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Deutschland, uneinig Vaterland PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Gerhard Lippert   
Mittwoch, den 04. März 2009 um 01:00 Uhr

Dem deutschen VolkeIn diesem Jahr wird der 20. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Es liegt in der Dichte und Tragik des letzten Jahrhunderts begründet, daß sich dieses glückliche Ereignis der deutschen Geschichte sein Jubiläum mit der Gründung der drei deutschen Republiken teilen muss, die sich mit den Städten Weimar, Bonn und Ostberlin umschreiben lassen.

Deutsche Identitätskrise ein Hemmnis

Das große Glück von Mauerfall und Wiedervereinigung relativiert sich schnell, wenn man in diesen Ereignissen bloß die überfällige Teilrevision des größten Unglücks, 1945, erblickt. Ebenso ernüchternd muß man auf das mangelnde innere Zusammenwachsen dieser deutschen Teilgebiete schauen, die jahrhundertelang gemeinsam dem Deutschen Reich angehörten. „Ossis“ und „Wessis“ sind sich bis heute fremd geblieben, und es wird womöglich noch eine Generation dauern, bis die Wunden geheilt sind.

Narben werden ganz sicher zurückbleiben. Aber was sind die Ursachen dieser Barrieren in den Köpfen, dieser Vorbehalte, gegenseitigen Vorwürfe und Zwietracht? Daß Millionen „Wessis“ noch nie einen Fuß auf die ehemalige DDR gesetzt haben, kann keine hinreichende Erklärung sein, wobei sich hier schon Ursache und Wirkung mischen. Die Gründe liegen tiefer, sie hängen maßgeblich mit der deutschen Identitätskrise zusammen.

Der Bundesrepublik fehlt eine echte Verfassung

Der vom 68er-Geist und Schuldkult durchsetzte Westen vermochte es anno 1989/90 nicht, die vorhandenen nationalen Stimmungen der „Friedlichen Revolution“ aufzugreifen und einer gemeinsamen Erneuerung des deutschen Bewußtseins und Staates zuzustreben. Man argumentierte vielmehr pragmatisch und regelte die Wiedervereinigung über Art. 23 GG, sprich den Beitritt der „neuen Länder“ zur Bundesrepublik, um auf diese Weise das bewährte Grundgesetz zu erhalten, statt durch Art. 146 GG eine Nationalversammlung zur Erarbeitung einer neuen Verfassung einzuberufen, wie es der Parlamentarische Rat ursprünglich vorgesehen hatte.

Die Frage, ob dieser Weg durch den Willen der Ostdeutschen legitimiert war, ist irrelevant, denn im Nachhinein findet sich hier einer der zentralen Gründe für die deutsche Zweiheit in Einheit. Viele Ostdeutsche fühlen sich nicht ernstgenommen und haben das dumpfe Gefühl, daß ihnen etwas übergestülpt wurde: nicht primär eine staatsrechtliche Verfassung, sondern die „BRD-Identität“, die keine gesamtdeutsche ist und vielfach von Negationen lebt. Zugleich verschwand ihre eigene „DDR-Identität“, die nichts mit Politik und Weltanschauung zu tun haben mußte, sondern sich aus Institutionen und Alltäglichkeiten speiste. Quasi über Nacht sollte diese Identität verschwinden, womit die Probleme vorgezeichnet waren. Es wurde nicht bedacht, daß eine neue Republik entstehen mußte, wenn man zu einer wirklichen Einheit gelangen wollte. Das Schlagwort „Berliner Republik“ täuscht über die Realitäten nur hinweg.

Mit Ausnahme der Milliardenbeiträge für den „Aufbau Ost“ blieb alles gleich, und an die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und einer zukünftigen Idee von Deutschland wurde mehrheitlich nicht einmal gedacht. Kurz nach der Wende erwartete der Westen die baldige wirtschaftliche Eigenständigkeit der „neuen Länder“ sowie eine gewisse Dankbarkeit für die geleisteten Transferzahlungen. Viele Ostdeutsche haben diese unterschwellige kühle Nutzenkalkulation vieler „Wessis“ als Herabsetzung empfunden, und auch heute noch wird zumeist rein finanziell und materiell argumentiert, ja polemisiert: denen „da drüben“ gehe es doch mittlerweile viel besser als uns, wozu sollten wir „Wessis“ dann noch den „Soli“ zahlen?

Mal abgesehen von der wenig bekannten und politisch nicht kommunizierten Tatsache, daß auch die ostdeutschen Arbeitnehmer den Solidaritätsbeitrag zahlen und dieser in den Bundeshaushalt fließt, fehlt es merklich an einer außerökonomischen, patriotischen Betrachtungsweise. Damit wird an der Ost-West-Problematik zugleich der grundsätzliche Verfall des kulturellen und sittlichen Empfindens der Deutschen deutlich.

Entnationalisierung war schon vor 1989 in vollem Gang

Wer blickt noch auf die Jahrhunderte zurück, als Potsdam Zeichen deutscher Staatlichkeit und Weimar Sinnbild deutscher Kultur war? Die Wiedervereinigung fiel unglücklicherweise in eine Zeit fortgeschrittener Entnationalisierung, da schien selbst für die stets zu spät kommenden Deutschen der Zug für eine „verspätete Nation“ (Helmuth Plessner) abgefahren. Es bleibt die Ironie der Geschichte, daß ausgerechnet die DDR-Führung in den Jahren vor der Wende an der Rehabilitierung des Preußentums samt Persönlichkeiten wie Bismarck oder Stauffenberg arbeitete und so zu einer deutschen Identität, wenn auch unter sozialistischem Vorzeichen, hätte beitragen können.

Nichtsdestotrotz, zu einer wenigstens gefühlten Nation hat es bis heute nicht gereicht, weil wir uns einredeten, „aus unserer Geschichte lernen“ zu müssen. Die Orte und Landschaften mit der dichtesten Historie und größten nationalen Bedeutung liegen mehrheitlich auf ostdeutschem Gebiet. Aber wenn das nationale Gedächtnis auf Auschwitz reduziert werden soll und die kulturellen Leitmotive seit Jahrzehnten aus dem Ausland importiert werden, wird diese Tatsache vergessen oder aber für nichtig erklärt. Ohne Rückgriff auf die positiven Seiten deutscher Geschichte und den Wert von gemeinsamer Sprache und Kultur wird es jedoch nicht möglich sein, die innere Zwietracht zu überwinden und unsere nationale Eigentümlichkeit nach außen zu bewahren.

Unvollendete Einheit

Es ist absonderlich, wie sehr 40 Jahre trennen können angesichts über 1000 Jahre gemeinsamen Schicksals. Sicher, vieles wird auch schlicht an landsmannschaftlichen Wesensunterschieden  liegen, die früher ebenso bestanden oder noch stärker waren. Norddeutsche und Bayern mögen sich häufig ebenso nicht; das ist keine Frage von Ost oder West. Solange aber der „Wessi“ im Thüringer den „Ossi“ oder der „Ossi“ im Schwaben den „Wessi“ erblickt, ist die Einheit Deutschlands noch nicht vollendet.

 
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