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Nach Jörg Friedrichs ausgezeichnetem Werk „Der Brand“ und Björn Schumachers „Die Zerstörung deutscher Städte im Luftkrieg“ hält zusehends auch diesseits der deutschen Ländergrenzen eine scheuklappenfreie Betrachtung der deutschen Geschichte Einzug. Trotz des erlittenen Leids tut man sich hierzulande schwer, Empathie mit den eigenen Toten zu empfinden, was wissenschaftliche Versuche der Entkrampfung häufig in braunem Licht erscheinen lässt. Mit Nicholson Baker widmet sich nun ausgerechnet ein Nachfahre der Sieger des Zweiten Weltkrieges der kritischen Aufarbeitung des alliierten Bombenkrieges und läuft damit bewusst Gefahr, den Bannstrahl des Nestbeschmutzers auf sich zu ziehen.
Aber wie sagte der Philosoph und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg treffend: „Man kann die Fackel der Wahrheit nicht durch die Menge tragen, ohne dabei jemandem den Bart zu versengen.“ Revision eines festgefahrenen Geschichtsbildes Eine zeitlose Bemerkung, wie nicht zuletzt die Wucht zeigt, mit der „Menschenrauch“ (im engl. Original „Human Smoke“) in der Anglosphäre einschlug: Auf der Skala von „Verrat an den Toten“ (New York Times) bis zu einem „der wichtigsten Bücher, das Sie je lesen werden" (Los Angeles Times) ist alles an Urteilen verbucht. Was nicht sehr wundert, da Baker, der zuvor eher mit Trivial- oder Skandalliteratur wie Die Fermate (1994) und Vox (1992) von sich Reden machte, in seinem Schriftwerk ein zementiertes Schwarz-Weiß-Bild untersucht, das nicht weniger als Gerüst des heutigen Geschichtsverständnisses ist: gute und ehrenhafte Alliierte hier, barbarische Achsenmächte da. Eine Sicht, die sich zudem cineastisch und literarisch immer gut vermarkten lässt. Wie Baker im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung zusammenfasst: „Churchill hat den Krieg nicht begonnen. Aber er hat ihn radikalisiert, viele haben ihn radikalisiert. [...] Er war derjenige, der mit der systematischen Bombardierung der Städte begann und diese systematisch weitertrieb, in der irrigen Hoffnung, auf diese Weise die Moral der deutschen Zivilbevölkerung zu brechen.“ Ein starker Wind sicherlich, aber auch die längst überfällige Durchlüftung einer historischen Nabelschau, deren Pulver durch den Kalten Krieg feucht geblieben ist. Im Buch existiert kein einheitlicher Erzähler, Baker selbst enthält sich jeden Kommentars. Stattdessen findet der Leser eine Textcollage vor, ein Mosaik aus Zeitungsnachrichten, Tagebucheinträgen und Reden, die gerade durch diese Abwesenheit einer narrativen Instanz einen authentischen Anstrich erhalten. So wird die Darstellung durch Bezugnahme auf hochrangige Staatsmänner wie auch gewöhnliche Bürger vertikalisiert, so dass sich ein Fächer von zuweilen gänzlich unterschiedlichen Ansichten entfalten kann. In diesem Zuge dringt Erstaunliches an die Oberfläche. Schließlich ist hierzulande mitnichten bekannt, dass der britische Kriegspremier Winston Churchill anfänglich Mussolini und Hitler verehrte und in seinen Elogen fast servile Töne anschlug. Während eines Rombesuches 1937, dem Jahr immerhin, in welchem der Spanische Bürgerkrieg einen ersten Vorgeschmack auf künftige Kriege offerieren sollte, ließ er den Duce wissen: „Wäre ich Italiener, so hätte ich vollen Herzens von Anfang bis Ende Ihres siegreichen Kampfes gegen die gemeinen Gelüste und Begierde des Leninismus auf Ihrer Seite gestanden.“ Nach der britischen Kriegserklärung am 3. September 1939 schlug diese Preisung dann in Hass in Reinkultur um. Churchill, dem von Lord Halifax eine ungestüme, weitschweifige und sprunghafte Art beigemessen wurde, steigerte sich nun in die menschenverachtende Forderung, „alle Deutschen, Männer, Frauen und Kinder“ durch die Royal Navy auszuhungern. Dass die britische Hungerblockade jedoch die besetzten Gebiete am schwersten traf, ließ „die Bulldogge“ dabei nicht gelten. Zudem veranlasste Churchill machiavellistisch, die Luftangriffe auf zivile Ziele in Deutschland im Zuge des britischen „Moral Bombing“ auszuweiten, obwohl dessen Wirkung bereits 1936 als widerlegt, ja sogar als in der Sache kontraproduktiv galt. Wie skrupellos die „Royal Air Force“ um Arthur Travers „Bomber“ Harris bei ihren von höchster Stelle gebilligten Verbrechen zur Tat schritt, unterstreicht auf morbide Weise, dass einem Bericht zufolge nicht mehr als ein Prozent der Bomben die anvisierten Ziele überhaupt trafen. Damit befanden sich die Briten wissentlich im krassen Widerspruch zur Haager Landkriegsordnung, die zwar selbst noch keine speziellen Richtlinien für den Luftkampf beinhaltete, aber ausdrücklich dazu verpflichtete, das Leben von Nicht-Kombattanten aus Feindstaaten zu schonen. Jedenfalls nimmt so ihr moralischer Richterspruch von Nürnberg die Züge einer tragikomischen Farce an. Einzig das Kriegsende verhinderte ABC-Kriegsführung in Europa Glück im Unglück war für Deutschland das relativ frühe Kriegsende, was alleinig den Einsatz von Massenvernichtungswaffen in Europa verhinderte. Entsprechende Pläne waren von britischer Seite bereits ausgearbeitet worden, wie beispielsweise die aus der Retrospektive fast skurril erscheinende Maßnahme, über Deutschland zwei Millionen Milzbrand verseuchte Kekse abzuwerfen, um so das Vieh zu töten. Neben dem Kriegsschauplatz Europa seziert Baker auch das pazifische Theater. Detailliert legt er dar, wie die USA durch gezielte Provokationen das Feuer des Krieges bewusst anfachten und tatsächlich alles andere als eine friedliebende Nation waren, die 1941 durch den hinterhältigen Angriff auf Pearl Harbor überrascht wurde. Dass ein japanischer „Befreiungsschlag“ nach dem verhängten Ölembargo nur noch eine Frage der Zeit gewesen sein durfte, musste auch dem naivsten Diplomaten klar gewesen sein. Roosevelt selbst jedenfalls schien genau im Bilde über die Tragweite einer solchen Maßnahme, worüber das Tagebuch des damaligen US-Kriegsministers Henry Stimson Aufschluss gibt. Nach einem persönlichen Gespräch mit dem Präsidenten wird dieser mit folgenden Worten zitiert: „Es fragt sich, wie wir sie [die Japaner, Anm. d. Verf.] dazu bringen können, den ersten Schuss abzufeuern, ohne uns selbst in allzu große Gefahr zu begeben.“ Der Krieg hatte mehr als nur ein „Kraftzentrum“ Die Frage drängt sich also auf, wo die Grenze zwischen Kriegs- und Friedensstatus verläuft, oder ob sie nicht fließend ist. Ist eine wirtschaftliche Maßnahme, die einer Nation die Pistole an die Schläfe setzt, nicht bereits der Auftakt zu einem militärischen, völkerrechtlichen Krieg? Carl Schmitt meinte dazu: „Für diejenigen, die mit außermilitärischen, zum Beispiel wirtschaftlichen Zwangs- und Einwirkungsmöglichkeiten ihren Willen durchsetzen und den Willen ihres Gegners brechen können, ist es ein Kinderspiel, den militärischen Krieg alten Stils zu vermeiden, und diejenigen, die mit militärischer Aktion vorgehen, brauchen nur energisch genug zu behaupten, dass ihnen jeder Kriegswille, jeder animus belligerandie fehlt.“ Demzufolge könnten das amerikanische Ölembargo und die gezielte Aufrüstung Chinas und der Sowjetunion als erste Kriegshandlung aufgefasst werden, was nicht weniger als die geistige Unterhöhlung der gesamten Nachkriegsordnung bedeutete. Aber gerade an dieser Stelle wird Bakers narrative Enthaltsamkeit zum Wermutstropfen. Auch wenn die Meinung des Autors selbst wie Wasser durch die Zeilen tropft, fehlt es an einer ausdrücklichen, finalen Positionierung des Amerikaners zu seinem Untersuchungsgegenstand. Eine kommentarfreie Sammlung historischer Dokumente kann den Wissens- und Erkenntnisdurst materiehungriger Leser nicht zur Gänze befriedigend. Dass Baker hingegen zu klareren Worten durchaus in der Lage ist, beweist gerade sein Interview mit der Süddeutschen: „Und ganz bestimmt war es so, dass dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor eine lange Reihe von amerikanischen Provokationen gegen Japan vorausgegangen waren, nicht zuletzt auf dem Umweg über China. Ich will nicht die Verantwortung für diesen Krieg nivellieren. Ich sage nur, dass eine Katastrophe von solchen Ausmaßen mehr als ein Kraftzentrum hat.“ Na also Herr Baker, geht doch. |