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Der Hunger in Afrika schadet uns selbst PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kristina Kesselring   
Mittwoch, den 29. April 2009 um 01:00 Uhr

Hungerndes KindKürzlich sah ich im Spätprogramm auf ZDF Doku eine Gesprächsrunde zum Thema „Der Hunger Afrikas“. Zunächst wollte ich weiterschalten. Einem Haufen alter, dicker Männer zuzusehen, der über Hunger quatscht, interessiert mich nicht. Doch aus irgendeinem Grund verharrte mein Finger auf der Fernbedienung, anstatt den Kanal zu wechseln. Die genannten Zahlen mussten meinen Finger gelähmt haben. Wusstest Du, dass jeder achte Mensch, also insgesamt 852 Millionen Menschen, jährlich an Hunger stirbt? Täglich sterben weltweit mehr als 100 000 Menschen, die meisten in Asien und Afrika. Das sind ungefähr 69 pro Minute, 11 davon Kinder.

Alle sieben Sekunden stirbt ein Kind aufgrund Hungers

All das, obwohl weltweit so viele Lebensmittel produziert werden, dass 12 Milliarden Menschen davon ernährt werden könnten. Jeder von uns verfetteten Wohlstandsanhängern kann bezeugen, dass diese dramatische Situation an Schrecken verloren hat. Wo sind die Bilder von hungernden Säuglingen mit aufgeblähten Bäuchen in den Nachrichten? Wo sind die Berichte weinender abgemagerter Mütter, die ihre toten Kinder in die Kameras halten? Aber selbst wenn es sie gäbe, würden sie nur einen Bruchteil des Elends ausmachen. Wir hören nicht viel. Die Medien berichten erst, wenn es schon zu spät ist oder wenn Naturkatastrophen, Kriege oder Vertreibung die Situation besonders verschärft haben. Menschen in afrikanischen Dürregebieten, Flüchtlingslagern und Ghettos leiden unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit.

Keiner von uns weiß genau, wie hungernde Menschen leiden. Wir wissen, was Appetit ist, aber nicht, was wahrer Hunger ist. Hier geht es um Leben und Tod.

Einigen Lesen dürfte der folgende Fall bekannt sein: Im März 2005 krepierte in Hamburg ein sieben Jahre altes Mädchen. Ihre Eltern hatten es in einen Raum gesperrt. Um ihren Hunger zu stillen, aß es die von der Wand gekratzte Tapete, seine Haare und Teppichfliesen. Ja sie krepierte, kein sauberes und schnelles Sterben, wenn es so etwas geben sollte. Dieses Leiden dauert Tage, wenn nicht sogar Wochen. Kein Platz für Erbarmen, kein Platz für Menschlichkeit. Und das allerwichtigste: Es ist weit weg von uns.

Wer von uns kann schon behaupten, jemals wahren Hunger verspürt zu haben?

Sicher, viele wollen sogar helfen. Doch hört man, dass man Spenden soll, sträubt man sich zugleich dagegen, weil man weder weiß, wohin das Geld wirklich fließt, noch ob es überhaupt in den Ländern ankommt. Zu oft landet Entwicklungshilfe in den Därmen korrupter Staatsapparate und scheitert somit.

Der Welthandel ist nicht so fair, wie wir naiven Bürger meinen. Industrieländer wie Deutschland und Amerika subventionieren landwirtschaftliche Überschüsse und exportieren sie massiv verbilligt in Entwicklungsländer, wo sie die Bauern der Dritten Welt in den Ruin treiben.

Wo ist also der Fehler im System, in dem es viele gibt, die helfen wollen, und doch so wenig ankommt? Wir haben innerhalb der letzten 40 Jahre über 1200 Milliarden Dollar für diese Länder ausgegeben. Wir spenden uns dumm und dämlich und schicken ganze Bataillone an Beratern zu den betroffenen Regierungen. Und es hat nichts genutzt! Wir meinen es gut, das schon. Aber in über 40 Jahren haben wir immer noch nicht den einfachsten Sachverhalt begriffen: es geht nicht um die Regierungen, sondern um die kleinen Landwirte, die Bauern.

Wir subventionieren Firmen, so dass sie anstatt in Afrika in Deutschland produzieren und Nahrungsmittel dann teuer nach Afrika verschiffen. Wir wollen wenige Arbeitsplätze bei uns schaffen und haben zugleich Schuldgefühle, dass in den armen Ländern Hunderttausende von Kindern verhungern. Und dann wundern wir uns, wenn die Armen tausendfach in unser „goldenes“ Europa wollen?

Wir sind selbst daran schuld, dass es Flüchtlingswellen gen Europa gibt

Wir beschweren uns, dass die Einwanderer unser Land überfluten, uns hier die Arbeit wegnehmen – was übrigens wenige tun, weil sie nicht qualifiziert genug sind –, obwohl wir den Männern und Frauen in ihren eigenen Ländern alle Möglichkeiten des (Über-)Lebens nehmen. Wir sind verdammte Heuchler!

Diese Menschen sind keine „Maden“, die uns unsere Lebensgrundlage wegnehmen wollen. Sie wollen nur überleben. Warum nehmen sie die gefährlichen Landwege auf sich, verstecken sich in Lastwägen und verhungern auf kleinen Kähnen im Mittelmeer? Weil sie überleben wollen und das in ihren Ländern nicht können.

Wir vereiteln die freie Marktwirtschaft in Afrika mehr als woanders. Die Dumpingpreise der europäischen riesigen Konzerne vertreiben die kleinen Bauern vom Markt. Und die bäuerliche Mittelschicht macht die Hauptbevölkerung in Afrika aus – zumindest hat sie das einmal. Bis 1960 konnte sich der Kontinent selbst versorgen. Und wir haben die Mittelschicht so gut wie zerstört.

In anderen Ländern sieht es ähnlich aus? Nehmen wir Indien. Afrika allerdings ist nicht mit Indien und mit keinem anderen Land zu vergleichen. Indien lag viele Jahre am Boden. Doch der Aufbau geschah und geschieht von innen heraus. Ein geeinigtes Land kann geeinigt und einheitlich gegen die Probleme vorgehen. Afrika kann das nicht. Die Einheitlichkeit der einzelnen Länder ist nur auf den Landkarten zu sehen. Diese Einheit gibt es nicht. Kein hungerndes Land in Afrika ist wirklich geeint. Ein Landstrich besteht aus vielen kleinen Staaten, aus vielen kleinen Stämmen und Völkern, die sich gegenseitig im Wege stehen. Die Warlords und die korrupte Politik machen die Lage nicht einfacher. Es gibt keine geeinte Staatlichkeit.

Wir wollen helfen und zwingen dabei (oder in dieser Situation der Weltwirtschaftsfond), Tausenden von Bauernfamilien Privatisierung und Weltwirtschaft auf, einer Gesellschaft, die damit noch nicht umgehen kann. Weltwirtschaft ist dort einfach nicht möglich. Die Afrikaner haben freie Märkte, aber sie sind räumlich begrenzt. Wie könnte es auch anders sein bei Hunderten von Stämmen und Ethnien? Ist man Angehöriger eines falschen Stammes, spricht man einen anderen Dialekt, der sich in einigen Landstrichen alle zehn Kilometer ändert, bekommt man in der nächsten Stadt keinen Kredit mehr und kann kein Geschäft eröffnen.

Und die Europäer fragen sich, wie man möglichst viel Geld aus Afrika herausholen kann. Sie betreiben Raubbau an den lebenswichtigen natürlichen Ressourcen und teilen das Land auf wie ein Filetstück. Im Grunde hat sich seit dem 18. Jahrhundert nichts geändert.

Afrika ist ein reiches Land! Wenn ein Land nicht fruchtbar ist, hat es zu mindestens Öl, Diamantenmienen oder Wälder. Zumindest war es früher so. Die Wälder sind dabei abgeholzt zu werden und die Mienen sind in der Hand der Weißen. Der Reichtum bleibt nicht im jeweiligen Land, sondern wird von den großen Konzernen beiseite geschafft. Zugleich wissen wir nicht, ob die Lage ohne die Konzerne so viel besser wäre.

Klar ist: Die europäische Politik ist für Afrika gescheitert und die unverantwortlichen Regierungen vor Ort kümmern sich einen Dreck um ihre Leute in den Gossen.Aber wie lässt sich Hunger nun bekämpfen?

Afrika braucht keine korrupten Eliten und keine Herrscher. Die Regierungen brauchen auch keine Milliarden ausländischer Gelder, weil es nicht bei denen ankommt, die es brauchen. Es würde helfen, wenn wir Europäer endlich kapieren würden, dass wir nicht wie eine gluckenhafte, alles beherrschende Mutter den Daumen auf alles zu halten haben. Wir müssen Verantwortung abgeben.

Wir müssen in Menschen investieren und in nichts anderes

Die kleinen Bauern müssen endlich wieder eigenverantwortlich und in ihren begrenzten Möglichkeiten produzieren  können. Afrikanische Länder brauchen neue Eliten. Wir müssen den folgenden Regierungen beibringen, endlich die Verantwortung für ihr Land zu übernehmen, ohne alles in die eigene Tasche zu stecken. Wir müssen sie in die Lage versetzen, zu verstehen, was sie ihrem Land und ihren Leuten mit ihrem Verhalten antun, sie in die Lage versetzen, wirklich zu helfen.

Es muss in die Gesundheit investiert werden, denn kranke Menschen können weder arbeiten, noch sich Nahrung beschaffen. Zugleich müssen wir Transportsubventionen einstellen, denn damit ist den Bauern nicht geholfen.

Erziehung und Gesundheit, mit diesen zwei Hilfsmaßnahmen helfen wir auch uns. Wenn wir helfen, für diese Leute in ihren Ländern politische und ökonomische Strukturen zu schaffen, die unsere Hilfen nicht versickern lässt, schaffen wir bessere Lebenssituationen und halten die Afrikaner in ihren Ländern. Wir verringern die Einwanderungsquote und verringern unsere Furcht vor Massen an halb verhungerten Einwanderern. Ein Mensch, der heute an Hunger stirbt, wird ermordet, ohne dass es einen direkten Täter gibt. Wir können dafür sorgen, dass es wenigstens weniger Opfer gibt. Indem wir nicht mehr geben, sondern weniger stehlen.

 
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