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Die Befreiungskriege gegen Napoleon werden üblicherweise mit Preußen, dem Jahr 1813 und schließlich der Völkerschlacht bei Leipzig verbunden. Doch der Sturm brach schon einmal los, als Preußen noch still hielt. Der Beginn des ersten Befreiungsversuches durch die Armee Österreichs unter Erzherzog Karl jährt sich am 10. April zum zweihundertsten Male und die weißen Dragoner des Kaisers Franz, seine Kürassiere und Grenadiere verdienen es nicht weniger in Ehren gehalten zu werden als die Lützower Jäger oder Schills Husaren.
Österreich tritt Frankreich alleine gegenüber
Nach dem Debakel des Krieges von 1805 mit der schmachvollen Kapitulation des Generals Mack in Ulm und der Niederlage von Austerlitz war die österreichische Armee gründlich reformiert worden. Mit Erzherzog Karl, einem jüngeren Bruder des Kaisers, stand nunmehr der wohl fähigste Offizier des österreichischen Heeres an der Spitze der Streitkräfte. Und Österreich war entschlossen, die Führung des deutschen Widerstandes zu übernehmen und den neuen Waffengang zu wagen. Erzherzog Karl stand der Wiener Kriegspartei mit einigem Abstand gegenüber. Er schätzte die Chancen eines österreichischen Alleingangs realistisch ein. Gleichwohl begann er akribisch mit der Reorganisation des österreichischen Heeres.
Trotz der territorialen Einbußen nach der Niederlage von 1805 stand noch immer eine große Anzahl waffenfähiger Männer zur Verfügung und Österreich war gewillt, die Wehrkraft nach dem Vorbild der französischen Volksheere viel stärker auszuschöpfen, als das bisher der Fall gewesen war. Jedes der sechsundvierzig deutschen Infanterieregimenter stellte zwei zusätzliche Bataillone mit kurzfristig ausgebildeten und dann zu jährlicher Wehrübung einberufenen Mannschaften auf. Auch die Ungarn wollten nicht zurückstehen und der Reichstag zu Preßburg bewilligte außer dem Recht zum Aufgebot der ungarischen Insurrektion von 60.000 Mann zusätzlich 20.000 Rekruten und eine Reserve von 11.000 Mann. Im Sommer 1808 begann man zudem mit der Aufstellung von Landwehrbataillonen. Jeder bislang nicht aufgebotene Dienstpflichtige zwischen 18 und 45 Jahren sollte der Landwehr angehören, die nach Kreisen in Bataillone eingeteilt wurde und einmal im Monat zur Gefechtsübung zusammentrat.
So war die Stärke der österreichischen Armee, dessen Offizierskorps sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus Söhnen des katholischen deutschen Adels auch außerhalb der österreichischen Erbländer, etwa aus dem Rheinland, aus Westfalen und aus Franken zusammensetzte, durchaus beeindruckend. Die planmäßige Mobilmachung und der Aufmarsch begannen im Januar 1809. Sechs aktive Korps und zwei Reservekorps bildeten die an der bayerischen Grenze aufmarschierte Hauptarmee, daneben rückten sechzigtausend Mann unter Erzherzog Johann gegen Oberitalien und ein weiteres Korps unter Erzherzog Ferdinand von Krakau gegen das Großherzogtum Warschau. In zweiter Linie standen weitere Reserveeinheiten und die neu aufgebotene Landwehr. Frankreich war in viele Kriege verwickelt Die Gelegenheit zum Waffengang erschien zu Beginn des Jahres 1809 günstig. Napoleons Truppen schienen in Spanien durch die nicht enden wollenden Kämpfe gegen die beweglichen Engländer und die fanatischen spanischen Partisanen gebunden und in Deutschland gärte der Haß auf die französischen Besatzer an allen Ecken und Enden. Die österreichische Propagandamaschinerie arbeitete unermüdlich, um diesen zu schüren und in einen breiten Aufstand münden zu lassen. Das Haus Habsburg sah sich vielleicht erstmals als Anführer der nationalen Befreiung. Heinrich von Kleist schrieb im März 1809: An den Erzherzog Karl Schauerlich ins Rad des Weltgeschickes Greifst du am Entscheidungstage ein, Und dein Volk lauscht, angsterfüllten Blickes, Welch ein Los wird ihm gefallen sein. Allerdings ließ die innere Festigung der neu aufgestellten Truppen noch zu wünschen übrig. Die Marschfähigkeit der Infanterie blieb noch hinter den notwendigen Anforderungen zurück. Auch waren die Stäbe in der taktischen Schulung bei weitem nicht auf dem Stand der französischen Generäle.
Die Maßnahmen vor Napoleon geheim zu halten war unmöglich. In Paris war man über die österreichischen Rüstungen genau im Bilde. Ohne Rücksicht auf die Kämpfe in Spanien begann Napoleon mit der Aufstellung einer neuen Grande Armée für Deutschland. Seinen deutschen Satellitenstaaten befahl er die Mobilmachung.
Trotz aller Rüstungen standen Österreichs Chancen schlecht, den Sieg alleine zu erfechten. Zahlenmäßig war man selbst mit der Landwehr den vereinten Franzosen, Italienern, Polen und Rheinbundtruppen unterlegen. Erzherzog Karl, seinem Naturell her eher der Verteidigung zugeneigt, widerstrebte der offensiven Kriegsführung. Aber das wichtigste Kriegsziel war die Loslösung der deutschen Vasallenstaaten von Frankreich und eine Sprengung des Rheinbundes. Dies war durch eine Verteidigungsstrategie nicht zu erreichen, sondern erforderte einen kräftigen Vorstoß durch Süddeutschland. So blieb Erzherzog Karl nur die Offensive.
Hoffen auf preußische Unterstützung
Für den Stoß zum Rhein standen zwei Linien zur Verfügung, die südliche von Oberösterreich auf Straßburg oder die nördliche von Böhmen entlang des Mains. Erzherzog Karl entschied sich für die nördliche, trotz größerer Schwierigkeiten des Aufmarsches über die Pässe der bayerisch-böhmischen Grenzgebirge. Er suchte die Nähe Preußens, von wo er bis zuletzt auf Unterstützung hoffte.
Doch Friedrich Wilhelm III. erklärte sich am 13. März entgegen dem Drängen seiner Offiziere für neutral. Die preußische Neutralität und die Nachricht, Napoleon sammle seine Heeresmassen an der Donau zu einem Stoß auf Wien, veranlasste die österreichische Heeresführung, die Aufmarschplanung nochmals entscheidend abzuändern. Erzherzog Karl zog am 20. März vier Korps nach Süden, um am Inn nach Bayern vorzustoßen und damit einen Vorstoß der Franzosen nach Wien zu verhindern. Hierdurch gingen drei Wochen verloren und die Franzosen gewannen Zeit, ihre Truppen in Bayern zu sammeln. Die Chance eines schnellen Stoßes zum Rhein war damit vertan.
Am 10. April überschritten die Hauptmassen des Heeres die bayerischen Grenzen. Noch immer setzte Erzherzog Karl seine Hoffnung auf einen Fahnenwechsel des bayerischen Heeres. Ein solcher Fahnenwechsel hätte die Franzosen unter Davoût und Masséna, die verstreut in der Oberpfalz und in Niederbayern lagen, in arge Bedrängnis gebracht.
Folgende Proklamation richtete Erzherzog Karl an die Bayerischen Truppen:
„Tapfere Krieger Bayerns! Österreichs Armee nähert sich Euch.
Ihr kennt ihren Anführer. Nie hat er für eine andere Sache als für Deutschlands Freiheit gefochten. Ihr selbst habt schon vereint mit Österreichs Heeren gegen den gemeinschaftlichen Feind unseres Vaterlandes gekämpft.
Dieser Feind kennt Euere Tapferkeit; er will sie zu Kriegen, die Euch fremd sind, für seinen Ehrgeiz nützen. Schon mußtet Ihr die weiten Steppen Polens mit Euerem Blute befeuchten, gegen verwandte Souveräne Eueres Königs, gegen Völker, die nie Euere Feinde waren. Schon müßtet Ihr in Spanien bluten, wenn wir nicht zu Euerer Erlösung herbeigeeilt wären.
Tapfere Krieger Bayerns! Verschwendet nicht Eure Tapferkeit, um Euch selbst Fesseln zu schmieden. Nur in französischen Lagern sind Euere und Eueres Königs Feinde. Napoleon wird Euerem Könige nicht besser als dem Könige von Spanien lohnen. Im österreichischen Lager sind Euere wahren Freunde. Hier wird für Euere Freiheit und für Euern König gefochten. Unter diesen Fahnen müßt Ihr für Deutschland, für Bayern, für Euer königliches Haus kämpfen. Welch ein Flecken in Euern Jahrbüchern wäre es, wenn Bayern ohne Euere Hilfe von fremdem Joche befreit würde!“
Auch die Bayern helfen nicht
Die österreichischen Truppen fanden bei ihren Übergängen nach Bayern keine Gegenwehr. Die bayerischen Einheiten zogen sich überall unbehelligt und ohne Kampfhandlungen zurück, nur in Passau machten die Österreicher einige Gefangene. So blieb bis zuletzt die Hoffnung eines Seitenwechsels aufrecht. Erst am 16. April und angesichts der starken Präsenz der Franzosen wurde diese Hoffnung endgültig zunichte, als es zu ersten ernsthaften Kampfhandlungen mit den bayrischen Truppen bei Landshut kam.
So blieb Österreich, von dem Zug des Herzogs von Braunschweig und den lokalen Aufstandsbewegungen abgesehen, in seinem Krieg von 1809 auf sich allein gestellt. |