Am 11. November 1918 war es soweit. Der Erste Weltkrieg ging zu Ende. Nach mehr als vier Jahren, in denen das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei zuletzt etwa 85 Prozent der Weltbevölkerung zu trotzen hatten, schwiegen die Waffen. Der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger unterzeichnete im Wald von Compiègne den Waffenstillstand für die Reichsregierung. Später wurde er hierfür als Erfüllungspolitiker beschimpft und fiel einem Attentat zum Opfer.
Der Waffenstillstand sah den sofortigen Rückzug des gesamten Heeres über den Rhein, die Ablieferung von Waffen und die Internierung der Hochseeflotte vor. Bei Mainz, Koblenz und Köln waren den Ententemächten Brückenköpfe einzuräumen. Die gewaltigen Opfer, 1.800.000 deutsche und 1.500.000 österreich-ungarische Soldaten, waren gefallen.
Das anfängliche Kriegsglück schwand dahin
Was lag nicht alles hinter dem grauen Heer, das nun in seine Heimatkasernen zurückmarschierte? Die Siege von Tannenberg und den masurischen Seen, die Feldzüge in Polen, die grauenvollen Materialschlachten von Verdun, an der Somme und in Flandern, der Sieg über Serbien und die rasche Niederwerfung Rumäniens. Erst ein Jahr lag der unglaubliche Sieg in der zwölften Isonzoschlacht zurück, als man nach dem Durchbruch bei Flitsch und Tolmein 300.000 Italiener gefangen nehmen konnte.
Mit welchen Hoffnungen war man im März 1918 in die große Schlacht in Frankreich gegangen, die die Entscheidung zugunsten der Mittelmächte bringen sollte. Doch im Spätsommer 1918 neigte sich ihr Kriegsglück endgültig dem Ende entgegen. Seit dem Scheitern der österreichischen Offensive an der Piave und den schwarzen Tagen des deutschen Heeres im August war der deutschen Führung klar, dass der Krieg auf den Schlachtfeldern angesichts des immer stärker werdenden amerikanischen Gewichts nicht mehr zu gewinnen war.
Mitte September brach die bulgarische Armee, die an der mazedonischen Front weitgehend auf sich allein gestellt war, zusammen. Ende Oktober begann der Zerfall Österreich-Ungarns. Nur eine kleine Hoffnung schwebte der Heeresleitung noch vor. Die deutsche Hochseeflotte hatte in der einzigen großen Seeschlacht des Krieges am Skagerrak zwar die englische Blockade nicht lösen können, aber immerhin einen Sieg errungen und sich qualitativ überlegen gezeigt.
Ein Versuch „against all odds“
Durch einen gewaltigen Sieg und die Erringung der Seeherrschaft in Nordsee und Atlantik hoffte die Oberste Heeresleitung, das Blatt nun doch noch wenden zu können und die alliierten Truppen in Frankreich von ihrer Versorgung abzuschneiden. Ein Versuch, „against all odds“, wie der englische Gegner sagen würde. Die Aussicht auf einen ehrenvollen Untergang überwog bei der Admiralität. Vielleicht auch die Hoffnung auf eine nochmalige Wende des Krieges. Aber einen letzten Versuch schien die Seeschlacht allemal wert.
Doch zur Ausfahrt der Flotte kam es nicht mehr. Zunächst in Wilhelmshaven, später in Kiel – wo die Matrosen in den Häfen seit langem der Agitation ausgesetzt waren – kam es zu Meutereien. Die Besatzungen weigerten sich auszulaufen. Die Meutereien weiteten sich auf viele Heimatgarnisonen aus und die revolutionären Ereignisse griffen schnell auf die Hauptstadt über. Dort kam es am 9. November zur Abdankung des Kaisers und zur Ausrufung der Republik.
„Die sinnloseste Tat der deutschen Geschichte“
Friedrich Georg Jünger bezeichnete die Ereignisse in Berlin als „Steckrübenrevolution“. Für Oswald Spengler war der Staatsstreich vom 9. November „die sinnloseste Tat der deutschen Geschichte“, getragen von „befreiten Sträflingen, Literaten und Deserteuren“; dem Pack, dessen man sich geschämt hatte, es an die Front zu schicken und die „brüllend und stehlend, von ihrer Wichtigkeit und dem Mangel an Gefahr trunken, umherzogen, absetzten, regierten, prügelten und dichteten.“ Ein einziger Verrat an der echten deutschen Revolution, der von 1914, so erschien Spengler „die Revolution der Dummheit und der Gemeinheit“.
Das aktive Feldheer an der Front blieb von den revolutionären Ereignissen weitgehend unberührt. Bis zuletzt hatte man Schritt für Schritt zurückweichend zähen Widerstand geleistet. Nur im südlichen Elsaß verlief die Front seit Jahren auf deutschem Boden. Im übrigen hatte im Westen bis zum Waffenstillstand kein Soldat der Entente einen Fuß auf das Reichsgebiet gesetzt. Der Rückzug über den Rhein vollzog sich relativ geordnet. Die Revolution beschränkte sich auf die Heimat. Das in Frankreich liegende Heer blieb davon weitgehend unberührt.
Ungeachtet des Waffenstillstandes blieb die Blockade zunächst aufrecht erhalten, was die katastrophale Versorgungslage weiter verschärfte. Auch im Winter 1918/1919 verhungerten viele Kinder in Deutschland, da Lebensmittellieferungen nicht erfolgen konnten.
Naiver Glauben an die Ehrlichkeit der Alliierten
Die neue, aus der Revolution hervorgegangene Regierung vertraute in michelhafter Einfältigkeit auf die Ehrlichkeit der Alliierten. In den 14 Punkten des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson hatten sie eine Neuordnung Europas auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes der Völker versprochen. Was dem Waffenstillstand tatsächlich folgen sollte, war nicht nur ein Annexionsfrieden ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Willen der betroffenen Bevölkerung. Erstmals in der Moderne wurde der Unterlegene nicht ritterlich als Besiegter auf Augenhöhe, sondern als Verbrecher behandelt. Das Zeitalter des „diskriminierenden Kriegsbegriffs“ (Carl Schmitt) war angebrochen. |