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Landauf und landab werden jetzt alle zwei Jahre zu Fußballgroßereignissen die Flaggen gehisst. Und es zeichnet sich ab, dass nach der EM noch mehr Flaggen hängen bleiben als nach der WM. Man könnte das Gefühl bekommen, die Deutschen wollen die staatlichen Defizite im „Flagge-Zeigen“ wettmachen. Fährt man durch Deutschland sieht man Fahnenmasten in Gärten, Flaggen an Häusern, schwarz-rot-goldene Bänder an Autoantennen, vereinzelt auch noch Autofahnen und Deutschland T-Shirts, die von jungen Menschen getragen werden.
Im krassen Gegensatz dazu steht z.B. Frankreich. Hier steht auf jedem größeren Kreisel ein Fahnenmast, Rathäuser und Polizeistellen sind dauerhaft beflaggt. Dafür ist von der Zivilbevölkerung nichts dergleichen zu sehen. Der deutsche Staat hat sich mit seinen Bemühungen, die deutschen Farben aus dem Landschaftsbild zu verbannen, gründlich ins Knie geschossen, denn so können deutsche Bürger viel unbeschwerter mit der Flagge auftreten, da sie nicht sofort an eine staatliche Institution denken. Schwarz-rot-gold ist nun die Farbe des Volkes und nicht nur des Staates und seiner Behörden.
Neues Selbstverständnis der Jugend: Sie kennen es nur schwarz-rot-gold.
Der wichtigste Nebeneffekt ist allerdings, dass die gerade aufwachsende junge Generation der Jahrgänge 1994 und jünger den Umgang mit den deutschen Nationalfarben bewusst nie anders als jetzt erlebt hat. Das Flagge-Zeigen und ein loyales Verhältnis zu den Farben sind für sie normal und selbstverständlich. Diese Jahrgänge feierten während der EM mit Enthusiasmus an ihren Schulen mit der deutschen Fahne, Trikots, Schminke und Hawaiikränzen und dabei handelt es sich keineswegs um einen reinen Partyotismus. Man kann sich die Augen reiben, wie unbeschwert „Deutschland!“ gerufen wird oder wie junge Schülerinnen zusammen mit einer großen Fahne über den Schulhof tanzen.Dieses neue Selbstverständnis gilt jetzt als völlig normal, währenddessen man früher dafür noch ausgelacht wurde.
Zu welcher Nation gehörst zu?
Besonders verwunderlich ist, dass die Bereitschaft, Flagge zu zeigen, bei Mädchen deutlich größer ist als bei Jungs, obwohl man doch traditionell denkt, dass fußballerische Aktivitäten eigentlich Männersache seien müssten. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Motivation nicht aus sportlichem sondern aus emotional-nationalem Antrieb erfolgt. Und wenn man bei männlichen Schulkameraden nachfragt, warum Mann bei der Beflaggung so nachlässig ist, lässt sich feststellen, dass dies in erster Linie aus optischen Gründen erfolgt. Weiterhin ist festzustellen, dass gerade auf Schulen mit erhöhntem Migrationsanteil von Deutschen ihre eigenen Farben gezeigt werden. Auch dies deutet daraufhin, dass ein Bedürfnis besteht sich selbst zu positionieren und von „den anderen“ zu distanzieren. Schließlich ist bei einer rein deutschen Klasse klar, dass alle für Deutschland sind, dort aber (und möge das unterbewusst passieren) möchte man klarstellen, zu welcher Fraktion man gehört. |