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Eine neue OECD-Studie mit dem Titel „Equally prepared for life? How 15-year-old boys and girls perform in school“ liefert Ergebnisse, die für viele Schülerinnen und Schüler bereits fester Teil ihres schulischen Alltags geworden sind. Jeder, der die Schule besucht hat, kennt es: Stereotypen und Vorurteile lauern dem gemeinen Schüler an jeder Ecke auf. Mädchen? Die sind immer schlecht in Mathematik. Und Jungen? Die lesen doch allerhöchstens mal die Pflichtlektüre.
Leider sind diese Vorurteile den Kindern und Jugendlichen schon so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sie einfach übernehmen, ohne jemals ihre eigenen Leistungen und Talente hinterfragt zu haben.
Dabei zeigt die Studie, dass die Leistungen der Kinder in Mathematik nach der Grundschule identisch sind. Woher also kommen die späteren Unterschiede, die gerade in Mathe so stark ausgeprägt sind? Denn in den anderen Lernbereichen sind die Ergebnisse der befragten Jugendlichen im Alter von 15 Jahren fast gleich. Fast scheint es ein geschlechtsspezifisches Problem zu sein: Fehlt Frauen einfach ein „Zahlen-Gen“? Wahrscheinlich nicht.
Familie und Gesellschaft mehr einbinden
Die Gründe sind in der Gesellschaft und im familiären Umfeld zu suchen. Das kann man nicht nur auf die festgestellten Ergebnisse im Bezug auf Mathematik erkennen, sondern auch im Leseverhalten der männlichen Schüler. Warum sollte ein Junge weniger gern oder weniger oft lesen als ein gleichaltriges Mädchen? Biologisch gibt es dafür jedenfalls keinen Grund. Vielmehr wird dem Jungen von der Gesellschaft unbewusst signalisiert, Lesen sei eine Mädchendomäne und somit für ihn Tabuzone. Jungen spielen eben Videospiele oder Fußball, so einfach ist das.
Die Einstellung der Familie hat wahrscheinlich den größten Einfluss auf das Bildungsverhalten eines jungen Menschen. Eltern und Geschwister sind im Normalfall enge Bezugspersonen und Vorbilder für ein Kind. Es versucht aus einem natürlichen Drang heraus, ihnen nachzueifern. Man nehme also an, ein Kind wird in eine Familie hineingeboren, in der Bildung eine große Rolle spielt und in der am Abendbrottisch das aktuelle politische Geschehen diskutiert wird und Lesen eine feste Konstante im Alltag ist: Hat dieses Kind nicht automatisch bessere Bildungschancen als ein gleich talentiertes in einer Umgebung, in der 24 Stunden am Tag der Fernseher die Kindererziehung übernimmt?
Bildung hat auch viel mit Verantwortung zu tun. Es wird Zeit, die Eltern zu mahnen. Viele Kinder würden sich wünschen, mehr mit ihren Eltern zu sprechen, mit ihnen zu diskutieren und sich so zu selbstbewussten und gebildeten Menschen zu entwickeln. Nur sind sich leider zu wenige Eltern ihrer Verantwortung bewusst.
Gleichzeitig scheinen sich die Ansprüche an unser Schulsystem drastisch zu erhöhen. Früher für die Vermittlung fundierten Fachwissens zuständig, sollen Lehrer heute ihre Kompetenzen in vielfältiger Problemlösung immer öfter unter Beweis stellen: Schule soll heute Erziehungsfehler ausbügeln, Manieren beibringen, soziale Eigenschaften fördern, Moral- und Wertvorstellungen vermitteln und nebenbei natürlich weiterhin für das Berufs- und Arbeitsleben qualifizieren.
Können unsere Lehrer solches überhaupt leisten? Die Praxis zeigt: Es ist unmöglich. An großen Schulen unterrichtet jeder Lehrer etwa 200 Schüler, wie soll er da jedem die individuelle Förderung zuteil werden lassen, die er braucht? In der jetzigen Situation kann keiner der Beamten diesen utopischen Ansprüchen gerecht werden. Es ist also falsch, wenn Familien annehmen, Schule könne Erziehungsfehler und verpasste Chancen auffangen. Leider bewahrheitet sich an dieser Stelle das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“
Initiative ist gefragt
Kommen wir noch mal auf das Leseverhalten der Jungen zurück. Es könnte schlagartig verbessert werden, wenn Schule, Gesellschaft und Familie an einem Strang zögen – Initiative und Ermunterung. Gibt man einem Jungen die richtigen Bücher über Themen, die ihn interessieren, wird auch der Lesefaulste Spaß am Lesen entdecken. In der Schule könnten Lese-Gruppen gebildet werden und der Deutschunterricht diese zarten Anfänge dann festigen und vertiefen.
Mädchen hingegeben müssen darin bestärkt werden, dass Zahlen keine Außerirdischen sind und der Umgang mit ihnen kein Problem ist. Aus der Familie muss selbstverständlich der nötige Rückhalt kommen, um optimale Lernergebnisse erreichen zu können. Es sollte Wert gelegt werden auf das Erledigen der Hausaufgaben und die ordentliche Vorbereitung auf Klassenarbeiten, denn das ist oft schon die halbe Miete auf dem Weg zu besseren Zensuren.
Die Schulen sollten gewisse Reformen zulassen: Mathe darf nicht als schwieriges, aber ungemein wichtiges Fach präsentiert werden, von dem aller Lernerfolg abhängt. Wie oft ist ein Kind schwer enttäuscht und hadert mit sich selbst, weil seine Leistungen in den Naturwissenschaften eher Durchschnitt sind, es jedoch gute und sehr gute Zensuren in sprachlichen oder geisteswissenschaftlichen Fächern hat? Das muss anerkannt werden.
Vorurteile bedeuten vergeudete Talente
Durch die hier angesprochenen Vorurteile geht wichtiges Bildungspotential verloren. Dies geht auch aus der OECD-Studie hervor, die unter anderem auf Ergebnissen der PISA-Studien aufbaut. Es wird beispielsweise genannt, dass junge Frauen viel öfter Lebenswissenschaften studieren als ihre männlichen Kollegen, obwohl die Leistungen der Geschlechter in diesem Bereich identisch sind. Daraus folgt, dass einige Berufe als reine Frauen-, andere als reine Männerdomänen angesehen werden. Zum Beispiel fällt vielen Menschen die Vorstellung eines männlichen Kindergärtners schwer, oder einer weiblichen KFZ-Mechanikerin und diese Liste ließe sich noch endlos fortführen.
In einer Zeit wie dieser, in der die Wirtschaft strauchelt und die Gesellschaft immer mehr dem Moral- und Werteverfall anheim fällt, brauchen wir eine junge Generation, die durch gute und fundierte Bildung auf allen Ebenen qualifiziert ist, ohne sich von Vorurteilen und Stereotypen einschüchtern und hemmen zu lassen.
Das ist jedoch nur möglich, wenn Familien, Schulen und Gesellschaft sich in Zukunft gemeinsam für die Jugend stark machen und endlich ihre Verantwortung jungen Menschen gegenüber übernehmen. |