Nach der neuesten und wohlverdienten Niederlage der Republikanischen Partei taucht eine jetzt kursierende Ziffer auf, die als Wert einer streng wissenschaftlich geführten Umfrage hingestellt wird. Nach Angaben von „FOX News“ halten sich die meisten Amerikaner für Konservative. Zwei Drittel der befragten Wähler beim Urnengang haben klar gemacht, dass sie von der politischen Mitte etwas rechts stehen. Gleichwohl versteht sich, daß die angeführte Auswertung reinstes Geschwafel ist. Sie unterstreicht aber, dass die Bezeichnung „konservativ“ in den USA ebenso inhaltsleer vorkommt wie dies der Fall bei den Deutschen ist.
"Konservativ" ist ein rücksichtsvoller Begriff geworden
In beiden Ländern bedeutet „konservativ“ das, was die förmlich rechts der Mitte stehenden Parteien oder Parteienkoalitionenen sich gestatten auszusprechen. Mit diesem Begriff nehmen sie Rücksicht auf Gutmenschen im Lande. In beiden Ländern verengt sich der Gefühls- und Ideenraum, worin die nichtlinke Politik geführt werden kann, auf die Äußerung von zunehmend harmlosen Floskeln. In den USA fummeln die GOP Kannengießer an abgeblaßten „Familienwerten“, ohne sich zu wagen, heikle Inhalte einzubringen. Sobald ein mutiger Redner „Familie“ auf zweigeschlechtliche Ehen mit Kindern bezieht, dann gerät er schon auf Irrwege und wird als Nazi oder noch ärger als unempfindlicher Christ abgestempelt.
Die „Konservativen“ beschränken sich daher auf Worthülsen – natürlich mit der Hoffnung, dass der angesprochene Wählerquerschnitt dazu gebracht wird, für den Erzeuger der begrifflich unbestimmten Laute und seine Kumpanen das passende Zettelkästchen anzukreuzen. In der politischen Szene sind die Konfliktabgeneigten als „konservativ“ auszumachen.
„Konservativ“ paßt nicht mehr in einen genauen geschichtlichen Zusammenhang hinein. Die Bezeichnung gehört der stürmischen Gegenrevolution im neunzehnten Jahrhundert an und lebt mit Ständestaat und Erbmonarchie in einem guten und unauflöslichen Einvernehmen. Was als biedermännisch eingeht, steht nicht mit der Spätmoderne im Einklang und die Übung, den Zeitabstand mit dem Wortschmuck „wertkonservativ“ zu überbrücken, genügt nicht, um einen grellen Anachronismus zu verdecken.
"Wertkonservativ" heißt Rückzug
„Wertkonservativ“ übersetzt sich heutzutage nicht als gegenrevolutionär, sondern allenfalls als eine immer auf dem Rückzug befindliche Abwehr des bürgerlichen Lagers gegen den zielbewussten Kulturmarxismus. Von diesem Niveau sinkt die Vokabel beim tagespolitischen Umgang bis zu einer Schmuckware für nicht ausdrücklich sozialistische Kandidaten herab. Dass die meisten Amerikaner sich dieser Standortbezeichnung anschließen, beweist nicht viel, außer daß dem Schlüsselwort jede feste Bedeutung abgeht.
Vor zwei Jahren stufte sich nach einer „Marist-Umfrage“ ein Viertel der Anhänger der damals links gestellten Präsidentenkandidatin Hillary Clinton als „konservativ gesinnt“ ein. Dieser ausgedehnten Sinndeutung nach verzahnen sich „konservativ“ und eine auf Sozialprogramme abzielende Staatspolitik nahtlos ineinander. Kein Wunder, daß „konservative Reformisten“, wie David Frum und David Brooks, für einen auf Staatsleistungen angelegten „Konservatismus“ eintreten. Sie verlangen ein Ja-Sagen von fortschrittlichen Republikanern zu „Schwulen-Ehen“ und Spätabtreibung und werden mit ihrem aus linken Ideen gewürzten Potpourri als Verfechter eines zeitaktuellen Konservatismus medial hochprofiliert.
Allianzen, die unter normalen Umständen, niemals zustande kommen würden.
Wegen des schon entwerteten Konservativbegriffs und angesichts der Abstimmung der „konservativen“ Parteiführer auf die mediale Denkwelt kommt es schon dazu, daß Rechte mit Libertären beginnen zu verhandeln. Natürlich erfolgt das nicht aus restlos kompatiblen Weltansichten. Viele Traditionalisten, vor allem die sogenannten „Paleokonservativen“, kommen inhaltlich nicht mit dem libertären Kampflager zurecht. Warum sich diese Rechten trotzdem um Ron Paul scharten, entspringt dem Kalkül, eine wirkmächtige Allianz dem Zentralstaat als linkes Werkzeug entgegenzustellen. Alle Gleichgesinnten ärgern sich über den trügerischen „konservativen“ Zettel und erst recht über das wertkonservative Schönreden, das hervorgeholt wird, jedesmal wenn ein republikanischer Linksruck unterwegs ist.
Irreführend ist eine Wertfixierung, die erlaubt, Wertgehalte je nach Bedarf zu wechseln. In den USA glitt die konservative Bewegung von einer in den 1950ern unternommenen Verteidigung der Ungleichheit zu einer Kehrtwendung hinüber, die darin besteht, die menschliche Gleichheit vor andere Werte zu setzen. Unnötig ist es anzumerken, daß der Wertwandel auf eine wechselvolle Zeitaktualität abgestimmt ist. Vor zwei Jahren wurde Kanzlerin Merkel auf einem Wahlkampfauftritt in Münster gedrängt, ein Beispiel von ihren verehrten „konservativen Werten“ vorzubringen. Die einzigen Werte, die sie damals aufzählte, waren Gleichheit der Geschlechter und das Festhalten an einer demokratischen Staatsform. Daraufhin grummelten die Grünen mit Recht, daß Merkel ihre Grundwerte geklaut hätte. Statt den Positionen der Linken christliche beziehungsweise bevorzugt bürgerliche Anliegen entgegenzuhalten, beschlagnahmten Merkel und ihre Berater die Lautbisse ihrer Wahlgegner.
Nicht erst eine Begriffsgenehmigung einholen
Seit langem schlage ich vor, „konservativ“ gegen „bürgerlich-liberal“ oder „rechtsgesinnt“ auszutauschen. So überfrachtet mit Lug und Trug ist der Begriff „konservativ“, daß die bloße Aussprache davon ehrlichen Menschen den Magen verstimmen müßte. Nur zwei Gruppen kommt es entgegen, mit diesem Zettel zu hantieren: die linken Medien und die Drahtzieher der „Conservative Movement“. Leicht denkbar ist es, warum die Linke der laufenden Namenzuteilung ihre Genehmigung angedeihen läßt. Eine zu ihrer Seite sich hinbewegende Opposition, die als „konservativ“ firmiert, führt dazu, die hartgestrickte Rechte auszugrenzen. Durch die Angleichung von rechts und links zugunsten der Linken kann man in Windeseile die Tragweite der zulässigen Parteiungen in einem heimligen Denkgehäuse einengen. Es ist mehr Schein als Sein, wenn die Hartlinken gegen die schon kupierte „konservative“ Rechte als Rückschrittliche donnern.
Die geeigneteren Dunkelmänner haben die Medien und den Lehrstand schon mit einstudierten Wutanfällen und Maulkorbverordnungen aus dem Zimmer bugsiert. Ebenso leicht zu erklären ist es, warum die Führungsschicht den betreffenden Zettel nicht aufgeben will. Es kommt ihnen gelegen, als Fortsetzer einer mäßigen, das heißt, zahnlosen Rechtsbewegung weiter zu funktionieren. Auch wenn sich der Anspruch als der reinste Aufputz erweist, will man das Äußere bewahren. Vorrangig treibt man aus allem öffentlichen Gespräch unter den Mäßigen die Unentwegten heraus. Und so wirken die Mittleren einvernehmlich, den Scheinkonservativen das ausschlaggebende Wort unter den Nichtlinken zu erteilen.
Bürgerliche Rechte zurückerkämpfen und weg mit inhaltslosen Floskeln
Es ist an der Zeit, mit dieser Worttäuschung Schluß zu machen. Statt eine veraltete Etikettierung mit wandelnden Wertreden zu verbrämen, wäre es der Mühe wert, der volksverbildenden Verwaltungsregierung Zügel anzulegen. Die heutige, massendemokratische Beamtenschaft muß in ihre Schranke gewiesen werden. Sie verfügt keineswegs über eine Pauschalerlaubnis, in Familienbeziehungen einzugreifen und Gemeinschaftsrollen umzubesetzen. Die Bürgerschaft muß angefeuert werden, ihre verbrieften Rechte im Angesicht einer gebieterischen Regierungsart wieder zu behaupten. Eine solche Aufgabenstellung aber hat mit dem heutigen Wertekonservatismus gar nichts zu tun. Die in Frage stehende Ideologie dient dazu, jeden weiteren Schritt der Wohlfahrtsregierung über anständige und traditionsbestimmte Grenzen hinaus zu rechtfertigen. Der mit dem Konservativzettel zum Rennen Antretende muß sich vor allem hüten, die linke Herrscherklasse übermäßig zu verdrießen. Aber das ist schon eine ausgemachte Sache. Die wertekonservative Koalition in Deutschland beeilt sich kopfüber, den von links betriebenen „Kampf gegen Rechts“ mitzumachen und mit Steuergeldern zu berieseln.
Und das ist nicht verwunderlich, wenn „Dauerwerte“ auf Wahlzielgruppen gemünzt und Meinungsäußerungsrechte zurückgesetzt werden. Diese Tätigkeit spiegelt weder das Beschützen eines Vaterlands noch die Bedienung eines traditionellen Standes wider. Sie besorgt Konsumprodukte, die unbekümmert zu entsorgen sind, sobald das neueste Ringen um das Patronat vorbei ist. Der moralisierenden, gemeinschaftswidrigen Politikklasse gilt es entgegenzurufen: „Weg mit den inhaltslosen politischen Wertlehren!“ |