bestimmte 20. Jahrhundert ein glückliches Ende genommen. Ein von staatlicher Überwachung gegängeltes und eingesperrtes Volk ging seiner Freiheit entgegen. Die Wiedergeburt der Nation indes blieb aus. Die Euphorie wich schnell, weil sich die Welt und mehr noch wir uns selbst vor einem starken Deutschland fürchteten. Jetzt wollte man sich noch vehementer in ein Europa retten, ohne zu begreifen, daß ein Europa ohne Vaterländer nicht möglich ist. Der in der Präambel des Grundgesetzes beschworene Wunsch, „dem Frieden der Welt zu dienen“, wurde apodiktisch ausgelegt als Absage an eine im doppelten Sinne selbstbewußte Definition der Nation als etwas, das bereits für sich da ist und Wert besitzt. Unsere Staatsmänner waren berauscht vom Gedanken, nunmehr im Imperium der „westlichen Demokratien“ angekommen zu sein.

Wir leben heute in einer Scheinwelt des Konsums: Hauptsache amerikanisch!

Der glückliche Untergang des Kommunismus bedeutete eben auch den Sieg des anderen Universalismus, der mehr ist als ein überlegenes Wirtschaftssystem. Ohne daß wir uns ernsthaft mit unserem eigenen Wesen und unserem reichen Erbe auseinandergesetzt, geschweige identifiziert haben, sind wir ruhmlos in die postmoderne Ära eingetreten. Sie bedeutet Konsum als sozialer Kitt und eine forcierte Internationalisierung des Lebens, weil die nationale Kultur für abgelebt und historisch erledigt erklärt wurde. Die „Kräfte des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens“, von denen Botho Strauß einmal sprach, triumphieren in einer Stunde, in der Europa seine Zukunft endgültig zu verspielen droht.

Heute stehen alle Deutschen blind oder ratlos vor denselben existentiellen Problemen, gleichwohl sich etwa die ethnische Frage in West- und die demographische Frage in Ostdeutschland stärker stellt. Doch wir sitzen in einem Boot und sind keineswegs allein: Mag uns die deutsche Form der „Vergangenheitsbewältigung“ noch so sehr verletzen, so befinden sich Frankreich, England oder Italien in einem ähnlichen Stadium akuter Apathie. Es scheint, als müsse der Weckruf für uns alle kommen, als sei paradoxerweise ein übernationaler Impetus vonnöten, um die „Vielfalt in Einheit“ zu bewahren und wiederzuerlangen.

„Wir brauchen eine permanente produktive Unruhe“

Dieses historische Bewußtsein, die befreiende Aktion der Zeitenwende vom 9. November 1989, sollte Vorbild sein für die Erkundung verlassener Pfade und eine Neuorientierung im Leben der europäischen Völker. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am 3. Oktober 2009 zum Jahrestag der Deutschen Einheit mit Blick auf die Bewältigung der Wirtschaftskrise: „Wir brauchen eine permanente produktive Unruhe, so wie wir sie im Jahre 1989 fast täglich in einer unglaublichen Dichte erlebt haben.“ Es scheint, als habe sie nicht verstanden, was diese produktive Unruhe tatsächlich bedeuten würde: Keine Generierung von mehr Wachstum, sondern ernsthafter Zweifel an den politischen Dogmen unserer Zeit. Hoffen wir, daß die produktive Unruhe unseren Geist erhellt und wir uns stets erinnern an den Mauerfall, der ein Höhepunkt unserer Geschichte war, ist und bleiben wird.

 
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